Meine Schülerin Merkel - „Angela war hochbegabt”

Erika Benn erinnert sich, wie sie ihrer Schülerin Angela Merkel Russisch beibrachte. Und, dass sie weinen musste, als Angela die Spracholympiade gewann.

Angela Merkel, Angela Kasner, Polytechnische Oberschule Templin, 10. Klasse
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Constantin Magnis ist Chefreporter bei Cicero

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„Ich erinnere mich noch gut an Angela. Ein schlankes, sehr schlankes Mädchen. Ich lernte sie kennen, als sie 14 war, sie ging in die 8. Klasse der Oberschule in Templin, und ich habe neben der Schule einen freiwilligen Russisch-Unterricht angeboten. Das hatte die Abteilung Volksbildung organisiert, es nannte sich Russisch-Klub. Jeden Sonntag trafen wir uns in meiner Wohnung.

Angela war das, was man heute hochbegabt nennen würde, aber den Ausdruck gab es seinerzeit nicht. Bei uns hieß das einfach: sehr gut. Und die Angela – die damals noch Angela Kasner hieß – war richtig gut. Das lag vor allem an ihrem Fleiß und ihrem Wollen. Sie war ehrgeizig und hat zum Beispiel nie Grammatikfehler gemacht. Ich hatte nie Ärger mit ihr, und sie hat immer die Texte gelernt, auch Texte über Lenin, wenn das dran war.

Was sie aber erst lernen musste, war freundlich zu sein. Na klar, sie war sehr ernst – und nicht so aufgeschlossen wie ihre Mutter, die ja eine sehr fröhliche Person war. Ich hab zur Angela gesagt: ‚Kannst du nicht mal ein bisschen fröhlich sein und ein bisschen lustig sein? Mal ein paar Bewegungen machen oder so?‘ Dann hat sie nüscht gesagt, aber sie wird das schon verinnerlicht haben. Denn bei der Spracholympiade hat sie dann trotzdem die volle Punktzahl bekommen, und Punkte gab es auch für das Auftreten. Diese Spracholympiade hat die Angela damals in der Schule gewonnen. Dann kam die Olympiade für den Kreis Templin, die hat sie auch gewonnen. Dann kam der Bezirk Neubrandenburg, den hat sie auch gewonnen. Und schließlich hat sie sogar in Berlin gewonnen.

Aber nach der Olympiade hab ich Ärger bekommen. Auf einer Parteiversammlung sind Schulergebnisse ausgewertet worden. Und dieser eine Schulrat sagte ganz wütend, es wäre ja keine Kunst, Arzt- und Pfarrerskinder zu fördern. Es war eben wichtig, Arbeiter- und Bauernkinder zu fördern. Ich stotterte irgendwas wie: ‚Ich kann ja nichts dafür, wenn die so gut ist.‘ Dann habe ich ein bisschen geheult. Sitzen Sie mal in so einer Parteiversammlung! Und ich war auch noch jung, ist ja fast 50 Jahre her.

Jedenfalls habe ich nie wieder Pfarrerskinder unterrichtet, die so gut waren wie sie. Ihren Bruder Marcus hätte ich gerne zu mir genommen, aber der ging lieber in den Mathe-Klub. Ich habe Angela noch zweimal in Templin wiedergesehen. Aber als wir das letzte Mal Ehemaligentreffen machen wollten, sagte ihr Vater gleich, dass sie als Kanzlerin dermaßen viele Einladungen hat, dass sie sicher nicht teilnehmen kann. Das sehe ich auch ein.

Eigentlich hat sie sich seit der Schule nur wenig verändert. Sie ist immer noch ehrgeizig. Aber sie hat dazugelernt. Als sie noch als Kohls Mädchen auftrat, war sie schüchtern wie damals. Heute macht sie das viel besser. Sie ist auch spritzig, auf eine gewisse Art. Wenn sie angegriffen wird, kann sie richtig zurückschlagen. Ob ich mit Merkels Politik zufrieden bin? Na ja. Ich war ja früher für die PDS im Kreistag, jetzt bin ich bei den Linken. CDU ist CDU, und Links ist Links.“

Aufgezeichnet von Constantin Magnis.

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