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Ludwik Zamenhof, der Erfinder des Esperanto
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22.07.2008
Elitesprache auf dem Vormarsch
Interview mit Rudolf Fischer

Der Weltverband der Esperantisten wird 100 Jahre alt. Durch das Internet erlebt die utopistische Sprach-Bewegung einen ungeahnten Auftrieb – und fängt gar an, sich politisch zu organisieren.



„Kiel nomighas tekokomputilo ("Laptop") en aliaj europaj lingvoj?“ fragt Helmut am 4. September um 12:22 Uhr. „Shajne en la franca estas "ordinateur portable". De la pagho http://eo.wikipedia.org/wiki/Tekokomputilo vi trovas ligojn al "aliaj lingvoj", maldekstre, ekz. computadora portátil en la hispana, computer portatile en la itala kaj "notebook" en la hungara“, antwortet ihm Lu wenig später. Problem gelöst, Espi zufrieden. „Espis“, so nennen sich die Esperantisten in ihren Chatforen, von denen das „Esperantoland“, in dem sich dieser Dialog abgespielt hat, nur eines unter vielen ist. In den Foren werden nicht nur sprachliche Probleme abgehandelt wie Helmuts Frage, was Laptop in anderen europäischen Sprachen heißt, sondern auch und eigentlich vor allem neue Kontakte geknüpft, Einladungen ausgesprochen und Treffen ausgemacht.
121 Jahre ist die Plansprache Esperanto alt, und oft ist sie schon totgesagt werden. Doch nun, durch das Internet, erlebt sie eine Renaissance. Rudolf Fischer, Sprachwissenschaftler und Vorsitzender des Deutschen Esperanto-Bundes, spricht sich im Interview mit Cicero Online für eine gemäßigte Variante des Esperantismus aus – und erklärt, warum Esperanto eine fast perfekte Sprache ist.

Herr Fischer, glauben Sie wirklich, dass Esperanto zur Weltsprache werden kann?

Nein, das wäre größenwahnsinnig. Das Wesentliche ist meiner Ansicht nach, diese internationale Gesinnung zu verbreiten: da ist eine Sprache, die steht symbolisch für das Gefühl, eine Menschheit zu sein, und die bietet eine Verständigungsmöglichkeit, bei der alle gleichberechtigt sind.

Aber es gibt doch auch Esperantisten, die fundamentalistischer gesinnt sind als Sie, oder? Kürzlich hat sich beispielsweise die Partei „Europa-Demokratie-Esperanto“ gegründet, die Esperanto langfristig zur Europa-Sprache machen will…

Ja, es gibt schon verschiedene Strömungen. Die „Fundis“ haben das Schlagwort „fina venko“, das darf man eigentlich gar nicht ins Deutsche übersetzen, es bedeutet nämlich Endsieg. Ich bin da nicht ganz so radikal, ich würde es schon für einen Durchbruch halten, wenn irgendeine internationale Organisation sagen würde, wir setzen das jetzt ein als Verständigungsmittel. Ob die religiöser, politischer oder unternehmerischer Art ist, das spielt keine Rolle.

Den direkten Weg über die Europapolitik halten Sie also für nicht so sinnvoll?

Wir haben ja schon die europäische Esperanto-Union mit Sitz in Brüssel, die dazu da ist, immer wieder die Europapolitiker anzusprechen und ihnen vor Augen zu halten, dass sie anders als mit Englisch könnten. Dann kommen so Antworten wie: da gibt’s ja keine Dolmetscher. Was komplett am Punkt vorbeigeht, weil es ja sowieso 30 Jahre dauern würde, das wirklich zu implementieren, und in der Zeit könnte man auch genügend Dolmetscher ausbilden.

Ist Esperanto die perfekte Sprache?

Es gibt keine perfekte Sprache. Aber wenn man Esperanto in der Funktion der internationalen Verständigungssprache beurteilt, dann ist es besser als jede ethnische Sprache, einfach weil es dafür erfunden wurde. Es ist wegen seiner Regelmäßigkeit und weitgehenden Ausnahmslosigkeit sehr einfach zu lernen: Rechtschreibung und Aussprache im Esperanto bringe ich jedem in einer Stunde bei.

Wie lange braucht man ungefähr, um fließend Esperanto sprechen zu können?

Das hängt vom eigenen Vorwissen ab. Im Durchschnitt würde ich für den normal gebildeten, der seine Muttersprache und Englisch kann, zwei Jahre veranschlagen. Allerdings ist Esperanto nach wie vor eine Schreibsprache, weil die wenigsten Leute in ihrer Umgebung eine sinnvolle Alltagsverwendung haben.

