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Anti-Diskriminierung und Unisex-Toilette - Ein Blick hinter das Dixie-Universum

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg geht mit Unisex-Toiletten gegen Diskriminierung im öffentlichen Raum vor. Der schöne Traum droht jedoch, an der Realität zu scheitern

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Lisa Schneider studierte Politik-, Medien- und Sozialwissenschaften in Düsseldorf und Prag.

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Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg präsentiert sich gerne als hip, alternativ, weltoffen. Ein Viertel, in dem Schwulenkneipen selbstverständlich zum Straßenbild gehören. Aus diesem liberalen Biotop heraus wurde nun vor einem Monat der Zeigefinger erhoben und auf die intimsten Ecken öffentlicher Gebäude gerichtet. Der Vorwurf: Die Hinweisschilder öffentlicher Toiletten trennen zwischen Männlein und Weiblein. Da, das ist Diskriminierung!

So sahen es die Piraten, die am 30. Januar in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg den Antrag stellten, Unisex-Toiletten erbauen zu lassen. Mit der Errichtung geschlechtsneutraler Toiletten werde Menschen, „die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen können oder wollen“ die Wahl der Toilette erleichtert. Ein Angebot, das Intersexuellen, Transsexuellen und Unentschlossenen keine entwürdigende Offenbarung abverlangt. Das klingt zunächst gut.

Im Grunde aber stellt die Unisex-Toilette die Intersexuellen vor ein zusätzliches Dilemma: Denn die meisten Intersexuellen gehen nicht mit ihrem Schicksal hausieren, sondern haben gelernt, sich in das binäre Geschlechtersystem einzuordnen. Theoretisch wären es natürlich sie, die am ehesten von einer geschlechtsneutralen Toilette profitieren würden, aber praktisch müssten sie sich ein zweites Mal entscheiden, ob sie mit dem Gang zur Unisex-Toilette aus ihrer Geschlechter-Rolle herausschlüpfen möchten.

Es gibt jedoch einen ganz praktischen Einwand: Dem Traum von den Unisex-Toiletten, die in öffentlichen Gebäuden gleichberechtigt neben Frauen-, Männern- und Behindertentoiletten zur Erleichterung einladen sollten, steht die Realität im Weg: die Kosten! „Da der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg quasi pleite ist, können höchstens die bereits vorhandenen Toiletten der öffentlichen Gebäude umgewidmet werden“, stellt Kreuzbergs CDU-Chef Timur Husein klar. So stimmte seine Fraktion als einzige gegen den Piraten-Antrag. „Nach dem Bericht des nationalen Ethikrats gibt es deutschlandweit zwischen 8000 und 10.000 Intersexuelle. Angesichts dieser winzigen Minderheit und der leeren Kassen waren wir nicht bereit, das öffentliche Leben umzukrempeln,“ so Husein. Die anderen Fraktionen sahen das weniger pragmatisch und mehr ideologisch. Husein: „Da spielt Geld keine Rolle.“

Offensichtlich wagten jedoch schon die Piraten einen Blick in die leeren Kassen. Im dritten Satz ihres Antrags heißt es: „Mit der Umwidmung mindestens einer bereits vorhandenen geschlechtergetrennten Toilette pro geeignetem Gebäude“ bestehe eine „kostengünstige Umsetzungsmöglichkeit“. Diese Einschränkung tut gut. Macht sie doch deutlich, dass zweierlei Probleme dem hehren Ziel von Wahlfreiheit des stillen Örtchens gegenüberstehen: Zum einen die leeren Kassen, die zunächst mit der Instandhaltung der derzeit in Betrieb befindlichen Anlagen belastet werden sollten. Zum anderen die Bauverordnung, die Bestimmungen für die Einrichtung sanitärer Anlagen vorsieht, die in den meisten öffentlichen Gebäuden des Bezirks nicht erfüllt werden könnten. Zunächst bewirkt der Antragsbeschluss also, dass einige Hinweisschilder einfach umdekoriert werden.

