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 > Christdemokratie auf dem Weg zur Bedeutungslosigkeit

Berliner Republik

Werner MünchChristdemokratie auf dem Weg zur Bedeutungslosigkeit

Von Alexander Marguier2. August 2011
picture alliance
Werner Münch, CDU, Ministerpräsident, Sachsen-Anhalt, Merkel
Werner Münch
Schrift:

Werner Münch war Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und 37 Jahre lang Mitglied der CDU – bis er seine Partei nicht mehr erkannte und austrat. Nach den Gründen hat ihn niemand gefragt.

Vor ein paar Jahren wurde die Kanzlerin von einem Journalisten gefragt, was Sonntage für sie bedeuteten. Ihre Antwort: „Ausschlafen und nachdenken.“ Was für viele Bürger dieses Landes eher unspektakulär geklungen haben dürfte, war in Werner Münchs Ohren eine Provokation, über die er sich noch heute echauffieren kann. „Konrad Adenauer zog sonntags seinen besten Anzug an und ging in die Kirche! Bei Angela Merkel heißt es nur noch ausschlafen und nachdenken!“ Solche vermeintlichen Petitessen sind es, die den kulturellen Graben innerhalb der CDU markieren: Auf der einen Seite geben die Modernisierer um Merkel den Ton an. Auf der anderen Seite stehen christliche Traditionalisten wie Werner Münch, denen ihre Partei zutiefst fremd geworden ist. Im Falle Münchs kann nicht einmal mehr von ­seiner Partei die Rede sein: Im Februar 2009 formulierte der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt einen Brief an den örtlichen Kreisvorsitzenden und erklärte den Austritt aus der CDU – nach 37 Jahren Mitgliedschaft. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte Angela Merkels „Papstschelte“ im Zusammenhang mit der Rücknahme einer Kirchenstrafe gegen den britischen Holocaust-Leugner Richard Williamson. Benedikt XVI. war damals von der Kanzlerin öffentlich dazu aufgefordert worden, die Haltung des Vatikans zum Thema Judenvernichtung zu klären. „Diesem Papst zu unterstellen, er habe keine Sensibilität gegenüber dem Holocaust, ist ein Unding“, grollt Münch.

Der 70-Jährige lebt seit einiger Zeit mit seiner Frau wieder in Freiburg, der Stadt, wo er einst studierte. Das Paar bewohnt eine hübsche Wohnung in sanfter Höhenlage mit Blick auf das Münster und die Ausläufer des Schwarzwalds – ein altersgerechter Ruhesitz. Aber zur Ruhe kann und will Werner Münch nicht finden. Der Kurs dieser Partei, die einmal seine war und ihm den Weg in höchste Ämter ebnete, treibt ihn um. Münch ist kein Wichtigtuer und Profilneurotiker, er setzt sich in keine Talkshows, um gegen die Kanzlerin zu polemisieren. Aber wer ihn besucht, bekommt Klartext zu hören. Dann doziert der einstige Professor und Politikwissenschaftler mit der Lebhaftigkeit eines Parteinovizen über den Werteverfall der CDU. Auf mehreren Seiten Papier hat er in enger Handschrift die Sündenfälle der Christdemokraten festgehalten – sie reichen von der Billigung der Homo-Ehe über das Tolerieren von Abtreibung und Präimplantationsdiagnostik bis hin zur Anbiederung an die Grünen. „Da ist jegliches Gespür für Werte, für Moral, für Ethik abhan­dengekommen“, sagt Münch, während er im Sessel neben der hölzernen Marienfigur seine Notizen betrachtet.

