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Berliner Republik

Merkwürdiges TrioDas letzte Aufgebot des deutschen Liberalismus

Von Christoph Seils23. April 2012
picture alliance/Fotomontage: CICERO ONLINE
Kubicki, Brüderle, Lindner, FDP
Das Trio, das die FDP retten soll: Wolfgang Kubicki, Rainer Brüderle und Christian Lindner
Schrift:

Philipp Rösler ist als FDP-Chef faktisch schon Geschichte. Stattdessen steht das Trio Rainer Brüderle, Christian Lindner und Wolfgang Kubicki an der Spitze des liberalen Überlebenskampfes. Doch jeder der drei kämpft nur für sich und spielt auf eigene Rechnung

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Die FDP stemmt sich gegen ihren Niedergang. Kämpferisch gaben sich die Delegierten am Wochenende auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe. Artig feierten sie ihren Vorsitzenden Philipp Rösler mit minutenlangem Applaus. Geschlossen verabschiedeten sie ein neues Grundsatzprogramm. Selbstbewusst präsentierten sich die Liberalen als letzte Partei der bürgerlichen Mitte. Dennoch konnte auch die beste Parteitagsinszenierung nicht über die tatsächliche Lage der FDP hinwegtäuschen.

Der Parteitag der FDP war eine politische Pflichtübung, mehr nicht. Mit ihren sogenannten „Karlsruher Freiheitsthesen“ demonstrierte die Partei eindrücklich, dass sie eben nicht nur im Stimmungstief steckt, sondern in einer politischen Identitätskrise. Die FDP präsentiert in ihrem neuen Grundsatzprogramm keine politischen Ideen, keine programmatische Strategie, auf der sich eine liberale Zukunft im 21. Jahrhundert aufbauen und auf der sich die Wähler neu begeistern ließen. Klammheimlich haben sich die Liberalen von ihrem Steuersenkungsmantra verabschieden. Stattdessen versprechen sie nun Freiheit, Wachstum und Bürgerrechte. Der liberale Wachstumsbegriff ist bieder; maßlos hingegen ist die Feststellung, die FDP sei die „einzige Partei der Freiheit“ in Deutschland. Wenig originell ist es, dass nach der CDU nun auch die FDP auf Haushaltskonsolidierung setzt. Und in Sachen digitale Bürgerrechte laufen die Liberalen längst den Piraten hinterher.

Hinzu kommt: Philipp Rösler ist ein FDP-Vorsitzender auf Abruf. Seine Tage als Vizekanzler und Wirtschaftsminister scheinen gezählt. Wenig spricht derzeit dafür, dass es ihm gelingen könnte, sich nach den beiden Landtagswahlen am 6. Mai in Schleswig-Holstein und am 13. Mai in Nordrhein-Westfalen im Amt zu halten. Noch vor einem Jahr hatte Rösler als neuer Hoffnungsträger der Liberalen die Nachfolge von Guido Westerwelle angetreten. Doch mittlerweile zeigen auch die Daumen seiner Parteifreunde nach unten. Genauso pflichtschuldig diese ihrem Vorsitzenden in der Öffentlichkeit den Rücken stärken, so selbstverständlich spekulieren sie hinter vorgehaltener Hand bereits über dessen baldigen Abgang. [gallery:Die FDP im Krisenwahlkampf: Von Daumen, Fröschen und Zerwürfnissen]

Faktisch ist Philipp Rösler als FDP-Chef schon Geschichte. Stattdessen wird es in den kommenden Wochen und Monaten von dem Trio Rainer Brüderle, Wolfgang Kubicki und Christian Lindner abhängen, ob es der FDP gelingt, 2013 noch einmal in den Bundestag einzuziehen. Linder und Kubicki müssen zunächst Anfang Mai zeigen, dass die FDP noch Wahlen gewinnen kann. Dem Fraktionsvorsitzenden Brüderle wird wohl nach dem voraussichtlichen Sturz Röslers die Aufgaben zufallen, als dessen Nachfolger die FDP zusammenzuhalten.

Ein merkwürdiges Trio ist da angetreten, um die FDP in die politische Zukunft zu führen. Programmatisch verbindet sie wenig, jeder der drei kämpf nur für sich selbst und auf eigene Rechnung.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie sich Lindner als liberaler Heilsbinger feiern lässt

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Galgenhumor statt Willensbildung

"Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit" heißt es im Grundgesetz. Die FDP unter Westerwelle nahm diesen Auftrag bis 2009 ernst und wurde dafür mit steigenden bis nahezu sensationellen Wahlergebnissen belohnt. Nachdem sich der politische Wille einer starken Minderheit für signifikante Steuersenkungen und -vereinfachungen in einer ungekannten Zahl von FDP-Bundestagsabgeordneten, Bundesministern und Staatssekretären manifestiert hatte, müssen sich die Herrschaften erst einmal jeder eine offene Tube Pattex auf ihre neuen weichen Sessel gelegt haben. Anders ist kaum zu erklären, dass sie die Koalition nicht aufkündigten, als die Union die vereinbarten 24 Mrd. Euro jährlicher Steuerentlastung für Familien, geringe und mittlere Einkommen torpedierte. Und nun wird auf Wunsch unserer Kanzlerin auch noch die Eurozone samt ihren Fußlahmen gerettet, koste es was es wolle: Ersparnisse, demokratische und ordnungspolitische Grundsätze, die Souveränität der Nationalstaaten.

