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07.11.2009
"Ich schämte mich, aus dem Osten zu kommen"
Interview mit Sido

Paul Würdig alias Sido ist einer der größten Popstars unserer Zeit: Jahrelang verheimlichte er seine wahre Herkunft, die DDR. Ein Gespräch über Stasi-Nachbarn, gebackene Tonbänder und warum er am Geruch erkennt, wenn er in Ostberlin ist.

Die ersten zweieinhalb Schuljahre sind Sie noch im Osten zur Schule gegangen. Wie verlief der Wechsel in die BRD?
Als ich im Westen in die Schule kam dachte ich sofort: „Was ist denn hier los?!“ Im Osten mussten wir immer gerade sitzen, das war die erste Aufgabe in der Schule. Im Westen war ich wirklich schockiert: Da sind Leute einfach aufgestanden und auf die Toilette gegangen. Ich habe das dann auch sehr schnell ausgenutzt. Das mir so eine Chance geboten wurde, war ein großer Fehler.

Gab es denn irgendwelche Konflikte mit Mitschülern?
Das sowieso. Bei meinem ersten Kontakt im Westen überhaupt wurde ich von Türken in meinem Alter dafür angemacht, dass ich Ostler bin. Einfach so aus dem Nichts. Das war für mich damals unverständlich. Und ich bin auch wirklich nicht der Typ, der so was auf sich sitzen lässt. Beim dritten oder vierten Mal musste ich dann was dagegen sagen. Und da kam es natürlich auch zu Schlägereien. Das hatte es vorher im Osten nicht gegeben.

Haben Sie sich für Ihre Herkunft geschämt?
Ja, ich habe mich geschämt dafür, dass ich aus dem Osten komme, sonst hätte ich es nicht irgendwann verheimlicht. Selbst meine Mutter hatte mir das irgendwann geraten. Als ich den Song gemacht habe, in dem ich von meiner wahren Herkunft erzähle, war sie immer noch besorgt und hat gezweifelt, ob es richtig ist das preiszugeben.

Warum haben Sie das überhaupt erst jetzt bekannt gegeben? Die Vorteile für Ihre Album-Promotion lassen sich nicht von der Hand weisen...
Ob man es mir glaubt oder nicht: Das war purer Zufall. Die Idee zur Single „Hey du“ habe ich vor über anderthalb Jahren gehabt. Uns ist erst spät aufgefallen, dass die Single parallel zum Mauerfalljubiläum erscheint.

„Hey du“ enthält Originalaufnahmen aus dem Musical „Linie 1“ aus den Achtzigern, wie sind Sie da rangekommen?
Das war gar nicht so einfach: Die Original-Tonbänder sind über 20 Jahre alt, wenn man die einfach abspielen würde, würden die zerbröckeln. Deswegen mussten die erst mal drei Tage lang bei 73 Grad gebacken werden. Mir war sehr wichtig, dass wir die Originalaufnahmen benutzen: Besser als damals hätte es die Sängerin nicht mehr singen können.



Wieso ist eigentlich nie rausgekommen, dass Sie aus dem Osten kommen?
Ich war ja erst neun Jahre alt und doch ziemlich lange weg aus dem Osten. Als die Mauer dann fiel, hatte drüben plötzlich jeder ein ganz verrücktes Leben, wahrscheinlich auch die wirklich guten Freunde von damals. Da hat man diesen Paul aus der Grundschule einfach vergessen.
Außerdem glaube ich auch nicht, dass die Leute einen Grund gehabt hätten, in diese Richtung zu forschen. Ab dem Märkischen Viertel habe ich das wirklich niemandem mehr erzählt.

Wie haben Sie sich später dann verhalten, wenn über die DDR gesprochen wurde?
Ich habe immer den Ahnungslosen gespielt und so getan, als wüsste ich nichts über den Osten.

Gab es Situationen, in denen Sie sich selbst über Leute aus dem Osten lustig gemacht haben?
Ja, klar ist mir das passiert. Ich muss aber dazu sagen, dass ich das darf (lacht). Wenn ich also „Scheiß-Ossi“ sage, dann weiß ich ja genau, was ich meine. Mich selbst zum Teil ja auch.

Auch in Songs haben Sie sich immer mal über Ostberlin lustig gemacht.
Es gibt einen Song, den ich zusammen mit einem Ost-Berliner Rapper gemacht habe, in dem ich den Wessi verkörpere und er den Ossi. Da lästern wir über die schlechten Angewohnheiten des jeweils anderen ab. Der Song ist erst mal krass. Auf dem sind ja nur Ostler drauf!

