Latent totalitär - Die Deutschen lieben Demokratie aus den falschen Gründen

Demokratie gilt in Deutschland als unantastbar. Das ist auch prinzipiell richtig, nur wird sie hierzulande aus den falschen Gründen geliebt. Denn die vermeintlichen Verehrer entpuppen sich in Wahrheit als etatistische Freiheitsskeptiker. Dabei sollte die Demokratie das Individuum schützen und nicht die Gemeinschaft

In Deutschland rückt man gerne zusammen: Das Wohl der Gemeinschaft geht dabei zu Lasten des Individuums
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Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Nichts lieben die Deutschen so sehr wie die Demokratie. Man kann in diesem Land gegen alles Mögliche sein: gegen den Kapitalismus – das ist fast schon Pflicht –, gegen all zu viel Freiheit – die ist sowieso asozial und unsolidarisch –  und sogar gegen den „Tatort“ am Sonntag. Vieles wird einem hierzulande verziehen. Nur die Gewissheit, dass alles „demokratische“ geradezu die Krönung der Kulturentwicklung der Menschheit darstellt, ja den Inbegriff des moralisch Wertvollen, diese Gewissheit stellt man besser nicht in Frage.

Demokratie gilt hierzulande als sakrosankt. Und weil das so ist, gilt nicht nur die Demokratie als Staatsform als heilig, sondern alles, was man mit dem Adjektiv „demokratisch“ versehen kann, auch wenn es noch so unsinnig ist. Daher gehört es konsequenter Weise zum Ritual des deutschen Politbetriebes, regelmäßig die „demokratischen Werte“ zu beschwören, die „demokratische Kultur“ oder besser gleich das „demokratische Menschenbild“. Was darunter zu verstehen ist, weiß keiner so genau – aber irgendwie klingt es ganz gut.

Demokratie war hierzulande lange Zeit verpönt


Das war natürlich nicht immer so. Insbesondere in Deutschland waren Demokratie und alles Demokratische lange Zeit eher unpopulär. Dabei war das antidemokratische Ressentiment in Deutschland stets eng in ein weltanschauliches Netz aus Antikapitalismus und Zivilisationskritik eingewoben. Demokratie war aus dieser Sicht nichts anderes, als die Übertragung kapitalistischer Prinzipien auf die politische Willensbildung: mit Absprachen, Geschacher, „Deals“ und kurzfristigen Zweckbündnissen von Leuten mit Individualinteressen.

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Demokraten waren charakterlose Gesellen, die schnöden Pragmatismus, schäbige Nützlichkeitserwägungen und Partialinteressen über ewige Prinzipien und das Große und Ganze stellen. Alles Demokratische galt daher als Zeugnis des kulturellen Zerfalls und des Niedergangs, als Sieg eines ebenso rücksichtslosen wie entwurzelten Individualismus, dem nichts mehr heilig ist, sondern bereit, über alles zu verhandeln, wenn nur irgendein Vorteil dabei herausspringt.

Diesem als degeneriert empfundenen Konzept westlicher Demokratie wurden in Deutschland sowohl von der politischen Rechten als auch der Linken kollektivistische Vorstellungen eines gemeinschaftlichen politischen Wollens entgegengestellt. Dieses kennt keine Parteien, keine Fraktionen und braucht daher auch keine Abstimmungen, geschweige denn Streit, sondern artikuliert sich im kollektiven Wollen des Volkes.

Dieses hoch romantische, kollektivistische und antiliberale Politikverständnis scheiterte 1945 grausam. Scheinbar ein für allemal kuriert und mit einer guten Dosis pragmatischem Opportunismus ausgestattet, bekehrten sich zumindest die Westdeutschen binnen weniger Jahre in gelehrsame und überaus eifrige Demokraten. Es dauerte nicht lange, und schon bald überflügelte der Schüler die Meister. In Sachen Demokratie, so hat man den Eindruck, lassen sich die Deutschen von niemanden etwas vormachen.

