Während sich in der FAZ dieser Tage konservative Wut über Merkels Europapolitik Bahn bricht, geht die SPD einen waghalsigen Schritt: Der Vorschlag von Habermas, Nida-Rümelin und Bofinger einer politischen Union und einer Vergemeinschaftung der Schulden ist überfällig
Kommt vielleicht doch aus scheinbar heiterem Himmel ein überfälliger Diskurs in Gang? Wie der Zufall – oder war es Regie? – so will, wurde jüngst eine wütende Polemik gegen Angela Merkel publiziert, die man in solcher Schärfe noch nicht gelesen hat („Das System M“, 3. August 2012, FAZ).
Tags darauf erschien an gleicher Stelle, nämlich als Aufmacher im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ein fulminanter Text zu Europa. Es war die pointierteste Kritik am „Versagen einer perspektivlosen Politik“, die man bislang lesen konnte, weil sie mit ihren umfangreichen Rettungsprogrammen und kaum noch zu zählenden Krisengipfeln die Situation des Euro-Raumes in den beiden vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert habe. Schuld sei die Bundesregierung, weil ihr der Mut fehle, „einen unhaltbar gewordenen Status quo zu überwinden“.
Der erste Text stammt aus der Feder Gertrud Höhlers, einer emeritierten Literaturprofessorin, die sich nicht ungern als Beraterin Helmut Kohls titulieren ließ und demnächst ein Buch über die Kanzlerin unter dem kennzeichnenden Titel „Die Patin“ veröffentlicht. Den zweiten Text haben die Professoren Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin und Peter Bofinger gemeinsam formuliert. Die Pointe daran ist, dass der Vorsitzende der SPD, Sigmar Gabriel, die kühne Idee hatte, den Sozialphilosophen Habermas um einen Beitrag für das Regierungsprogramm seiner Partei zu bitten – woraus sich dann der Essay der drei Autoren entwickelte unter der Überschrift: „Einspruch gegen die Fassadendemokratie.“ (FAZ vom 4. August 2012) Dieser Aufsatz läuft am Ende darauf hinaus, in Europa den nächsten großen Integrationsschritt zu wagen, eine politische Union anzusteuern und dann auch die Schulden – unter Bedingungen – solidarisch zu vergemeinschaften, weil sonst das Euro- und Europa-Projekt zu scheitern drohe.
Prompt hat Gabriel den Ball aufgegriffen und sich öffentlich zu einer solchen Vergemeinschaftung der Schulden bekannt – nun mit der Rückenstärkung prominenter Wissenschaftler ausstaffiert. Ein gelungener „Doppelpass“, wie Fußball-Freunde sagen. Reflexartig folgte natürlich die Reaktion von FDP, CSU und CDU, die geradezu hohnlachend dem SPD-Chef viel Glück beim Sammeln von Wählerstimmen für dieses Vorhaben wünschten, bei dem angeblich die Deutschen – wieder mal! – die Rechnung für das Versagen der Südeuropäer zahlen müssten.
Es fällt schwer, wie ich zugeben muss, beide inspirierenden Texte – die nun auch zufällig in der FAZ erschienen – nicht in einem Kontext zu lesen. Dennoch liefern den ungleich wichtigeren Beitrag natürlich Habermas sowie der Kulturphilosoph Nida-Rümelin und der Ökonom Bofinger.
Es geht gar nicht darum, ob man Gertrud Höhler in allen Punkten applaudiert, ja man kann für einen Moment die Frage sogar beiseite lassen, weshalb sie in einem geradezu überschießenden Maße ins Gericht mit der Kanzlerin geht. Natürlich schwingt da auch eine kulturkonservative Enttäuschung darüber mit, dass die Frau aus dem ehemals kommunistischen Osten – Merkel – die bürgerliche Wertewelt nicht begriffen hat und quasi nach Belieben und Marketing-Lage Politiken aus dem Regal zieht und anbietet, die gerade gut zu gehen versprechen. Richtiges und Falsches mischen sich dabei auf geradezu extreme Weise.
Die Irrtümer beginnen damit, dass Gertrud Höhler Angela Merkel mit Kohl auf eine Ebene stellt und suggeriert, die „Ego-Karriere“ – sprich: Macht – gehe ihr über alles. Keiner ihrer Vorgänger oder Kollegen habe das Tableau seiner Themen „so entschieden unter eine Prämisse gestellt, den persönlichen Machterhalt, wie Angela Merkel“. Genau das aber möchte man, trotz ihres Instinkts für Machterhalt, bezweifeln. Persönliche Karriere ist ihr nicht alles. Man kann auch nicht im Ernst behaupten, „Anklänge“ an die Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts bei ihr herauszuhören. Für die Marginalisierung der Parteien oder die Randständigkeit des Parlaments gibt es andere Gründe, das ist nicht einfach Frau Merkel anzulasten. Zudem schwankt die Autorin selbst, ob sie die vermaledeite Regierungschefin als total wertrelationistisch geißeln oder ihr „autoritären Sozialismus“ unterstellen soll. Eines von beiden geht nur.
Seite 2: Siebzig Prozent der Deutschen applaudieren der Politik der Kanzlerin











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