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12.03.2010
Am offenen Herzen
von Alexander Kissler

Es sind kuriose Zeiten. Schnell werden Meinungen in die Welt hinaus trompetet, die ohne Gedankenarbeit aus dem Griffel perlen. Alexander Kissler kommentiert die Darstellung der Kirche in den Medien.

Als gelegentlicher Denker kennt man das Problem: Man hat eine Ahnung und eine Absicht, aber partout keinen Schimmer. Also muss man mit Leuten reden, die sich auskennen, muss durch Bücher sich quälen, denken, formulieren, überdenken, und am Ende bleibt dann vielleicht von der ganzen schönen Absicht ein Schweigen. Man hat sich geirrt, nun weiß man es besser. Riskant
ist das Denken auf eigene Rechnung.

Wie anders geht es heute zu. Das Denken lähmt nicht das Reden, wunderbar leicht, losgekettet von jeglichen Gedankens Schwere, hat das Plappern befreiende, ja moralische Kräfte. Ein Wort, das auf absolut verwerfliche Umstände deutet, hat das Reden entriegelt: Missbrauch. Weil eben jener sich in katholischen und evangelischen und säkularen Bildungseinrichtungen ereignet hat, vor allem aber offenbar in römisch-katholischen, darf nun jeder und jede der Rechthaberei die Zügel schießen lassen.

Eine Zeitung titelte: „Kirche in ihrer schwersten Krise“. Ergo waren die Kirchenspaltungen von 1054 und 1517 heitere Randnotizen, ergo sorgten auch Kreuzzug und Dreißigjähriger Krieg für Kriselchen, allerhöchstens. Eine
andere Zeitung forderte, überführte Priester dürften keine Priester mehr sein – als ließe sich das Weihesakrament, das eben mehr ist als ein unverbindlicher Berufseinstieg, abwaschen. Der neckischste Witz aber gelang
jener Agentur, die eine Meldung mit der Zeile überschrieb: „‘Wir sind Kirche‘ setzt Papst Benedikt unter Druck“.

Bekanntlich handelt es sich bei dem als „Basisbewegung“ titulierten Verein um einen Seniorenlesezirkel, der sich an den Stellungnahmen seines Sprechers Christian Weisner und dessen politischer Theologie erfreut. Ähnlich ernsthaft wäre eine Schlagzeile der Art, „Gemeinderat von Neutraubling fordert Barack Obama zum Rücktritt auf.“

Auch der kaschubische Großdichter Grass, das ehemalige SS-Mitglied Günter, weiß, was die Stunde geschlagen hat. Die katholische „Sündenauffassung innerhalb des Sexualbereiches, diese Verklemmtheit“ habe „Fälle zur Folge, wie sie jetzt ans Licht kommen“. Der Erwerb etwa eines Handbuchs theologischer Fachbegriffe oder des Katechismus sei dem Pfeifenschmaucher
und Potenzlyriker empfohlen. Und hätte nicht ein festeres Bewusstsein der eigenen Sündenhaftigkeit, eine stabilere Sexualmoral manchen Kleriker vor Abirrungen bewahren können?

Eine Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Lauterkeit aufgegeben hat, weil sie selbst sie nicht durchhält, will die einzig verbliebene Gegengesellschaft auf den Pfad der eigenen moralischen Anspruchslosigkeit zwingen. Die
Wegweiser sollen fallen, weil man selbst gerne querfeldein unterwegs ist, die Ampeln und Stoppschilder verschwinden, weil man selbst gerne tüchtig auf die Tube drückt. Da soll nichts mehr sein, was das Ich hemmen könnte in seinem Drange.

Keine Frage: Jedes einzige Vergehen ist eines zu viel, jede einzige Untat verlangt nach Recht und Sühne, nach Reue und Bestrafung. Wer lügt, trickst, vertuscht, der potenziert das Leid, der wird zum Handlanger des Bösen, der schließt sich selbst aus jener Gemeinschaft aus, der er formal noch angehört. Die inflationäre Rede aber vom Missbrauch hat längst auch missbräuchliche Züge.