Welche Erinnerungen aus der DDR sind Ihnen heute noch besonders präsent?
Wir sind damals sehr oft zu meinem Opa gefahren, der hatte nen Wohnwagen auf nem Bauernhof stehen. Das war immer sehr schön. Und sonst natürlich das Essen: Im Westen war mir das damals viel lieber. Heute ist es umgekehrt, ich weiß das Essen aus dem Osten sehr zu schätzen. Als ich rüber kam, dachte ich Döner und Pommes mit Currywurst seien das Paradies; oder erst chinesisches Essen! Darauf bin ich allerdings bis heute hängengeblieben. Der Laden, in dem ich das erste Mal chinesisch essen war, da gehe ich heute noch hin.

Gibt es auch negative Erinnerungen?
Meine Mutter hat mir immer erzählt, dass ich nicht mit dem Nachbarn über alles reden soll. Der wurde mir auch immer suspekter, wie er z.B. beim Autowaschen unsere Wohnung beobachtet hat oder so. Eines Nachts lag ich im Bett und bin wach geworden und habe meinen Nachbarn auf dem Fensterbrett gesehen, der mich angelächelt hat. Ich habe mich dann sofort unter der Bettdecke versteckt und es niemandem erzählt. Ich dachte damals, das sei ein Traum. Mittlerweile sage ich aber: „Warum nicht?“
Ob’s jetzt wirklich so war oder nicht, wenn ein kleiner Junge denken muss, dass sein Nachbar auf seinem Fensterbrett sitzt, kriegt man Verfolgungswahn.

Denken Sie denn heute noch in Kategorien Ost/West?
Ja, das kriege ich nicht aus meinem Kopf raus. Besonders als Berliner weißt du, wenn du im Osten bist. Nachts erkennt man das an z.B. an den orangen Lichter. Ich glaube man könnte mir sogar die Augen verbinden und ich würde riechen, wenn ich im Osten bin. Das ist aber ein Berliner-Ding.

Wo fühlen Sie sich denn mehr zu Hause? In Westberlin oder in Ostberlin?
In Berlin ...

Hier ist das Kategorien-Denken weg?
Schon, die ehemalige Teilung macht für mich Berlin auch aus. Ich wohne mittlerweile wieder im Osten. Morgen könnte ich aber auch nach Charlottenburg ziehen und würde mich genauso zu Hause fühlen. Ich bin so’n Harald Juhnke. Berlin hat so nen Zauber, egal wo du bist. Wenn ich sage, ich kann riechen, wenn ich im Osten bin, heißt das nicht, dass es da stinkt.

Wie finden Sie den Ostalgie-Hype?
Ostalgie finde ich gut. Sobald das aber politisch wird und man mir sagt der Sozialismus ist ein Wunderwerk der Gerechtigkeit, dann habe ich ein Problem damit.

Bei aller Ostalgie wird doch aber gern vergessen, dass z.B. Ex-Stasi-Mitarbeiter heute in hohen Positionen sitzen.
Ich find die Stasi nicht schlimm. Die Stasi war eine sehr harte Geheimagentenfraktion, aber die gab es im Westen auch. Das Problem war die Politik, die so etwas in Auftrag gegeben hat.

Aber bei der Stasi hatte das doch schon andere Qualitäten als andereswo: Man konnte nie wissen, welcher Mitmensch einen bespitzelt.
Aber das war doch deren Aufgabe! Das Problem war der Staat nicht die Stasi. Man muss das von ganz oben betrachten. Natürlich haben die viel Scheiße gebaut, das ist ja keine Frage, natürlich war das menschenverachtend.

Zum Abschluss: Wieviel DDR steckt heute noch in Sido?
(Überlegt) Alles was von der DDR noch in mir steckt habe ich von meiner Mutter: Der Fleiß, die Arbeitsmoral und die Loyalität – und die hat das alles aus dem Osten.

Besten Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Thore Barfuss


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Leserkommentare
JoeBanane (Darmstadt) 08.11.2009
Liebe Frau Herold,
Sie scheinen da mit den Begrifflichkeiten ein bisschen durcheinander zu kommen. Sido ist nicht in den Westen gegangen, sondern nach (West)Berlin, und das liegt bekanntlich Osten. Nur einige topografisch etwas minderbemittelte "Wessis" (der Begriff ist übrigens eine west-berliner Erfindung) können wirklich glauben, das "Märkische Viertel" läge irgendwo im Sauerland. Aber gut. Dank der 20-jährigen investigativen Aufarbeitung durch den (west)deutschen Qualitätsjournalismus hat man sich an solchen Stumpfsinn (leider) schon gewöhnt.
Christine Herold (z.Zt. China) 08.11.2009
cicero trägt zur Verblödung der Bürger bei? - ein Kind, das mit 9 in den Westen geht, ist kein Ossi, selbst wenn Mama was erzählt hat!
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Sido
Rapper Paul Würdig wurde unter seinem Künstlernamen Sido berühmt. Lange Zeit war nicht bekannt, dass er in der DDR groß geworden ist.


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