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Eike Schönfeld freut sich über den Preis der Leipziger Buchmesse.
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31.03.2009
von Sophie Diesselhorst
1976 wurde Saul Bellow für seinen Roman "Humboldt's gift" mit dem Pulitzer-Preis geehrt. Ungefähr 30 Jahre später hat der Übersetzer Eike Schönfeld sich den 500-Seiten-Wälzer vorgeknöpft und ihn im Deutschen zum Glänzen gebracht – wofür er mit dem diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse belohnt worden ist. Der Bellowsche Humboldt zieht die Preise an – nicht ohne Grund.
Charlie Citrines Stern ist gesunken. Erfolg und Geld hat er gehabt, genau wie sein Kollege. Von Humboldt Fleisher, der ihn dereinst in die New Yorker Welt der Literaten einführte. Aber Erfolg und Geld sind flüchtig, das mussten sie beide erleben, und nun ist Humboldt tot, und Citrine ist ältlich und hat seit einigen Jahren nichts Hitverdächtiges mehr zu Papier gebracht. Liegt's am Erfolg, am Geld, dass das Thema, das Charlie Citrine beherrscht, und über das er immerhin noch einen weltbewegenden Essay schreiben will, soviel Willenskraft ist noch da, die Langeweile ist?
In "Humboldts Vermächtnis" erzählt Saul Bellow durch Charlie Citrine, jüdischer Sohn osteuropäischer Einwanderer, als Kind knapp dem Tuberkulose-Tod entronnen und nicht nur deshalb von vielen als alter ego des Autors verstanden, die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Schriftstellern, einer Liebe, die auf dem Papier immer wieder beteuert und im wahren Leben meistens ins Gegenteil verkehrt wird. Diese Liebe ist keine geschlechtliche: Citrine wie Humboldt sind süchtig nach Frauen, was in beiden Fällen nicht eben unproblematisch ist.
Der Ruhm verlässt also irgendwann den Älteren (Humboldt) und besucht den Jüngeren (Citrine), es kommt zum Bruch und erst Jahre nach Humboldts Tod zur posthumen Versöhnung. Wie der Ruhm dann auch den Jüngeren verlassen hat, das hat der Ältere nicht mehr mitbekommen. Doch er hat es vorausgeahnt und ihm deshalb etwas hinterlassen, um den Ruhm, das Geld und auch die gemeinsamen Zeiten wieder ein bisschen aufleben zu lassen. Durch eine unglückliche Verkettung von Umständen erhält Charlie Citrine Humboldts Vermächtnis allerdings erst, als er zu alt dafür ist – und sich unwiderruflich in seinen "Meditationen" eingerichtet hat, in denen er den Leser in seine praktischen und theoretischen Erinnerungen entführt.
Wenn man so in Citrines Gedankenwelt eintaucht, bekommt man irgendwann das Gefühl, nicht zu lesen, sondern zu lauschen. Sehr "gesprochen" liest sich Bellows Werk. Man kann sich den Erzähler Charlie Citrine gut auf dem Sofa liegend mit Diktiergerät in der Hand vorstellen. Langatmig ist dieser Erzähler, langweilig ist er nie. Seine Geschichte ist so theoriedurchwirkt wie witzig und plastisch. Allein für die Personenbeschreibungen lohnt sich die Lektüre. So führt Charlie Citrine zum Beispiel seinen Jugendfreund, den Scheidungsanwalt Alec Szathmar, folgendermaßen ein:
"Stets konservativ gekleidet, versuchte er, seinen fetten Hintern mit doppelt geschlitzten Jacketts zu kaschieren. Und so sah er aus wie eine riesige Drossel. Das außerordentlich menschliche Gesicht dieses Vogels war von stürmischen weißen Koteletten eingerahmt. Die warmen, braunen Augen, voller Liebe und Freundschaft, waren nicht besonders ehrlich." (Übersetzung: Eike Schönfeld)
1976 bekam Bellow den Pulitzer-Preis für "Humboldt's gift". Unumstritten war der Roman damals nicht: "'Humboldts Gift'“ erinnert mich an diesen unveröffentlichten Roman eines Freundes von mir, dessen Held eine psychologische Entwicklung durchmacht, die parallel zur Entstehungsgeschichte der westlichen Philosophie seit den Griechen verläuft", ätzte beispielsweise Anatole Broyard in der New York Times.
