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Der Blogger in Kampfmontur
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29.10.2009
Interview mit René Walter
Mit seinem Blog „Nerdcore“ gehört er zu den drei erfolgreichsten Bloggern des deutschen Sprachraums: René Walter im Interview über Nerds, das Internet als disruptive Technologie, den Sozialismus der Ideen, die Funktion der Piratenpartei und die Zukunft der Demokratie.
Herr Walter, sind sie ein Nerd?
Sicher kein klassischer Nerd. Das wären die Eierköppe, die sich schon in der Schule nur für Computer und Naturwissenschaften interessiert haben. Meine Festplatte ist dagegen seit letztem Jahr am Arsch, und ich weiß immer noch nicht wie ich die repariere. Andererseits hatte ich früher einen C64, und hab’ viel programmiert, auch in Assembler, also Maschinensprache. Ich würde den Begriff aber grundsätzlich weiter fassen und sagen, dass Nerdism gleichzusetzen ist mit der tiefen Faszination für ganz bestimmte Themen.
Wenn man sich Ihre Seite anschaut, wäre das alles was mit Monstern, Robotern, Comics und Raumschiffen zu tun hat?
Na ja, das ist immer dieses Klischee. Ich hab schon oft gehört meine Seite sei das Zombie- und Star Wars-Blog, aber so monothematisch bin ich gar nicht. Typisch „Nerdcore“ ist genauso auch das Posting über 20er Jahre Illustrationen, die die menschliche Anatomie als Maschine darstellen, oder das über ein Buch aus dem Jahr 1937, in dem es um Studenten geht, die Nachts auf den Universitätsgebäuden in Cambridge herumklettern. Einfach Zeug was man sonst nirgendwo findet. Ich hab so ein paar Grundsätze auf Nerdcore: Keinen Konzernkram, wenn er nicht völlig, völlig geil ist, und ich will keine Menschen beleidigen, und mich nicht über das Unglück anderer lustig machen. Und dann aber doch wieder einmal im Quartal, da bringe ich dann vielleicht mal ein Video das lustig ist, weil jemand auf die Fresse fliegt. Das ist dann der Stilbruch.
Ihr Blog ist, könnte man sagen, Teil der Underground Kultur, einer Szene die völlig losgelöst von Leitmedien oder aktuellen Marktentwicklungen existiert. Trotzdem gibt es erstaunlicherweise in dieser Szene auch international eine Art Konsens, etwa darüber dass so unterschiedliche Figuren wie Robert Crumb, Aldous Huxley, George Romero oder die Beastie Boys Helden sind. Wie entsteht eigentlich so ein Konsens?
Ganz einfach: Im Underground zählt einzig und allein die ästhetische Qualität. Und das ganz unabhängig von der Frage, ob diese Qualität auch im Pop anerkannt wird, oder nicht. Da gibt es dann zwar die Puristen, die bei Pop aufschreien, aber das tangiert die Ästhetik ja nicht. Auf diese Qualität einigen sich dann bestimmte Leute, wobei ich mir nicht so sicher bin, was diese Leute verbindet. Wahrscheinlich einfach eine gewisse Geschmackssicherheit.
Kulturmagazine, Hitparaden, Musiksender, all diese Institutionen spielen im Zeitalter der digitalen Revolution auch im kulturellen Mainstream keine Rolle mehr. Wer übernimmt sie in Zukunft? Die Nerds?
Na ja, es wird ja immer gesagt, die Blogs würden die Gatekeeper-Funktion des klassischen Journalismus beenden. Das ist teilweise so. Das Internet ist eine disruptive Technologie, es rüttelt an den Grundfesten unserer Gesellschaft und vor allem an Geschäftsmodellen. Und das Gatekeeping verschiebt sich eben weg von den Professionellen, hin zu Leuten die Sachen lieben und sich deshalb im Netz damit beschäftigen. Von der Wirtschaftskrise habe ich beispielsweise ein gutes halbes Jahr, bevor sie in „den Medien“ Thema wurde, aus Blogs erfahren.
Und aus Leidenschaft zur Sache sozusagen die Perlen fischen, aus dem großen Meer der Gegenwart, die sich im Netz abbildet?
