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 > „Arme sind häufig glücklicher als gierige Reiche“

Berliner Republik

Gertrud Höhler„Arme sind häufig glücklicher als gierige Reiche“

Interview mit Gertrud Höhler30. Oktober 2012
Andrej Dallmann/Cicero
Gertrud Höhler,Die Patin
„Wer arm ist, ist häufig glücklicher als der gierige Reiche“, sagt Gertrud Höhler
Schrift:

Braucht es Geld, um glücklich zu sein? Das fragte Cicero Online diejenige Glücksforscherin, die in diesem Jahr einen enormen politischen Bucherfolg feierte und dafür massiv kritisiert wurde: Gertrud Höhler. Die Autorin des Merkel-Buches „Die Patin“ spricht über Glücksbereitschaft, Armut und die Chancen von Peer Steinbrück

Seite 1 von 3

Frau Höhler, Sie sind eine der härtesten Kritikerinnen der mächtigsten Frau der Welt. Ihr Buch „Die Patin“ hat sich in der vierten Auflage schon über 160.000-mal verkauft. Fühlt sich so das Glück an?

Es war eher Überraschung. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es war ja auch so, dass die Autorin niedergemacht wurde. Der „Spiegel“ brachte den Satz, den dann alle abgeschrieben haben: Frau Höhler behauptet, wir gingen mit Merkel in eine Diktatur. Eine Vereinfachung, bei der du eigentlich sofort Widerspruch einlegen musst. Ich musste mich runterkühlen, musste mir sagen, so, jetzt liest du das Negative nicht mehr. Und dann begriff ich: Offensichtlich ist das auch eine Bedingung für Erfolg.

Dann kam das Glück also doch noch?
Erfolgsglück? Ja, doch, schon.

Doch eher wegen des Geldes, oder?
Erfolgsglück hat doch mit Geld erstmal gar nichts zu tun! Erfolg beruht auf Leistung, nicht auf Geldgier. Mit Büchern verdient man erst Geld, wenn es Millionenauflagen gibt. Ich bin in diesen Dingen so gleichgültig. Ich finde zum Beispiel meinen Vertrag mit dem Buchverlag gerade nicht mehr wieder.

Sie haben Ihre Karriere als bescheidene Glücksforscherin begonnen. Damals sagten Sie, das Geheimnis des Glücks sei eine Frage der Bereitschaft, mehr noch des Willens…
Das ist mir ganz wichtig. Glück zu empfangen, ohne die Bereitschaft dazu zu haben, ist schwierig. Es gibt dann eine Dynamik: Davon auszugehen, dass Menschen nicht verlässlich sind, wirkt wie eine Sogkraft für das Negative, das dann auch eintritt.

Sehen Sie diesen absoluten Willen zum Glück auch bei Angela Merkel?
Bei Merkel habe ich Momente gesehen, in denen sie wohl glücklich war. Aber dem ging eine so unglaublich tiefe Unsicherheit voraus: In der Elefantenrunde 2005, in der sich Schröder so aufgespielt hat, da flackerten auf ihrem Gesicht Furcht und Hoffnung, die ganze Zeit. Für sie war es existenziell, ob sie jetzt gewonnen hat. Bei ihrer Pressekonferenz hat sie dann einen fast übermütigen Eindruck gemacht.

Bildergalerie: Gertrud Höhler im Cicero-Online-Gespräch

Sie sagen: Nur, wer richtig will, kann auch das Glück empfangen. Im Umkehrschluss heißt das doch: Wer arm ist, unglücklich, wollte eben nicht richtig – und hat selbst Schuld.
Ihre Annahme des „glücklosen Armen“ teile ich nicht. Im Gegenteil: Wer arm ist, ist häufig glücklicher als der gierige Reiche, der ständig seinen Wohlstand vermehren will. Untersuchungen über den Glücksstatus von Menschen haben gezeigt: An der Spitze stehen die Bedürfnislosen. Weil sie nicht zerfressen sind von Neid und Gier. Das sind Gefühle, die etwas Zersetzendes für die Glücksfähigkeit haben.

