Polizist als Gewaltopfer - „Vom Knöchel bis zum Gesäß war alles verbrannt“

Laut einer neuen BKA-Studie nehmen die Angriffe gegen die Staatsgewalt zu. Mehr als 62.000 Polizisten seien im vergangenen Jahr Opfer einer Straftat geworden. Wie ist das für einen Beamten, Zielscheibe linksextremer Autonomer zu werden? Hauptkommissar Olaf H., 51, aus Berlin hat es bei einer Großdemo erlebt. Ein Protokoll

Polizisten wappnen sich gegen eine Demonstration in Frankfurt
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Constantin Magnis ist Chefreporter bei Cicero

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Die Sache mit der Kugelbombe, das war im Juni 2010, in Berlin, bei einer Großdemo gegen das Sparpaket der Regierung. Die Demo wurde von der Linken, Gewerkschaften und vielen anderen Gruppen organisiert, die meisten davon friedlich. Es waren zwar auch einige Hundert Leute aus dem sogenannten schwarzen, linksautonomen Block dabei, aber eigentlich wissen wir, wie die sich verhalten, und können uns darauf einstellen.

Ich war damals schon 30 Jahre bei der Bereitschaftspolizei, in den Achtzigern wurde mir bei einer Hausbesetzerdemo der Arm ausgekugelt, und seit 1987 war ich bei jedem 1. Mai dabei. Da kriegt man immer ein paar Schnittverletzungen oder Quetschwunden durch Steine oder Schläge ab. Das gehört dazu, man kann ja nicht immer wie ein Ritter rumrennen. Der aggressive schwarze Block damals in Berlin hat mich also nicht besonders nervös gemacht. An der Ecke Torstraße wurde es dann schlimmer, als wir an einem Balkon mit Deutschlandflagge vorbeikamen. Da flogen die ersten Böller, und der Einsatzleiter hat uns an den Aufzug geschickt, um die Autonomen Schulter an Schulter zu begleiten. Ein Lautsprecherwagen hat die Stimmung angeheizt, und plötzlich sah ich, wie weiter vorne mit Fahnenstangen und Holzlatten auf Kollegen eingeprügelt wurde, obwohl wir alle noch keine Helme aufhatten.

Also habe ich mich mit meiner Gruppe an den Straßenrand zurückgezogen, um Helme aufzusetzen. Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel, wie irgendetwas Qualmendes geflogen kommt. Das prallte erst von der Schulter einer Kollegin ab und fiel mir dann zwischen die Beine. Ich dachte noch: Schon wieder so eine Rauchbombe – und hab einfach nur die Luft angehalten. Dann gab es einen Schlag, und ich lag zehn Meter weiter hinten auf dem Asphalt. Keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin, es hatte mich einfach weggeschleudert. Ich hab mich wieder aufgerappelt und bin davongehumpelt. Die Beine taten etwas weh, aber vor lauter Adrenalin hab ich das kaum gespürt. Erst als ich meine Gruppe wieder gesammelt habe, merkte ich: Das brennt ganz schön an den Beinen. Dann sah ich, dass meine Hose zerfetzt und blutverschmiert war, obwohl unsere Anzüge extrem stabil und schnittfest sind.

Ich bin trotzdem erst mal weitergelaufen und hab mich später entschuldigt, um mir kurz ein Pflaster zu holen. Als ich schließlich meine Hose aufgemacht habe, wurde mir übel: Die Wade war sieben Zentimeter weit aufgerissen und ungefähr genauso tief im Fleisch steckten Splitter. Vom Knöchel bis zum Gesäß war alles verbrannt und zer­schnitten. Ich kam ins Krankenhaus und bin auf der Stelle operiert worden.

Später erfuhr ich: Unter mir war eine sogenannte Kugelbombe hochgegangen, ein Feuerwerkskörper der höchsten Gefahrenstufe. Dem Auto hinter mir hat es Kotflügel und Motorhaube beschädigt, dahinter stand eine Frau mit Kind, nicht auszudenken, was hätte passieren können. Eine Kugelbombe auf Gesichtshöhe wäre tödlich gewesen.

Nach vier Tagen im Krankenhaus wurde ich entlassen, zum Glück nur mit Narben und einem Knalltrauma auf dem rechten Ohr. Mein Sohn war damals fünf Jahre alt. Als ich nach zwei Monaten zum ersten Mal wieder arbeiten gegangen bin, hat er gefragt: „Tun die bösen Männer Papa heute wieder weh?“ Wegen dieser Geschichte hat mein Direktionsleiter mich sofort aus dem Schichtdienst herausgenommen und mir eine Stelle im Innendienst angeboten. Ich habe sie angenommen.

Vor genau einem Jahr befasste sich das Magazin Cicero mit Gewaltpartys in deutschen Großstädten. Darin geht Alexander Marguier den Ursachen linksextremer Gewalt in Berlin, Köln und Hamburg nach. Oliver Malchow, Chef der Polizeigewerkschaft, spricht über No-go-Areas in Deutschland. Den Titel „Kein Recht auf Randale?“ können Sie hier bestellen. Das Testabo des Magazins Cicero erhalten Sie hier.

 

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