Was treibt Kinderschänder um, was ist das Problem der katholischen Kirche, und wie muss auf die jüngsten Missbrauchsfälle reagiert werden? Ein Gespräch mit Hans-Ludwig Kröber, Deutschlands bekanntestem Kriminalpsychiater.
Herr Professor Kröber, aus der Sicht eines Kriminalpsychiaters: Warum werden Menschen pädophil?
Das ist nach wie vor nicht eindeutig zu sagen, es gibt da sehr unterschiedliche Theorien. Schlüsselerlebnisse als Kind und Jugendlicher spielen häufig eine Rolle, zum Beispiel erste Verliebtheitsgefühle oder sexuelle Erlebnisse mit anderen Kindern, und ein anschließendes Steckenbleiben der sexuellen Entwicklung auf so einer Doktorspielebene. In jedem Fall werden Menschen in ihrer Entwicklungsphase zu Pädosexuellen, und nicht erst, nachdem sie lange Zeit auf Sex verzichten mussten. Man wird, nebenbei bemerkt und rein statistisch gesehen, eher vom Küssen schwanger, als vom Zölibat pädophil.
Nach ihrer Erfahrung mit den Tätern: Wie kann der pädophile Drang nach Triebbefriedigung so stark sein, dass er das Mitleid und den natürlichen Instinkt, Kinder zu schützen überwältigt?
Viele Täter verleugnen, dass das den Kindern schadet. Das läuft unter dem Stichwort kognitive Verzerrung: „Die wollen es doch eigentlich auch“, reden die sich dann ein. Und die Pädophilen-Netzwerke versuchen doch immer noch, so eine Abolition-Politik durchzusetzen, und verkünden, sie seien die Einzigen, die ein gewalt- und herrschaftsfreies Verhältnis zu Kindern haben. „Bei uns geht es nicht um Eltern- oder Lehrermacht, sondern um Liebe und Freiheit“, heißt es dann. Auf dem Trichter war ja auch Daniel Cohn Bendit, da gab es dieses berühmte Foto mit den kleinen Jungs und ihrer Erektion, was dann als Beweis hergenommen wurde dafür, dass auch 8 jährige eine Sexualität haben...
Wenn Kinder sexuell missbraucht werden, ist nicht immer als solche erkennbare Gewalt im Spiel. Trotzdem sind die seelischen Folgen oft so dramatisch, dass sie Menschen in den Selbstmord treiben. Was genau macht den sexuellen Missbrauch so fatal?
Ich glaube, wenn so etwas im Selbstmord endet, dann war der Missbrauch oft nur ein zusätzlicher Faktor in einer vorher ohnehin fatalen Situation. Aber es ist dieses Erleben von erwachsener Sexualität, die einem viel zu nahe kommt, die einen erschlägt und überwältigt, und die für Kinder ekelhaft ist. Es gibt Filme, die Täter in solchen Situationen aufnehmen, und die ich mir als Sachverständiger in den entsprechenden Strafverfahren teilweise anschauen musste. Diese Filme sind äußerst unangenehm zu gucken, aber sie sind auch lehrreich, weil sie die Diskrepanz zwischen Täter und Kind so deutlich werden lassen. Die Täter die sich in so eine Geilheit hineinrutschen lassen, und so tun als würde das Kind das irgendwie auch als erotische Situation erleben. Und diese Kinder die das schon aus mangelnder Kraft über sich ergehen lassen, widerwillig, jammerig, klagend oder auch geekelt. Sie tun am Ende was der Täter will. Und damit, das ist das Schlimme, fühlen sie sich zunehmend als aktive Mittäter. Wenn die Kinder nicht gleich anzeigen, wird es wirklich riskant, dass sich da eine längere Serie entwickelt, und je länger sie mitmachen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch mal Anzeige erstatten.
Noch nie war das Thema Pädophilie in Deutschland so präsent wie in den letzten Wochen. Hat unsere Zeit, hatten die 70er, haben bestimmte Institutionen ein besonderes Problem mit dem sexuellen Kindesmissbrauch, oder kommt heute nur ein Schrecken ans Licht, den es so immer schon überall gab?
Nicht nur das, sondern es war auch immer schon klar, dass es das gibt, deshalb verwundert mich die momentane Aufregung. Man muss ja nur in die Kriminalstatistik früherer Jahre schauen. Es sind ja auch immer wieder zum Beispiel Priester verurteilt worden. Aber heute schaffen es zwei Priester der Regensburger Domspatzen auf die Titelseite, die verstorben sind und davor rechtskräftig abgeurteilt wurden. Lange nach ihrem Tod. Warum? Weil Georg Ratzinger auch bei den Domspatzen war, und man hoffte, man wäre jetzt endlich beim Papst. Was man ja schließlich auch auf anderem Weg geschafft hat. Aber in allen pädagogischen Bereichen gab es zu allen Zeiten solche Fälle, ob in der Schule, bei den Pfadfindern, in Sportvereinen oder eben in Gemeinden. Und in den Dörfern gab es immer die Kerle, die ihre Finger nicht bei sich behalten konnten. Den Kindern wurde dann gesagt: Mach einen Bogen um den, der fummelt und ist ein Schweinigel. Aber die Umgangsweise damals war halt eine andere: Man hat nicht viel darüber gesprochen, sondern versucht die Leute dorthin zu bugsieren, wo sie keinen Schaden anrichten.
