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Berliner Republik

„Rheinische Preußin“

Von Jürgen Zurheide1. Februar 2011
Wie "Hanni und Nanni": NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (links) und Sylvia Löhrmann
Wie "Hanni und Nanni": NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (links) und Sylvia Löhrmann
Schrift:
Mit viel Sachverstand und wenig Ideologie geht die Grüne Sylvia Löhrmann die Schulprobleme des Landes NRW an. Die rot-grüne Minderheitsregierung in Düsseldorf ist bisher, allen Unkenrufen zum Trotz, erstaunlich erfolgreich.
Selbst notorischen Spöttern unter den nordrhein-westfälischen Grünen fällt zu Sylvia Löhrmann eigentlich nur Positives ein. Sie beschreiben sie als pragmatisch, vernünftig, ausdauernd oder entschlossen. Kritisch angemerkt wird allenfalls, sie gebe nur zögerlich eigene Positionen preis, wirke beim ständigen Moderieren manchmal langweilig und bleibe im Übrigen persönlich eher unnahbar. Dieses Bild steht in auffälligem Kontrast zu etlichen Schlagzeilen, die Sylvia Löhrmann und Hannelore Kraft zu den Politaufsteigerinnen des abgelaufenen Jahres erklärten. Als „Hanni und Nanni“ der deutschen Politik sahen sich die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin und ihre Stellvertreterin da apostrophiert, zwei ungleiche, aber höchste erfolgreiche Politzwillinge, die es gemeinsam geschafft haben, CDU-Mann Jürgen Rüttgers nach nur einer Legislaturperiode wieder aus dem Amt zu boxen und eine Neuauflage von Rot-Grün zu versuchen. Tatsächlich hat Löhrmann ganz entscheidend dazu beigetragen, dass es im vergangenen Sommer zum Minderheitsbündnis am Rhein gekommen ist. Wochenlang hatte man in Düsseldorf vergeblich versucht, im neuen Parlament eine stabile Mehrheit für eine Regierung zu finden. Als Rüttgers in der Staatskanzlei prüfen ließ, wie weit die Befugnisse einer geschäftsführenden Regierung gehen, und glaubte, noch lange Zeit ausharren zu können, erkannte die Grüne schneller als die Sozialdemokratin, dass man jetzt kompromisslos handeln müsste. Während Kraft noch darauf setzte, Rüttgers aus dem Parlament heraus zu einem Politikwechsel zu treiben, plädierte Löhrmann plötzlich für eine Minderheitsregierung – die beide Parteien vorher eigentlich ausgeschlossen hatten. Die Art und Weise, wie dieser Schwenk vorbereitet wurde, sagt viel über die Politikerin Löhrmann. Sie hatte intern akribisch prüfen lassen, was eine Minderheitsregierung kann, und war zu dem Schluss gekommen: Sie kann viel. Während Kraft noch zögerte, ging sie an die Öffentlichkeit und setzte ihre Wunschpartnerin unter Druck. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sich Rüttgers in der Staatskanzlei einrichtet.“ Zwei Tage später hatte sie Hannelore Kraft wieder an ihrer Seite, das Duo wagte das Experiment. Weil sich die Linken enthielten, reichten die 90 Stimmen von Rot-Grün. Die Sozialdemokratin wurde zur ersten Regierungschefin des größten Bundeslands gewählt, Löhrmann durfte in das Schulministerium einziehen, sie erhielt zur Belohnung den Titel „stellvertretende Ministerpräsidentin“. Seither hat Rot-Grün keine Abstimmung verloren und erstaunlich oft mit unerwartet bunten Mehrheiten neue Akzente in der Politik gesetzt; mithilfe der CDU die Kommunen gestärkt und dann wieder mit der Linken die von Schwarz-Gelb einführten Kopfnoten auf den Schulzeugnissen abgeschafft. Dass sie jetzt mit einem repräsentativen Dienstwagen vorfährt, berührt sie wenig. „Ich mache mir nichts aus Autos, das ist mein rollendes Büro“, sagt sie. „Die einzige Ausnahme ist unser kleines privates Wohnmobil, mit dem wir in den Ferien am liebsten nach Schweden oder England fahren.“ Ein anderes Auto gibt es für sie und ihren langjährigen Lebensgefährten nicht, der ebenfalls aktiver Grüner ist und im Bauministerium arbeitet. Bis zum Amtsantritt hat sie die Bahn aus ihrer Wahlheimat Solingen nach Düsseldorf genommen. Politische Probleme geht sie pragmatisch an, nicht ideologisch. Die gelernte Lehrerin kennt sich aus im Schulbetrieb – sie weiß aus eigener Erfahrung, wo es in den Kommunen und an den Schulen hapert. Sie hat es den einzelnen Gemeinden überlassen, welche Schulform sie für sich am besten finden – viele von der Union regierte Gemeinden nutzten die Chance, sehr zum Ärger der eher ideologisch argumentierenden Landespartei. „Ich will Ergebnisse und versuche die Dinge vom Ende her zu denken“, ist ein typischer Löhrmann-Satz, bei dem sie selten hinzuzufügen vergisst, dass Frauen eher so veranlagt sind als Männer. „Für Männer werden Sachfragen schnell zu Machtfragen, deshalb verrennen die sich häufiger“, meint sie. Und ohne Zögern fällt der Name Wolfgang Clement, unter dem das erste rot-grüne Bündnis in Düsseldorf zur Streitkoalition mutierte. In dieser Zeit hat Löhrmann gelernt, was nicht geht. Die Politinszenierungen über Knackpunkte führten dazu, dass Rot-Grün 2005 abgewählt und wenig später auch der Schröder-Fischer-Regierung das Mandat entzogen wurde. Die Düsseldorfer Grünen haben danach eine Art Burgfrieden geschlossen. „Wir diskutieren intern, nicht mehr auf dem offenen Markt“, sagt Löhrmann dazu. Als alleinige Fraktionschefin hat sie dieses Prinzip durchgesetzt, auch um den Preis zäher Runden, in denen sie in ihrer pädagogischen Art geduldig auch abweichenden Meinungen erstaunlich viel Raum lässt. „Wir müssen alle mitnehmen“, verteidigt sie ihr Vorgehen und verweist wenig später mit Stolz in der Stimme darauf, „dass ich immer einstimmig zur Vorsitzenden gewählt worden bin“. Dass sie auf der Bühne nicht mit Claudia Roth konkurrieren kann, weiß sie, aber es stört sie nicht, ganz im Gegenteil. „Ich bin eine rheinische Preußin“, sagt die gebürtige Essenerin, deren Wertegerüst auf einem katholischen Gymnasium in der Ruhrstadt unter dem Motto „allen nützen – niemandem schaden“ geprägt wurde. „Ich bin Rheinländerin und lache gerne, bin aber mit preußischer Disziplin bei Sachfragen“, lautet ihre Selbsteinschätzung. In diesem Punkt widersprechen nicht einmal mehr jene, die sie gelegentlich für zu zögerlich oder langweilig hielten.
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Habe ja schon einige Gefälligkeitsartikel gelesen, aber der hier ist doch eine gute Spur zu heftig. Wie kann ein Magazin, dass Ernst genommen werden möchte, einen solchen PR- und Fantext veröffentlichen? Und müsste da nicht "Werbung" darüber stehen?

