07.06.2008
Interview mit Udo Pollmer
Er ist einer der bekanntesten Kritiker von verbreiteten Ernährungsmythen. Der studierte Lebensmittelchemiker Udo Pollmer räumt mit unserer landläufigen Meinung vom Essen auf.
Udo Pollmer ist einer der bekanntesten Kritiker von verbreiteten Ernährungsmythen. Der studierte Lebensmittelchemiker war Lehrbeauftragter für Haushalts- und Ernährungswissenschaften an der Fachhochschule Kassel und der Universität Oldenburg. Pollmer ist seit 1995 Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. (EU.L.E.). Bekannt wurde Pollmer als Wissenschaftsjournalist und wortgewandter Kritiker von Lebensmittelindustrie, Gesundheitsaposteln, Ernährungsberatern und Diätbefürwortern. Er verfasste zahlreiche Bestseller, darunter das Lexikon der Ernährungsirrtümer, und ist ein gefragter Gast in Fernseh- und Hörfunksendungen.
Wie wird man Ernährungskritiker?
Das verdanke ich meiner Ausbildung zum Lebensmittelchemiker. Im Studium wurde uns allen Ernstes erzählt, Schadstoffe seien verboten, die bräuchten wir nun wirklich nicht mehr zu lernen. Das war vor 30 Jahren. Heute leben die Kollegen davon, dass sie jene Rückstände messen, die man damals für belanglos hielt. Als mir dann noch ein Schlachthofveterinär – mit der Begründung, als angehender Lebensmittelchemiker sei man ja befugt, das zu erfahren – im Detail gezeigt hat, warum die Arzneimittel-Kontrollen beim Fleisch systematisch ins Leere laufen, ist bei mir der Groschen gefallen. Das wundersame Verschwinden der Rückstände hing beispielsweise damit zusammen, dass der Gesetzgeber Nachweismethoden vorschrieb, mit denen man nichts finden konnte.
Wachsendes Misstrauen gegen staatliche Kontrollen und Machenschaften der Industrie war also Ihr Erweckungserlebnis?
Noch nicht einmal. Es war nur eine ganz natürliche Neugierde und die Einsicht, dass man nicht nur uns Studenten für dumm verkauft hat, sondern dass dies auch im weiteren Berufsweg so bleiben würde. Daraus entstand mein erstes Buch Iss und stirb, das 1982 erschien. Es kam genau zur rechten Zeit, damals begann in Deutschland die Diskussion um Schadstoffe in der Nahrung. Die war längst überfällig.
Wie reagierte die Lebensmittelwirtschaft darauf?
Heftig. Ich war bald der Lieblingsfeind der Branche, insbesondere der Agrar- und Fleischwirtschaft. Erst kam die Phase des Abstreitens von Problemen und des Rechtfertigens der Missstände. Es dauerte, bis sich etwas änderte. Aber nicht aus Einsicht, sondern durch die Gesetze der Biologie: Die alte Garde begann abzutreten, eine neue Generation übernahm das Ruder. Zudem hatte Tschernobyl tiefe Spuren im Bewusstsein der Bevölkerung hinterlassen. Mit der Katastrophe hatten die Experten ihren Heiligenschein eingebüßt. Früher genügte es, wenn sie mit ernster Miene versicherten, »keine Gefahr«. Nun galt der Spruch als Verharmlosung und weckte erst recht Misstrauen.
Das Pendel fing also an, in die andere Richtung auszuschlagen?
Genau das. Lange Zeit hatten die Medien fast alle gravierenden Agrar- und Lebensmittelskandale mit dem Hinweis abgelehnt, das könne man nicht senden, das würde das Publikum nur verunsichern. Heute haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die in Sachen Ernährung und Umwelt zutiefst verunsichert ist. Dies ist aus meiner Sicht auch eine Folge der Starrköpfigkeit der Lebensmittelwirtschaft und ihren einstigen Lakaien in den Medien. Die Erfahrung des Publikums, immer wieder belogen worden zu sein, führt heute dazu, dass beinahe jeder Mist über »Umweltskandale« geglaubt wird, ja dass nun beinahe nach Belieben Skandale erfunden werden können, die keine sind. Ein Beispiel wäre Acrylamid in Pommes. Dafür werden jetzt alle Meldungen unterdrückt, die der nicht minder verlogenen Propaganda für eine »gesunde Ernährung« widersprechen.
