16.10.2009
von Wolfram Eilenberger
Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama sagt mehr über die Sehnsüchte des Westens als über die Friedensfähigkeiten des US-Präsidenten. Warum wir Obama als Führer einer neuen Politreligion missverstehen.
Mit der Salbung zum Friedensnobelpreisträger weiß sich Barack Obama nun ganz offiziell als paradigmatische Verkörperung unser aller Hoffnung auf endgültigen Weltfrieden anerkannt. Oder in anderen, vertrauteren Worten: als neuer Messias. Die Kernpunkte der mit dem Antlitz Obamas verbundenen Erlösungslehre kreisen dabei allesamt um die Vorsilbe „multi“ – und nirgendwo findet sie freudigere Aufnahme als bei den Bildungseliten des alten Europa.
Da wäre zunächst die eng an Obama geknüpfte Hoffnung auf eine von gegenseitigem Respekt und Gesprächsbereitschaft geprägte multipolare Welt, in der sich die einstmals alleinige Supermacht USA als eine gewichtige Stimme unter anderen verstehen und fortan auf Waffengewalt verzichten lernt. Bei näherer Betrachtung eine rein europäische Wunschvision. Worauf soll ein alter Kontinent, der militärisch so schwach ist, nicht einmal seine eigene Sicherheit gewährleisten kann, global auch anderes hoffen als den zwanglosen Zwang des besseren Arguments? Doch wie jede anständige Religion lässt sich auch der Obama-Messianismus nicht von sogenannten Fakten trüben, wie etwa der Tatsache, dass der Oberste Befehlshaber der Vereinigten Staaten weiterhin zwei robuste Kriege anführt oder aber beim nahenden Klimagipfel in Kopenhagen gemeinsam mit dem eisenharten China die europäischen Wunschziele auf friedenssichernden Klimaschutz souverän zu ignorieren gedenkt.
Nicht weniger faktenresistent erweist sich die Macht europäischen Wunschdenkens im Bereich des Religiös-Kulturellen. Seht ihn euch an, diesen Obama: Als Sohn eines muslimischen Afrikaners lernte er in einer indonesischen Koranschule das Schreiben, fand aber schließlich doch zurück in den Schoß des christlichen Glaubens! Ist das nicht genau jene wundersame Wandlung, die das gute alte Europa als Ideallösung für seine Millionen von gettoisierten, arabischen Jungmännern erhofft? In einer pervers verdrehten Form von Projektion dient der perfekte Mischlingssohn Obama den europäischen Politeliten von links wie rechts als willkommener Anlass, das vollkommene Scheitern der eigenen Integrationspolitik zu verdrängen.
Und jetzt mal unter uns: So richtig christlich ist dieser Obama doch gar nicht. Das macht er doch nur für den Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft. Nein, im Herzen ist unser Mann aus Harvard natürlich – wie jeder halbwegs gebildete Europäer – ein kosmopolitischer Atheist, denn allein so ist endgültiger Weltfrieden denkbar. Nicht wahr?
Die Vision einer weltheilenden, atheistischen Kosmopolitik wurde im Europa der Renaissance geboren, weshalb unser neuer Messias auch privat-beruflich dem Renaissanceideal des „neuen Menschen“ entspricht: ein weltgewandter Gelehrter, Doktor der Jurisprudenz, ebenso geschmeidiger Spitzensportler, fürsorgender Vater und Gatte, in wahrer Berufung aber Dichter und Romancier. Hören wir dazu die britische Schriftstellerin Zadie Smith, wie sie den Stimmenreichtum Obamas unlängst mit dem Shakespeares auf eine Ebene hob: „Obama kann in Stimmen sprechen … er kann sprechen wie ein junger Jude, wie eine schwarze Großmutter aus Chicago, ein weiße Frau aus Kansas, wie ein Harvard-Streber, wie eine Feministin, wie ein Priester, wie ein Bankkaufmann oder wie ein britischer Adliger …“ Volià! Das ist er, der polyphone Dichterfürst, von dem das moderne Europa immer geträumt hat.
Die Obama-Bewegung begann als politische Aktion und nahm schließlich messianische Züge an. Im Kern steht sie für eine multipolare Welt des vielstimmig gespannten Konsenses, in der jeder Mensch ebenso souverän wie flexibel über seine eigene Identität, Sprache und Rollenfindung verfügen kann. Und was ist schlecht daran?
Nun, womöglich gar nichts. Aber einmal abgesehen davon, dass diese Vision realpolitisch bislang jeder benennbaren Grundlage entbehrt, gibt es durchaus eine nachtdunkle Deutung des Phänomens, sagt doch auch dieser neue Messianismus viel mehr über die Ängste, Kränkungen und Hoffnungen seiner Anhänger als über die eigentlichen Intentionen des angebeteten Führers. Konkret lässt sich die neue europäische Religion als Symptom einer tiefen narzisstischen Selbstbezogenheit diagnostizieren: Ganz offenbar können wir das grundamerikanische Phänomen Obama nur unter der Voraussetzung ertragen, ihn zum besten aller möglichen Europäer zu verklären. Die schmerzhafte Möglichkeit, dass Präsident Obama nicht mehr und nicht weniger als ein Amerikaner im besten Sinne ist, der klassische amerikanische Interessen auch weiterhin auf klassisch amerikanische Weise vertreten wird, scheint uns allen – insbesondere aber den fünf im weitesten Sinne waschechten Sozialdemokraten des norwegischen Nobelkomitees – bisher nicht einmal in den Sinn gekommen. Was soll man da machen? Wahrscheinlich hilft nur Beten. |