Das hat mit Liberalismus kaum noch etwas ("nichts mehr" wäre sachlich richtig, widerspräche jedoch dem Selbstbild der Handelnden, "Schlimmeres" zu verhüten) zu tun. Die FDP ist aus Angst der Gewählten um ihre Pfründen zu einem unselbständigen Anhängsel der CDU verkommen. Wer konservativen Etatismus will, kann CDU/CSU wählen. Wer Bürgerrechte will, Grüne oder Piraten, je nach Altersgruppe und Geschmack. Ordnungspolitischen Liberalismus kann man derzeit überhaupt nicht wählen, jedenfalls nicht in Gestalt der Handvoll Clowns, mit deren unterschiedlich ausgeprägtem Galgenhumor sich der Beitrag befasst.

  • Antworten
Karl Schade23.04.2012 | 13:09 Uhr

Steigbügelhalterin des Großen Geldes

Der Beitrag von Christoph Seils ist eine treffende Zustandsbeschreibung der angeblich ach so liberalen Partei, der FDP.

Eine politische Partei ohne jegliches Profil ist langfristig zum Scheitern verurteilt. Im Wahlvolk stellt man sich immer wieder die Frage, wieso es den Parteioberen bereits an dieser simplen Erkenntnisfähigkeit fehlt.

Mit großen Sprüchen wie etwa "Wir sind die einzige Partei der Freiheit" kommt auch ein Herr Lindner letztlich nicht weit, denn es fehlt ihm schlicht an Glaubwürdigkeit und menschlicher Reife.

Freiheit, wie sie die FDP meint, wird doch tagtäglich von denjenigen mißbraucht, die aufgrund der finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse klar im Vorteil sind: von der Herrschenden Klasse.

Warum unternehmen die Parteien insgesamt nichts gegen die Vormachtstellung des Großkapitals in Deutschland oder in Europa (von den USA einmal ganz abgesehen)?

Vermutlich deshalb nicht, weil sie selbst "Steigbügelhalter" der Großen und wirtschaftlich Starken sind und dafür mit Spendengeldern reichlich belohnt werden.

Und weil dies so ist und dennoch von den Parteioberen geleugnet und niemals eingestanden wird, ist es eigentlich nicht schade um eine Partei, die als Interessenvertreterin des "Großen Geldes" eigentlich schon lange überflüssig geworden ist.

  • Antworten
Yvonne Walden23.04.2012 | 15:12 Uhr

FDP

Mal ganz erhlich, ersteinmal würde ich dieser Partei empfehlen (nur aus Überlebenswillen heraus) mal die Parteifarben zu wechseln in Weiß Gelb und das der Reihenfolge nach. Zweitens dürfen in der Partei keine Marktschreier vorzufinden sein, es müssen macher her, wie z. Bsp. Rösler. Durchdachte Systeme sind gefragt, kein Fähnlein. Liberal steht nicht nur für Wirtschaft. Bitte Wort hinterfragen, die können sich in alle Richtungen bewegen und können die Jungen ansprechen. Sorry die Partei ist am Boden, erste Hilfe ist hier schon angesagt. Opas gehören zu Ihren Enkeln oder zum Bundespräsident, kempelt euch um.

  • Antworten
plüschio24.04.2012 | 18:54 Uhr

FDP

Die FDP will ersteinmal umweltfreundliche Energie, dass Betreuungsgeld und mehr für die Familien Vorsorge, Sie will kvalifizierte Arbeitskräfte aus Inn- und Ausland, deutschkenntnisse für den Sozialstaat, Sie dultet weiche Drogen wie Alkohol und Marihuana, ist für mehr Einkommen der Singels und ist für den Pazifismus. ;)

  • Antworten
plüschio24.04.2012 | 19:40 Uhr

Vielleicht hilft es ja...

Ein renommierte Unternehmensberatung, die unter anderem in Gummersbach residiert - aber auch weltweit agiert - trägt den Namen eines mittlerweile verstorbenen FDP-Politikers. Vielleicht bekommt die FDP ja dort etwas preisgünstiger Hilfe.

Denn die Partei befindet sich im Augenblick in einer Situation, in der sie in den Augen der Öffentlichkeit kaum noch etwas richtig machen kann.

Der Liberalismus hat viele Facetten. Die rechtsliberale Orientierung der Partei seit 1977 (Kieler Thesen) ist deshalb nichts ungewöhnliches. Aber selbst Vertreter einer bürgerlichen FDP wie Genscher oder Graf Lambsdorff standen auch für Bürgerrechte oder eine liberale Außenpolitik.

In unserem jetzigen Parteiensystem gibt es Bedarf für eine bürgerliche Partei. Das könnte die FDP sein. Zumindest 6 bis 8 Prozent im Bund müssten möglich sein, denn vielen Wählern der CDU ist "ihre" Partei zu links geworden und den älteren, solventen Grünen geht irgendwann das juvenile Getue von Trittin und Anhang auf die Nerven.

Nur fehlt der FDP mittlerweile das glaubwürdige Personal. Rössler ist - sorry - ein Nichts (sicher ist er ein netter Mensch). Lindner hätte in der alten Partei zum Führungsnachwuchs gehört. Herr Bahr ebenfalls. Ein Schreihals wie Westerwelle hätte längst wieder als Rechtsanwalt arbeiten müssen. Und Brüderle wäre jetzt vielleicht Bundesbeauftragter für das Ehrenamt (Schwerpunkt Weinköniginnen und Karneval).

Die Partei ist ein Sanierungsfall. Vielleicht hilft noch externe Beratung und einige gestandene Liberale, die auch in ihrem Berufsleben etwas geleistet haben und jetzt in die Politik gehen.

  • Antworten
Katharina K.29.04.2012 | 14:14 Uhr

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