Das spart Geld. „Die Kosten werden wohl im vierstelligen Bereich liegen“, schätzt Hans Panhoff, Bezirksstadtrat in der Abteilung für Umwelt, Verkehr, Grünflächen und Immobilienservice. Er verantwortet die Umsetzung des Beschlusses während der dreimonatigen Probephase. Derzeit fallen genau fünf Gebäude in die Zuständigkeit Panhoffs, die für die Einrichtung geschlechtsneutraler Toiletten in Frage kommen. Das sind die vier eigenen Gebäude des Bezirksamts in der Yorckstraße, der Koppenstraße, der Urbanstraße und der Petersburger Straße ebenso wie das angemietete Gebäude in der Frankfurter Allee. „Inwieweit Schulen sich während der Probephase an dem Projekt beteiligen, fällt nicht in meine Zuständigkeit“, lautet die knappe Antwort des Bezirksstadtrats.

 

Seite 2: Die Gesellschaft ist noch nicht bereit

 

Das Projekt ist also zunächst überschaubar, was die Größenordnung der Bauvorhaben angeht. Was die genaue Umsetzung betrifft, scheint es Unklarheiten zu geben. Muss, wer sich für die Möglichkeit entscheidet, beim Toilettengang nicht zwischen Mann und Frau entscheiden zu müssen, dafür in Zukunft im gesamten Gebäude auf die Suche nach der umgewidmeten Toilette gehen? Schließlich wird irgendeine der vorhandenen umgewidmet, wenn möglich die kleinste, um der Entrüstung konservativer Getrennt-Toiletten-Gänger vorzubeugen.

„Die gesellschaftlichen Vorbehalte sind im Moment noch sehr groß“, bestätigt uns ein Vertreter des Berliner Vereins Transinterqueer. Er sieht in Unisex-Toiletten ein „inklusives Konzept, das einen entspannten und respektvollen Umgang miteinander ermöglicht“. Das Ziel müsse sein, das öffentliche Leben so zu gestalten, dass niemand Gewalt oder Diskriminierung ausgesetzt ist. Für Intersexuelle oder Menschen, die sich selbst einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, als das, das die Gesellschaft ihnen „oktroyiert“, bedeute das auch die Nicht-Wahl zwischen Frauen- und Männertoiletten.

„Die Probleme Transsexueller werden nicht gelöst, indem man ihnen die Entscheidung erlässt, im Stehen oder im Sitzen zu Pinkeln“, sagt dagegen CDU-Bezirkschef Timur Husein. Susanne Hellmuth, Grünen-Politikerin und seit kurzem Vorsitzende des Ausschusses für Frauen, Gleichstellung und Queer, hat für den Antrag gestimmt. Unter anderem weil der Ansatz, sich für diskriminierte Minderheiten einzusetzen, kein falscher sein könne. „Es ist doch schön“, sagt auch Miriam Noa von der SPD, „den paar Promille Betroffenen ein wenig Solidarität und Unterstützung signalisiert zu haben“.

Um mehr geht es derzeit wohl nicht. Aber ein bisschen möchte man sich wünschen, die Unisex-Toiletten seien erst der Anfang.. Denn: Die öffentliche Aufmerksamkeit, die die stillen Örtchen in Friedrichshain-Kreuzberg in den letzten Wochen erregten, überrascht selbst die Verantwortlichen. Ginge es um Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer, Krückengeher und Kinderwagenschieber, es würde nicht interessieren. Seit uns aber Olivia Jones allabendlich aus dem Dschungel bespaßte, sind uns die Inter- und Transsexuellen ans Herz gewachsen.

Warum also Anti-Diskriminierung nicht weiter denken? Eine Toilette für alle: für Frauen, Männer, Trans- und Intersexuelle ebenso wie Rollstuhlfahrer, Alte, zu Wickelnde und Blinde. Das hätte Vorteile: Die Politiker, die sich mit den Unisex-Toiletten beschäftigten, hätten plötzlich eine Ahnung, mit wie vielen handfesten Barrieren ihr Bezirk belastet ist. Die Latte-Macchiato-Väter könnten ihrem Nachwuchs eigenständig eine neue Windel umlegen, ohne dafür in die Frauentoilette spazieren zu müssen. Die Szenebars und -kneipen, die ohnehin aus allen Nähten platzen, müssten ihre einzige Toilette nicht mehr in zwei teilen. Trans- und Intersexuelle müssten nicht bei jedem Toilettengang ihre Geschlechter-Unentschlossenheit offenbaren. Und die Bezirksverordnetenversammlung könnte sich wieder anderen wichtigen Dingen zuwenden.

 

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