Dass Werner Münch nach seinem Austritt von keinem der Parteigranden auch nur einen Anruf erhielt, habe ihn nicht gekränkt, behauptet er. Sondern nur darin bestätigt, dass Leute wie er nicht mehr gewollt seien. Dabei ist der gebürtige Bottroper alles andere als ein Nobody: Kreisvorsitzender der Jungen Union Anfang der siebziger Jahre, Stadtverbandsvorsitzender im niedersächsischen Lohne, später Kreistagsabgeordneter, stellvertretender Landesvorsitzender, in den Achtzigern Europaabgeordneter, jahrelang Mitglied im Präsidium und im Bundesvorstand der CDU, Finanzminister in Sachsen-Anhalt und dort schließlich bis 1993 zwei Jahre lang Ministerpräsident. So jemand kehrt einer Partei nicht einfach den Rücken; da müssen die Schmerzen schon unerträglich gewesen sein.

Insofern war es zumindest eine Genugtuung, dass Werner Münch nach seinem Austritt aus der CDU mit Briefen, E-Mails und Anrufen von ganz normalen Parteimitgliedern förmlich überschüttet wurde: „Da waren vom ehemaligen Botschafter bis zum einfachen Arbeiter die unterschiedlichsten Leute dabei – und fast alle beklagten genau wie ich den Profilverlust der CDU.“ Trotzdem glaubt Münch nicht, dass die Basis viel bewirken kann: „Eine Veränderung der CDU von innen heraus halte ich für unrealistisch, weil sie von oben nicht gewollt ist. Und die Parteifunktionäre halten still, weil sie nur an ihre eigene Karriere denken.“

Münch geht trotzdem noch zur Wahl – weil er als politischer Mensch gar nicht anders könne. 2009 stimmte er für den Direktkandidaten der CDU, „ein guter Mann“. Bei der Zweitstimme verweigerte er das Kreuzchen. Die meisten, die so dächten wie er, würden aber einfach zu Hause bleiben. Und abwarten, ob die CDU irgendwann wieder wählbar sei. Was das angeht, ist Werner Münch wenig optimistisch: „Die Konturlosigkeit wird unter Merkel noch weiter zunehmen – bis zur Bedeutungslosigkeit der CDU. Und der Regenerationsprozess wird sehr lang und sehr schmerzhaft sein.“

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Den Entwicklungen nicht nur hinterherschauen

CICERO-Autor Alexander Marguier hat den ehemaligen CDU-Politiker Werner Münch recht gut charakterisiert - und damit jene Politikergeneration dargestellt, die vormals die Unionsparteien CDU und CSU repräsentierte.
Mittlerweile setzte sich jedoch auch innerhalb der Unionsparteien ein spürbarer Bewußtseinswandel durch, der dem Denken früherer Repräsentantinnen und Repräsentanten dieser Partei diametral entgegensteht.
Wenn Münch etwa räsoniert, daß Konrad Adenauer, der "Große Vorsitzende" seiner Partei, jeden Sonntag im besten Anzug in die Kirche ging, dürfte dies selbst bei Katholikinnen und Katholiken, die ja eigentlich zum sonntäglichen Kirchgang "verpflichtet" sind, heute eher eine Seltenheit sein.
Nach repräsentativen Umfragen besuchen heute lediglich noch etwa 20 Prozent der katholischen "Gläubigen" einen Sonntagsgottesdienst, bei den Protestantinnen und Protestanten liegt der Anteil unterhalb von 10 Prozent.
Die Gründe für die Abstinenz der großen Mehrheit der "Taufbuchchristinnen und Taufbuchchristen" dürften vielfältig sein; aber nicht zuletzt die Mißbrauchsskandale, verursacht auch von "geweihten" katholischen Priestern (Priesterinnen gibt es in dieser Institution bekanntlich keine) fügten der römisch-gelenkten Organisation einen ganz erheblichen Schaden zu, der wohl nie wieder zu reparieren sein dürfte. Der beabsichtigte Besuch von Papst Joseph Ratzinger in Deutschland im September dieses Jahres wird da vermutlich kein Wendepunkt sein können.
Auch Werner Münch gehört offenbar zu jenen Politikern, die an einer bestimmten Stelle seines Lebensweges "stehen blieben", während die gesellschaftlichen Entwicklungen weiterliefen.
Wer jedoch nur rückwärtsgewandt denkt und argumentiert, wird in einer dynamischen Gesellschaft vermutlich nicht mehr ernstgenommen.
Insoweit hat er offenbar den Zug verpaßt, dem er jetzt voller Wehmut hinterherschaut...