Das Wort wird Tabuwort, das zudeckt, nicht aufdeckt. Es bündelt einerseits viel zu viele verschiedengestaltige Phänomene, als dass es erklärenden Charakter hätte. Andererseits trägt es eine Unwucht in sich. Was nämlich wäre sein Gegenstück? Wenn der Missbrauch von Menschen – woran kein Zweifel besteht – schlecht ist, wäre dann der Gebrauch gut? Kann man Menschen gebrauchen oder missbrauchen, je nach dem Stand des eigenen ethischen Projekts? Sind beides also relative Größen, die auf einen mal mehr, mal weniger angemessenen zwischenmenschlichen Umgang deuten? Nein. Menschen sind keine Sachen, auch der Gebrauch wird ihnen nicht gerecht. Das Chiffrewort ist Ausdruck eines falschen Denkens. Es muss für Schuldzuweisungen und Differenzierungsverbote herhalten, weil es unschicklich scheint, eine böse Tat als böse auszusprechen. Das ungeachtet aller Umstände Böse, das in sich Böse, mit dem die Täter, christlich gesprochen, sich ihr eigenes Gericht bereiten, soll mit ein und demselben Ersatzwort relativiert und perpetuiert werden. Die böse Tat wird zum „Missbrauchsfall“ umetikettiert und damit zum rein säkularen Phänomen.

In den Kernbereich des Christlichen, den Umgang mit Schuld, Sühne und Vergebung vor Gott, will die Diesseitsmoral eindringen. Die Lektion soll lauten: Eine solchermaßen entkernte Religion braucht kein Mensch, ja darf kein Mensch mehr brauchen. Wir, die mobile Einsatztruppe des richtigen Verhaltens, müssen am moralischen Herzen dieser Sinnstiftungsagentur operieren, um Schaden von der Welt abzuhalten. Die Operation gelänge, wenn der Patient stürbe. Es liegt nun an den Christen selbst, ob sie diese Angriffe im Gewand des Heilens und Helfens ebenso mutig wie selbstkritisch parieren. Sonst gibt es eine Alternative weniger zu den Dogmen der Diesseitigkeit und den Gelübden der Selbstverdummung.


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Leserkommentare
Andy Artmann (Niederkassel) 03.05.2010
Tatsche ist, dass man einen Trend zum Vatikan-Bashing erkennen kann. Das liegt allerdings in hohen Maßen am moralischen Anspruch der Kirche, ihrer Unfehlbarkeit in moralischen Fragen. Nun wird ihr, von eher säkularen Journalisten die mit einem großen Unbefangenheit die Themen aufnehmen, selbst die Messe gelesen. Weder der Vatikan noch die Katholische Kirche von Deutschland hat irgendetwas aus der Diskussion rund um die Holocaust-Leugner gelernt. Die PR-Hölle hat sich erneut aufgetan.

