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Berliner Republik

FDPAm liberalen Abgrund

Von Christoph Seils26. September 2011
picture alliance
Philipp Rösler, Liberale, FDP, Krise
Es wird ernst für Rösler.
Schrift:

Die FDP steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Den Liberalen fehlt führungsstarkes Personal und sie finden ihre Rolle in der schwarz-gelben Regierung nicht. Diese Woche wird es für Rösler und Co richtig ernst. Ist die FDP noch zu retten?

Seite 1 von 2

Es war relativ still um die FDP in der vergangenen Woche. Und das lag nicht daran, dass der Papst in Deutschland zu Besuch war und im Lande Luthers die Botschaft der Nächstenliebe verbreitet hat.  Vielmehr sitzt der Schock bei den Liberalen tief nach dem dramatischen Desaster bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin vor acht Tagen. Das Ausmaß der Niederlage hat offenbar alle liberalen Besserwisser verstummen lassen. Weder waren anschließend einfache Schuldzuweisungen zu hören, noch eilig formulierte Rücktrittsforderungen. Selbst die Kritiker des Eurorettungsschirms, die in der Woche zuvor noch lautstark eine Mitgliederbefragung gefordert hatten, sind offenbar nachdenklich geworden.

Stattdessen hat nach Berlin wohl auch der letzte FDP-Politiker verstanden: Es geht für seine Partei längst um mehr, als um die Frage, ist Philipp Rösler der richtige Parteivorsitzende? Wäre es jetzt nicht an der Zeit, dass sich der liberale Außenminister und Ex-Parteichef Guido Westerwelle ganz aus der Politik zurückzieht? Selbst die Frage, ob es der FDP gelingt, noch in dieser Legislaturperiode in der Bundesregierung eine Steuersenkung durchzusetzen und damit ihr zentrales Versprechen des letzten Bundestagswahlkampfes, ist längst zweitrangig geworden.

Stattdessen starrt die ganze Partei darauf, wie sich die Bundesregierung in dieser Woche schlägt. Denn wenn der Bundestag am kommenden Donnerstag über den Euro-Rettungsschirm abstimmt, dann entscheiden die Abgeordneten der Regierungsparteien nicht nur über die Zukunft Griechenlands, sondern über das Schicksal der schwarz-gelben Koalition. Für die FDP stellt sich zugleich die Existenzfrage, die Liberalen blicken in den politischen Abgrund.

[gallery:Szenen einer Ehe – Bilder aus dem schwarz-gelben Fotoalbum]

Die Wähler haben kein Vertrauen mehr in die FDP. Der personelle Neuanfang, den die Liberalen im Frühjahr eher halbherzig vollzogen haben, hat nicht die erwünschten Resultate gebracht. Am vergangenen Sonntag ist die Partei stattdessen in Berlin vom Wähler mit einem Stimmenanteil von nur noch 1,8 Prozent faktisch pulverisiert worden. Der Versuch, im Wahlkampfendspurt mit plumpen antieuropäischen Ressentiments und populistischer Europa-Kritik zu punkten, hat die Glaubwürdigkeit der Liberalen zusätzlich und nachhaltig beschädigt.

Zwar ist Berlin kein liberales Stammland, die FDP hatte es hier schon immer schwer. Bereits zum fünften Mal seit 1949 hat die Partei den Einzug in das Abgeordnetenhaus verfehlt.  1995 und 1999 kam sie auch nur auf 2,5 beziehungsweise 2,2 Prozent. Vor allem in Ostberlin haben es die Liberalen traditionell schwer . Aber trotzdem hat niemand in der FDP mit einem Sturz auf das Stimmenniveau von NPD oder Tierschutzpartei gerechnet.

Zum Abschluss des Superwahljahres versetzte Berlin den Liberalen damit einen letzten dramatischen Tiefschlag. Schon zuvor war die FDP 2011 aus den Landtagen von Rheinland-Pfalz, Bremen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern geflogen. In ihrem Stammland Baden-Württemberg gelang der Partei mit 5,3 Prozent nur denkbar knapp, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen.  Für die Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition im Stuttgarter Landtag reichte dies nicht. Der Trend ist eindeutig. Und es gibt wenig Hoffnung, dass sich dieser bei der einzigen Landtagswahl des kommenden Jahres in Schleswig-Holstein umkehren könnte. Auch dort steht Schwarz-Gelb vor der Abwahl und die FDP vor dem landespolitischen Aus.

