Demoskopie

Wahlkampf als Dilemma für die Parteien

Der Wahlkampf kommt zunehmend bei den Menschen an. Trotzdem ist die Situation schwierig für die Parteien – sie müssen die Menschen erreichen, ohne sie zu nerven; sie müssen sie überzeugen, obwohl immer mehr von ihnen sich bereits entschieden haben

Bürger verfolgen 2009 in Erfurt die Wahlkampfveranstaltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel
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Unser Autor

Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Methoden der empirischen Politikforschung“ an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wahlen, Wahlumfragen und Wahlkämpfe. Twitter: @wahlforschung

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Ein erster Blick „hinter“ die Kulissen unseres Cicero-Wahlkampfindex unterstreicht, wie schwierig ein „guter Wahlkampf“ ist. Wähler zu erreichen, die offen für neue Impulse sind: das sagt sich leicht, ist es aber überhaupt nicht.

 

Schauen wir uns die Index-Werte getrennt danach an, wie stark sich Menschen überhaupt für Politik interessieren, dann zeigt sich sofort das Dilemma, vor dem Parteien und Politiker stehen: Auf der einen Seite ist ein guter Wahlkampf schwierig, weil die Menschen bereits entschieden sind und kaum mehr neue Impulse brauchen. Dort kommt der Wahlkampf zwar in all seinen Facetten an, aber er verhallt ohne nachhaltigen Effekt. Wo? Bei politisch interessierten Menschen. Sie verfolgen den Wahlkampf eher so, als säßen sie auf der Tribüne. Umentscheiden werden sie sich nur äußerst selten.

 

Auf der anderen Seite ist ein guter Wahlkampf schwierig, weil er gerade nicht bei den Menschen ankommt. Zwar wären diese Menschen durchaus offen für neue Impulse, schließlich sind sie alles andere als entschieden – aber dort überhaupt hinzukommen, anzukommen – das ist schwierig. Das sind die weniger Interessierten Menschen. Sind Hausbesuche hier die Lösung? Oder ein TV-Duell? Wir werden sehen.

Die Grafik zeigt jedenfalls: In allen Gruppen liegt der Gesamtindex in einem Bereich von knapp unter 40 – aber eben aus sehr verschiedenen Gründen. Während wir für die Gruppe der Interessierten hohe Werte für die Wahlkampfdynamik, aber eben niedrige Werte für die Volatilität verzeichnen können, verhält es sich bei den weniger Interessierten genau umgekehrt.

Richtig gut funktioniert ein Wahlkampf in der Mitte der Gesellschaft. Ein mittleres Interesse an Politik sorgt nicht für völlige Entschiedenheit, lässt die Menschen aber auch für Parteien und Politiker erreichbar bleiben. Wahlkämpfe werden in der Mitte gewonnen – nie war der Satz richtiger.

PS: Das alles gilt übrigens sogar für „taktische Überlegungen“. Auch die von uns als Teil des Index gestellte Frage „Ich kann mir vorstellen, kurz vor der Wahl meine Wahlentscheidung noch einmal zu ändern, um dadurch eine bestimmte Koalition zu unterstützen“ wird vor allem von Menschen mit einem mittleren Interesse an Politik bejaht.

 

Interesse

Volatilität

Dynamik

Gesamt

weniger stark/nicht

48,24703

25,83708

37,04205

mittelmäßig

35,86555

42,43365

39,1496

(sehr) stark

25,02537

49,42217

37,22377

 

Eine Erklärung, wie genau der Cicero-Wahlkampf-Index entsteht, finden Sie hier.

 

 

 

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