Zurück zur Agrarwirtschaft: Sind die damaligen Missstände denn abgestellt worden?
Ja, wenn auch sehr zögerlich. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Biobauern. Ich habe mich seinerzeit für den Biolandbau eingesetzt und dafür auch viel Prügel bezogen. Die Biobauern haben gezeigt, dass die chemische Keule nicht immer die beste Lösung ist. Ursprünglich stand die Landwirtschaft den Produkten der chemischen Industrie äußerst skeptisch gegenüber. Aber als in den Sechzigerjahren der Stickstoffdünger für eine massive Steigerung der Ernten sorgte, gab es kein Halten mehr. Es folgte eine regelrechte Flut von Chemikalien, da wurde einfach alles auf die Felder verbracht – nach dem Motto »viel hilft viel«. Die Schattenseiten ließen zwar auf sich warten, aber sie kamen. Zu viel Stickstoff beispielsweise führte zu Pilzbefall der Pflanzen, was dann unter anderem zur sogenannten Herdensteriliät führte, also massiven Fruchtbarkeitsstörungen bei Rindern durch verpilztes Futter.
Müsste das nicht Wasser auf die Mühlen der Biobauern gewesen sein?
Eher weniger, denn man darf eines nicht vergessen: Die Biobauern wurden damals massiv bekämpft und von ihren Kollegen geschnitten, es gehörte wirklich Mut dazu, diesen Weg zu gehen. Zur Hochzeit der Chemie-Euphorie gab es beispielsweise Obstbauern, die sind jeden Tag mit ihrer Chemieschleuder durch die Kulturen gefahren – ohne Sinn und Verstand. Mag ja sein, dass die Spritzmittel für den Verbraucher »ungiftig« sind, aber das Zeug wurde nun mal eingesetzt, um Lebewesen, egal ob Tier oder Pflanze, zu töten. Die Biobauern haben schlichtweg die Frage gestellt, ob das alles richtig ist. Und sie haben versucht, durch Beobachtung der natürlichen Gegebenheiten und durch intelligente Anbautechniken darauf zu verzichten. Dadurch haben sie natürlich auch Techniken entwickelt, von denen heute der konventionelle Landbau profitiert.
Nachdem Sie den Biolandbau ursprünglich protegiert haben, wird Ihre Haltung heute immer kritischer. Wie vollzog sich dieser Wandel?
Die Agrarwelt hat sich verändert. Heute haben wir eine völlig andere Situation. Doch zuerst störte mich das Gebaren der Bioverbände und -händler. Es war einfach nicht alles Bio, wo Bio draufstand. Da haben sich die Spezialisten ihre Zertifikate bei Bedarf einfach selbst ausgestellt. Da wurde der Ausschuss der konventionellen Produktion eingesammelt und als Bio weiterverkauft. An den Produktfehlern könne man ja sehen, dass es wirklich Bio sei… Pfui Deibel.
Was haben Sie denn zu denen gesagt?
Ihr seid jetzt eine etablierte Branche, ihr müsst euch auch mit den gleichen Maßstäben messen lassen wie alle anderen. Aber da haben die nur gelacht und gesagt: Uns glauben die Menschen, nicht Ihnen. Ich sollte mich lieber um Nestlé und Unilever kümmern. Also begann ich, die Finger in die vielen schwärenden Wunden des Biomarktes zu legen. Hinzu kam, dass sich die konventionelle Landwirtschaft veränderte. Jüngere Betriebsleiter hielten nicht mehr viel von der gepflegten Feindschaft mit den biologischen Kollegen. Sie haben einfach geguckt, was können die besser als wir, und haben das übernommen. Insofern haben die Biobauern die konventionelle Produktion verändert, ja man kann sogar sagen revolutioniert. Ob Pflanzenschutz eingesetzt wird oder nicht ist heute nicht mehr eine Frage des rechten Glaubens, sondern Ergebnis nüchterner betriebswirtschaftlicher Überlegungen.
Das klingt doch sehr nach integrierter Produktion?
Richtig. Heute kombiniert der konventionelle Betriebsleiter das Beste aus beiden Welten. Es war doch unsinnig, Chemikalien nach dem Kalenderdatum anzuwenden. Heute greift er nur zum Spritzgerät, wenn Messungen tatsächlich eine bedenkliche Zunahme eines Schaderregers belegen. Wer in dieser Situation aber auf eine Behandlung verzichtet, darf sich nicht wundern, wenn die Ernte geringer ausfällt und die Qualität leidet. So wurde dieses Jahr in NRW die komplette Biokartoffelernte vernichtet.