Ist die Armutsdebatte bei uns also von Neid geprägt?
In Deutschland vergleicht man sich mit Leuten, mit denen der Vergleich destruktiv ist. Ich sage: Beneide nicht die falschen Leute! Du bleibst ewig unglücklich! Für die Glücksfähigkeit spielt eine Rolle, ob ich Vorbilder habe, die ich nicht einholen kann, oder ob ich danach suche, was mir am meisten Spaß macht.

In Ihrem Buch „Götzendämmerung – Die Geldreligion frisst ihre Kinder“ haben Sie vor allem das Geldstreben der wirtschaftlichen Elite kritisiert, in „Die Patin“ zerpflücken Sie Merkels Reich, also die politische Elite. Wo gibt es Parallelen zwischen diesen beiden Welten?
Erstens: bei der Frage nach dem Status. Für den sind Männer noch empfänglicher als Frauen. Zweitens: Rituale. Im Business ist es wichtig, wer öffnet mir die Autotüre, habe ich einen eigenen Lift in der Firma? Rituale gibt in der Politik genauso. Als die Grünen ihre ersten Ämter hatten und dann natürlich auch Limousinen, da sagte Helmut Kohl: „Die haben jetzt nur noch eines im Sinn – dass sie nie mehr am Straßenstand stehen und von den vorüberfahrenden Autos mit Dreck bespritzt werden.“ Das werde ich nie vergessen. Ich für meinen Teil habe diverse politische Ämter, die mir angeboten wurden – Ministerämter in den Ländern – stets abgelehnt. Ich fragte mich immer: Wie viel Freiheit verlierst du dadurch?

Ihre Beratertätigkeit für politische Parteien und Helmut Kohl wird aber von vielen Leuten bezweifelt.
Unter Führung der Presse lief das Programm: Da das Buch nicht vernichtet werden kann: Autorin vernichten. Ich habe CDU- und CSU-Politiker beraten und übrigens auch Wahlkampfhilfe für die FDP gemacht. In Hessen Anfang der 80er Jahre, während des dortigen Wahlkampfs, erhielt ich bei jeder Gelegenheit Geschenke. Ich bin dann bei der Partei in Wiesbaden vorgefahren, und habe gesagt: „Räumt mal den Kofferraum aus.“ Und da hieß es: „Frau Höhler, behalten Sie das doch! Das sind doch tolle Sachen.“ Da habe ich gesagt, Leute, mit mir könnt ihr das nicht machen.

Seite 2: „Merkel kippt Werte, wenn der Machterhalt das erfordert“

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Für ein bedingungsloses Grundeinkommen

Sieh an! Selbst Gertrud Höhler plädiert inzwischen für ein bedingungsloses Grundeinkommen, das ihrer Überzeugung nach auch Gestalt annehmen wird.
Also bestätigt sie die Aussage von Katja Kipping, der Vorsitzenden der Partei DIE LINKE.
Allerdings setzt sich auch der Gründer der dm-Dorgeriemarktkette, Götz W. Werner, seit langem für ein solches Grundeinkommen für alle ein, von der Wiege bis zur Bahre.
Nur mit einem solchen bedingungslosen Grundeinkommen ließe sich unser Sozialstaat (Artikel 20 Grundgesetz) wirklich gestalten, unsere jetzigen Einkommensverhältnisse sind mehr als unsozial!

  • Antworten
Yvonne Walden30.10.2012 | 17:52 Uhr

Wer lesen kann, ist im Vorteil

Frau Höhler tritt nicht für das Grundeinkommen ein. So sagt nur voraus, daß es kommen wird.
Soviel abstraktes Denken sollte doch drin sein, oder vielleicht doch besser BILD lesen...

  • Antworten
Otto Meyer05.11.2012 | 18:27 Uhr

Welchen Ansporn gibt es dann

Welchen Ansporn gibt es dann noch für Leistung? Warum soll man dann noch Aufgaben mit niedrigem Status annehmen?

Solche Ideen können nur von Wohlstandskindern wie den Piraten kommen, die auf nichts wirklich Lust haben und noch nie gearbeitet haben. Wir können uns nicht alle gegenseitig interviewen oder bunt anmalen.
Gehen Sie mal raus auf die Straße und fragen Sie den normalen Handwerker, Lehrer, Krankenschwester etc. danach, ob sie faulen Kindern den Volllohn für freischaffende Tätigkeiten nach Lust und Laune finanzieren wollen.

Diese Leute sind doch fern ab von der Realität.

