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Anstoss der Debatte: "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott" auf 200 Londoner Bussen.
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14.01.2009
Humane Gesellschaft ohne Gott?
von Andreas Püttmann

Empirische Befunde zum sozialen Profil von Atheisten und Christen. Eine Replik auf Jon Worth.

Das Interview mit Jon Worth: "Man muss nicht an Gott glauben, um ein ethischer Mensch zu sein"

„Man muss nicht an Gott glauben, um ein ethischer Mensch zu sein“, stellt Jon Worth im Cicero-Interview fest. Wer wollte dem widersprechen? Doch deswegen müsste der Mann noch lange nicht auf Londoner Bus-Werbeflächen gegen den Glauben agitieren. Denn was als Aussage über das menschliche Individuum unbestreitbar ist, kann auf die gesamte Gesellschaft übertragen falsch sein und Verwirrung stiften. Joschka Fischer – als Glaubens-Apologet unverdächtig – fand schon 1992 in seinem Buch: „Die Linke nach dem Sozialismus“ zu der uralten Erkenntnis zurück: „Eine Ethik, die sich nicht auf die tiefer reichende, normative Kraft einer verbindlichen Religion (...) stützen kann, wird es schwer haben, sich in der Gesellschaft durchzusetzen und von Dauer zu sein. Eine Verantwortungsethik ohne religiöse Fundierung scheint (...) einfach nicht zu funktionieren“. Gregor Gysi wurde im März 2005 in der Evangelischen Akademie Tutzing noch deutlicher: „Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft“. Das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte, dass drei Viertel der deutschen Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und Verwaltung der Meinung zustimmen: „Wenn in einer Gesellschaft die religiösen Bindungen schwächer werden, gehen auch wichtige Werte und Maßstäbe verloren“; nur 22 Prozent glaubten dies nicht.

Tatsächlich sind Glaubensüberzeugungen und Glaubenspraxis kein isolierter Lebensbereich, sondern durchwirken – bewusst oder unbewusst – die persönliche Existenz in all ihren Dimensionen: als Familienmensch, als Freund oder Partnerin, Vater oder Mutter, als Berufstätiger, Vereinsmitglied und Nachbar, als Wirtschaftssubjekt und Staatsbürger. Religiöse Überzeugungen beeinflussen Denken, Fühlen und Handeln, Sitte und Moral, Wert- und Unwertbewusstsein, Konsum- und Wahlentscheidungen.

Spieltheorie: Religion als Anker der Ethik
Neben einer Fülle empirischer Belege lässt sich zunächst eine (spiel-)theoretische Begründung für die Unverzichtbarkeit des Glaubens anführen. Jon Worth’ Argument in „Cicero“ lautet: „Der Mensch kann erkennen, was gut und was schlecht ist: Es ist beispielsweise gut, hilfsbereit zu sein. Das, was gut ist, ist universell und für jeden Menschen einzusehen, auch ohne Gott.“ Damit hebt er einseitig auf das Erkenntnisproblem der Ethik ab. Er übersieht: Sowohl scheinbare Evidenzen wie der Imperativ der Hilfsbereitschaft als auch rein immanente Naturrechts- oder Vertragstheorien über gemeinsam anzuerkennende Werte, Normen und Tugenden stoßen neben dem philosophisch noch leidlich lösbaren Begründungsproblem in der menschlichen Wirklichkeit auf ein Motivations- und ein Kontrollproblem. Denn es gibt in der Fülle staatlich oder sozial unkontrollierbarer Situationen für den Einzelnen drei Handlungsoptionen:

Er kann (1.) unbedingt moralisch handeln, also unabhängig von Vorteilen, die er haben könnte, wenn er jetzt die Situation ausnutzt. Er macht das allgemeine Interesse zu seinem Interesse und handelt unabhängig vom Verhalten der anderen den Regeln gemäß – eine unwahrscheinliche Handlungsweise, weil die innerweltlichen Anreize zu dieser „reinen Ethik“ gering sind, die „pursuit of happiness“ keineswegs deckungsgleich mit einem Leben in höchster Moralität ist. Er kann (2.) bedingt moralisch handeln und sich sagen: Ich bin bereit, mich an die ethischen Regeln zu halten, wenn alle anderen oder doch die meisten es auch tun. Ich breche aber die Regeln, wenn ich das Gefühl habe, allein der Dumme zu sein. Je größer und unübersichtlicher aber eine Gesellschaft, um so stärker wird die Unsicherheit über das Verhalten anderer, so dass selbst Bürger, die eigentlich bereit wären, den Verallgemeinerungsgrundsatz auf sich selbst anzuwenden, aus Furcht vor Übervorteilung dazu neigen können, es mit dem Regelgehorsam nicht so genau zu nehmen (Isolationsparadox). Er kann (3.) die Einsicht haben, dass dem Gemeinwohl am besten gedient ist, wenn sich alle regelgetreu verhalten; er findet aber die beste Situation diejenige, in der sich alle anderen (bzw. die meisten), nur nicht er selbst an die Regeln halten. Auch die Wahrscheinlichkeit dieser „Schwarzfahrer-Devise“ steigt mit der Anonymität der großen Zahl.

