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12.03.2010
Wie der MDR abstürzt
von Josef Girshovich

Eine Flugschau, ein Unglück und ein toter Junge – Kommissare Saalfeld und Keppler ermitteln zunächst wegen fahrlässiger Tötung, bald aber auch wegen Mordes. Doch handelt es sich bei dem Toten wirklich um einen Racheakt? Ein Drama mit Kindern im Mittelpunkt und einem Drehbuch, das leider nicht überzeugt. Der Tatort aus Leipzig heißt nicht ohne Grund Absturz. Sonntag, 20:15 im Ersten.

Ironie ist, wenn Simone Thomalla (Hauptkommissarin Eva Saalfeld) verschlafen hat und, vorm Spiegel im Badezimmer stehend, meint, zwei Puderpinselstriche über die straffen Wangen dürften schon reichen, ehe sie perfekt geschminkt mit ihrem Neffen Lukas aus dem Haus eilt. Ironie ist, wenn bei einem gecasteten Geschwisterpaar der Bruder (Antoine Monot, jr.) adipös und die Schwester (Judith Engel) bulimisch wirkt. Ironie ist, wenn Martin Wuttke (Hauptkommissar Andreas Keppler), der soeben am Wiener Burgtheater in Thomas Vinterbergs Das Begräbnis brilliert hat, sich für diesen Absturz nicht zu schade ist.

Absturz – manchmal lohnt es sich doch, den Ball des Geistes flach zu halten, Filmtitel wörtlich, ja selbst Hohn und Häme für rhetorische Umnachtung in Kauf zu nehmen – der Tatort Absturz heißt nicht ohne Grund so. Alles beginnt mit einer Flugschau und einem schrecklichen, tödlichen Unglück, bei dem ein kleiner Junge ums Leben kommt. Kommissarin Saalfeld, zufällig vor Ort, nimmt die Ermittlungen auf: Sie vermutet Unregelmäßigkeiten bei den Sicherheitskontrollen, ergo fahrlässige Tötung, ergo Mordkommission. Erschwerend kommt hinzu, dass der tote Junge der beste Freund von Saalfelds Neffen Lukas (Joel Eisenblätter) war. Das ermöglicht zwei Verflechtungen: Saalfeld ermittelt im weiteren Fall, da sie den Jungen kannte, nicht immer objektiv. Und wer auch immer aus der alten Peter Sodann-Riege beim MDR noch das Sagen hat, darf mit ein paar Jahren Verspätung opportune Gesellschaftskritik üben:

Drei Jungen kommen in Absturz vor. Der Tote, dessen Vater nun ganz allein da steht, weil sich die Mutter vor Jahren auf und davon gemacht hat. Der Sohn des Unglückspiloten, dessen familiäres Gefüge zu bröckeln beginnt, weil sein Vater, der nur Pilot war, fortan keine Lizenz hat. Und der kleine Lukas Saalfeld, dessen Vater zwar erfolgreich, aber „nie da ist, wenn ihn braucht“, weil er in Brüssel verhandeln muss. Was lernen wir daraus? Entweder man hat Arbeit, ist dann aber nie für seine Familie da. Oder man hat keine Arbeit, kann sie nicht ernähren und muss auf der Baustelle wohnen. Oder aber schließlich man hat Arbeit, kümmert sich um sein Kind, und die Raffgier des bösen Flugschau-Unternehmers Conze (Bruno F. Apitz) nimmt ihn uns weg. Alles schlimm im Kapitalismus.

Gelegentlich des bösen Unternehmers müssen wir da noch etwas anmerken. Bitte, lieber Zuschauer, verwechsele nicht Unternehmer Conze (Bruno F. Apitz) mit Unternehmer Hamacher (Bruno F. Apitz). Der eine macht in Flugschauen beim MDR, der andere macht in Autorennen beim SWR und lief am 28. Februar 2010.

Die andere Baustelle des Absturzes ist die seltsame Beziehung zwischen Keppler und Saalfeld. Ronni und Conni sind immerhin Kommissare und keine … Diesmal hat es der MDR zu gut gemeint mit der schnippischen Art. Das hat nichts mit Thomalla und Wuttke zu tun – auf anderen Bühnen spielen sie ihre Rollen überzeugend. Verantwortlich sind immer wieder Regie (Thorsten C. Fischer) und Drehbuch (André Georgi). Von Schnitt zu Schnitt und Szene zu Szene wechselt Kommissarin Saalfeld die Einstellung: Gerade sollte sie noch hysterisch wirken, nun aber bitte versöhnlich. Gerade sollte sie noch ein Wutausbruch spielen, nun aber die Liebe in Person. Und warum ist das Drehbuch verantwortlich? Eine kluge Filmtheoretikerin sagte einmal: Wenn du in einem Film nicht weiter weißt, bring ein Kind um. Wie wenig muss Drehbuchautor Georgi eingefallen sein, dass er seinen Absturz mit dem Tod eines Jungen beginnen musste? Wir freuen uns auf den Tatort aus Leipzig: Sonntag, 14. März 2010, 20:15.


