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Foto: Andreas Mühe, Camera Work
zoom
07.02.2010
"Vor mir und hinter mir gibt es viele große Namen"
von Andreas Mühe

Er ist einer der kommenden Stars unter den deutschen Fotografen: Mit seiner ersten Gesamtschau in der Berliner Galerie Camera Work hat Andreas Mühe es endgültig geschafft. Im Interview mit Cicero Online spricht er über Künstlernamen, seine perfekt geplanten Inszenierungen und erklärt, wann es sich lohnt frech zur Bundeskanzlerin zu sein.

Bilderstrecke: Andreas Mühe Werkschau 2

Es gibt Menschen, die schaffen es dank ihrer berühmten Familie und es gibt Menschen die es trotz ihr schaffen. Für Andreas Mühe gilt keine der beiden Varianten so richtig. Schon seit über zehn Jahren arbeitet der Sohn des 2007 verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe an seiner Karriere. Dementsprechend bodenständig gab sich der 30-Jährige im Gespräch. Bekannt geworden ist Mühe vor allem durch seine Inszenierungen und Porträts von Prominenten wie Angela Merkel, George Bush sen. oder aber seiner Schwester Anna Maria Mühe.

Wann haben Sie sich entschieden Fotograf zu sein?
Zu werden? Zu sein? Der Wunsch kam so mit 15. Ich habe damals die Ausbildung zum Fotolaboranten gemacht ...

… hatten Sie da schon ihre Laufbahn im Blick?
Genau, das war die Idee. Ich hatte in dem Labor ein Praktikum gemacht. Und die meinten: „Komm zu uns. Zwei Jahre Ausbildung. Und danach finden wir einen Fotografen für dich.“ So war es dann auch. Ich fand es schön alles von der Pike auf zu lernen - wie wird entwickelt, was ist ein Korn. Obwohl ich in den Fächern Chemie und Physik nicht gerade der Beste war, konnte ich es mir alles immer sehr praktisch erklären. Man braucht diese Zusammenhänge, um das besser zu verstehen.

Geht denn durch die Digitalisierung etwas für Künstler verloren, die nur noch Digitalkameras kennengelernt haben?
Auf jeden Fall; und zwar im klassischen Sinne. Ich arbeite ja noch richtig mit einer Großbildkamera und erstelle einen Film und ein Dia und es gibt einen Kontaktabzug. Erst später wird alles digitalisiert.
Zu jedem Bild, was in der Ausstellung hängt, gibt es ein Original. Das geht alles verloren, genau wie die großen Archive. Heute kann man das alles mit diesen Festplatten machen. Ich finde aber, das über kurz oder lang ein echtes Archiv einen größeren Bestand hat.

Sie haben beim Fotografieren auch ganz klassisch immer noch das Tuch über dem Kopf…
…sonst sehe ich einfach nichts. Ich habe eine Großbild-Laufbodenkamera zum Aufklappen, die man hinten mit der Lupe scharfstellt. Ich brauche die Dunkelheit. Deswegen sieht es halt immer so nach alter Schule aus.

Reagieren denn die zu Porträtierenden komisch darauf, dass Sie so abtauchen?
Ich tauche immer nur in der Phase ab, wo ich scharfstelle. Beim Fotografieren stehe ich daneben und dann sieht man mich auch. Ansonsten lösen diese Kameras aus, dass die Menschen ehrfürchtiger sind. Spätestens, wenn ich mit zehn Stativen im Vorraum stehe und sie Angst vorm Zerkratzen des Parketts haben, merken sie schon, dass sie es mit einem anderen Level von Fotografie zu tun haben.

Oft planen Sie stundenlang und machen dann nur ein Motiv. Wäre Regisseur dann nicht das bessere Berufsziel gewesen?
Vielleicht ja. Ich habe auch ein paar Mal Regie für Musikvideos geführt. Das ist spannend, keine Frage: Aber ich finde mit einer Fotografie hat man danach ein Print in der Hand. Das kannst du anfassen, aufhängen, wegstellen. Du hast was zum Mitgeben. In einen Film kannst du viel reinpacken, mit leisen Schritten viel erzählen. Mit einem Foto musst du auf den Punkt kommen.

Haben Sie eigentlich überlegt, sich einen Künstlernamen zuzulegen, um nicht immer mit Ihrer Familie in Verbindung gebracht zu werden?
Ja, auf jeden Fall. Und vom Grundgedanken her wäre es mir auch lieber gewesen ohne die Familienvorgeschichte diese Karriere hinzulegen. Ich kann aber für mich selbst sagen, dass ich mir alles erarbeitet habe. Ich habe ja auch nicht früh angefangen, irgendwelche Schauspieler zu porträtieren oder so.

Und was wäre Ihr Künstlername gewesen?
Ich hätte den Familiennamen meiner Mutter annehmen können: Hahn. Das hätte schon funktioniert. Klar kann man sich auch ganz verrückte Namen aussuchen. Aber am Ende ist es ja eine tolle Familie.

