Gesundheitsvorsorge - Abtreibung ist ein Frauenrecht

In Ländern wie Italien und Spanien wird Frauen eine Abtreibung immer schwerer gemacht. Auch in Deutschland wird diese Hilfe Frauen in Nöten häufig versagt. Dagegen hilft nur eines: ein Recht auf den Schwangerschaftsabbruch. Ein Beitrag in Kooperation mit dem Tagesspiegel

Aktivistinnen von Femen skandieren in Berlin Slogans gegen christliche Demonstranten, die die Abtreibung verbieten wollen
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Andrea Dernbach arbeitet für den Berliner Tagesspiegel.

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In Italien ist in der vergangenen Woche eine Debatte über die Odyssee einer Schwangeren in Rom entbrannt. Die Frau wollte eine (legale) Spätabtreibung, nachdem im fünften Schwangerschaftsmonat feststand, dass der Fötus unheilbar krank war und seine Geburt kaum überleben würde. Doch sie traf zunächst nur auf Ärzte, die sich als Abtreibungsgegner zu erkennen gaben. Schließlich bekam sie einen Termin in einer Klinik – und erlebte dort die Abtreibung unter entwürdigenden Bedingungen, wie sie schreibt. Hilfe des Personals null, die letzte Phase spielte sich unter großen Schmerzen in einer Toilette ab.

Die Sache ist nicht letztlich geklärt. Nach Darstellung des Krankenhauses stützen dessen Unterlagen die Darstellung der Frau nicht.

Spaniens Regierung will die Uhren zurückdrehen


Klar ist allerdings die Statistik: In Italien, das seit 35 Jahren den Schwangerschaftsabbruch unter Bedingungen erlaubt, unterläuft die Praxis die Rechtslage. Zwei von drei Frauenärzten in der Lombardei verweigern Abtreibungen und geben dafür Gewissensgründe an, in Latium, der Region um Rom, sind es sogar über 90 Prozent der Ärzte. Tendenz seit Jahren steigend.

Spaniens konservativer Regierung geht der italienische Schleichweg anscheinend zu langsam, dort werden die Uhren jetzt per Gesetz zurückgedreht. Vor einem Monat nahm ein Entwurf im Parlament die erste Hürde, mit dem Abtreibung wieder verboten wird wie in alten Zeiten: Nur nach einer Vergewaltigung oder bei Gefahr für die Gesundheit der Schwangeren soll sie noch möglich sein. Alles Geschichten aus dem Süden, der halt immer noch mindestens tief kulturkatholisch ist. Möchte man meinen.

Doch der Finger gegen die Kirchen zeigt auf den kleineren Teil des Problems, was sich gut aufzeigen lässt am Wachstum der Verweigerung. Man kann mit guten Gründen zweifeln, dass all diese Mediziner ihr Gewissen treibt. Wo der Chefarzt etwas gegen Abtreibung hat, werden es andersdenkende und -praktizierende Kolleginnen mindestens schwer haben – wenn sie denn eingestellt werden. Wo Abtreibung aber zum Karrierehindernis wird, ist es irgendwann auch schwierig, dafür ausgebildet zu werden. So wächst die Zahl der Refuseniks unaufhörlich. Ob ihnen tatsächlich das Gewissen schlägt oder die Angst um den Job oder die vor Kunstfehlern sie abhält, spielt für hilfesuchende Frauen keine Rolle.

Und das ist kein Problem nur des EU-Südens. Schwangerschaftsberaterinnen hierzulande kennen ebenfalls Gegenden, in denen ein legaler Abbruch unmöglich ist, auch außerhalb des Bistums Köln, wo 2012 zwei katholische Krankenhäuser einer vergewaltigten Frau die Pille danach verweigert hatten. Den Konflikt, in den Frauen sowieso durch die Entscheidung für oder gegen ein Kind geraten, kann ihnen niemand abnehmen. Den politisch gemachten oder gewollten schon. Indem man ihnen etwa den Zugang zu Medikamenten ermöglicht – der neue Gesundheitsminister Gröhe will weiter die Rezeptpflicht für die Pille danach – und sie nicht von Gewissensentscheidungen anderer abhängig macht, die auch ehrlich sind und respektiert werden müssen.

Warum ist Abtreibung, auch in Deutschland, noch immer ein Delikt?


Gegen die gemachten Konflikte hilft nur eins: Abtreibung müsste ein Recht der Frauen werden. Sie ist aber auch in Deutschland noch immer rechtswidrig. Seit das Verfassungsgericht die Fristenlösung kippte, mit der die sozialliberale Koalition im April 1974 Abtreibung in den ersten drei Monaten freigeben wollte, hat sich daran im Kern nichts geändert. Kein weiteres Kind wird geboren, keines „gerettet“, wo Abtreibung verboten ist oder geächtet wird. Der strafende Blick oder das strafende Gesetz erhöhen nur die Risiken für Ärztinnen und Schwangere. Und es ist und bleibt ein Unding, den Fötus gegen die Frau verteidigen zu wollen, in der er heranwächst.

Weil das so ist und weil das praktisch alle wissen, die mindestens in unserem Teil der Welt seit Jahrzehnten ausführliche Debatten darüber erlebt haben: Warum ist Abtreibung, auch in Deutschland, noch immer ein Delikt und nicht, wie es eine italienische Ärztin formulierte, „Teil der öffentlichen Gesundheitsversorgung“? Die Antwort könnte lauten: Weil ein Verbot nichts kostet und hohe Punktzahlen auf dem Konto „werte“-orientierter Politik bringt.

Im schlechteren Falle: Weil es Frauen sind, die schwanger werden können, und weil auch im Frühherbst des Patriarchats, in dem wir hoffentlich angekommen sind, die volle Souveränität von Frauen noch unerträglich scheint. Das ist das dickste aller Bretter. Vierzig Jahre waren nicht genug, es zu durchbohren.

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