Und was wurde aus dem bekanntlich massiven Medikamenteneinsatz in der Tierhaltung?
In der Tierhaltung ist die Prophylaxe, die Vorbeugung durch Antibiotika nach Zeitplan, weitgehend Vergangenheit. Heute wird untersucht, welche Keimgruppen sich entwickeln. Im Risikofall werden die (noch) gesunden Tiere behandelt. Diese sogenannte Metaphylaxe spart sogar Medikamente: Denn je früher ich behandle, desto leichter sind die Schweine und desto geringer ist die erforderliche Dosis. Warte ich, wie im biologischen Landbau, bis die Tiere wirklich husten, dann brauche ich mehr und bin zeitlich auch näher an der Schlachtung dran. Es ist schon komisch: Das, was ich von den Bios zur Verbesserung der Qualität und Produktsicherheit gefordert habe, haben schließlich die Konventionellen zuerst umgesetzt – aus eigenem Antrieb.
Könnte der Biolandbau nicht umgekehrt auch etwas lernen?
Natürlich würden viele Biobauern gerne die eine oder andere vorteilhafte Technik aus dem integrierten Landbau übernehmen. Aber das wird aus ideologischen Gründen verunmöglicht. Wer seine Kunden mit Technik- und Zukunftsfeindlichkeit umwirbt, darf sich nicht wundern, wenn er im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs in der Sackgasse landet. Der Biolandbau wird deshalb vom integrierten Landbau überholt, sowohl nach ökologischen als auch nach ökonomischen Maßstäben. Die Konventionellen nutzen heute biologisches Denken mit moderner Technik. Die Biologischen nutzen biologisches Denken mit der Technik von vorgestern. Das wird auf Dauer nicht funktionieren.
Warum öffnen die Biobauern sich denn nicht für neue Ideen?
Der Biobauer schon – er ist Praktiker. Die Funktionäre haben aber einen anderen Weg eingeschlagen. Sie hängten sich lieber an die Ängste der Menschen dran. Anfangs war die Bioszene durchaus fasziniert von den Möglichkeiten der Gentechnik – endlich resistente Pflanzen, die keine Spritzmittel erfordern. Doch die Stimmung in der Bevölkerung ließ sie schnell umschwenken. Sie haben sich dann stillschweigend auf die sogenannte Kleine Gentechnik (zum Beispiel Protoplastenfusion) verständigt, um transgenes Saatgut zu erzeugen. Oder: Die Biobauern haben jahrzehntelang mit Knochen- und Tiermehl gearbeitet. Als dies dann während der BSE-Hysterie ins Gerede kam, haben sie es schnell verboten und so getan, als sei dies immer schon so gewesen.
Aber ist natürlicher Dünger nicht tendenziell besser als Kunstdünger?
Das kommt drauf an. Naturdünger, also Mist, Kompost oder Gülle, kann riskante Keime transportieren. Da wird dann der Kopfsalat zur Gefahr. Die Salatpflanze kann beispielsweise über die Wurzeln aus dem Dünger Ehec-Bakterien aufnehmen. Die hat das Rind darin hinterlassen. Es gab sogar schon Todesfälle durch Ehec in rohem Blattgemüse. Oder nehmen wir die Geflügelhaltung. Den Menschen wird eine idyllische Freilandhaltung von Hühnern vorgegaukelt, die ökologisch, gesundheitlich und ethisch problematischer ist als andere Haltungsformen.
Und was haben Sie an der Freilandhaltung auszusetzen?
