In den letzten Jahren gab es viele Beispiele vermeintlich geläuterter Neonazis. Doch wenn ein Rechtsextremist die Szene verlässt, ist sein Kopf nicht automatisch befreit von all der Propaganda. Erfolgt der Ausstieg nur zum Schein?
Im Oktober 2000 rief der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder nach einem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge zu einem „Aufstand der Anständigen“ auf. Seitdem gibt es zahlreiche Aussteigerprogramme für Rechtsradikale. Ihre Arbeit wurde nie seriös überprüft.
Er arbeitete bei der Düsseldorfer AIDS-Hilfe, war ein offen lebender schwuler Aktivist und schon während seines Studiums an der FH-Düsseldorf aktiv in der Hochschulpolitik mit. Dass er in seiner Jugend mit Nazis zu tun hatte, war bekannt, doch niemand in Düsseldorf warf ihm vor, noch rechtes Gedankengut zu verbreiten. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt galt Carsten S. als ehemaliger Nazi, der mit seiner Vergangenheit gebrochen hatte. Nichts an ihm erinnerte daran, dass er in den 1990er Jahren der stellvertretende Vorsitzende der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten in Thüringen war und Kontakte zur militanten Neonaziszene hatte. Als Ende Januar ein Kommando der GSG 9 seine Wohnung im Stadtteil, Oberbilk mit gezogenen Waffen stürmte und S. wegen des Verdachtes festnahm, vor zehn Jahren die Nazi-Terrorgruppe NSU mit Waffen und Sprengstoff versorgt zu haben, reagierten viele in seinem Umfeld geschockt. Mittlerweile hat Carsten S. gestanden, die Ceska besorgt zu haben, die Waffe, mit der die NSU ihre Opfer ermordete.
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„Carsten S. ist aus der Nazi-Szene ausgestiegen und hatte mit ihr gebrochen“, sagt Sozialwissenschaftler Alexander Häusler, der an der Arbeitsstelle Neonazismus der FH Düsseldorf arbeitet, „aber sein Beispiel zeigt, dass es nicht reicht einfach die Szene zu verlassen. Er hätte sich aktiv gegen Rechtsradikalismus engagieren und er hätte der Polizei von der Waffe erzählen müssen.“ Vielleicht würden mehrere Menschen heute noch leben, wenn S. geredet hätte.
Carsten S. hat seinen Ausstieg mit sich selbst ausgemacht. Er hat sich nicht an den Verfassungsschutz gewandt, hat mit keiner der zahlreichen Aussteigerorganisationen wie Exit gesprochen und auch nicht mit der Polizei kooperiert.
Peter M. (Name von der Redaktion geändert) hat das anders gemacht. Nach seinem Ausstieg aus der Nazi-Szene hat er mit dem Verfassungsschutz gesprochen. Er hat sich damit auseinandergesetzt, woher der Hass auf Ausländer und Juden in seinem Kopf kam, der ihn am Ende selbst angewidert hatte – ein schmerzlicher Prozess, in dessen Verlauf er sich nicht nur von seinem damaligen Umfeld löste. Heute ist M. Ansprechpartner für seine ehemaligen Kameraden, gibt Tipps und ist ein Beispiel dafür, dass es auch ein Leben nach dem Ausstieg aus der Szene geben kann – und dass es ein gutes, ein besseres Leben ist. M. Weiß auch, was ihn, den Nazi-Kader, während seiner Karriere faszinierte: „Man ist wichtig, wird als prominenter Redner angekündigt, erhält Anerkennung. Ich wusste zwar, dass die meisten, die zu mir bewundernd aufschauen, Idioten sind, aber das störte mich nicht. Man lebt wie in einer Sekte und Sekten habe eigene Regeln.“
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