20 Minuten lang stellte sich Christian Wulff in ARD und ZDF einem Interview. Er räumte in der Kreditaffäre Fehler ein und gelobte Besserung, er verteidigte sein Recht auf Privatleben und lehnte einen Rücktritt ab. Nur wirklich überzeugend wirkte Wulff dabei nicht, eher wie ein Getriebener. Ein Kommentar
Und also sprach Gretchen zum Teufel: „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.“ An diesen Satz aus Goethes „Faust“, einer deutschen Tragödie, ist unbedingt zu erinnern im Angesicht der demütigenden Bußübung, der sich Christian Wulff nun unterzog. Für 20 Minuten stieg er von Schloss Bellevue herab in ein Berliner Fernsehstudio, um sich von Moderator Ulrich Deppendorf (ARD) fragen zu lassen: „Wie sind Sie eigentlich auf die BW-Bank gekommen?“ Und um sich von Moderatorin Bettina Schausten (ZDF) vorhalten zu lassen, sein Plädoyer für die freie Presse sei ein „Lippenbekenntnis“.
Was hat den armen, den schlingernden Bundespräsidenten in diese peinliche Lage gebracht? Auf jeden Fall die dringende Erkenntnis, nur durch eine solche beispiellose Tat sein Amt retten zu können – woraus unmittelbar folgt: Die gleich zu Beginn der 20-minütigen Bekenntnisschlacht als Zeugen der Weltgeschichte aufgerufenen „Bürgerinnen und Bürger, Freunde und auch Mitarbeiter“ können in ihrem von Wulff rapportierten Begehren, ihn noch möglichst lange im Amt zu sehen, nicht gar so repräsentativ sein. Hätte er sich dieser Tortur unterzogen, ginge es nur darum, ein kleines Häuflein Querulanten und Nörgler zufriedenzustellen? Wohl kaum.
Richtig also und entgegen seiner ersten Aussage hat Wulff erkannt, dass er ein gehöriges Glaubwürdigkeitsproblem hat und dass ein Präsident ohne Glaubwürdigkeit kein Präsident mehr ist. So folgte ein Parforceritt durch die Seelenlandschaft des Christian Wulff, in der es in diesen Tagen noch zerklüfteter aussehen muss als ohnehin. Er gab nämlich einerseits wenig Schmeichelhaftes mit treuherzigem Augenaufschlag zu Protokoll: Er habe einen „schweren Fehler“ begangen, als er bei dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung anrief, um gegen eine missliebige Berichterstattung vorab zu protestieren. Er habe nicht immer „Respekt vor den Grundrechten, auch dem der Presse- und Meinungsfreiheit“ gezeigt. Er habe seine „Bringschuld gegenüber der Öffentlichkeit, Transparenz herzustellen“, nicht erkannt. Er habe „die Dinge“ nicht stets im Griff gehabt. Er sei nun lebensklüger und „auch ein bisschen demütiger“. Er habe viel gelernt und wolle „auch im Umgang mit (…) eigenen Fehlern Lernfortschritte unter Beweis“ stellen.
Mit einem Wort: Christian Wulff plädierte in der Kredit- wie in der Mailbox-Affäre auf mildernde Umstände, da er noch Novize sei in diesem schwierigen Amt, Bundes-Azubi gewissermaßen. Die volle Amtszeit, fünf Jahre, will er sich genehmigen.
Andererseits war er bemüht, sich als Vorbild und Opfer zugleich darzustellen, als Vorbild in seinem aufopfernden und „nachhaltigen Interesse an unserem Land, es voranzubringen.“ Das heißt: Weil er Patriot ist, will er standhaft „durch solche Bewährungsproben hindurch“. Er will weiterhin ertragen, dass Medien „das Innerste nach außen“ kehren, bis hin zu seiner eigenen „schwierigen Kindheit“, seiner eigenen „schwierigen Familie“ und den „Fantasien“, die über seine Ehefrau im Internet kursierten. Er will weiterhin auf sein Recht pochen, auch ein „privates Leben“ führen, auch „Freunde“ haben und deren Hilfen in Anspruch nehmen zu dürfen. Er habe nie gegen Gesetze verstoßen. Das Darlehen der Unternehmergattin Edith Geerkens, das ihm den Hauskauf zu Großburgwedel ermöglichte, sei „ordentlich verzinst“ gewesen. Als er es in das günstige Darlehen der BW-Bank umwandelte, sei alles mit rechten Dingen zugegangen; die Zinsen – bekanntlich zwischen 0,9 und 2,1 Prozent – seien aufgrund der „Kreditmarktbereitstellung“ bei einer „60-Prozent-Finanzierung“ eben „ganz normale übliche Konditionen“ gewesen. Bei alledem dürfe man nicht vergessen: „Man ist Mensch und man macht Fehler.“ Auch für Bundespräsidenten gälten die Menschenrechte. Ergo: Gerade das reihum kritisierte Verhalten macht ihn, Christian Wulff, echt menschlich.
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