Aber wie das so ist bei Renegaten: Vorsicht ist geboten! Das wird insbesondere dann deutlich, wenn man der Demokratie den Begriff gegenüber stellt, den sie ursprünglich durchsetzen, schützen und bewahren sollte: die Freiheit.

Auch Demokratie bedeutet Herrschaft


Demokratie war immer Mittel zum Zweck. Demokratie ist nicht um ihrer selbst willen da. Der Zweck der Demokratie jedoch ist die Freiheit. Damit ist nicht irgendeine Freiheit gemeint, sondern die Freiheit des Individuums. Und die wiederum meint zunächst einmal die Abwesenheit von Zwang.

Dummerweise ist aber auch Demokratie Herrschaft, die Herrschaft der Mehrheit nämlich. Herrschaft jedoch kollidiert zwangsläufig mit der Freiheit des Einzelnen. Ob diese dem Willen eines absolutistischen Herrschers, einer totalitären Partei oder schlicht der Mehrheit unterworfen wird, macht aus Sicht des betroffenen Individuums keinen Unterschied. Und hier liegt das Problem.

Die Demokraten der Neuzeit waren Kämpfer für die Freiheitsrechte des Einzelnen gegen die absolutistische Zwangsherrschaft der Monarchen. Die Demokratie sollte diese individuellen Freiheitsrechte garantieren. Sie legitimiert sich also ausschließlich dadurch, dass sie in der Lage ist, jene Zwänge so weit wie möglich zu beseitigen, die das Individuum in seinem Streben nach persönlichem Glück einengen.

Das sieht man in Deutschland allerdings ganz überwiegend anders. In bester kollektivistischer Tradition gilt hier Demokratie als Schutz der Gemeinschaft vor den destruktiven Interessen von Individuen. In Deutschland soll die Demokratie die Mehrheit vor dem Einzelnen schützen. Dahinter steht ein einfacher Gedanke: die Gemeinschaft ist wichtiger als das Individuum.

Es ist dieser latent totalitäre Grundzug, der die Demokratie in Deutschland – unter Umkehr ihrer ursprünglichen Intention – so populär macht und der etwa dafür sorgt, dass man hierzulande voll Verachtung auf die USA schaut. Die sind neben England zwar das Mutterland der Demokratie, aber zur deutschen Demokratiefolklore gehört das Bewusstsein, dass dort die Demokratie vor den vollkommen übertriebenen Freiheitsansprüchen Einzelner schon lange versagt hat.

Der Kern der neudeutschen Demokratieversessenheit liegt in einer tiefen Skepsis gegenüber jeder Form von Individualität, die über die Sonderausstattung beim Neuwagen hinausgeht. Für den deutschen Volksgenossen ist Demokratie nichts anderes, als ein probates Mittel, sein Ideal einer nivellierten Mittelstandgesellschaft durchzusetzen und die Moral der Mehrheit all jenen aufzuzwängen, die dickköpfig auf ihrem Lebensstil bestehen – und sei der noch so ungesund, unsolidarisch oder was auch immer.

Demokratische Tugenden sind den Deutschen unheimlich


Die Deutschen lieben ihre Demokratie aus den falschen Gründen. Ihre Zuneigung zu dieser Staatsform fußt in denselben kollektivistischen und romantischen Überzeugungen, die sie vor noch nicht all zu langer Zeit dazu brachten, die Demokratie zu verachten. Daher im Übrigen auch die erhebliche Zustimmung, die hierzulande große Koalitionen genießen. Widerstrebende Interessen, der Versuch einen Vorteil für sich herauszuschlagen, Taktieren, Streit – all diese demokratischen Tugenden, die aus der Wahrnehmung der persönlichen Interessen freier Individuen resultieren, sind dem Deutschen unheimlich.

Eine Demokratie jedoch, die am liebsten keine Demokratie wäre, sondern eine entindividualisierte, auf Dauerharmonie gestellte Konsensgemeinschaft, die Einzelinteressen verachtet und diese dem Brei eines angeblichen Gemeinwohls unterrührt, eine solche Demokratie gefährdet auf Dauer sich selbst.

Schützen wir die Demokratie vor ihren Verehrern. Sie ist es wert.

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