AfD-Kandidatin Beatrix von Storch - Ihr Hauptberuf ist Protest

Beatrix von Storch ist ein einflussreiches Mitglied der neuen Partei „Alternative für Deutschland“ und kandidiert bei der Bundestagswahl im September als Direktkandidatin für Berlin-Mitte

Beatrix von Storch
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Zwei gegen eine, es sieht schlecht aus für Beatrix von Storch. Mittagspause auf einem Wirtschaftssymposium, 20 Minuten, um beide zu bezwingen: Sie muss das kleckernde Eier-Shrimps-Brötchen in ihrer Hand aufessen und den widerspenstigen Mann von der belgischen Botschaft vor ihr niederdiskutieren. Der Belgier widerspricht ihrer These, der Euro habe Deutschland wirtschaftlich geschadet. Er ahnt nicht, mit wem er sich angelegt hat.

Auch wenn die zierliche Frau mit dem Tweed-Jackett nicht so aussieht: Beatrix von Storch ist eine der wirkmächtigen Gegnerinnen der Euro-Rettungspolitik und als Vorsitzende des Vereins „Zivile Koalition“ eine der einflussreichen konservativen Netzwerkerinnen des Landes. In der kommenden Viertelstunde haut sie dem Belgier Argumente um die Ohren, rattert Zahlen herunter, und irgendwann starrt er nur noch betroffen schweigend auf den Tisch. Von ihrer Buffet-Schnitte bleibt lediglich ein einsamer Shrimp am Tellerrand übrig. Zwei zu null für Beatrix von Storch.

Berlin, ein Saal der Technischen Universität. Auf dem Programm steht ein „intimer Gedankenaustausch“ über eine europäische Bankenunion. Während auf dem Podium der Direktor der Europäischen Zentralbank, Yves Mersch, die Idee als „Vollendung der Währungsunion“ bewirbt, macht sich von Storch im Publikum Notizen, bald ist ihr Papier gesprenkelt mit strengen Ausrufe- und Fragezeichen. Immer wieder schnaubt sie verächtlich, tippt sich an die Stirne oder zischt: „Wenn ich so einen Unfug höre, geht mein Puls auf 180.“ Die Skepsis beruht auf Gegenseitigkeit. Als von Storch sich nach dem Vortrag das Mikrofon greift, werden die Lippen des EZB-Direktors schmal. Das liegt nicht nur an ihren kritischen Fragen. Vergangenes Jahr hat von Storch 5127 Unterschriften für eine Massenklage gegen die EZB und deren Ankündigung gesammelt, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen. Im Januar hat das Gericht der Europäischen Union die Klage angenommen. Nicht, dass sie große Chancen hätte. Aber von Storch geht es bei dem, was sie tut, weniger um Punktsiege und mehr um Prinzipienverteidigung. Mehrheiten hatte sie bisher nicht auf ihrer Seite, den Zeitgeist auch nicht, vielleicht liegt das in der Natur bürgerlich-konservativer Grabenkämpfe.

Als Herzogin von Oldenburg wird sie 1971 geboren. Ihr Vater hat als Nachgeborener der Fürstenfamilie kein Vermögen und verdient sein Geld als Bauingenieur. Als sie Mitte der Neunziger Jura studiert, begeistert sie ihr späterer Mann Sven von Storch für die Politik. Sie gründen den Verein „Allianz für den Rechtsstaat“ und machen dagegen mobil, dass Kohl die Enteignungen der DDR-Bodenreform anerkennt. Der Kanzler hatte dafür die Verfassung ändern lassen – unter fadenscheinigen Vorwänden, ist sie überzeugt.

Ihre Familie hatte nie Grundbesitz im Osten, aber der Rechtsstaat, sagt sie, ist wie ein Schirm: „Hat der ein Loch, werden erst die nass, die direkt darunterstehen, aber irgendwann kriegen wir alle nasse Füße.“ Zu verhindern, dass der Rechtsstaat auf Kosten individueller Freiheitsrechte aufgeweicht wird, sagt die Juristin, sei bis heute ihr Antrieb, auch beim Kampf gegen die Euro-Rettungspolitik. Darum demonstriert sie damals tagelang im Bonner Regierungsviertel, verteilt Flugblätter auf dem CDU-Parteitag, sammelt per Post Petitionen, lernt, wie man Menschen mobilisiert.

Inzwischen führt sie mit ihrem Mann in Berlin ein 14-köpfiges Protestunternehmen rund um ihren 2004 gegründeten Kampagnenverein „Zivile Koalition“, der heute Vorreiter im Widerstand gegen den Euro-Rettungskurs ist. Knapp hunderttausend Unterstützer hat sie, ihre Adresskartei schätzt sie auf das Zehnfache. Daneben trommelt die angeschlossene „Initiative Familienschutz“ für das Betreuungsgeld und gegen die Homo-Ehe, der hausinterne Thinktank „Institut für strategische Studien“ entwickelt Argumente, die eigene Online-Zeitung Freie Welt spielt sie nach draußen, und die Website „Abgeordnetencheck“ übt Druck auf Parlamentarier aus, allein seit 2011 gingen 1,7 Millionen ­E-Mails über die Plattform an den Bundestag. Eigentlich ist von Storch Anwältin, inzwischen ist Protest ihr Hauptberuf.

An ihren Truppen kommt heute keiner mehr vorbei, der außerhalb der Union im konservativen Lager etwas bewegen will. Der „Berliner Kreis“ der CDU konsultierte ihr Netzwerk, die Freien Wähler holten sie sich für Demos ins Boot. Die Gründung der neuen Partei „Alternative für Deutschland“ begleitet sie, bei der Auftaktveranstaltung in Oberursel saß Beatrix von Storch wie selbstverständlich auf dem Podium, auch wenn ein Parteiamt für sie nicht infrage kommt. Die Zivilgesellschaft brauche neutrale Repräsentanten, die keine Rücksicht auf parteipolitische Strategien nehmen müssten und sich ausschließlich an Sachthemen orientierten, sagt sie: „Das ist unsere Aufgabe.“

Sie ist sich nicht sicher, ob die AfD eine Zukunft als eine Art deutsche Tea Party hat. Sie hoffe es, aber es widerspräche, sagt sie, allen bisherigen Erfahrungen konservativer Parteigründungen. Eigentlich will sie die neue Partei gar nicht konservativ nennen, mit dem Begriff kann sie nichts mehr anfangen, seit Angela Merkel sich selbst so nennt. Im Flur ihres bunt gestrichenen Hauptquartiers hängt ein Gruppenfoto der Belegschaft. Alle grinsen breit in die Kamera. Alle formen mit den Händen dasselbe Zeichen: die Merkel-Raute. Es sieht aus, als wollten sie zusammen einen Geist bannen. 

 

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