  • Antworten
Yvonne Walden02.08.2011 | 15:28 Uhr

den Entwicklungen nicht hinterhersind schauen........

Wollen Sie zum Ausdruck bringen, dass Moral und Ethik sich dem Zeit-
geist anzupassen haben?

  • Antworten
hannes02.08.2011 | 18:41 Uhr

@ Yvonne Walden

Das Problem ist nur, daß die CDU unter Adenuer sogar im Bund die absolute Mehrheit geholt hat. Unter Merkel verliert sie immer nur Stimmanteile, trotz der Anpassung an die "dynamischen Gesellschaft".
Sehen Sie das Problem?

  • Antworten
Stefan H. 02.08.2011 | 16:59 Uhr

Es freut mich sehr, daß meine

Es freut mich sehr, daß meine durchaus kritischen Gedanken eine Resonanz fanden. Gerade durch Gegenmeinungen werden die Grundlagen eines bestimmten Sachverhalts deutlich. Das ist vollkommen in Ordnung und befruchtet jede Diskussion.
@hannes
Moral und Ethik sind keineswegs zeitlos, sondern durchaus den Auffassungen und Entwicklungen einer Epoche unterworfen.
Noch vor wenigen Jahrhunderten galt es beispielsweise als vollkommen normal, daß diejenigen, die als "Straftäter" zum Tode verurteilt worden waren, öffentlich verbrannt oder gehängt wurden, übrigens mit dem Segen der damals herrschenden katholischen Kirche. Heute ist die Todestrafe glücklicherweise abgeschafft (Artikel 102 Grundgesetz).
@Stefan H.
Es ist durchaus richtig, daß die CDU unter dem früheren Vorsitzenden Konrad Adenauer sogar eine absolute Stimmenmehrheit auf sich vereinigen konnte.
Diese Epoche liegt jedoch lange zurück.
Heute muß sich der CDU-Vorstand fragen, mit welchen politischen Zielen eine solche Stimmenmehrheit jemals noch erreichbar wäre, falls dies in einer pluralistischen Gesellschaft noch denkbar ist.
Da helfen Politikansätze oder auch moralische bzw. ethische Vorstellungen aus den 50er oder 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit ziemlicher Sicherheit nicht weiter.
Vielmehr sollte jede Partei oder politische Gruppierung versuchen, den Erforderissen gerecht zu werden, die unsere Gesellschaft von ihnen "fordert".
Ein Beispiel: Seit Jahren spricht sich eine deutliche Mehrheit unserer Wahlbevölkerung gegen den Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan aus.
Im Deutschen Bundestag fand sich jedoch bisher stets eine große Mehrheit "für" einen Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Eine deutliche Diskrepanz also, die an der Glaubwürdigkeit politischer Parteien Zweifel, insbesondere auch der Unionsparteien, aufkommen läßt.
Dabei darf es nicht darum gehen, dem Zeitgeist willenlos hinterherzulaufen.
Politische Parteien haben bekanntlich auch die Aufgabe, Führungsverantwortung zu übernehmen und ihre politischen Zielsetzungen "zu kommunizieren" und zu interpretieren.
Heute entsteht zunehmend der Eindruck, als werde "am Volk vorbei" regiert. Das ist bedauerlich und führt letztlich zur grassierenden Partei- und Politikverdrossenheit und schließlich auch zur Bedeutungslosigkeit von Parteien, die sich bisher für "staatstragend" hielten. Ob der CDU ein solches Schicksal droht, wie das frühere CDU-Mitglied Werner Münch prophezeit, bleibt allerdings abzuwarten. Eine latente Gefahr besteht jedoch.