Viele Menschen stellen sich ein Huhn wie ein kleines Kind vor, das man zum Spielen nach draußen schickt. Ein Huhn ist aber nun mal ein Huhn. Und es zeigt Verhaltensweisen, die nicht einer guten Kinderstube entsprechen. Die Tiere brauchen zum Beispiel eine Hackordnung. Bei zwölf Hennen geht das, bei 2000 kann keine Hackordnung mehr ausgekämpft werden. Diese Hennen stehen unter Dauerstress. Auch deshalb, weil sie es von Natur aus gewohnt sind, unter Büschen und Sträuchern Schutz vor Raubvögeln zu suchen. Freie Flächen sind für sie keine Spielwiese, sondern Gefahrenzonen. Außerdem neigen Hennen zum Kannibalismus. Wenn ein Huhn ein blutiges Ei legt, wird es von hinten aufgehackt und bei lebendigem Leibe ausgehöhlt. In einer ordnungsgemäßen Freilandhaltung mit großen Tierzahlen gibt es dreimal so viele tote Tiere wie in Käfigen oder Volieren. Das nächste Problem ist der Hühnermist, der ins Grundwasser sickert. Der düngt im Gegensatz zum Weidegang des Rindes nicht. Dort wo Hühner sind, wächst kein Gras. Sie scharren, um an die Insekten im Boden zu gelangen. Auch Krankheiten lassen sich sehr viel schwerer kontrollieren, weil zwangsläufig der Kontakt mit wild lebenden Vögeln und Nagern viel häufiger ist. Aber der Verbraucher kann sich heute noch nicht einmal mehr vorstellen, dass auch ein Ökohuhn krank wird. Und dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in »freier Natur« was einfängt, nun mal größer ist als im Stall.
Ist aus Ihrer Sicht »Natürlichkeit« kein guter Maßstab für die Qualität einer Produktion?
Die Natur ist nur in den Ökomärchenbüchern eine »gute Mutter«. Die Gesetze in freier Wildbahn sind ziemlich grausam. Immer dann, wenn von »Natürlichkeit« die Rede ist, meint der Deutsche die realitätsfremden Darstellungen aus den Bilderbüchern für Kleinkinder. Das Fernsehen hat sich ebenfalls auf diese Erwartungen eingerichtet und festigt sie nach Kräften. Es geht mehr um die Erfüllung der Sehnsüchte und Wünsche der verwöhnten Töchter und Söhne einer modernen Wohlstandsgesellschaft als um die Erzeugung von Lebensmitteln. Das macht die Sache so schwierig.
Gibt es denn irgendeinen Bereich, in dem die Biobauern immer noch besser sind?
Wenn man heute Landwirte fragt, wer ist besser, der Biobauer oder der konventionelle, dann sagen die: »Derjenige, der seinen Job besser beherrscht.« Beim Ackerbau haben die Biobauern vielleicht noch Vorteile, aber beim Obst- oder Gemüsebau sieht es schon schlechter aus. Da wird nämlich mehr gespritzt als auf konventionellen Flächen und noch dazu mit schädlicheren Chemikalien. Denken Sie nur an das Kupfer, ein Schwermetall, das sich im Boden anreichert. Dann darf der Landwirt sein Erdreich austauschen und als Sondermüll entsorgen. Da der Biobauer nur wenige wirksame Mittel hat, aber von Schädlingen und Krankheiten nicht verschont bleibt, werden die Bioäpfel halt zwölf- bis achtzehnmal mit Kupfer und Schwefel gespritzt.
Aber gibt es nicht auch im konventionellen Bereich Probleme? Und welche Lösungen bieten sich da an?
Was wir eigentlich brauchen, sind neue Kulturtechniken, das gilt für den Biolandbau und den konventionellen gleichermaßen. Wir müssen mehr über ökologische Zusammenhänge lernen und diese nutzen. Ein Beispiel: Man hat bei bestimmten Pflanzen herausgefunden, dass man Schädlinge dadurch neutralisieren kann, dass man zwischendurch eine andere Pflanze sät. Oder nehmen Sie das Intercropping im Baumwollanbau. Damit konnte man enorme Mengen an Spritzmitteln – damals vor allem DDT – sparen. Das Problem dabei ist, dass diese Tricks nicht patentierbar sind wie Gentechnik oder Pestizide. Dieses Wissen entsteht aber nicht von allein. Dazu brauche ich Forschung. Das kann kein Landwirt nach Feierabend leisten. Deshalb sind jene Verfahren, die mit Erfolg genutzt werden, eher zufällig entdeckt worden und haben sich einfach herumgesprochen.
Ist Biokost denn gesünder?
Das ist in meinen Augen eine religiöse Kategorie. Essen macht nicht gesund, sondern satt. Sie können genauso gut fragen: Ist der Verzehr von Biokost ein Zeichen von Frömmigkeit?
Konkreter: Enthält Biokost weniger Rückstände?
