Die Diskussion wegen Christian Wulffs Fehlverhalten ist ein Schmierentheater der ganz hässlichen Art. Sie macht vor allem deutlich, wie wenig Respekt mache Politiker vor den Institutionen unserer Demokratie haben. Eine kleine Würdigung der dümmsten Sprüche
Gute Nachricht aus Berlin: Das Amt des Bundespräsidenten ist unbeschädigt. Zumindest bin ich heute Morgen daran vorbei gefahren und konnte keine Trümmer oder Risse im Mauerwerk entdecken. Im Gegensatz zum Bundeskanzleramt, das laut aktueller Bild-Berichterstattung „vergammelt“ („Moos-Wucher, Beton-Risse, Rost am Dach“), macht Schloss Bellevue mit seiner pastellgelben Fassade einen geradezu trotzig adretten Eindruck. Nur der Christbaum steht ein bisschen schief davor und mag auf diese Weise an die Weihnachtsansprache des Hausherrn erinnern, die nicht nur an biederer Bemühtheit kaum zu übertreffen war („Europa ist unsere gemeinsame Heimat und unser kostbares Erbe“), sondern auch derart fahrig, uninspiriert und verhaspelt vorgetragen wurde, dass sogar Christian Wulff eher wohlgesinnte Bürger Zweifel daran bekommen konnten, ob da der richtige Mann am richtigen Platz sei.
Wenn ihm sogar zur Mordserie der Zwickauer Terrorbande nur die üblichen Stanzen aus dem Handbuch für politische Sonntagsreden einfallen („In unserem Land gibt es aber keinen Platz für Fremdenhass, Gewalt und politischen Extremismus“), ist das ärgerlich. Denn es ist ja inzwischen offenkundig, dass es nicht nur einen Platz dafür gibt, sondern sogar ganze Landstriche. Dass der Bundespräsident dieses Thema aufgreift, ist ausdrücklich zu loben. Sich aber in diesem Zusammenhang läppische Überleitungen zu seinem dreieinhalbjährigen Sohn zu erlauben nach dem Motto, Offenheit für Fremde und Fremdes fingen „ganz im Kleinen und vor allem bei den Kleinen an“, das berührt mich doch sehr unangenehm.
Es war die gequält würdevolle Art, die dieses schlechte Schauspiel zu einer der würdelosesten Veranstaltungen ihrer Art machten – und zwar ganz unabhängig von der Wulff‘schen Kreditaffäre. Oder eben doch nicht ganz. Denn wenn es die Causa Geerkens nicht gegeben hätte, wäre dem Volk von interessierter Seite nicht gebetsmühlenhaft in Erinnerung gerufen worden, mit welcher schier unermesslichen Würde dieses Amt verbunden sei. Da wird mitunter eine quasi-religiöse Heilsgeschichte erzählt, die einen fast vergessen machen könnte, dass es sich beim Bundespräsidenten eben auch nur um einen von Menschen gewählten Menschen handelt und nicht um ein höheres Wesen, das zwar protokollarisch an erster Stelle steht, aber deswegen noch lange nicht auch moralisch.
Den größten Nonsens in diesem unseligen Schmierentheater erlaubte sich die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Gerda Hasselfeldt: „Aus Respekt vor dem Amt sollte die Diskussion unverzüglich eingestellt werden.“ Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Denn juristisch ist „unverzüglich“ gleichbedeutend mit „ohne schuldhaftes Zögern“. Was also heißt, dass alle, die wegen Wulffs Sonderkredit und seiner kostenlosen Urlaubsfahrten zu den Freunden aus der Hannover-Connection noch ein paar Fragen haben, Schuld auf sich laden. Damit wäre dann wirklich alles auf den Kopf gestellt, was die Grundlagen eines demokratischen Rechtsstaats ausmacht. Gerda Hasselfeldt plädiert für monarchische Unantastbarkeit und stellt nicht nur die Freiheit der Presse mal eben kurz zur Disposition, sondern erklärt sie auch noch zu einem quasi-kriminellen Akt. Es ist eine Schande, dass solche Leute als Volksvertreter im Bundestag sitzen.
Seite 2: Die Gesinnungsdiktatur wäre nicht mehr fern









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