Dirk Niebel im Cicero-Interview über Demokratie und Rechtsstaat in Entwicklungsländern: Warum China schon große Fortschritte gemacht hat, Despoten kein deutsches Steuergeld mehr erhalten sollen und Deutschland eine Insel der Glückseligen ist
Herr Niebel, als Entwicklungsminister sind Sie viel in
Ländern unterwegs, die autoritär regiert werden. Wie geht ein
liberaler, demokratisch gewählter Politiker mit Diktatoren
um?
Graduell unterschiedlich, weil es weder weiß noch schwarz gibt.
Jedenfalls aber unter möglichst großer Einbeziehung der jeweiligen
Zivilgesellschaft, wenn in einem Land keine rechtsstaatlichen
Strukturen vorhanden sind.
Gab es schon Dienstreisen, die Sie am liebsten
abgebrochen hätten, weil Sie keine Lust mehr hatten, mit Despoten
zu verhandeln?
Es gibt nun mal die Notwendigkeit, mit Personen Gespräche zu
führen, mit denen man sich privat nicht an einen Tisch setzen
würde. Es ist immer wichtig zu wissen, wer einem
gegenübersitzt – und wie sich die erwünschten Ziele trotzdem
erreichen lassen. Überall dort, wo keine entwicklungsorientierte
Politik betrieben wird und wo Menschenrechte mit Füßen getreten
werden, ist eine Regierung kein Entwicklungspartner unserer Wahl.
Aber zwangsläufig eben doch ein Verhandlungspartner, weil ja keine
andere Regierung als diese vorhanden ist. Trotzdem kann man unter
Umgehung dieser Regierung, insbesondere durch die Zusammenarbeit
mit Nichtregierungsorganisationen, einiges für die Bevölkerung
bewirken. JuliWenn allerdings der Punkt erreicht ist, an dem man
nichts mehr bewirken kann, sollte man gehen. Das ist jedoch immer
eine schwierige Abwägung, weil wir mit einem solchen Schritt auch
unsere Einflussmöglichkeiten verlieren.
Haben Sie in Ihrer Zeit als Entwicklungsminister schon
einmal den Totalrückzug vollzogen?
Das nicht, aber wir haben schon Sanktionen vorgenommen, wenn zum
Beispiel wie in Malawi Presse- und Versammlungsfreiheit
eingeschränkt, Homosexualität unter Strafe gestellt und das
Wahlrecht eingeschränkt wurde. Inzwischen ist der damalige
malawische Präsident jedoch verstorben, und seine Nachfolgerin
dreht diese Fehlentwicklungen wieder zurück. Das wird
honoriert, indem wir ihre Politik finanziell unterstützen.
Im Moment läuft in den Kinos mit großem Erfolg Sacha
Baron Cohens Film „Der Diktator“. Haben Sie ihn sich
angesehen?
Leider nein, ich weiß aber, dass es sich um eine Parodie auf
Gaddafi handeln soll. Ich kann durchaus verstehen, dass das zum
Lachen anregt, aber wir sollten nicht vergessen, dass der
eigentliche Hintergrund alles andere als komisch ist.
Einer Studie des amerikanischen Forschungsinstituts
„Freedom House“ zufolge geht der Demokratisierungsprozess in
Osteuropa und Eurasien nur sehr unbefriedigend voran: Bei zehn der
29 untersuchten Staaten stagnierte die demokratische
Entwicklung, in elf Ländern ging sie sogar zurück. Warum ist die
Demokratie offenbar auf dem Rückzug?
Die Gegend, von der Sie sprechen, gehört nur bedingt zum Gebiet, um
das sich mein Ministerium kümmert. Aber viele der Länder, von denen
die Rede ist, sind traditionell von Clanstrukturen geprägt. Ich
könnte mir vorstellen, dass das zu der von Ihnen genannten
Entwicklung beiträgt.
Wie stellen Sie als Entwicklungsminister sicher, dass
das Geld der deutschen Steuerzahler auch bei der Bevölkerung
ankommt – und nicht in den Taschen von irgendwelchen Despoten
landet?
Indem wir Projektfinanzierung betreiben und
nicht die sogenannte Budgethilfe, wie es früher der Fall war. Es
gibt heute nur noch sieben Länder, deren allgemeine Haushalte von
Deutschland finanziell unterstützt werden; in allen Fällen handelt
es sich um alte Verpflichtungen, die ich als Minister von meinen
Vorgängern übernommen habe. Wer dagegen konkrete Projekte
finanziert, kann auch konkrete Fortschritte messen und
einfordern.
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