Da sind wir mitten im Dilemma. Mit den chemischen Analysemethoden können wir zwar die sogenannten freien Rückstände messen, aber nicht die gebundenen. Die Pflanze bindet problematische Substanzen an Zellbestandteile und macht sie damit für den Chemiker unsichtbar. Die Gehalte an gebundenen Rückständen sind nicht selten viel höher als das, was wir derzeit mit unseren Methoden an freien Rückständen messen können. Das spricht natürlich für die Biokost. Aber die Lage ist noch vertrackter. Die Frage nach den Rückständen von Pflanzenschutzmitteln relativiert sich dadurch, dass die Pflanzen auch natürliche Abwehrstoffe, natürliche Pestizide bilden. Diese natürlichen Pestizide sind teilweise giftiger als die üblichen Pflanzenschutzmittel. Nehmen Sie das Solanin, mit dem sich die Kartoffel schützt. Es ist so giftig wie Strychnin, wirkt wie E605 und kann im Körper akkumulieren. Die Solaningehalte in unseren Kartoffeln liegen locker 100-mal höher als die von Pflanzenschutzmitteln. Und da die Biobauern auf resistentere Sorten angewiesen sind, enthalten ihre Kartoffeln auch mehr Solanin.
Dann doch lieber moderne und geprüfte Pflanzenschutzmittel?
Nicht einmal da kann ich uneingeschränkt zustimmen. Im Gegenteil: Moderne Pestizide regen die Produktion natürlicher Abwehrstoffe der Pflanze ganz gezielt an. Man aktiviert also ein pflanzeneigenes Pestizid. Das gelingt natürlich mit harmlosen Substanzen, denn das Gift bildet erst die Pflanze. Da es »natürlich« ist, stört sich niemand daran.
Das Solanin ist zugegebenermaßen ein extremes Beispiel. Aber so etwas lässt sich doch nicht verallgemeinern.
Doch schon, denn alle Pflanzen wollen überleben. Ein Beispiel: Indol-3-Carbinol ist ein wichtiger Inhaltsstoff von Brokkoli. Von Toxikologen wird er den natürlichen TCDD-artigen Substanzen zugeordnet. Er wirkt so wie das »Sevesogift Dioxin«. Deshalb fordern Fachleute, den Brokkoliverzehr zur Dioxinbilanz dazuzurechnen. Das heißt jetzt nicht, dass man keinen Brokkoli essen soll, der Mensch kommt mit solchen Giften in der Regel ganz gut zurecht, aber eben nicht jeder Mensch. Wer Brokkoli nicht mag oder ihn nicht verträgt, der sollte ihn nicht essen. Eine pauschale Empfehlung kann es nicht geben.
Schon wieder ein Einzelfall, aber wie sieht das in der Summe aus?
Unlängst haben Toxikologen handelsübliches Gemüse den gleichen (Eingangs-)Tests unterworfen, die ein Pestizid bestehen muss. Ergebnis: Würde man die gleichen Maßstäbe für Gemüse anlegen wie für Pflanzenschutzmittel, dürften einige Gemüse wie Brokkoli oder Soja nicht mal als Pestizid auf dem Acker verteilt werden. Wir müssen uns einfach darüber im Klaren sein, dass keine Pflanze gerne gefressen wird und deshalb Abwehrstoffe enthält. Der Mensch hat einen Teil dieser Stoffe im Laufe der Zeit herausgezüchtet. Wildpflanzen sind nur deshalb auch Heilpflanzen, weil sie diese Gifte noch im ursprünglichen Maße in sich tragen. Die Wildmöhre ist beispielsweise ungenießbar, ihre kultivierte Schwester können wir sogar roh essen. Aber weil das so ist, kann sie sich auf dem Acker auch nicht mehr gegen ihre Feinde durchsetzen und bedarf der Schützenhilfe des Menschen – egal ob mit Pestiziden, Gentechnik, speziellen Kulturtechniken oder indem man wie früher Frauen und Kinder zum Käfersammeln schickt.
Kommen wir jetzt einmal zum Verbraucher. Wie kommt es denn, dass wir verlernt haben, normal und unverkrampft zu essen?
Die Summe der Tabus bleibt offenbar gleich. In den Sechzigerjahren dominierte die Kontrolle der Sexualität noch alles, das war das Reich des Bösen. Außerdem gab es einfach noch kein so reichliches Lebensmittelangebot wie heute. Gutes Essen war noch etwas Besonderes, man war stolz, wenn man sonntags seinen Braten hatte. Die erste Figur, die eine Trendwende ankündigte, war dann Twiggy.
