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Berliner Republik

Serdar Somuncu über „Mein Kampf"„Das ist eine verlogene Debatte“

Interview mit Serdar Somuncu27. Oktober 2012
picture alliance
Serdar Somuncu ist ausgebildeter Schauspieler
Schrift:

Als Comedian hat er jahrelang aus „Mein Kampf" vorgetragen. Über den Führer-Overkill, Hitler als frühen Plagiator und die unreife Auseinandersetzung mit dem Nazi-Erbe

Seite 1 von 3

Derzeit wird darüber diskutiert, ob „Mein Kampf“ regulär veröffentlicht werden soll. Ganz ehrlich, haben Sie vom Verbot nicht ganz schön profitiert?
Naja. Das kann man nur bedingt sagen. Ich habe 1996 nicht aus „Mein Kampf“ vorgelesen, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder Geld zu machen. Das Projekt war erfolgreich, weil ich es offensichtlich gut gemacht habe und glaubwürdig dabei war. Das Verbotene hat mich nie gereizt.

Aber es hat Sie erst einmal bekannt gemacht: Ein Türke liest aus „Mein Kampf“.
Die Aufmerksamkeit war da, weil Medien  immer die Hoffnung haben, dass Dinge reißerisch aufbereitet werden können. 

Welche Rolle spielt der Mythos des Verbotenen im Umgang mit „Mein Kampf“?
Schon die Tatsache, dass man es in Deutschland noch immer nicht kaufen kann, ist ein Indikator für den unreifen Umgang, den wir mit den Hinterlassenschaften der nationalsozialistischen Zeit haben. „Mein Kampf“ ist immer noch Tabu. Vielleicht deshalb verspüren manche eine fragwürdige Form von Erregung, sobald der Name Hitler ins Spiel kommet.

Bildergalerie: Hitler-Filme: mehr Slapstick als Realität

Was meinen Sie damit?
Es gibt eine Erregung im doppelten Sinne: Manche spüren den gewissen Kick, wenn sie ins Kino gehen, wenn sie Bücher lesen über Hitler oder sich reißerische Dokumentationen über sein Privatleben ansehen. Es entsteht eine Faszination des Grauens. Erregung bedeutet aber auch, dass Hitler die Gemüter erregt. Schnell kommt auch die Abscheu zum Vorschein. 

Hat diese Erregung auch Sie dazu geführt, dass Sie aus „Mein Kampf“ vorgelesen haben?
Nein. Ich habe mich auch vorher schon mit diesem Thema beschäftigt. Vor der „Mein Kampf“ Lesung habe ich „Arturo Ui“ von Bertold Brecht inszeniert. Ein Zuschauer hat mich dann darauf hingewiesen, dass Helmut Qualtinger in den 70ern schon einmal aus „Mein Kampf“ vorgelesen hat. Zunächst fand ich das wenig spannend und wollte es auch nicht als Bühnenprogramm machen. Im Gegensatz zu Qualtinger habe ich jedoch versucht, stärker den wissenschaftlichen Hintergrund zu beleuchten, das hat mich gereizt.

Insgesamt 1428 Vorstellungen haben Sie gemacht. Haben sich die Reaktionen über die Jahre verändert?
Am Anfang hat es viel Aufregung gegeben: Vor allem Antifa und Presse saßen im Publikum. Die Antifa wollte die Lesung verhindern, weil sie darin rechtsradikale Propaganda sah und die Presseleute wollten schauen, ob es Krawall gibt. Ich habe dieses Programm sehr lange gemacht. Die Reaktion wurde zunehmend positiver: Als das Feuilleton anfing, mich in den Himmel zu heben, war es mir zu nett. Ich musste kaum was sagen und schon haben die Leute Standing Ovations geklatscht. Das wurde mir zu viel. Ich mag’s auch, wenn man um die Anerkennung der Leute kämpfen muss.

Sie haben mir und den meisten etwas voraus: Sie haben „Mein Kampf“ mal von vorne bis hinten gelesen.
Ich habe es mehrfach gelesen.

Seite 2: Hitlers literarische Qualitäten

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Was möchte uns dieser Satz wohl sagen?
"Es ging darum zu zeigen, was das Menschliche an Hitler war, dabei konnte man sich bestens an der dramatischen Inszenierung seiner letzten Tage und Stunden des aber es wurde ausser acht gelassen, um die Analyse der verheerenden Auswirkung auf seine Opfer drücken."

  • Antworten
Z. Leopold27.10.2012 | 12:30 Uhr

Was ist mit den Armeniern

Liebe Kollegen, mir hat eine wichtige Frage gefehlt: Was sagt Herr Somuncu zum Schweigen der Türkei (und der restlichen Welt) zum Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern. Ich konnte bisher mit keinem Türken vernünftig darüber reden.
(Dafür waren sie immer best Friends, wenn ich sagte, dass ich Ungar sei. Dann kam immer "Ihr seid ja auch Türken" ... wegen Attila und der Hunnen , die nachweislich nix mit den Ungarn zu tun haben. Aber das ist ein anderes Feld.)