Dokumentiert, die Diskussion um die Holocaust-Leugner:
https://www.xing.com/net/pri5be4eax/meinung/hintergrundinformationen-uber-lander-volker-und-nationen-341172/vatikan-prasident-der-deutsch-israelischen-gesellschaft-gerster-cdu-kritisiert-hohen-stuhl-17881621/17882156/#17882156
() 17.03.2010
Danke Herr Kissler, zum Glück sind noch nicht alle Medienmenschen dem kompletten ideologischen Wahnsinn verfallen.
gabriela Balta (Bergisch Gladbach) 16.03.2010
Endlich einmal ein sachlicher Arikel zu diesem Thema. Die den Rücktritt des Papstes fordern und die so über die Kirche herfallen sind die gleichen die die letzten Jahrzehnte die Sexualmoral der Kirche ins Lächerliche zu ziehen. Keine Frage die Priester die wirklich Missbrauch getrieben haben müssen zur Verantwortung gezogen werden
Gerhard Thiel (22926 Ahrensburg) 15.03.2010
An alle vom MISSbrauch ihrer
eigenen Worte gebeutelten Po-
litiker, Verbandsfunktionäre und
Journalisten eine Kopie dieses
Artikels senden ---doch die meisten werden ihn nicht ver-
stehen (wollen).
V. Hildebrandt (Köln) 15.03.2010
Ein dickes Lob für Herrn Alexander Kissler! Auf weiter Strecke gut beobachtet und mit Abstand tiefgründiger analysiert als man es zu diesem Thema in den letzten Tagen gewohnt ist. – Die Titulierungen für Herrn Günter Grass und andere polemische Schlenker sind allerdings absolut fehl am Platz, unprofessionell und wie Sand im Getriebe. Sie tun nichts zur Sache! – Aber noch erschreckender sind einige der Leserkommentare. Ist denn unsere intellektuelle und humanistische Tradition schon so „auf den Hund“ gekommen, dass einige scheinbar gar nicht mehr verstehen, was andere schreiben? Was ist nur aus dem Land der „Dichter und Denker“ geworden!
Hans Otto (München) 15.03.2010
Noch einmal für Wolf aus Essen wiederholt: Kissler schreibt: „Keine Frage: Jedes einzige Vergehen ist eines zu viel, jede einzige Untat verlangt nach Recht und Sühne, nach Reue und Bestrafung. Wer lügt, trickst, vertuscht, der potenziert das Leid, der wird zum Handlanger des Bösen, der schließt sich selbst aus jener Gemeinschaft [gemeint ist die KK] aus, der er formal noch angehört.“
Die „Bestrafung“, die Kissler hier zu Recht fordert, bezieht sich nicht allein auf das Jenseits, sondern selbstverständlich auch auf das Diesseits. „Recht“ ist sowohl als staatliches als auch als kirchliches aufzufassen.
Dass die Kirche in der Vergangenheit nicht immer sorgfältig genug mit der Pädophilie-Problematik umgegangen ist, habe ich bereits vorhin hervorgehoben. Doch auch in der Vergangenheit hätten diese Fälle, wenn es zur Anzeige gekommen wäre, eine (weltliche) Strafe nach sich gezogen. Deshalb ist es wichtig, diese Fälle zukünftig immer zur Anzeige zu bringen, um Klarheit zu schaffen, letztlich für die Kirche selbst.
Mit dem Hinweis, dass die „Diesseitsmoral in den Kernbereich des Christlichen“ eindringt, meint Kissler, dass einige Stimmen fordern, dass sich die Kirche der sexuellen Libertinage unserer Zeit annähern soll und beispielsweise den Zölibat aufgeben soll. Doch hierbei wird übersehen, dass der Zölibat ein Opfer ist, das der Priester um des Himmelreiches, also für ein höheres Ziel bringt. Dass zu diesem Opfer physisch und psychisch nicht jeder fähig ist, ist klar. Aus diesem Grunde müssen Priesteramtskandidaten besonders gut und sorgfältig ausgewählt werden. Einen größere Häufigkeit von Pädophilie bei zölibatär lebenden Menschen ist nach den Statistiken nicht feststellbar.
Noch ein Wort zum Begriff „Missbrauch“: Kissler weist zu Recht darauf hin, dass „Missbrauch“ mit „Gebrauch“ in diesem Zusammenhang keinen adäquaten Gegenbegriff aufweist. Menschen sind Personen und keine Sachen und können deshalb auch nicht „gebraucht“ oder "missbraucht" werden (siehe dazu u. a. Robert Spaemann, Personen. Versuche über den Unterschied zwischen ,etwas‘ und ,jemand‘, Stuttgart 1996, u. ö.). „Vergewaltigung“ oder „sexuelles Verbrechen“ wären meines Erachtens passendere Begriffe als "Missbrauch" für diesen monströsen Sachverhalt.
Kopp (Biberach) 15.03.2010
Mich wundert, warum die Mißbrauchsopfer so lange geschwiegen haben. Wie auf Kommando schreiben, sprechen sie und lassen sich auch gerne interviewen. Ob die hohe Zahl der "Enttarner" etwas mit evtl. "Schmerzensgeldern" zu tun haben könnte?!
Wolf (Essen) 15.03.2010
@Hans Otto „Strafe und Gericht in Diesseits und Jenseits (was noch schlimmer ist, da es ewig dauert) sind ihm gewiss, was Kissler auch klar hervorgehoben hat.“