Gerade dafür steht nun die katholische Kirche in der Kritik. Laut einer Zählung des SPIEGEL sind seit 1995 insgesamt mindestens 94 Verdachtsfälle von Missbrauch durch Kleriker und Laien bekannt geworden...
Also, wenn Der Spiegel mit 94 Tatverdächtigen in 15 Jahren kommt, dann ist das für jemanden der sich kriminologisch ein bisschen auskennt eine verblüffend geringe Zahl. Das hieße, dass das aktuelle Risiko des sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der katholischen Kirche noch viel geringer ist, als ich das zuerst vermutet hätte. Im Jahr werden durchschnittlich etwa 15.000 Fälle von Kindesmissbrauch polizeilich gemeldet. Die Kirche selbst hat etwa 600.000 Bedienstete, das sind rund 1, 8 Prozent der Bevölkerung. Und darunter 94 Fälle seit 1995, das ist im Kontrast zu den alten Fällen eine dramatische Verbesserung der Situation. Abgesehen davon findet weit mehr als die Hälfte des sexuellen Missbrauchs in Familien statt. Noch mehr gilt das für die Gewalttaten. In der Debatte um die katholische Kirche wurde jetzt sexueller Missbrauch und Prügelpädagogik, die es damals unstreitig an allen Schulen gab, so oft vermischt, dass man das Gefühl hatte, man will die Zahlen strecken.
Um der Kirche gegen den Karren zu fahren?
Also, ich neige sehr zu der These, die schon Manfred Lütz in der FAZ vertreten hat: Dass die Leute sich ein holzschnittartiges Bild der Kirche machen, auch wenn sie kaum je eine Kirche von innen gesehen haben, ein Bild, was sich ideal als Pappkamerad und Prügelknabe eignet, um die eigene Fortschrittlichkeit zu demonstrieren. Und vielen scheint klar zu sein: Weil die Leute alle in Frauenkleidern herumlaufen und nicht heiraten, herrscht in dem Laden völlige sexuelle Verwirrung. Das hat besonders der Spiegel schon immer geahnt, dass das nicht gut gehen kann.
Sie selbst waren Mitglied des unabhängigen Gremiums, das die Kirche 2003 bei der Erstellung ihrer neuen Richtlinien zum Umgang mit Pädophilie beraten hat. Was für Lehren müssen aus den Erkenntnissen der letzten Wochen gezogen werden?
Nach meiner Erfahrung tun sich viele Bistümer auch mit den neuen Regeln schwer, wenn Ihnen ein Fall gemeldet wird, weil sie meist einfach keine Erfahrung mit solchen Fällen haben. Die Opfer melden sich bei der Kirche, statt bei der Polizei, was ja der übliche Ort wäre, um Anzeige zu erstatten. Meist wollen sie keine Anzeige. Also muss jetzt das Bistum klären: welche Regeln sind wie anzuwenden, wer dokumentiert was, mit wem muss zuerst gesprochen werden? Damit sind die oft überfordert. Deshalb sollten Betroffene zuallererst zur Kripo gehen. Auch, weil damit die Hemmschwelle für Leute steigt, die sich eigentlich nur wichtig machen wollen. Das kommt leider auch oft vor. Tissy Bruns hat jetzt eine Bundesbeauftragte für sexuellen Missbrauch an Schulen gefordert. Ja bitte, wenn ich mich nicht traue, zum nächsten Polizeirevier zu gehen, dann werde ich doch nicht ein E-Mail nach Berlin zur Bundesbeauftragten schicken. Und es muss viel schneller angezeigt werden, nicht erst 30 Jahre später. Nur dadurch werden doch andere geschützt.
Sind sie selber eigentlich katholisch?
Nein. Ich bin von Haus aus ein militanter Lutheraner, allerdings nicht gottgläubig. Wenn ich in einer katholischen Messe bin, was selten genug passiert, kommt mir das immer noch ein wenig wie Hokuspokus vor. Auf der anderen Seite haben mich meine Aufenthalte als Experte im Vatikan und in der Deutschen Bischofskonferenz schon sehr beeindruckt. Ich habe viele Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Institutionen, auch weil ich mich mit anderen Wissenschaftlern und Forschungsgruppen austausche, und die Bischöfe im Vatikan, die sich mit diesem Thema beschäftigten, waren die klügste und aufmerksamste Gruppe, vor der ich zum Thema sexueller Missbrauch jemals gesprochen habe.
Danke sehr für das Gespräch!
Das Interview führte Constantin Magnis













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