Außerdem versteht man Frau Höhler so, dass sie diese Farce als Worst-Cace-Szenario versteht.

  • Antworten
Lisa12.11.2012 | 13:32 Uhr

wie immer, frau höhler, ein genuss ...

http://hinterwaldwelt.blogspot.de/2012/09/an-mein-herz-du-reaktionare-teufelin.html

http://hinterwaldwelt.blogspot.de/2012/09/die-teuflische-dogge-continued.html

  • Antworten
hardy30.10.2012 | 23:11 Uhr

In einer modernen

In einer modernen demokratischen Gesellschaft geht es ja nicht darum, zu bestimmen, wie jeder glücklich werden soll, sondern darum, jedem den dazu nötigen Handlungsspielraum zu garantieren. Das heißt zumindest die Möglichkeit zu haben, frei zu entscheiden, wie man sein Leben zu gestalten wünscht. Dazu muss man aber auch zumindest ein Dach über dem Kopf haben, und für seine Ernährung bzw. sein Gesundheit aufkommen zu können. In einer modernen Gesellschaft wie in Deutschland würde ich noch Zugang zu Transport- und Kommunikationsmitteln, und allgemien zu Information (und das setzt wiederum ein Mindestmaß an Bildung voraus) dazurechnen.
Was dann jeder daraus macht, bleibt jedem einzelnen überlassen; und wie er sein Glück definieret auch.
Wie glücklich jeder Einzelne in Nordkorea oder im Darfur ist (um es etwas karikatural auszudrücken), ist philosophisch bzw. politisch betrachtet uninteressant.

  • Antworten
athe02.11.2012 | 07:53 Uhr

Grundeinkommen

"Wo sind sie, die passionierten, empathischen Politiker?"

Na bei den Piraten. Diese sind schon jetzt für ein bedingungsloses Grundeinkommen und damit Abschaffung der gesamten Sozialverwaltungsbürokratie.

  • Antworten
Thorsten Schulte06.11.2012 | 11:48 Uhr

Reich-reicher-am reichesten ?

Menschen sehnen sich nach Vergnügen, Geld und Ansehen, auch wenn sie für Sie und mich unterschiedlich wichtig sind. Für den einen ist das vor allem Ansehen. Anerkennung und Ruhm. Dem anderen würde es reichen, in Ruhe zu genießen.

Was ist Reichtum? Platon hat einmal gesagt: wer sich reich fühlen will, muss nicht den Besitz vermehren, sondern den Bedürfnisse vermindern.

Man hat außerdem noch verschiedene Dimensionen des Reichtums. Harry Palmer nennt z.B. vier Motive, die Menschen anspornen: Sex, Geld , Macht und Seligkeit. Erkennbar für Sie?

Reichtum ist viele Gesichter, wobei, glaube ich, nur eine persönliche Antwort in einer persönlichen Situation zählt. Reichtum ist nicht nur ein objektiver Zustand sondern auch ein Erlebnis und sogar die Einstufung Ihrer eigenen Situation: Man ist reich, wenn man sich reich fühlt.
Ich fasse Reichtum in zwei Dimensionen zusammen: einer finanziellen und einer emotionellen. In diesen zwei Dimensionen entstehen vier Positionen. Menschen, die sowohl finanziell als auch emotionell reich sind, nenne ich Wohltäter. Sie haben die Möglichkeit, sich selbst Erkennung zu geben. Das sind Gewinner. Finanziell reiche, emotionell aber arme Menschen grabschen oft. Sie können nichts anders. Er ist ihre Art, um ein bedeutungsvolles Leben zu gestalten. Finanziell arme, emotionell aber reiche Menschen nenne ich Genießer. Es handelt sich hier um Zufriedenheit und inspiriertes Leben. Finanziell und emotionell arme Menschen kränken oft. Hier entsteht Verhaltensspaltung: Hass säen: Konflikt kreiert Komfort.

Ich finde es verlockend, um zusätzlich zu schauen, was Macht mit Menschen finanziell und emotionell macht. Schiebt die Macht Sie mehr in Richtung der emotionellen Armut oder verstärkt die Macht die jeweilige Position, die Sie schon hatten: jemand, der immer gegeben hat, beginnt mehr zu geben?

  • Antworten
Proffrans25.11.2012 | 10:50 Uhr

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