Wie kommen Sie zu so einer abstrusen Behauptung? Herr Kissler mokiert sich, dass die „Diesseitsmoral in den Kernbereich des Christlichen“, wie er sich ausdrückt eindringen will. Was ihm nicht zu passen scheint. Herr Kissler drückt sich ziemlich unmissverständlich aus, wenn er die Fragen und Umgang von Schuld, Sühne, Vergebung ganz offensichtlich allein vor Gott (Jenseits!) geklärt und erörtert haben will.
Und für Sie auch noch einmal wiederholt: Bis jetzt was es dem Täter im katholischen Umfeld Strafe und Gericht im Diesseits ganz und gar nicht gewiss. Er konnte sich sehr gute Hoffnungen machen, durch Versetzung diesseitiger Strafe zu entgehen. Die Hoffnungen konnte er sich machen, weil sein Umfeld ein absolut primäres Interesse daran hatte, nach außen den Ruf der Institution zu schützen. Die Interessen des Opfers waren dagegen zweitrangig, im Gegenteil, zur Not wurde es noch als Nestbeschmutzer diskreditiert. Ob Amts- und Würdenträger in der Zukunft Strafe im Diesseits gewiss ist, wird die Institution KK erst noch durch ihren anderen Umgang in solchen Fällen als in der Vergangenheit beweisen müssen.
Hans Otto (München) 15.03.2010
Alexander Kissler hat in seinem Artikel wichtige und bisher wenig gehörte Aspekte zum Missbrauchskandal dargelegt. Auch die Leserkommentare zeigen wieder, dass heute weitgehend Unklarheit und Unwissenheit darüber besteht, was der katholische Priester eigentlich ist: Er ist durch seine Weihe herausgenommen aus der Welt und dem Weltlichen, er handelt "in persona Christi", verkörpert also Christus ganz und Vermittelt göttliche Gnadengaben durch das Spenden von Sakramenten. So werden die Aufgabe und die Würde des Priesters deutlich, aber auch sein tiefer Fall, wenn er sich an Kindern vergeht. Er verrät Gott und seine Berufung, er bricht sein Treueversprechen, das er bei seiner Weihe gegeben hat. Strafe und Gericht in Diesseits und Jenseits (was noch schlimmer ist, da es ewig dauert) sind ihm gewiss, was Kissler auch klar hervorgehoben hat. Der Priester ist also kein bloßer Angestellter oder Verwalter oder gar ein "Manager in kirchlichen Diensten", der einfach seinen "Job" wechseln kann, wenn es nötig wird. Gerade deshalb ist der Umgang mit pädophilen Priestern eine schwierige Aufgabe, der die Kirche in der Vergangenheit offenbar nicht immer sorgfältig genug nachgekommen ist. Es ist höchst kompliziert, solche Priester, die ja aufgrund der Weihe ewig Priester bleiben, in geeigneter Weise richtig einzusetzen und den richtigen Therapieplatz für sie zu finden.
Ein zweiter Punkt ist die weitgehende Sexualisierung der Gesellschaft (z. B. durch Werbung oder Filme) seit gut 50 Jahren. Dadurch wird jungen Menschen nicht etwa geholfen, da sie vordergründig freier und aufgeklärter leben, sondern sie werden in höherem Maße gefährdet, da pädophile Neigungen, die in höchstem Maße zu verwerfen sind, gefährlich sind und therapiert werden müssen, durch diese allgegenwärtige Animierung leichter zum Ausbruch kommen können. Berichte wie der von Amelie Fried über die "Odenwaldschule" (m. E. eine höchst fragwürdige Einrichtung) in der FAZ vom 13./14.3.2010 unterstreichen dies - weitab vom katholischen Bereich im übrigen.
Ein Umdenken ist also nötig: Erstens in Bezug auf Amt und Aufgabe des Priesters, nicht umsonst hat Papst Benedikt XVI. ein Priesterjahr ausgerufen, und zweitens in Bezug auf den zu laxen Umgang mit einer Grundgewalt des Menschlichen, der Sexualität. Kisslers Artikel kann uns dabei gut helfen.
Dr.W.Wehler (Köln) 15.03.2010
Frau Leutheusser S. und die Medien sollten sich mal dringend um die aktuellen jährlichen 80.000 Mißbrauchsfälle in den Familien kümmern.
R.Roskopf (Köln) 15.03.2010
Sehr gut. Wo einzelne Amtsträger schwere Fehler gemacht haben, muss man als Kirche dazu stehen und dies mit allen Mitteln in Ordnung bringen. Deswegen aber die gesamte Kirche und ihre weit überwiegend segensreiche Arbeit auf dü mmliche Art und Weise zu verurteilen, (mit welchem Recht eigentlich?) ist absolut indiskutabel und zeigt fehlendes Format der "Kritiker".
SH () 15.03.2010
Diesen Artikel offensichtlich unreflektiert "aus dem Griffel geperlt" wie er es den Kritikern vorwirft.
Ihnen, Herr Kissler, ist das Schreiben ebenso erlaubt wie allen anderen. Aber Ihr Artikel ist erschreckend, denn er geht am Kern vorbei und verdeutlicht, dass es Ihnen und Ihren "Sinnesgenossen" nicht gelungen ist zu verstehen worum es eigentlich geht.
Besserung also nicht in Sicht.

