Niemand sitzt derzeit länger im Bundestag als Wolfgang Schäuble (CDU) und Herta Däubler-Gmelin (SPD). Beide seit 33 Jahren. Zwei Berufspolitiker, zwei Politikerleben. Drei Jahrzehnte deutsche Geschichte.
Am 9. Juli diesen Jahres wird Wolfgang Schäuble dem neuen Fußball-Weltmeister gratulieren und die perfekte Organisation der kommerziellsten Sportveranstaltung in der Geschichte Deutschlands loben. Dazu wird er den vielen Sponsoren danken. Ein Platz auf der Ehrentribüne beim WM-Finale ist ihm sicher, schließlich ist der Innenminister der Großen Koalition auch Sportminister. Der 63-Jährige wird sich sicherlich nicht an jene Pressemitteilung erinnern, die er als sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion am 17. Oktober 1974 zum Thema „Sport und Werbung“ herausgegeben hat. Es ist eine der ersten öffentlichen Äußerungen des jungen Abgeordneten. Auf einer Schreibmaschine mit markanten Typen ist sie getippt. Der 32-jährige Oppositionspolitiker sorgt sich um „die Schwierigkeiten, die durch die Verbindung von Sport und Werbung entstanden sind“, und er plädiert dafür, „den Werbe-Anteil so gering zu halten, dass der Gefahr einer möglichen nicht nur konjunkturbedingten Abhängigkeit von der Wirtschaft erfolgreich begegnet werden kann“.
So ändern sich die Zeiten. Seit 33 Jahren sitzt der Abgeordnete Wolfgang Schäuble mittlerweile im Bundestag, seit dem 19. November 1972, ein ganzes Politikerleben lang. Zusammen mit seiner Kollegin Herta Däubler-Gmelin ist er aktueller Rekordhalter. Wenn die 16. Legislaturperiode 2009 regulär zu Ende geht, werden Herta Däubler-Gmelin und Wolfgang Schäuble insgesamt 37 Jahre im Bundestag verbracht haben. Es wird dann nur noch zwei Abgeordnete geben, die diesem noch länger angehörten. Der SPD-Abgeordnete Martin R. Schmidt saß von 1949 an 38 Jahre im Bundestag. Absoluter Rekordhalter ist der CSU-Politiker Richard Stücklen. Er gehörte dem Parlament ununterbrochen 41 Jahre von 1949 bis 1990 an, von der Gründung der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung.
Zehn Legislaturperioden liegen zwischen 1972 und 2006, die Ölkrise, der deutsche Herbst, die Nachrüstungsdebatte, die Wiedervereinigung und ein Hauptstadtumzug. Dazwischen liegen unzählige Sparpakete und Konjunkturprogramme, vier Kanzler und eine Kanzlerin und die Internet-Revolution. Bundesdeutsche Geschichte hatten die 29-jährige Herta Däubler-Gmelin und der 30-jährige Wolfgang Schäuble damals schon erlebt. Denn vorausgegangen war 1972 der härteste Wahlkampf seit 1949. Die Ostverträge spalten das Land. Im April 1972 scheitert ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt. Im September hat der Sozialdemokrat endgültig keine Mehrheit mehr. Es kommt zu Neuwahlen, nie war das Land politisierter, 91,17 Prozent Wahlbeteiligung sind bis heute Rekord. Die SPD erzielt mit 45,8 das beste Ergebnis ihrer Geschichte, sie kann mit der FDP weiterregieren. CDU und CSU erreichen 44,9 Prozent. Die beiden Volksparteien stehen im Zenit ihres gesellschaftlichen Einflusses.
Es sind zwei völlig unterschiedliche Politikertypen, die da zunächst in den hinteren Bänken des Parlaments Platz nehmen. Schäuble der Generalist, Däubler-Gmelin die Fachpolitikerin, hier der diskrete Strippenzieher, dort die verbissene Kämpferin. Den Spitznamen „Schwertgosch“ bekommt Herta Däubler-Gmelin von ihren Parteifreunden verpasst, Schäuble taufen Journalisten „Kohls Paladin“. Aber schnell wird klar, beide sind große politische Talente.
Ihre ersten Meriten verdient sich Herta Däubler-Gmelin Mitte der siebziger Jahre, als sie im Bundestag mit großer Hartnäckigkeit das lang umstrittene Widerrufsrecht für Haustürgeschäfte durchsetzt. Schäuble vertritt zur selben Zeit die CDU in wichtigen Untersuchungsausschüssen, etwa zum Stimmenkauf beim Misstrauensvotum gegen Willy Brandt. Und doch sind sich die beiden Rekordhalter in einem ähnlich. Beide sind Machtpolitiker. Schäuble will Macht für die CDU, Däubler-Gmelin für die SPD einerseits, für die Frauen andererseits. Als sie 1972 in den Bundestag einzieht, sitzen dort gerade mal sieben Prozent Frauen. Dass da eine neue Frauengeneration selbstbewusst ihre politische Karriere plant, ist im behäbigen Bonn noch völlig ungewöhnlich, Frauen am Kabinettstisch sind eine eher geduldete Ausnahme. Drei Jahrzehnte später sind immerhin 32 Prozent der Bundestagsabgeordneten und mehr als ein Drittel der Kabinettsmitglieder Frauen.