  • Antworten
Yvonne Walden03.08.2011 | 11:22 Uhr

Noch etwas zum Hintergrund

Der Artikel über den Politiker Münch verschweigt, dass sein Image unter dem Vorwurf litt, als Ministerpräsident Sachsen-Anhalts ein "überhöhtes" Westgehalt bezogen zu haben. Juristisch ging er mit einer weißen Weste aus dem damaligen Verfahren. Das Geschmäckle blieb, wohl auch bei eigenen Parteifreunden. Immerhin trat er 1993 von seinem Amt als erster Mann der Regierung in Magdeburg zurück, nachdem die öffentliche Diskussion über seine Besoldung ihren Lauf genommen hatte. Die Reputation des Mannes hatte einen irreparablen Schaden genommen, die dazu führte, dass Münch im politischen Niemandsland verschwand.
Münch war bis zur Wiedervereinigung lange Zeit im katholisch geprägten oldenburgischen Münsterland zu Hause. Auch politisch. Hier ist die Wahlbeteiligung noch heute überdurchschnittlich hoch. Und hier ist das Wahlkreuz bei der CDU "Christenpflicht" des gläubigen Katholiken. Bei der letzten Bundestagswahl holte die CDU hier über 62 Prozent der Erststimmen (Kurt Schmücker holte hier 1961 legendäre 82 Prozent Erststimmen). Der "Wandel" in diesem Landstrich zwischen Oldenburg und Osnabrück geht einen gemächlicheren Gang, als im Rest der Welt. Vor allem die "Grundwerte" haben hier noch eine größere Bedeutung als andernorts. Der regelmäßige Kirchenbesuch ist für Viele obligatorisch. Hier wird am Sonntag noch der Anzug getragen und Familie hat als "Institution" eine wichtige Bedeutung. Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau ist eher an alten Strukturen ausgerichtet. Auch das Pflegen der lokalen Gemeinschaften, sei es Schützen- oder Gesangverein, fußt stark auf alten Traditionen. Die vielfach zu verzeichnende Anonymisierung der heutigen Gesellschaft ist hier eher unbekannt.
In solchen Strukturen hatte ein Mann wie Werner Münch einen im wahrsten Sinne "kolossalen" Stellenwert, den er durch seine Körpergröße zusätzlich ins Gewicht warf. Er war einfach unübersehbar und wirkte durch seine kraftvolle Gestalt. Ich habe ihn selber als Ehrengast einer öffentlichen Veranstaltung erlebt. Der Mann füllte "Hohlräume" aus. In seiner politischen Heimat Lohne, hier war auch sein Bundestagswahlkreis, war er eine "Institution", die in hohem Maße innerhalb des kleinbürgerlichen Rasters wahrgenommen wurde. Dabei waren es neben einer gewissen Hemdsärmeligkeit, der Präsenz im öffentlichen Raum (auch im kirchlichen Raum), vor allem seine konservativen Ansichten und seine darauf basierende Wahrnehmung durch seine Mitbürger, die sein Bild prägten.
In diesem Umfeld "geht" nur konservativ, will man öffentliche Ämter bekleiden und protegiert werden. Hier spielen Lokalpolitik, Kirche und Presse einen flotten "konservativen Dreier", der alles weitgehend verhindert, was Veränderung des Bestehenden ansteuert. Wenn schon die große Welt sich der Dynamiks des Wandels nicht zu entziehen vermag, hier gelingt es.
Vor diesem Hintergrund sieht die Betrachtung des Mannes im "Freiburger Exil" vielleicht etwas anders aus. Mit der Magdeburger Vorgeschichte und seiner starken konservativ-katholischen Prägung war er wohl nicht mehr gefragt. Auch nicht in seiner eigenen Partei. Insofern sehe ich seinen CDU-Austritt auch eher als einen Akt der persönlichen Eitelkeit und einer wahrgenommenen Verletzung. Immerhin erinnere ich mich noch gut an Münchs politischen Höhenflug im Zuge der Wende. Da klopften ihm alle auf die Schulter, auch und vor allem in der südoldenburgischen Heimat. "Münch Finanzminister in Sachsen-Anhalt", diese Meldung war damals schon eine kleine Sensation. Und dann ging es noch eine Stufe höher: Ministerpräsident. Da rieb sich manch seiner Wegbegleiter verwundert die Augen. Münch selbst vermutlich auch, wenn er morgens vor dem Spiegel stand. Galt er doch von jeher als Politiker der "zweiten Reihe".
Und dann war das Amt verloren. Aufgrund öffentlichen Drucks. Etwas völlig ungewohntes für einen Menschen, dessen Werdegang in der Stabilität seines Umfeldes immer selbstredend verankert war. So etwas macht bitter. Das bringt eigene Weltbilder zum Wanken. Und wenn man dann Siebzig ist und schon mal seinen Lebensweg resümiert, gibt es auch die Suche nach den Ursachen, die, wo sonst, "draußen" gesucht werden.

