Braucht es Geld, um glücklich zu sein? Das fragte Cicero Online diejenige Glücksforscherin, die in diesem Jahr einen enormen politischen Bucherfolg feierte und dafür massiv kritisiert wurde: Gertrud Höhler. Die Autorin des Merkel-Buches „Die Patin“ spricht über Glücksbereitschaft, Armut und die Chancen von Peer Steinbrück
Frau Höhler, Sie sind eine der härtesten Kritikerinnen der mächtigsten Frau der Welt. Ihr Buch „Die Patin“ hat sich in der vierten Auflage schon über 160.000-mal verkauft. Fühlt sich so das Glück an?
Es war eher Überraschung. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es war ja auch so, dass die Autorin niedergemacht wurde. Der „Spiegel“ brachte den Satz, den dann alle abgeschrieben haben: Frau Höhler behauptet, wir gingen mit Merkel in eine Diktatur. Eine Vereinfachung, bei der du eigentlich sofort Widerspruch einlegen musst. Ich musste mich runterkühlen, musste mir sagen, so, jetzt liest du das Negative nicht mehr. Und dann begriff ich: Offensichtlich ist das auch eine Bedingung für Erfolg.
Dann kam das Glück also doch noch?
Erfolgsglück? Ja, doch, schon.
Doch eher wegen des Geldes, oder?
Erfolgsglück hat doch mit Geld erstmal gar nichts zu tun! Erfolg beruht auf Leistung, nicht auf Geldgier. Mit Büchern verdient man erst Geld, wenn es Millionenauflagen gibt. Ich bin in diesen Dingen so gleichgültig. Ich finde zum Beispiel meinen Vertrag mit dem Buchverlag gerade nicht mehr wieder.
Sie haben Ihre Karriere als bescheidene Glücksforscherin begonnen. Damals sagten Sie, das Geheimnis des Glücks sei eine Frage der Bereitschaft, mehr noch des Willens…
Das ist mir ganz wichtig. Glück zu empfangen, ohne die Bereitschaft dazu zu haben, ist schwierig. Es gibt dann eine Dynamik: Davon auszugehen, dass Menschen nicht verlässlich sind, wirkt wie eine Sogkraft für das Negative, das dann auch eintritt.
Sehen Sie diesen absoluten Willen zum Glück auch bei Angela Merkel?
Bei Merkel habe ich Momente gesehen, in denen sie wohl glücklich war. Aber dem ging eine so unglaublich tiefe Unsicherheit voraus: In der Elefantenrunde 2005, in der sich Schröder so aufgespielt hat, da flackerten auf ihrem Gesicht Furcht und Hoffnung, die ganze Zeit. Für sie war es existenziell, ob sie jetzt gewonnen hat. Bei ihrer Pressekonferenz hat sie dann einen fast übermütigen Eindruck gemacht.
Sie sagen: Nur, wer richtig will, kann auch das Glück empfangen. Im Umkehrschluss heißt das doch: Wer arm ist, unglücklich, wollte eben nicht richtig – und hat selbst Schuld.
Ihre Annahme des „glücklosen Armen“ teile ich nicht. Im Gegenteil: Wer arm ist, ist häufig glücklicher als der gierige Reiche, der ständig seinen Wohlstand vermehren will. Untersuchungen über den Glücksstatus von Menschen haben gezeigt: An der Spitze stehen die Bedürfnislosen. Weil sie nicht zerfressen sind von Neid und Gier. Das sind Gefühle, die etwas Zersetzendes für die Glücksfähigkeit haben.
Ist die Armutsdebatte bei uns also von Neid geprägt?
In Deutschland vergleicht man sich mit Leuten, mit denen der Vergleich destruktiv ist. Ich sage: Beneide nicht die falschen Leute! Du bleibst ewig unglücklich! Für die Glücksfähigkeit spielt eine Rolle, ob ich Vorbilder habe, die ich nicht einholen kann, oder ob ich danach suche, was mir am meisten Spaß macht.
In Ihrem Buch „Götzendämmerung – Die Geldreligion frisst ihre Kinder“ haben Sie vor allem das Geldstreben der wirtschaftlichen Elite kritisiert, in „Die Patin“ zerpflücken Sie Merkels Reich, also die politische Elite. Wo gibt es Parallelen zwischen diesen beiden Welten?
Erstens: bei der Frage nach dem Status. Für den sind Männer noch empfänglicher als Frauen. Zweitens: Rituale. Im Business ist es wichtig, wer öffnet mir die Autotüre, habe ich einen eigenen Lift in der Firma? Rituale gibt in der Politik genauso. Als die Grünen ihre ersten Ämter hatten und dann natürlich auch Limousinen, da sagte Helmut Kohl: „Die haben jetzt nur noch eines im Sinn – dass sie nie mehr am Straßenstand stehen und von den vorüberfahrenden Autos mit Dreck bespritzt werden.“ Das werde ich nie vergessen. Ich für meinen Teil habe diverse politische Ämter, die mir angeboten wurden – Ministerämter in den Ländern – stets abgelehnt. Ich fragte mich immer: Wie viel Freiheit verlierst du dadurch?
Ihre Beratertätigkeit für politische Parteien und Helmut Kohl wird aber von vielen Leuten bezweifelt.
Unter Führung der Presse lief das Programm: Da das Buch nicht vernichtet werden kann: Autorin vernichten. Ich habe CDU- und CSU-Politiker beraten und übrigens auch Wahlkampfhilfe für die FDP gemacht. In Hessen Anfang der 80er Jahre, während des dortigen Wahlkampfs, erhielt ich bei jeder Gelegenheit Geschenke. Ich bin dann bei der Partei in Wiesbaden vorgefahren, und habe gesagt: „Räumt mal den Kofferraum aus.“ Und da hieß es: „Frau Höhler, behalten Sie das doch! Das sind doch tolle Sachen.“ Da habe ich gesagt, Leute, mit mir könnt ihr das nicht machen.
Seite 2: „Merkel kippt Werte, wenn der Machterhalt das erfordert“











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