Herr Zurheide, mit kritischem und sauberem Journalismus hat dieses Hurra-Pamphlet nichts mehr zu tun. Traurig.

  • Antworten
Till Becker08.02.2011 | 00:00 Uhr

Allein die Tatsache, daß Sylvia Löhrmann, wie auch ihre Regierungschefin Hannelore Kraft, aus "einfachen Verhältnissen" kommt, läßt hoffen.
Schul- und Bildungspolitik wird von den allermeisten, insbesondere konservativen Spitzenpolitikern als Standespolitik betrieben, und zur Standespolitik gehört ganz zwangsläufig auch das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschulen, Mittel(Real-)schulen und Gymnasien.
Daß dieses Schulsystem eine leider immer noch vorhandene Klassengesellschaft in Deutschland weiter zementiert, wird zwar nicht offen eingestanden, gehört aber zu den bildungspolitischen Realitäten. Das dreigliedrige Schulsystem schafft erwiesenermaßen Ungerechtigkeiten, die sich im späteren Leben kaum noch "ausbügeln" lassen.
Wenn sich Sylvia Löhrmann also für eine gemeinsame Ausbildung aller Schülerinnen und Schüler in Gesamtschulen stark macht, befindet sie sich auf dem richtigen Wege, weil sie als schulpolitische Insiderin die Probleme begabter, aber leider aus bildungsfernen Elternhäusern stammenden Schülerinnen und Schüler sehr gut kennt.
Hoffentlich gelingt es ihr, auch konservative Kolleginnen und Kollegen aus dem Unionslager und bei den sogenannten Liberalen von den bildungspolitischen Erforderissen für alle jungen Leute zu überzeugen. Zur Gesamtschule gibt es aus dem Blickwinkel sozialer Gerechtigkeit bekanntlich keine Alternative.