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Leserkommentare
S. Haas (Karlsruhe) 15.03.2010
Diese bescheuerten Pseudosozialkritischen Betrachtungen nerven nur. Man merkt, daß sie mühselig vom Drehbuchautor/Regisseur ins Bild gesetzt werden. Frau Thomalla überzeugte überhaupt nicht als Kommisarin.
Wenn die Reihe "Tatort" weiterbestehen soll, was ich sehr hoffe, sollte sie von Autoren geschrieben werden, die überzeugender schreiben können. Und wenn noch diese ewigen Beziehungskisten aus den Krimis fliegen würden, würde ich mir auch mehr ansehen.
RedOnyx (Berlin) 15.03.2010
Oh...schön das Herr Georgi (ich hoffe Sie sind das wirklich) hier auch schreibt.
Vielleicht liesst er das ja mal und ich hoffe, ich trete ihm nicht zu nahe.
Ich bin nur ein ganz normaler TV-Zuschauer, der zufällig auch noch Filme liebt.
Gute Filme mit einer spannenden Story. Und am liebsten hätte ich es, wenn diese Story "straight" erzählt wird und auch ohne totes Kind auskommt. Was ich da gestern gesehen habe, war aber weder "straight" noch berührte es mich und ein Grund war: Es war wieder mal das tote Kind Drama. Es war das "gefühlte" hundertste tote Kind Drama und das läuft "gefühlte" 6 mal pro Jahr.
Aber egal, ich weiss selbst das die Schreiber sehr an ihrer Story hängen, das eine Riesen-Arbeit dahinter steckt und trotzdem, ich kann nicht anders, ich fand diesen Tatort sagenhaft langweilig!
Warum fällt euch (den Autoren) nichts anderes ein?
Muss es immer das Grau in Grau sein, eine Kamera auf Valium, ein Tempo wie in den "Filmkunstwerken" der Siebzieger Jahre? Alles ganz schwer und irgendwie schrecklich tragisch?
Komissaren gebeugt und unter der Last der Ermittlungen?
Bitte, dass ist nicht die Welt wie ich sie kenne. Selbst da wo scheinbar alle Hoffnung gefahren ist, gibt es immer ein tragik-komisches Momentum. Etwas mehr davon und der Tatort wäre wieder seh- und ertragbar. Etwas Anarchie im Chaos, einwenig Mut und etwas weniger Filmseminar und die Reihe ist noch zu retten. Ansonsten sieht es trübe aus, das wage ich mal zu prophezeien. So trübe wie der gestrige Sonntag Abend.
Aber wie gesagt, ich bin nur Konsument, also nehmen Sie es nicht allzu schwer.
;)
mozart007 (PB) 15.03.2010
schwache kür- von dem vorsatz zur qualität ganz zu schweigen, der autor wie so oft bei ihm, kann nicht ohne seine persönlichen vorurteile zu überwinden hier schreiben,(sodann-riege? so´n quatsch) ZUM INHALT.siehe andre aus BI !
André Georgi (Bielefeld) 13.03.2010
Ah super! Mit dem "Tod" hat ja schon mal geklappt...
Wie ist es mit "handelt es sich bei dem Toten um einen Racheakt"? Vielleicht sollte das zweite "T" auch gestrichen werden und das "en" gleich mit? Mal vu - mal dit?
Wissen Sie, was mich ärgert, ist nicht eine schlechte Besprechung - was mich ärgert, ist reines Bashing! Das ist - finde ich - unfair, denn hinter solch einem Film steckt, auch wenn man ihn nun wirklich nicht lieben muss - wirklich nicht! -, eine Menge Arbeit!

André Georgi (zum zweiten und letzten)
André Georgi (Bielefeld) 13.03.2010
Nicht jeder Rezensent muss mit jedem Film etwas anfangen können - aber es wäre schon hilfreich, wenn er Intentionen erkennen würde. Ein kluger Journalismus-Theoretiker sagte einmal: Wenn Du in einer Rezension nicht weiter weißt - versuche es mit Polemik. Ich würde nochmals überdenken, ob es sich bei einem Toten um einen Racheakt handeln kann (wie in Ihrem Eingangstext) und ob man "Tot" nicht doch "Tod" schreiben sollte. Sonst könnte der Eindruck entstehen, hier hätte doch jemand etwas vorschnell abgekotzt... Ach, und: Ich hab drauf gewartet, wer den Kalauer mit dem abstürzenden ABSTURZ bringen würde - Glückwunsch! Sie haben gewonnen! André Georgi (Autor von ABSTURZ, dem offenbar in neun Drehbuchfassungen nichts eingefallen ist)
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Josef Girshovich
Josef Girshovich, geboren in Hannover, studierte Literaturwissenschaften und Jura in Tübingen und an der Brown University (Providence, RI). Er beschäftigt sich mit der Idee des Kosmopolitismus und lebt in Berlin.


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