Dass Angela Merkel 2005 zur ersten Bundeskanzlerin gewählt wurde, ist ein Verdienst von Vorkämpferinnen wie Herta Däubler-Gmelin. 1980 übernimmt sie als erste Frau den Vorsitz im wichtigen Justizausschuss des Bundestags. 1988 wird sie stellvertretende SPD-Vorsitzende, als erste Frau in der über hundertjährigen Geschichte der stolzen Arbeiterpartei überhaupt. Ihre beiden Kinder betreut derweil die Großmutter. Politik ist ihr Leben, schon 1972 sagt Herta Däubler-Gmelin in einem Interview: „Richterin sein ist mir zu fad.“
Dem würde Wolfgang Schäuble nicht widersprechen. Selten war die Bezeichnung Berufspolitiker treffender. Schon Max Weber wusste, dass es „zwei Arten gibt, aus der Politik seinen Beruf zu machen. Entweder: Man lebt ‚für‘ die Politik, oder aber: ‚von‘ der Politik.“ Herta Däubler-Gmelin und Wolfgang Schäuble leben für die Politik. Beide sind bis ins Bundeskabinett aufgestiegen. Zugleich erlitten beide viele Niederlagen. Dennoch ist keiner von ihnen ausgestiegen. Beide sind der Droge Politik erlegen. Lieber saßen sie weiterhin in den hinteren Reihen des Bundestages, als dass sie auf Dienstwagen und Scheinwerferlicht verzichtet hätten.
Was wollte Herta Däubler-Gmelin nicht alles werden. Fraktionsvorsitzende, Parteichefin, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes. Immer stand sie sich mit ihrem Ehrgeiz selbst im Weg. 1991 unterlag sie bei der Wahl zum Fraktionsvorsitz. 1997 gelang es ihr nicht, als Partei-Vize wiedergewählt zu werden. Vier Jahre lang war Herta Däubler-Gmelin ab 1998 Justizministerin in der ersten rot-grünen Bundesregierung, sie erwarb sich einen Ruf als energische Reformerin und ruinierte mit einer einzigen Rede, mit einem einzigen Bush-Hitler-Vergleich ihre Karriere.
Schäuble immerhin ist zum Ende seines Politikerlebens noch einmal Innenminister geworden, von Merkels Gnaden, obwohl er doch eigentlich selbst Kanzler hatte werden wollte. 1990 steht er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, er hat den Einigungsvertrag mit der DDR ausgehandelt. Er gilt in der CDU als Mann der Zukunft. Dann wird er Opfer eines Attentates, die Diagnose: Querschnittslähmung. Aus dem Hoffnungsträger wird ein tragischer Verlierer. Immer wieder muss er sich der Frage stellen, ob ein Rollstuhlfahrer der politischen Dauerbelastung gewachsen ist. Als Kronprinz von Helmut Kohl geht er mit diesem bei den Wahlen 1998 unter, als CDU-Vorsitzender stürzt er Anfang 2000 über eine Rand-Episode der Spendenaffäre. Unschuldig ist er nach eigenen Angaben, Schäuble wähnt sich als Opfer einer „Intrige krimineller Elemente“. Selbst jetzt jedoch hat er nicht genug von seinen Parteifreunden. Einmal mehr stellt er sich in deren Dienst und wird auch von seiner Nachfolgerin im Parteivorsitz, von Angela Merkel erniedrigt. Vergeblich hofft er, dass diese ihn zum Bundespräsidenten macht.
Nicht nur ihre Leidensfähigkeit und Beharrungskraft verbindet Däubler-Gmelin und Schäuble. Beide kommen aus Baden-Württemberg, beide sind Protestanten, beide Juristen, beider Eltern waren ihre ersten politischen Vorbilder. Der Vater von Herta Däubler-Gmelin war parteiloser Oberbürgermeister in Tübingen, Wolfgang Schäubles Vater CDU-Landtagsabgeordneter. Freunde sind beide deshalb nicht geworden. Im Gegenteil. Schon Anfang der achtziger Jahre waren sie politische Gegenspieler, Schäuble managt damals für Helmut Kohl das Kanzleramt, Herta Däubler-Gmelin ist 1983 im Schattenkabinett von Hans-Jochen Vogel für Justiz zuständig. Zehn Jahre später verhindert der CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble im Alleingang die Wahl von Herta Däubler-Gmelin zur Verfassungsrichterin, weil diese angeblich „zu politisch“ sei. Niemand kann Schäuble zum Einlenken bewegen, kein Sozialdemokrat und kein Parteifreund, nicht einmal der Bundeskanzler Kohl. Schäuble will Däubler-Gmelin nicht, um keinen Preis, er ist beleidigt. Denn die Sozialdemokraten hatten ihre Kandidatin öffentlich nominiert, ohne dies mit dem CDU-Fraktionschef in der zuständigen Kungelrunde abzusprechen. Diese Demütigung hat sie ihm nicht verziehen. Beide gehen sich aus dem Weg. Bis heute.
Nicht viel erinnert nach 33 Jahren an die Anfänge der beiden Dauerparlamentarier. Der Bundestag ist von Bonn nach Berlin umgezogen. Gesellschaftliche Veränderungen haben unverkennbar an Geschwindigkeit gewonnen. Aber es gibt auch parlamentarische Debatten, deren Rhetorik sich kaum verändert hat, fünf Mal beispielsweise wurde seit 1972 die Mehrwertsteuer erhöht, drei Mal von der CDU, zwei Mal von der SPD. Die Argumente dagegen blieben immer dieselben. 1979 warnte Schäuble vor den Belastungen für den Steuerzahler, 1992 nannte Herta Däubler-Gmelin eine Mehrwertsteuererhöhung unsozial. Fast scheint es, als würden solche ständig wiederkehrenden Debatten das Leben eines Berufspolitikers strukturieren. Auch Haushaltskonsolidierungen gehören dazu. Im Dezember 1977 fordert Wolfgang Schäuble von der damals rot-gelben Bundesregierung Maßnahmen zum Abbau der Neuverschuldung und zur Verringerung des strukturellen Haushaltsdefizits. Ein Appell, den er heute jederzeit wiederholen könnte.