  • Antworten
H. Zindel03.08.2011 | 17:02 Uhr

Gut gebrüllt, Löwe, äh, Frau Walden!

Trotzdem möchte ich mich mit folgenden Beiträgen gerne in den Käfig begeben:
1) Eine/jede Partei sollte sich m.E. eine Hauptfrage zur eigenen Zielsetzung stellen: Möchte sie bestimmte, primär bereits definierte Werte (nicht absolut unhinterfragbar, aber doch als „erst mal richtig“ betrachtet) vertreten und in den politischen „Spielen“ umsetzen? Oder möchte sie primär die (sich manchmal rasch verändernden) Mainstreams aufsaugen?
Letzteres mag – wenn es denn gelingt – zum Machterhalt beitragen, ist aber zugleich in beiden großen Volksparteien nicht das, was ein Prof. Münch und Co. erwarten. Und führt bei diesem Klientel, das sich nicht nur unverstanden fühlt, sondern dessen „statische“ Inrteressen tatsächlich auch unaufgegriffen bleiben, zum inneren oder kompletten Rückzug.
2) Natürlich liegt die Epoche Adenauer lange zurück. Aber das ist kein Argument bzw. nur eines, wenn man zur Ansicht neigt, die wesentlichen damals vertretenen Werte seien heute nicht mehr zutreffend. Und/oder man orientiert sich in seiner Parteistrategie an der zweiten o.g. Option.
3) Hervorragend treffen wir uns jedoch wieder in der Bewertung der Sprachlosigkeit - oder vielleicht besser: „Fremdsprachlichkeit“ – der Parteifunktionäre gegenüber nicht nur Bürgern, sondern oftmals auch Parteimitgliedern. Doch, und hier muss ich usnere Gemeinsamkeiten schon wieder eingrenzen, kann dieser Sprech nicht eher daher kommen, dass die zugrunde liegende Aussage eben auch nicht wirklich dem entspricht, das die Bürger/Parteimitglieder meinen (Stichwort Euphemismus)?
4) Dass der CDU das Schicksal einer nicht mehr staatstragenden Partei (sofern man das unter machtpolitischem Aspekt sieht) droht, ist doch unbestreitbar. Ob dies so eintritt, darüber lässt sich trefflich diskutieren, aber die „Drohung“ ist unverkennbar und nicht nur latent – diese Ihre Beschönigung nimmt leider dieselbe Umschreibung vor wie die kritisierten Politiker-Verklausulierungen von als real existent längst erlebten Sachverhalten!