"Adolf Hitler erinnerte ja selbst an die Vernichtung der Armenier, bei einem Treffen mit den Oberkommandierenden auf dem Obersalzberg, am 22. August 1939 – die Geheimrede wurde aber verbotenerweise mitgeschrieben. Es ging um den Überfall auf Polen, Hitler sagte: »Wir müssen mitleidslos wie Dschingis Khan Männer, Frauen, Kinder, Greise der polnischen Rasse vernichten.« Um etwaige Zweifel zu beseitigen, fügte er hinzu: »Wer spricht denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?«"
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/33516/2

Der Holocaust mit 6 Millionen Opfern und dem industrialisierten Massenmord war die Klimax der menschlichen Genozide. Keine Frage. Es gibt aber auch andere "Tätervölker" auf dieser Erde, die Völkermorde zu verantworten haben. Und keines arbeitet seine Verbrechen auch nur im Ansatz auf, wie die Deutschen. Da könnten viele was von Bundesrepublik lernen.
Auch wenn die Debatte über Sinti und Roma zeigt, dass auch in Deutschland noch Nachholbedarf besteht....

  • Antworten
Peter Knobloch 27.10.2012 | 12:32 Uhr

Ich nehme an, dass Herr

Ich nehme an, dass Herr Somuncu zu jeder Form des Völkermords und/oder Diskriminierung eine Ähnliche Meinung hat, wie zu den Verbrechen des Dritten Reichs.
Es drängt sich mir leider der Verdacht auf, dass sie ihn hier als Vertreter der Türken in Sippenhaft nehmen und ihm somit ein moralisches Urteilsvermögen absprechen wollen. Für mich ist Serdar Somuncu ein Deutscher und somit auch nicht zwingenderweise ein Experte für den Völkermord in Armenien und auch nicht dafür verantwortlich.
Es kann aber auch sein, dass ich sie vollkommen missverstehe.

Mit freundlichen Grüßen,

Sebastian Leist

  • Antworten
Sebastian Leist29.10.2012 | 19:11 Uhr

"Die Deutschen fallen nach

"Die Deutschen fallen nach wie vor lieber in die Opferrolle, als die Täterschaft der Nazidiktatur bedingungslos zu akzeptieren und als Teil ihrer Verantwortung im Hier und Jetzt anzunehmen."

Von welchen Deutschen redet er da, bitte?

  • Antworten
Nein Danke28.10.2012 | 13:34 Uhr

Index, so oder so

Wenn Somuncu für das Verbot von Büchern ist zeigt sich, dass er trotz x-facher Lesung eines faschistischen Lehrbuches Lust und Last der freien Gesellschaft nicht aushalten will oder kann.
Toleranz heisst ja nicht, dass es mir egal ist, was der andere quatscht. Toleranz heisst, eine mir widerstrebende Meinung, ein mir zutiefst unsympathisches Gedankengut eben im Raum stehen zu lassen, auf dass es sich durch seinen Inhalt entwertet. Und nicht aufgrund der Stinkefinger, die erhoben werden.

  • Antworten
Logine28.10.2012 | 22:25 Uhr

@nein danke

"Von welchen Deutschen redet er da, bitte?"

von ihnen vielleicht?

  • Antworten
hardy29.10.2012 | 01:30 Uhr

Verbote statt denken?

"Ja, verkauft Hitler ruhig. Das ist mir egal. Ich wäre dafür, dass man die Bücher von Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin verbietet, die sind heute viel gefährlicher als „Mein Kampf“." - Zitat Ende

Besser hätte Herr Somuncu nicht illustrieren können, wie wenig er das Thema geistig durchdrungen hat.

  • Antworten
spiegelaccount29.10.2012 | 11:51 Uhr

Türkei und Hitler:

in der Türkei ist "Mein Kampf" ein absoluter Besteller. Eines der beliebtesten Bücher überhaupt.

  • Antworten
kartoffelkopf29.10.2012 | 20:12 Uhr

Der letzte Satz

Es ist immer wieder ein Genuß, wenn sich heute unangreifbare Autoren in einem (letzten) Satz selbst zerlegen. Dafür also der ganze Aufwand von 3 Seiten, um endlich die eigentliche message rüberzubringen.

  • Antworten
Otto Meyer29.10.2012 | 23:57 Uhr

So ein Januskopf!

Da kann ich Otto Meyer nur beistimmen.
Somuncus vermeintlich wissenschaftliche Auseinandersetzung mit „Mein Kampf“ ist doch nur Ausdruck einer verlogenen Bürgermoral.
Ist natürlich praktisch die innere Gesinnung und Affinität zum Objekt der Kritik humoristisch und pseudowissenschaftlich zu verschleiern.
Oder wieso soll jemand dafür sein, dass „Mein Kampf“ verkauft werden darf, aber Bücher von Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin nicht?

  • Antworten
George01.11.2012 | 12:00 Uhr

In diesem Artikel finde ich immer wieder

diese typisch tuerkische Ueberheblichkeit die Deutschen verlogene Buergermoral vorwirft aber die Tuerken,die sich beharrlich weigern zu zugeben dass sie in TR lebende Armenier systematisch ausgerottet haben.
Wer in der TR so was Thema macht kommt sofort in den Knast....
Auch wenn der Herr Somuncus es nicht glauben will, Tuerken sind nicht die besseren oder aufgeklaerteren Menschen.Ihre Geschichte hat genau wie die deutsche Geschichte,genuegend Beispiele dafuer.

  • Antworten
Lill-Karin Bryant01.11.2012 | 13:48 Uhr

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