Schade.
Reinard Schmitz () 15.03.2010
Ja, und nun? Bringen uns diese gedankenwürmer irgendwie weiter? Es gibt das deutsche Wort Missbrauch. Es Gibt eine Kirche, in deren Mauern solcher geschah (im besten Falle). Und es gibt Verantwortliche, die sich nicht verantwortlich fühlen wollen, sich herausreden. DAS ist der Skandal!
S. Z. (Berlin) 15.03.2010
Ein beschämender Artikel, in dem der Autor lediglich den Versuch unternimmt, mittels Beschimpfungen von Kritikern und Relativierung der Verbrechen (Nach dem Motto: die säkulare Gesellschaft ist ja auch nicht besser!) jegliche Kritik abzuschmettern.
Wolf (Essen) 15.03.2010
„Stabilere Sexualmoral“ – die 50er und 60er Jahre letztes Jhd. werden gerne als Zeiten solcher gelobt. In diesen gelobten Zeiten war Missbrauch und Misshandlung von Schutzbefohlenen allenfalls ein Kavaliersdelikt. Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Zahl von solchen Übergriffen wesentlich höher war als heute in Zeiten libertärer Sexualmoral. Von der Zahl der Täter, die nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, ganz zu schweigen. So weit scheinen Ihre Geschichtskenntnisse nicht zu gehen. Und Ihr Denken.
Das Gegenstück von Missbrauch ist nicht „Gebrauch“, sondern „Einander-Brauchen“. Besonders Kinder und Schutzbefohlene brauchen Zuwendung, Anerkennung, Liebe und nicht eine Tracht Prügel (und Schlimmeres, wie ja bekannt ist), wie es in diesen Jahren gang und gäbe war. Die Werte Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Güte wurden allzu oft auf zynische Weise pervertiert, indem die Tracht Prügel, unangemessene Erziehungsmethoden bis hin zu sexuellen Übergriffen noch als soche verkauft wurde. Komisch, das sich diese Erkenntnis erst langsam in Zeiten libertärer Sexualmoral und „gedankenlosem Rumgeplappere“ durchzusetzen scheint.
Das hält nicht alle ab, den „guten, alten Zeiten“ nachzutrauern. Oh, die Disseitsmoral will gar nicht in den Kernbereich des Christlichen, den Umgang mit Schuld, Sühne und Vergebung vor Gott eindringen. Das geht schon technisch schlecht in gewisser Weise und alle Gläubigen mögen dies mit sich und Gott ausmachen, wenn sie denn vor ihm stehen. Es scheint mir eher darum zu gehen, den „Kernbereich des Christlichen“ daran erinnern zu müssen, dass es auch eine Diesseitsmoral gibt, der entgegensteht, dass Täter über Jahrzehnte davon gekommen sind, ohne belangt worden zu sein von der Diesseitsjustiz.
Klingt ziemlich schäbig, die Taten im Disseits zu begehen, aber dafür möglichst erst im Jenseits zur Rechenschaft gezogen werden zu wollen.
Der inflationäre Gebrauch des Wortes Missbrauch hängt damit zusammen, dass inflationär missbraucht wurde, allerdings erst heute das gesellschaftliche Klima besteht, dass nicht mehr akzeptiert wird, sowas ohne weiteres unter den Teppich zu kehren. Nur die KK scheint die Institution zu sein, die das als letzte kapiert. Ich finde, Sie haben nicht gerade aufgepasst, Hr. Kissler, bei Ihrem Denken, dass man Ihre Aussagen nicht durchaus ironisch auf Sie zurückwerfen kann. „Man hat eine Ahnung und eine Absicht, aber partout keinen Schimmer.“ Ich, Herr Kissler, finde Ihren Artikel regelrecht zynisch gegenüber den Opfern!
Cantate (Baden-Württemberg) 14.03.2010
Nachdem ich in den letzten Wochen schon den Eindruck hatte, als herrsche in den Medien die geheime Übereinkunft, die Katholische Kirche mal wieder als die "Alleinschuldige" an allem Übel der Welt darzustellen und Meldungen über den Missbrauch AUSSERHALB der Katholischen Kirche eher klein zu halten, tut es geradezu gut, einmal einen sachlichen Bericht zu lesen. Nun bin ich gespannt, ob auch Rundfunk und Fernsehen irgendwann dazu übergehen werden, statt antikatholischer Stimmungsmache eine objektive Berichterstattung zu präsentieren.