Natürlich ist es richtig, die FDP hat schon viele Krisen und manche dramatische Abstürze in der Wählergunst erlebt. Die Partei kämpft nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte ums Überleben. Nach der Wende von 1982 zum Beispiel wandten sich viel enttäuschte sozialliberale Wähler von der FDP ab. Nur mit Hilfe einer massiven Zweitstimmenkampagne der Union konnte die Partei überleben. Auch in der Endphase der Kohl-Ära Mitte der 1990er Jahre war die FDP reihenweise aus Landtagen geflogen. Auch damals läuteten viele Kommentatoren bereits die liberalen Totenglocken. Doch der FDP gelang es, sich als wirtschaftsliberale Partei politisch neu zu erfinden, sich personell neu aufzustellen und neue Wähler zu mobilisieren.

Kein Wunder also, dass auch in der aktuellen Krise viele Kommentatoren der FDP empfehlen, sich auf ihre alten Stärken zu besinnen. Sie soll auf traditionelle liberale Inhalte besinnen, auf einen populären Außenminister setzen sowie ihre Rolle als Funktionspartei im politischen System betonen.

Doch die alten Rezepte helfen der FDP in ihrer aktuellen Krise kaum weiter.

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Wie schon so oft, sind

Wie schon so oft, sind Abgesänge auf die einzige liberale Partei Deutschlands zu vernehmen. Doch zu früh gefreut. Deren Werte überdauern schon ein mehr als ein Jahrhundert. Mit internetaffininen "Piraten" oder liberbertär - träumerischen - Grünen können die vereinigten Staaten von Europa, nicht in das 21. Jahrhundert geführt werden. Was die Europäer von den Deutschen ersehnen, ist die provokativ erfrischende - Achtung - paradoxe! und immer wieder neue Erfahrung der Freiheit.

  • Antworten
Staatsbürger27.09.2011 | 02:58 Uhr

Warum wählt man FDP?

Acht Millionen Deutsche haben die FDP vor zwei Jahren gewählt. Das waren immerhin halb so viele Wähler wie die CDU hatte. Diese Wähler wollten und wollen, dass der Staat solide wirtschaftet und ihnen nicht Jahr für Jahr mehr Geld für sich, seine Umverteilungssysteme und nun noch für Eurorettungen aus den Taschen zieht. Die CDU fand es eine gute Idee, der FDP im Koalitionsvertrag viel zuzugestehen, um wenige Monate später unter Verweis auf die Kassenlage die Umsetzung zu blockieren. Dass die FDP in der Wählergunst so stark gefallen ist, liegt an der Enttäuschung darüber, wie wenig sie in der Koalition durchgesetzt hat. Sie hätte der CDU den Bettel längst vor die Füße werfen müssen. Dann hätte sie die Achtung ihrer Wähler behalten. Dagegen steht die Sesselkleberei der Funktionsträger und deren Selbstberuhigungsmantra, sie könnten Schlimmeres verhindern.

In der Eurokrise wiederholt sich dieses unwürdige Spiel. Die wenigen Liberalen, die ordnungspolitische Grundsätze für wichtiger halten, als schuldenbasiertes Durchwursteln, werden von den Funktionären, die ihre Pöstchen nicht infrage stellen lassen wollen, kaltgestellt. (Währungs-)Euro Skeptikern wird Eurpoafeindlichkeit unterstellt, obwohl sich doch gerade der Euro zu einem Unterfangen entwickelt, dass die Freiheit der Völker Europas in Frage stellt. Dass eine in dieser zentralen Frage hoffnungslos hin- und herschwankende Partei nicht wählbar ist, verwundert keinen. Dass eine der Merkel-CDU nur noch brav und unauffällig assistierende und dabei eigene Positionen tonnenweise über Bord werfende FDP wählbarer sein sollte, würde zumindest mich sehr wundern. Wenn ich etatistisch-machiavellistisches Herumlavieren wählen will, wähle ich doch Frau Merkels CDU gleich direkt. Aber warum sollte ich das? Die FDP-Wähler der letzten Bundestagswahl würden einer konsequenteren FDP, für die derzeit Frank Schäffler steht, wieder ein zweistelliges Wahlergebnis geben. Diesem Haufen verscheuchter Jungfunktionäre aber nicht.

  • Antworten
Karl Schade27.09.2011 | 13:21 Uhr

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