  • Antworten
doc*savage03.08.2011 | 18:14 Uhr

Ent- oder Abwicklung

Seit kurzem wandelt sich die CDU unter dem Einfluß der von den Medien inspirierten "dynamischen Gesellschaft" zu einer Ökologischen Einheitspartei Deutschlands. Eine grausame Katastrophe wie die von Fukushima dafür zu mißbrauchen, seine Positionen im Handumdrehen grundleged zu ändern, ohne sich überhaupt Gedanken um ökonomische Folgen zu machen, ist einfach erschreckend. Dabei geht es offensichtlich primär nur darum, möglichst viele Blockparteien zu rekrutieren. Früher nannte man so etwas verächtlich: "die Jacke in den Wind hängen."
Aber das war eben früher, als man noch Wasser trank. Die Zeiten haben sich ja derart geändert, dass es nicht mal mehr sicher ist, ob der Mensch vom Affen abstammt, oder umgekehrt.
Münch ist stehen geblieben, so ist hier zu lesen.
Diktatur - Demokratie - Chaos. Die letzte Etappe mag er wohl nicht. Wer könnte ihm das verdenken.

  • Antworten
Peter Müller04.08.2011 | 12:58 Uhr

Stichwort "Politische Verantwortung" (Frau Walden)

Mit Verlaub, sehr geehrte Frau Walden. Sie zeichnen eine Rolle des Politikers bzw. der Politik, die aus einer Broschüre der "Bundeszentrale für politische Bildung" entnommen worden sein könnte.
Wenn wir zwei entscheidungskräftige Gruppen unserer Gesellschaft nehmen, die Politiker und dazu die (angestellten) Wirtschaftsmanager, muss man doch erkennen bzw. wissen, dass diese für einen Großteil der Erosion der Wertestabilität in erheblichem Maße mitverantwortlich sind.
Ich nenne stellvertretend nur die Stichwörter "Egoismus", "Eigennutz", "Selbstbedienung", "Rundumversorgung".
Natürlich hat sich die Gesellschaft insgessamt verändert. Aber in den Medien spielen diese unerfreulichen Vorkommnisse in Politik und Wirtschaft eine immer stärker zunehmende Rolle. Aus dem Stegreif könnte ich Ihnen vermutlich binnen einer Stunde hundert negativ belegte Namen aus den genannten Gruppen aufschreiben, die mit "unsauberen Flecken" behaftet sind.
Ein aktueller Fall (aber durchaus symptomatisch) scheint mir geeignet, diese Behauptung zu unterstreichen. Karl-Heinz Funke, ehemaliger Landwirtschaftsminister in Niedersachsen und anschließend im Bund, war bereits Jahrzehnte in der Lokalpolitik Frieslands und seiner Heimatstadt Varel verankert, ehe er bundesweit populär wurde.
Ich habe Funke als Mann mit Sachverstand und noch mehr, als Mann der klaren und verständlichen Sprache geschätzt. Ein Sozialdemokrat "alten Schlages", aber ganz sicher keiner aus dem linken Spektrum der Partei.
Er war schon als Bundesminister zurückgetreten, als ihm hier eine Affäre angelastet wurde. Als oberster Vertreter eines regionalen Abwasserverbandes hatte er sich die Feier seiner Silberhochzeit in Höhe von zirka 8000 Euro durch diesen Verband erstatten lassen. Dessen Geschäftsführer dankte er dafür mit höheren Gehaltszuwendungen. Dem 66-Jährigen genehmigte Funke, am Vorstand des Verbandes vorbei, eine jährliche Erhöhung der Bezüge um 100.000 Euro. Um die Kostenübernahme für die Silberhochzeit zu vertuschen, wurde die Rechnung für die Feier in mehrere Einzelrechnungen über kleinere Beträge aufgeteilt. Damit bekommt die Sache ihre zusätzliche kriminelle Dynamik.
Die Sache flog "natürlich" im Rahmen einer Prüfung auf. Nach anfänglichen Erklärungsnöten im Zuge dieses Skandals blieb Funke 2010 nur die Aufgabe seines Amtes als Verbandsvorsitzender.
Soweit so schlecht. Nur rund ein Jahr nach Bekanntwerden dieses Vorgangs und Anklage durch die zuständige Staatsanwaltschaft gewinnt Funke die Überzeugung, sich in die aktive Politik "zurückmelden" zu müssen. Mit der Wählergruppe "Zukunft Varel" wird er als Spitzenkandidat in die bevorstehende Kommunalwahl gehen, neben acht weiteren Mitstreitern.
Ich will hier nicht die Qualitfikationen des Spitzenkandidaten in Frage stellen, der im übrigen dadurch "automatisch" sein SPD-Mitgliedsbuch verlor. Es geht um die Gretchenfrage der Glaubwürdigkeit, um Fragen wie Integrität und Demokratieverständnis. Dieser Mann hat seine private Feier durch die regelmäßigen Beiträge zehntausender zur Abwasserabgabe verpflichteter Bürger finanzieren lassen und erdreistet sich ohne Scham, sich um ein öffentliches Amt zu bewerben, in dem er die Interessen seiner Wähler und Mitbürger vertreten soll. Möglicherweise sogar als Bürgermeister.
Wie gesagt, dieser Fall ist nur ein Beispiel, das im Laufe der Jahre dazu beigetragen hat, die Glaubwürdigkeit der "Eliten" dieses Landes zu verspielen.