Seitdem heißt es also, die Entsagung bringt das Heil?
Was man gerne mag, dahinter steht die Versuchung des Teufels. Das ist die ganz klassische katholische Morallehre, nach dem Verlust der Sextabus hat man sich eben ins Essen verbissen. Nun wird dieser Unsinn von sogenannten Ernährungsberatern mit religiöser Inbrunst verzapft. Das steckt einfach in unserer Kultur drin, ohne dass man bewusst wahrnimmt, wie diese Gedanken übertragen werden. Egal was die Menschen essen, es ist immer falsch. Und alles, was Spaß macht, ist gefährlich. Kaffee zum Beispiel wurde als »Flüssigkeitsräuber« verteufelt. Ganz anders der Kürbis, der nicht gerade zu den gefragtesten Genüssen zählt. Auch der wirkt harntreibend wie der Kaffee. Doch jetzt heißt es, der Kürbis spüle die Nieren. Deshalb sei er besonders gesund. Früher wussten die Volksschüler: Wenn ich Kaffee will, muss ich vorher Wasser aufsetzen. Wenn ich das trinke, habe ich mir Flüssigkeit zugeführt. Aber nach acht Semestern Studium kann leicht der Eindruck gefährlicher Flüssigkeitsverluste entstehen.
Also keine Angst vor Kaffee?
Ironischerweise deutet eine ganze Reihe von Studien darauf hin, dass ausgerechnet Genussmittel einen positiven Einfluss auf die Gesundheit und die Lebenserwartung haben. Entsprechende Erkenntnisse liegen beispielsweise für Alkohol, Kaffee und mutmaßlich auch für Schokolade vor. Aber das muss natürlich uminterpretiert werden. Deshalb heißt es: Nur dunkle Bitterschokolade essen! Denn das »gesunde« daran seien die ekelhaft bitteren Polyphenole. Sie könnten sich genauso gut eine ganze Tafel Vollmilch-Nuss reinpfeifen. Da haben Sie dann genauso viel der vermeintlich gesunden Polyphenole wie mit zwei bitteren Riegeln verspeist. Oder mit einer Flasche jungem Rotwein. Ganz wie es beliebt.
Wie erklären Sie sich die positive Wirkung solcher Genussmittel?
Ich vermute, dass es etwas damit zu tun hat, dass Menschen diese Produkte benutzen, um sich zu erden, um wieder zur Ruhe zu kommen. Der eine macht autogenes Training, der nächste braucht seine Teezeremonie und der Dritte holt sich eine Flasche Bier. Der Effekt ist der gleiche, er kommt innerlich zur Ruhe. Dieses »sich erden« scheint eine ganz wichtige Sache zu sein. Was die Dosierung anbetrifft, soll jeder nach seiner Fasson glücklich werden, der eine verträgt nur eine Tasse Kaffee, der andere braucht zwei Kannen.
Woher kommt diese Irrationalität in der Betrachtung verschiedener Lebensmittel denn?
Sie werden es kaum glauben, aber es lässt sich anhand der Quellen schlüssig nachweisen: Die Ernährungsempfehlungen, die wir heute befolgen sollen, sind die alten Verhaltensvorschriften gegen das Onanieren. Wie man sie bis in die Sechzigerjahre kannte. Viel Vollkorn führt zu Blähungen, sodass man nicht auf dumme Gedanken kommt. Abends wenig essen, möglichst kein tierisches Eiweiß und auch nichts »Scharfes«, was die Durchblutung fördern könnte. Die Liste solcher Beispiele lässt sich mühelos fortsetzen. Mit dem Nachlassen der Propaganda gegen das Onanieren gewinnt die Umerziehung der Nation zu einer »vollwertigen« beziehungsweise »gesunden« Ernährung an Fahrt.
Spielte nicht auch der Gedanke eine Rolle, Völlerei könnte die Jugend verweichlichen?