Ja, es findet ein Siegeszug des Liebhabertums statt. Es gibt da ein schönes Zitat von einer Filmkritikerin, die sinngemäß gesagt hat: Die wahren Filmliebhaber erkennst Du nicht daran, dass sie Godard kennen, oder alle Arthouse Filme, sondern daran, dass sie sich durch tausend beschissene Z-Filme gewühlt haben, nur um diese eine Perle zu finden, die kein Arsch kennt. Aus dieser Schule komme ich.
Sie bloggen nicht nur auf Ihrer eigenen Seite „Nerdcore“, sondern auch auf „Spreeblick“ und „5 Filmfreunde“, und das ziemlich viel und regelmäßig. Haben Sie bestimmte Quellen oder Lieblingsseiten, auf denen sie Themen und Ideen sammeln?
Nee, ich verfolge ungefähr 500-600 Webseiten, darunter auch ziemlich viele abseitige Blogs die sehr selten aktualisiert werden. Das funktioniert nur mit einem Feedreader, einem Programm, das diese Seiten für mich auf News checkt. Nur so geht das. Ich hab einen recht rigiden Zeitplan, morgens ein bis zwei Stunden, abends ein bis zwei Stunden. Tagsüber behalte ich die Seite im Auge, falls was wirklich Wichtiges passiert, wenn Michael Jackson stirbt oder so. Aber ich mach ja auch noch anderen Kram, Webdesign vor allem.
Ließe sich denn als Blogger in Deutschland Geld verdienen?
Oje, also wenn ich außer dem Bloggen nicht auch noch Webseiten designen würde, käme ich schon irgendwie über die Runden, aber ehrlich gesagt nur knapp.
Das ist eine Ansage, von einem der erfolgreichsten Blogger des Landes.
Tja, wir sind eben noch nicht so weit wie in den USA, wo man tatsächlich damit reich werden kann. Englisch ist nun mal eine globale Sprache, ist ja klar dass man damit auch Leute jenseits amerikanischer Landesgrenzen erreichen kann. Blogs wie „Boing Boing“, übrigens so bisschen das Vorbild für Nerdcore, haben monatlich 3 Millionen Leute auf der Seite. Bei mir sind es immerhin um die 800.000. Ich finde es aber schon enorm, dass man hier von dem Job überhaupt leben könnte.
Und zwar von den Werbeanzeigen auf der Seite?
Genau, auf „Nerdcore“ ist das halt dieser ganze abgefahrene Freakscheiß, der die Leute anzieht. Darauf fahren einerseits die ganzen Designagenturen ab, und andererseits die Nerds.
Die Partei der Nerds sind Offiziellerweise die Piraten. Spielen die eine Rolle für sie?
Absolut. Ich bin selber Mitglied, wenn auch kein aktives, und ich gucke denen mit Wohlwollen zu. Wobei ich glaube, dass deren Themen langfristig von den anderen Parteien aufgegriffen werden, womit die Partei langfristig vielleicht obsolet würde. Aber schon die Tatsache, dass die Netzpolitik der neuen Bundesregierung so liberal ausgefallen ist, hat die Kanzlerin ja explizit auf das Wahlergebnis der Piratenpartei zurückgeführt. Über die restlichen Pläne der neuen Regierung hülle ich mich hier mal lieber in den Mantel des Schweigens.
Wie stehen sie zur Debatte um das Urheberrecht im Netz?
Das ist glaube ich ein viel, viel größeres Thema, als es nach außen hin oft dargestellt wird. Als ob es nur um „Musik für lau“ ginge. Ich selbst habe so eine komische Utopie, nämlich tatsächlich einen Sozialismus der Ideen.
Wie müsste man sich einen Sozialismus der Ideen vorstellen?
Das würde heißen, sobald eine Idee, - das kann ein Buch, ein Artikel, eine These, Musik oder ein Film sein, - veröffentlicht wird, vor allem digital, darf die kopiert und weitergegeben werden, egal ob Du dafür Geld bekommst oder nicht. Gleichzeitig ist klar, dass Künstler von ihrem Schaffen leben können müssen. Deshalb bin ich ein Befürworter der Kulturflatrate, wie auch immer die aussähe. Ich selbst würde jedenfalls ein Vielfaches des Betrages zahlen, der bisher in Diskussionen so kursierte. Für einen freien Download von Büchern, Musik und Filmen im Netz wäre ich gerne bereit einen Hunni im Monat zahlen.
Allerdings könnten viele große Ideen, Recherchen oder Kunstwerke gar nicht entstehen, wenn Verlage, Plattenfirmen oder Studios die Künstler nicht vorab finanzieren und schützen würden. Genau solchen Unternehmen würde Ihre Utopie aber das Wasser abgraben.