Wer glaubt in diesem Lande noch daran, dass ein Politiker oder ein Manager zuvorderst "Dienstleister an der Sache" sind, für die sie (in der Regel) gut bezahlt und bestens versorgt werden?

  • Antworten
H. Zindel04.08.2011 | 13:27 Uhr

Das Schwerste ist Glaubwürdigkeit

@ H. Zindel
Zustimmung auf der ganzen Linie, lieber Herr Zindel. Der besagte Ex-Minister Karl-Heinz Funke gehört offensichtlich zu den skrupellosesten Politikern Deutschlands, die bisher öffentliche Ämter bekleideten. Und er war auch noch Sozialdemokrat, vemutlich jedoch niemals aus voller Überzeugung.
Der bekannte Vordenker der deutschen Sozialdemokratie, Dr. Erhard Eppler, veröffentlichte vor Jahren ein Buch mit dem Titel: "Das Schwerste ist Glaubwürdigkeit". Dem ist nichts hinzuzufügen.
Politiker wie Funke oder auch Wolfgang Clement (ebenfalls Ex-Bundesminister) untergraben auf eklatante Weise die Glaubwürdigkeit unserer Staatswesens.
In Sachen Karl-Heinz Funke bleibt zu hoffen, daß die Gerichte die besondere Schwere seiner Verfehlungen (Untreue in besonders schweren Fällen wird mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren geahndet, vgl. § 266 Strafgesetzbuch) klar erkennen und beim Strafmaß gebührend berücksichtigen.
Bei einer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr (auch einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe) würde Funke sämtliche Versorgungsansprüche als Abgeordneter und Minister verlieren; er wäre also rechtlich so gestellt, als sei er niemals aktiver Politiker gewesen.
Und genau dies wäre im Sinne einer gerechten Bestrafung wünschenswert, nicht zuletzt um der abschreckenden Wirkung willen.

  • Antworten
Yvonne Walden04.08.2011 | 18:20 Uhr

@Yvonne Walden

Wenn es so wäre, dass "Moral und Ethik sind keineswegs zeitlos, sondern durchaus den Auffassungen und Entwicklungen einer Epoche unterworfen." sind, dann hätten alle Despoten vergangener, heutiger und künftiger Zeiten in all ihrem Tun Recht. Die jeweils "neue Zeit" bestimmt dann nicht nur, was Recht und Unrecht ist, sondern auch über richtig und falsch. Das haben die Bolschewiki so gesehen und die Nazis, die beide einen "neuen Menschen" schaffen wollten und es z.T. auch geschafft haben. Nun ist unsere Demokratie wohl auf demselben Weg, und wird in diesem Geiste der Selbstgerechtigkeit jeden Sokrates wieder richten. Schöne Aussichten ...

  • Antworten
AJMazurek05.08.2011 | 08:15 Uhr

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