Das allgemeine Misstrauen dürfte allerdings viel damit zu tun gehabt haben, dass ein Großteil der Kritiker "Humboldt's gift" überwiegend als roman à clef über Bellows Beziehung zu seinem Schriftsteller-Kollegen Delmore Schwartz gelesen hat.
Dass "Humboldts Vermächtnis" über mögliche Enthüllungen über die Bellow-Schwartzschen Verstrickungen hinaus überaus lesenswert ist, dass darf nun die deutsche Leserschaft erneut erfahren: durch Eike Schönfelds Übersetzung, die im März mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden ist.
Als "knackige, witzige Sprache mit schönen Sprachbildern" beschreibt Eike Schönfeld das Englische, aus dem er seit über 20 Jahren übersetzt – in ein knackiges, witziges Deutsch mit schönen Sprachbildern.
Stilistisch und syntaktisch bleibt er in "Humboldts Vermächtnis" nahe am Original, ohne das Deutsche zu vergewaltigen. Die fließenden Übergänge vom flapsigen ins poetische und wieder zurück, die "Humboldt's gift" zu einem englischen Sprachkunstwerk machen, schafft Schönfeld auch im Deutschen, zum Beispiel in dieser Passage:
"Endless conveyor belts of sickness or litigation poured clients and patients into these midtown offices like dreary Long Island potatoes. These dull spuds crushed psychoanalysts' hearts with boring character problems. Then suddenly Humboldt arrived. Oh, Humboldt! He was no potato. He was a papaya a citron a passion fruit", heißt es bei Bellow. Schönfeld übersetzt das so:
"Endlose Fließbänder auf Krankheit oder Klagen schleusten Klienten und Patienten in diese Praxen in Midtown wie trostlose Kartoffeln aus Long Island. Diese drögen Knollen zermalmten Psychoanalytikerherzen mit öden Charakterproblemen. Und dann kam plötzlich Humboldt. Oh, Humboldt! Der war keine Kartoffel. Er war eine Papaya eine Zitrone eine Passionsfrucht."
"Wie immer" habe er "Humboldt's gift" nur in kleinen Teilen gelesen, bevor er mit der Übersetzung losgelegt habe, beschreibt Schönfeld seine Arbeitsweise. "Ich habe während des Übersetzens versucht, mir die Atmosphäre des Buches zu erfühlen." In Chicago, dem Hauptschauplatz von "Humboldts Vermächtnis", war er noch nie, das hätte aber auch nichts gebracht für die Übersetzung, findet er: "Das sieht doch heute alles ganz anders aus, und außerdem glaube ich, dass die Sprache des jeweiligen Werkes das meiste vermittelt." In zwei Überarbeitungen folgte der Feinschliff, insgesamt hat Schönfeld etwa sieben Monate an "Humboldts Vermächtnis" gesessen.
Die "Mischung aus Melancholie und großem Sprachwitz" schätzt Eike Schönfeld an Saul Bellow, und Bellows Umgang mit seinen Charakteren, "deren Vorstellungen vom Leben er nicht nur hinterfragt, sondern auch konterkariert." Das Ergebnis – für Eike Schönfeld: "Ein ganz umfassendes Menschenbild".
Um den Schriftsteller-Ruhm, dessen Auswirkungen in "Humboldts Vermächtnis" so eingehend beschrieben werden, beneidet er weder Charlie Citrine noch Von Humboldt Fleisher noch Saul Bellow. "Ein bisschen mehr Anerkennung" wünscht er sich allerdings doch für seine Zunft: "Dem Leser sollte stärker bewusst sein, dass er kein Original liest, sondern eben eine Übersetzung."
Schönfeld ist mit Herz und Seele Übersetzer, als Selber-Schreiber hat er sich noch nie versucht: "Mir fällt einfach nichts ein!" Übersetzen, findet er, ist etwas völlig anderes als Schriftstellern: "Schriftsteller lassen sich mit Komponisten vergleichen, Übersetzer mit Interpreten." Die Musik übrigens hat ihn über verschlungene Wege zu seinem Beruf geführt: "Ich mochte das Englische schon als Jugendlicher, daran sind vor allem die Beatles schuld." Die Englischnote ließ trotzdem zu wünschen übrig, deshalb machte Eike Schönfeld mit 18 einen Sprachkurs in London. Die Stadt und die Sprache wurden zu seiner "großen Liebe", und Eike Schönfeld könnte ihnen diese Liebe nicht schöner erklären als mit seinen feinfühligen, lebendigen und witzigen Übersetzungen. Dafür gebührt ihm mindestens ein bisschen mehr Anerkennung.
Foto: Picture Alliance |