Haben die Möglichkeiten des Internets die Bewegung wirklich wachsen lassen?

Wenn man sich die Mitgliederzahlen der Esperanto-Verbände anguckt, ist das nicht erfolgt. Aber die Frage ist: täuschen diese Zahlen nicht? Durch das Internet muss man heute kein Mitglied mehr sein, um an der Esperanto-Welt teilzuhaben. Früher war das die einzige Möglichkeit, um an zentrale Informationen zu kommen. Heute werde ich im Netz häufiger von mir unbekannten Leuten gefragt, ob sie denn als Nicht-Mitglied überhaupt Esperanto verwenden dürfen. Da sage ich: Aber selbstverständlich! Unser Ziel ist es doch, Esperanto so alltäglich zu machen, dass wir – die Verbände - uns auflösen können. Und wenn man nun beobachten kann, dass die Mitgliederzahlen etwas abnehmen, die Verwenderzahlen aber zunehmen, dann ist das eine gesunde Entwicklung.

Gibt es Untersuchungen über die Sozialstruktur der Esperantisten?

Die Leute sind überdurchschnittlich gebildet, sie sind tolerant, und sie können generell mehr Fremdsprachen als andere. Das sind die drei wichtigsten Parameter.

Esperanto ist also eine Elitesprache.

Ja, das ist im Grunde genommen aber auch ganz klar, wenn man sich überlegt: Wer hat die Zeit und den Intellekt, ohne äußere Vorteile bei Karriere und Einkommen eine Fremdsprache zu lernen? Das müssen schon ungewöhnliche Leute sein, die sagen: ich investiere meine Zeit und Energie, weil mir so viel daran liegt, andere Menschen und Kulturen kennen zu lernen. Das ist nämlich das Hauptmotiv. Und wenn Sie auf der Straße rumfragen: Wofür interessieren Sie sich? Da wird selten kommen: andere Menschen und Kulturen.

Video: Das "Prager Manifest"

Wie verbreitet sich Esperanto?

Das läuft hauptsächlich über die Werbung, die die Landesverbände machen. Wir haben zum Beispiel Informationstische auf Messen. Wir sind überall dort, wo wir erwarten, auf Leute zu treffen, die international denken.

Gibt es eine Sprachinstanz?

Es gibt eine „Akademie des Esperanto“, die international zusammengesetzt ist und über die Entwicklung der Sprache wacht. Man ist eingeschworen auf das „fundamento“, das 1905 abgesegnet worden ist, das ist so ein Kern der Sprache. Dem wird dann immer offiziell etwas hinzugefügt, vor allen Dingen im Wortschatz. Es geht aber zu wie in der katholischen Kirche: sie hinken dabei 50 Jahre hinter dem Alltag her.

Wie hat sich denn die Sprache seit ihrer Entstehung verändert?

Erstens hat sich natürlich der Wortschatz vervielfacht. Angefangen hat es mit knapp 900 Wortwurzeln, und im neusten Wörterbuch sind 160.000 Stichwörter drin. Auch stilistisch hat sich einiges getan: Wenn man jetzt Texte aus der ersten Zeit liest, dann muten die schon etwas archaisch an. Die Grammatik ist zwar gleich geblieben, aber die Ausdrucksweise ist schon eine andere. Partizipien sind zum Beispiel aus der Mode gekommen. Außerdem sind einige Suffixe dazugekommen. Momentan scheint sich gerade eine weitere Präposition herauszubilden: „danke al“, das heißt dank (dessen). Das sind ursprünglich zwei Wörter, aber sie wachsen immer mehr zu einem festen Ausdruck zusammen.

Kann man wie bei anderen Sprachen zwischen Umgangs- und Hochesperanto unterscheiden?

Die Bandbreite ist recht gering. Es gibt ein flapsiges Esperanto, das man in Jugendzeitschriften findet. Die Jugend testet also die Möglichkeiten unserer Sprache an den Rändern aus, und das machen auch unsere Dichterlinge. Die bringen viele Neologismen rein. Dadurch wird die Sprache allerdings sehr europalastig, denn das sind fast immer Latinismen oder Graezismen, in letzter Zeit auch verstärkt Anglizismen. Das ist so ein bisschen einseitig, aber es muss erlaubt sein: Denn wenn die Sprache nicht in jeder Hinsicht immer wieder getestet wird, dann ist sie keine vollständige Sprache.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Sophie Diesselhorst.


Foto: Picture Alliance






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Rudolf Fischer
Rudolf Fischer ist Mediziner und Sprachwissenschaftler. Mit 14 Jahren begeisterte er sich für Esperanto - heute ist er Vorsitzender des Deutschen Esperanto-Bunds.


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