Weder mit dem kalkulierten Egoismus dieser dritten Option noch mit dem Vernünfteln, was wohl die anderen tun werden, lässt sich ein gesellschaftliches Werte- und Regelsystem aufrechterhalten. Aber auch ein moralischer Heroismus der ersten Option, der den Regelgehorsam – Kants kategorischem Imperativ entsprechend – „aus reiner Achtung vor dem Gesetz“, ohne empirische Nutzenerwägungen leisten sollte, ist aller menschlichen Erfahrung nach als Garant eines ethischen Systems ungeeignet, weil angesichts der ambivalenten Menschennatur zu unwahrscheinlich. Die Lösung dieses Problems des „Ethikversagens“ liegt im religiösen Glauben an den transzendenten Ausgleich von Sittlichkeit und Glückseligkeit für die unsterbliche Seele. Erst der Gedanke einer überweltlichen Rechtfertigungspflicht stellt die Versicherungsinstanz dafür dar, dass die Ethik in Geltung ist, dass sogar der Zustand, selbst als einziger sittlich zu handeln und dabei, innerweltlich betrachtet, hoffnungslos unterzugehen, immer noch jenem Zustand vorzuziehen wäre, in dem gar keiner sittlich handelte. Die letzte Konsequenz einer Auflösung dieser religiösen Ethikverankerung hat Dostojewski daher zu Recht in dem drastischen Satz zugespitzt: „Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt“. Auch Max Horkheimer fragte: „Warum soll ich eigentlich gut sein, wenn es keinen Gott gibt?“


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Leserkommentare
Georg Greif () 06.06.2010
Gegeben sei folgende Situation, in der eine moralisch reflektierte Entscheidung zu treffen ist: Ein Politikwissenschaftler möchte sich mit einer These zu einer gesellschaftlich relevanten Frage äußern. Er hat die Möglichkeit, seine These zu stützen, indem er (1) eine selektive Auswahl aus sich widersprechenden empirischen Daten trifft, (2) es unterlässt die Aussagekraft dieser Daten hinsichtlich der Erhebungsmethode zu relativieren, (3) eine kausale Deutung von Korrelationen in diesen Daten vornimmt, ohne die angenommen Kausalität empirisch prüfen, (4) diese Deutung mit frei schwebenden Spekulationen ergänzt. Der Politikwissenschaftler kann nun unbedingt moralisch handeln, den Regeln des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns folgen und im allgemeinen Interesse diese Probleme klar darstellen und auf den Beleg seiner These verzichten. Oder aber er kann im eigenen Interesse und im Interesse der Durchsetzung seiner These gegen die Regeln verstossen und die Allgemeinheit über die Ungewissheit seiner These betrügen. Wie entscheidet er sich nun, und wie sollte er sich entscheiden?
Hans Lass (Östmark/Schweden) 29.12.2009
Im Gegensatz zu Joe: Glaube ist im Gegentei mein Ja zur Verantwortung. Ich halte es mit der Genesis, mit Paulus, mit Luther und mit Alfred Hitchcock: Im Wesen des Menschen steckt eben nicht nur das Gute, sondern eine gehörige Portion Böses (Egoismus und Negativeres). Gott ist - im Gegensatz zu Dieter Beck - kein Selbstbetrug, sondern Ursprung des Lebens.
Joe (München) 24.12.2009
Der Mensch (zumindest eine Vielzahl) ist nunmal nicht zum Frei sein bestimmt, sondern braucht ein Gerüst des Glaubens, um nicht unter Last des Lebens erdrückt zu werden. Ich persönlich halte allerdings wenig davon, da es sich beim Glauben um nichts anderes als eine Abgabe der Verantwortung handelt. Meiner Meinung nach bedarf es keines Glaubens um eine stabile Gesellschaft zu garantieren, vielmehr die Gesellschaft sollte die Position des Glaubens einnehmen und die Leute so erziehen, dass sie dieser dienlich sind (in anderen Worten den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen). Das tun wir heutzutage aber nicht; das Gegenteil ist der Fall!
Dr. Dieter Beck (Köln) 12.11.2009
Gott ist ein Placebo-Effekt. Ich komme sehr gut ohne Selbstbetrug aus. Wer das Opium nötig hatte, bitte. Aber aufgepasst, dass nicht wieder alle zum Gott-Konsum gezwungen werden!
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Andreas Püttmann
Dr. Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und Publizist. Er ist Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung. Als Autor oder Mitverfasser veröffentlichte er über 20 Bücher und schrieb unter anderem für den "Rheinischen Merkur" und die "Welt am Sonntag".


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