  • Antworten
Yvonne Walden08.02.2011 | 00:00 Uhr

Sylvia Löhrmann ist ein Dinosaurier. Sie hängt einem ideologisch durchdrungenem Leitbild von Schule und Bildung nach, welches seit den 70er Jahren immer wieder von Politikern durchgesetzt werden sollte, immer wieder allerdings am Willen der Eltern gescheitert ist.

Das Konzept Gesamtschule führt vielleicht zu einem Fortschritt bei der Bildung und Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten. Das ist erstrebenswert, aber allein als tragfähiger Grund deutlich zu wenig. Immerhin kann sich unser Land nicht auf weniger bildungsferne Schüler, Auszubildende und Studenten allein verlassen.

Was fehlt, ist eine Förderung der Guten, der überdurchschnittlich Guten, die keineswegs auf Kosten der Anderen gehen muss. Nur Konzepte hierzu will keiner entwickeln.

Die Angleichung aller Schüler in Gesamtschulen führt zu einem mittelmäßigen Bildungsniveau, das erhebliche Chancen vergibt und sich mit Fortschritten im untersten Bildungssegment begnügt. Das ist zu wenig!

Und das ist auch bekannt und dürfte niemanden überraschen: Der Zulauf zu Privatschulen - auch zu solchen, die nicht für die breite Masse unerschwinglich teuer sind, steigt seit langem.

Es ist, Yvonne Walden, zu wenig, Bildungspolitik nur unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gerechtigkeit zu verstehen, so wie Sie ihn gebrauchen.

Bedenken Sie, dass der politische Begriff "soziale Gerechtigkeit" immer nur als Rechtfertigungsphrase für einen Vorgang herangezogen wird, der denjenigen etwas nimmt, die davon vermeintlich zu viel haben, und es denjenigen gibt, die davon vermeintlich zu wenig haben. Wenn man dieses Modell mit dem Begriff "Bildung" oder "Intelligenz", vielleicht auch "Leistungswillen" füllt, zeigt sich das wahre Ausmaß der Verfehlungen.

  • Antworten
Michael Mink08.02.2011 | 00:00 Uhr

@ Till Becker

Sie sagen es!
Der Artikel ist ja eine einzige Lobeshymmne. Ein bißchen kritische Distanz würde den Artikel glaubwürdiger erscheinen und steht jedem Journalisten gut zu Gesicht.

Es gibt auch Berichte, dass Frau Löhrmann ihre Schulreform gegen massive Widerstände durchboxt und Krtiker dabei gerne durch ihre Schulverwaltung einschüchtern lässt. Soviel zum Thema "alle mitnehmen".

  • Antworten
Johannes08.02.2011 | 00:00 Uhr

Tut mir leid, aber mir stößt dieser Artikel auch säuerlich auf.

Die Entscheidung über Schulformen (klammen!!) Gemeinden zu überlassen, ist nicht gönnerisch - nein, im Gegenteil, es deligiert Verantwortung, um es vorsichtig zu formulieren.

Böser formuliert: "Sollen die Kommunen doch zusehen, wie sie klarkommen! Wenn die ein Jahr dranhängen (G8/9), zusätzliche Stellen u.ä. wollen, dann sollen DIE mal selber sehen, wie sie das finanziert und organisiert kriegen."

So kann man seine "Ideologie" / Grundüberzeugungen auch vertreten: Man bestimmt, dass die Gemeinden sich selber kümmern sollen, dieser Plan ist aus finanziellen, organisatorischen und personalerischen Gründen sowieso nicht umsetzbar und alle enden auf demselben Level: Gesamtschulen (wg. Schulzusammenlegungen und nötigen Stellenkürzungen) mit Minimalangebot.

  • Antworten
Anna08.02.2011 | 00:00 Uhr

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