Mein herzlicher Dank gilt Cicero und Herrn Kissler.
theobald (Bessenbach) 14.03.2010
Mich wundert, dass Menschen, die meist gut austeilen können, so empfindlich urteilen, wenn überspitzte Formunlierungen gebraucht werden. Damit beziehe ich mich auf die Kommentare aus Berlin und Köln. Ausgezeichnet finde ich, was in der Substanz des Artikels angesprochen wird. Und dafür bedanke ich mich!
theobald
Friedrich (Sachsen) 14.03.2010
Ein sehr guter Artikel, aber das erschreckenste sind die Kommentare. Es zeigt wie dünngeistig die Menschen schon geworden sind. Sie wissen und ahnen nicht im geringsten worum es eigentlich geht.
Wenn alle Berichte stimmen dann sollte man sich als erstes Fragen stellen.
In meinem persönlichen Umfeld ist mir in meinem ganzen langen Leben noch nie ein Fall von Kindesmißbrauch bekannt geworden. Das muß nun aber nicht bedeuten dass es derartiges nicht gibt. Wenn man es aber laufend in der Zeitung liest, dann glaubt es der Untertan.
Da nun ausgerechnet in den Kreisen, die uns die Moral lehren wollen, dies derart gehäuft auftritt, muß man sich fragen, steckt hier System dahinter?
Jahrzehnte haben die Betroffenen geschwiegen und plötzlich fangen Sie alle an auf Kommando zu reden. „Cui bono?“. Mein Gefühl sagt mir, hier wird eine Relegion und ihre Prister lächerlich gemacht, aber gleichzeitig überall Moscheen gebaut.
jungbet (England) 14.03.2010
Hervorragender Artikel - und ich wundere mich ueber die negativen Kommentare hier. Ich hatte angenommen dass Cicero-Leser seltener Scheu- klappen tragen als in der pseudoliberalen postmodernen deutschen Leserschaft . Ratzingerbashing etc ist ja der liebste Zeitvertreib in 'unsere Rebublik' (saechsisch auszusprechen). @Puuul: Es ist noch nie so gut gesagt worden, dass man sich gern liberaaaal geriert, weil man sich nicht anstrengen mag oder kann(?), wo es am schwersten ist: sich individuell auf WErte zu verpflichten die auch selbst verbidndlich gelebt werden muessen, und nicht nur von anderen eingefordert. So gesehen ist diese Gesellschaft locker eine der heuchlerisch- sten aller Zeiten. Man wird sich seines Heuchlertums, ein guter Mensch zu sein, nicht einmal ansatzweise bewusst - man braucht ja nur zu vertreten, was man selbst nicht einmal leben muss, weil es ja nur um Non-Diskriminierung=Nicht-Unterscheidung geht. Unterscheidungsfaehig- keit iim urspruenglichen Sinne st eine der wichtigsten Charaktereigenschaften, die man immer bei sich entwickeln muesste, zum Wohle der Gemeinschaft. ich dagegen bin fuer Toleranz, was natuerlich eigene verbindliche Werte voraussetzt und was einen davon abhalten koennte, mit Steinen zu werfen, da man ja slbst im Glashaus sitzt.
Jan Hendrik Stens (Köln) 13.03.2010
Bislang habe ich "SS-Mitglied" mehr für eine historische Tatsache denn als Schimpfwort gehalten.
Puuul_uuup (Recklinghausen) 13.03.2010
"Eine Gesellschaft, die jede Hoffnung auf Lauterkeit aufgegeben hat, weil sie selbst sie nicht durchhält, will die einzig verbliebene Gegengesellschaft auf den Pfad der eigenen moralischen Anspruchslosigkeit zwingen."

Also die Gesellschaft will die Missbrauchsfälle nur aufdecken, weil sie selber ihre Kinder missbraucht und schadenfroh ist, dass das "moralische Licht" es genauso macht????
Wolfgang Schmid (Berlin) 12.03.2010
Es sind schon wirklich kuriose Zeiten, in denen das Wort "Pfeifenschmaucher" herhalten muss und kann, das Schimpfwort "SS-Mitglied" zu toppen...
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Alexander Kissler
Alexander Kissler ist freier Autor. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet." (Gütersloh 2009).


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