Ihre Ausstellung wurde von F.C. Gundlach kuratiert: Wer hatte denn das letzte Wort, wenn es um Fragen, wie die Auswahl der Bilder ging?
Also bestimmt gab es Diskussionen. Und es sind vielleicht zwei oder drei Bilder drin, die ich nicht genommen hätte. Aber er ist der Kurator. Fertig aus. Außerdem hat er ja am Ende eine sehr verblüffende, in sich stimmende Hängung gemacht. Die Ausstellung ist eher museal als verkaufsorientiert.

Ist Verkaufen nicht das Hauptinteresse?
Doch, klar. Aber es gibt vielleicht ja ein Umdenken. Eine Galerie muss sich auch neuen Sachen öffnen. Ich bin jetzt der Jüngste, der hier ausstellt. Vor mir und hinter mir gibt es viele große Namen, aber es muss ja auch etwas hinterher rutschen. Man kann nicht immer nur die alten Namen ausnudeln.

Bei den Bildern in der Ausstellung fällt auf, dass die Porträtierten oft wegschauen. Soll man als Betrachter nicht richtig in Kontakt mit den Porträtierten kommen?
Eventuell kommt man anders in Kontakt, weil man mehr drumherum sieht. Das sind verschiedene Herangehensweisen: Ich finde ein gutes Bild muss so funktionieren, als ob man an einer offenen Tür vorbeiläuft, kurz rein guckt und sich da was abspielt. Das muss eine Mischung aus banal, perfide und irgendwas Verrücktem sein. Irgendwie ein erhaschter Augenblick. Wenn man den gedanklich weiterdrehen kann, dann funktioniert ein Bild.

Probieren Sie die Inszenierungen oder Szenen manchmal vor dem Shooting aus?
Ein bisschen für mich im Kopf. Manchmal probe ich mit den Darstellern vor Ort. Ich spiele vor, wie ich es haben möchte. So begreifen es die Leute dann auch. Die Assistenten haben oft genug was zu lachen.

Kommt es vor, dass manchmal Leute auf Sie zukommen und um eine bestimmte Inszenierung bitten?
Das würde ich nicht machen. Es gibt Leute, die mittlerweile zu mir kommen und sagen „Haben Sie nicht Lust, den und den zu fotografieren?“ und mir das dann ermöglichen. Ich kann ihnen aber nicht bloß einen Gefallen tun, am Ende muss es mein Bild sein. Und komischerweise finden die das dann auch wieder gut. Ich bringe ein Bild nicht zu Ende, wenn es mir nicht gefällt. Manchmal stehen wir auch zwei Stunden am Set, alles sitzt, der Raum ist gut durchleuchtet, die Idee ist eigentlich gut, aber es funktioniert nicht.

Und dann brechen Sie ab?
Bis jetzt haben wir es immer geschafft. Ich versuche mich nicht mit halben Sachen zufrieden zu geben.

Wollte denn schon einmal jemand bei einer Inszenierung nicht mit machen?
Bestimmt. Aber da habe ich so meine Tricks, wie man das Motiv am Ende doch bekommt.

Fotografieren Sie lieber Leute, zu denen Sie eine persönliche Beziehung haben oder die Ihnen fremd sind?
Lieber Fremde, die ich noch nicht fotografiert habe, mir kommt da schneller eine Idee. Das Zusammentreffen mit einem Menschen, den ich fotografiere, ist immer wieder etwas Neues – auch wenn ich die Leute schon kenne. Dann lernt man mich von einer anderen Seite kennen, dann bin ich im Job. Da ist dann auch ein kleines Regiment zu führen.

Wie ist es im Extremfall? Wenn Sie Anna Maria fotografieren, sehen Sie dann Ihre Schwester oder die Schauspielerin?
Höchstwahrscheinlich beide. Wir sind beide professionell und ziehen das Ding durch ohne Bruder-Schwester-Verhältnis. Da wird durchgearbeitet bis der Job erledigt ist. Aber sagen wir es mal so, ich fotografiere die Menschen.

Bei dem Porträt von Angela Merkel haben Sie tatsächlich einfach die Bundeskanzlerin umgedreht und von hinten fotografiert. Was hat sie dazu gesagt?
Ich glaube, sie hat mir in dem Moment kurz vertraut. Ich habe einfach frech gefordert und Glück gehabt, dass sie mitgemacht hat.

Momentan herrscht ja ein gewisser Hype um Sie: Haben Sie vor jetzt erstmal eine Pause einzulegen?
Ich glaube, es ist ganz wichtig, jetzt mal einen Schlussstrich zu ziehen. Damit wieder Normalität einkehren kann. Ich habe Familie, da ist man ganz anders verbunden mit normaleren Sachen. Da muss man Kostüme kleben oder basteln oder kaufen. Ich muss unbedingt Pause machen, um mal runter zu kommen.
Klar ist der Hype groß und jetzt muss ich mich in den nächsten Jahren erstmal beweisen. Kritisch wird es erst, wenn man keine Idee mehr hat.

Herr Mühe, wir bedanken uns für das Gespräch.

Das Gespräch führten Bettina Stuhr und Thore Barfuss.


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Andreas Mühe
Andreas Mühe, 1979 in Karl-Marx-Stadt geboren, ist Fotograf und stellte sein Werk 2010 erstmals in einer Gesamtschau in der Berliner Galerie Camera Work vor


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