Sicher, aber es ist das gleiche Argument. Völlerei galt als gefährliches Laster, dessen sich ein Christenmensch zu enthalten habe. Bei den Nazis stand die Schlagsahne gleichsam auf dem Ernährungsindex, als Zeichen für Dekadenz und mangelnde Härte. Motto: Nur Kaffeehaus-Juden nehmen so etwas zu sich, der Deutsche ist zäh wie Leder. Nehmen Sie nur mal dieses Zitat: »Mischkost ist richtig: Wir müssen immer wieder für unsere Ernährung die vollwertige Mischkost fordern. Sie muss enthalten: reichlich frisches Gemüse, möglichst als Frischkost, Obst,…Fisch, Vollkornbrot, naturreine Obstsäfte, natürliche Würzstoffe…und einen mäßigen Verbrauch an Fleisch- und Wurstwaren. … Ihr spart nicht nur Milliarden an Geld für Krankenhäuser und Krankenkassen, ihr erspart euch selber Schmerzen und Krankheit, was aber weit wichtiger ist, ihr helft mit, gegen die Bequemlichkeit und Unwissenheit früherer Gewohnheiten zu kämpfen.« Das waren die Ernährungsempfehlungen für die Hitlerjugend von 1941. Es gab weniger zu essen, also musste die Jugend ob der Gesundheit verzichten.
Stammen unsere heutigen Empfehlungen aus dem Dritten Reich?
Sie sind natürlich viel älter. Von 1750 bis 1940 kamen praktisch alle Krankheiten von der »Selbstbefleckung«. Unzählige Aufklärungsschriften bedrohten jeden – egal ob Mann oder Frau, Pubertierenden oder Greisin – mit dem Tod durch Rückendarre, Blindheit oder Wahnsinn. Die Nazis haben die Ernährungstipps aus diesen Schriften nur für ihre Zwecke verwendet und an uns durchgereicht. Auch die heute beliebten 1000-Kalorien-Diäten dienten ursprünglich zu einem ganz anderen Zweck, das ist nur in Vergessenheit geraten. Aber erklären Sie das mal den Damen von der Brigitte-Diät. Jetzt machen Hungern und Bewegung frei…
Reicht die Manie, sich gesund ernähren zu wollen, mittlerweile schon in den Bereich der Essstörungen?
Essen ist ein Trieb, er folgt seinen biologischen Gesetzen. Und unsere Gedanken folgen den Wünschen des Körpers. Wer glaubt, mit dem Kopf sein überlebenswichtiges Programm von Appetit, Hunger und Durst wie eine Domina kontrollieren zu müssen, dessen Körper nimmt auf Dauer schweren Schaden. Dahinter stehen die klassischen religiösen Motive, dass der Körper zerstört werden muss, damit die Seele ihr Heil findet. Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. Zahllose Menschen haben sich mit diesem Spruch um ihre Gesundheit gebracht. Früher musste der Volkskörper gesund gehalten werden, heute ist es der individuelle Körper, aber beides geht mit zerstörerischen Entwicklungen einher.
Haben sich die Propagandisten des Ernährungs- und Gesundheitswahns schon wieder des Staates bemächtigt?
Essgestörte haben ein hohes Aktivitätsniveau und kommen beruflich meist recht schnell voran. Sie gelten als Vorbild, weil sie untergewichtig sind. Und diese Personen haben es bei ihrem Marsch durch die Institutionen geschafft, bereits die Kleinkinder mit ihrer Paranoia anzustecken. Als die 5-am-Tag-Kampagne (fünfmal am Tag Obst und Gemüse essen) in die Kindergärten getragen wurde, dauerte es gerade mal ein halbes Jahr und das Eintrittsalter für eine Essstörung war auf vier Jahre gesunken. Es gibt doch schon Schulen, in denen das Pausenbrot der Kinder kontrolliert wird. Und wenn da Wurst oder Käse drauf ist, dann werden die Eltern zum Gespräch einbestellt. Man nötigt sie, den Kindern stattdessen Vollkornbrot mit Rohkost mitzugeben. Kinder wachsen noch, sie brauchen Power, sie brauchen einfach mehr Energie. Außerdem ist Schule eine anstrengende Tätigkeit, was soll da Kohlrabi? Wenn Kinder nicht genug Kalorien, Fett und Eiweiß bekommen, dann werden sie nicht schlank, ganz im Gegenteil. Sie wachsen nicht mehr und gehen in die Breite. Im Unterricht darf man außer Unruhe – denn Hunger macht furchtbar zappelig – nicht mehr viel erwarten. Schließlich ist das Gehirn der größte Energiefresser des menschlichen Körpers.
(Foto: Picture Alliance) |