Ob wir solche Unternehmen wirklich brauchen, ist die Frage. Aber genau aus diesen Gründen giften ja gerade auch viele Journalisten gegen solche Vorschläge, ein Text ist ja in der Digitalen Welt noch weniger ein Produkt, als es ein Song ist. Es gibt genug Beispiele die zeigen, dass das funktionieren kann: Leute wie Cory Doctorow, der seine Bücher gratis ins Netz stellt und sie trotzdem erfolgreich im Handel verkauft. Oder „Paranormal Activity“, ein Horrorfilm der gerade erschienen ist, der mit einem minimalen Budget und praktisch ohne Marketing direkt auf Platz eins der US-Kinocharts gelandet ist. Das mögen Glücksfälle sein, und zugegeben, Newcomer hätten es ohne Förderung schwer. Aber war das denn jemals anders? Die hatten es schon immer schwer. Im Internet geht vieles für Newcomer eher leichter.
Wie wird die Entwicklung des Internets in Zukunft die Politik verändern?
Die Piraten haben da ein interessantes Konzept, die so genannte „liquid democracy“. Die Menschen sind heute oft auch deshalb von den klassischen Parteien angekotzt, weil sie so verkrustet sind. In Amerika kann ein Obama innerhalb von vier Jahren Präsident werden. Bei uns ginge das nie, da musst Du dich erst einmal jahrelang durch den Parteiapparat dienen. Dagegen haben die Piraten zum Beispiel ihr gesamtes Programm in einem so genannten Wiki ins Netz gestellt. Ähnlich wie bei Wikipedia kann dort jeder mitmachen und Sachen editieren, also ein ganz offenes Konzept. Zu dem Thema gibt es einen interessanten Dokumentarfilm, „Us Now“ von Ivo Gormley, da geht es genau um die Frage was in Zukunft politisch möglich sein wird, wenn man heute schon jedes Lexikon mit einer Website in den Schatten stellen kann. Die Form der Demokratie wird sich ändern, sie wird partizipatorischer werden.
Das Prinzip Wikipedia verändert neben vielem anderen auch das Verhältnis zu uns selbst, auch indem wir das Internet zunehmend als externes Gedächtnis nutzen. Besteht dabei die Gefahr zu verblöden?
Ich weiß nicht ob das schlecht ist, wenn wir unser Hirn weniger als Speicher genutzt wird, und mehr als Verbindungshersteller. Die Entwicklung geht aber doch viel weiter. Ich verfolge momentan mit Hochspannung die Entwicklung der Neurowissenschaft. Mittlerweile können die durch Gehirnmessungen das Bild, das ein Patient im Kopf hat, abbilden. Die können sein Gehirn lesen! Und über das Internet haben die ein Brain-to-Brain-Interface aufgebaut, die haben Gedanken übertragen! Unglaublich!
Wie wird das Internet in 20 Jahren aussehen?
Tja, Futuristen machen immer den Fehler der linearen Projektion. In Wirklichkeit dauert alles meistens doch länger, oder kommt ganz anders. Aber wahrscheinlich werden wir in 20 Jahren tatsächlich die Gehirne direkt anzapfen, und perfekt Gedanken lesen können. Was passiert dann? Dann ist die Frage nach dem Copyright, dem Recht auf die eigene Idee tatsächlich völlig obsolet geworden. Das sind die Sachen die anstehen, die digitale Revolution ist doch nur die Vorbereitung darauf. Wenn in diese vernetzte Struktur Gedanken ohne Tastatur einfließen können...wow! Das schafft Möglichkeiten für eine ganz andere Gesellschaft, für einen Umbruch, so revolutionär wie die Aufklärung. Vor fünfhundert Jahren ist allmählich die Wahrnehmung des Äußeren gekippt, da haben die Leute ja tatsächlich das Weltbild einer flachen Erde und einem Himmel und einer Hölle gegen das heliozentrische Weltbild eingetauscht. Vielleicht kippt als nächstes die Wahrnehmung des Inneren, also vielleicht ein Ende des Menschenbilds als Individuum sondern als technologisch vernetztes Kollektiv. Ich spinne das jetzt auch gerade zusammen, aber wer weiß?
Danke sehr für das Gespräch!
Das Interview führte Constantin Magnis
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