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Daniel Barenboim Foto: picture-alliance |
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Interview mit Daniel Barenboim
Kaum ein Komponist polarisiert so wie Richard Wagner. Daniel Barenboim wagte den Tabubruch.
Der bekennende Antisemit Wagner, dessen Werk die Nazis zum programmatischen National-Kulturgut hochstilisierten, war in Israel lange verpönt, seine Musik wurde fast nie aufgeführt. Daher wirkte es als ein eklatanter Tabubruch, als Daniel Barenboim 2001 mit der Berliner Staatskapelle Auszüge aus „Tristan und Isolde“ in Jerusalem dirigierte. Vor allem Holocaustüberlebende reagierten tief verletzt, der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums sprach von „kultureller Vergewaltigung“, der Jerusalemer Bürgermeister von einer „unerträglichen Provokation“. Doch Barenboim lehnte es ab, sich dem politischen Druck zu beugen: Einige Wochen später dirigierte er ein weiteres Wagner-Werk in Israel – nachdem er das Publikum im Konzertsaal hatte abstimmen lassen. In den anschließenden Diskussionen hatte er gesagt: „Wir Juden sollten den Nazis nicht im Nachhinein einen Sieg gönnen, indem wir Wagner boykottieren, nur weil Hitler Wagner mochte.“
Für viele Israeli ist es immer noch unerträglich, Musik von Wagner zu hören. War es damals mutig oder einfach nur naiv, erstmals wieder Wagner in Israel aufzuführen?
Es ist nicht nur kein Mut, sondern einfach nur ein bisschen Intelligenz vonnöten, um Wagner in Israel zu dirigieren. Diese ganze Diskussion um die Wagner-Rezeption in Israel ist leider inzwischen zu einem Politikum geworden. Das hat heute weder etwas mit Wagner noch mit Antisemitismus zu tun. Man spielt Wagner natürlich nicht wegen der Assoziationen, die diese Musik in den älteren Juden noch weckt. Ich sage immer, wir leben in einer demokratischen Gesellschaft. Derjenige, der diese Musik nicht hören will oder kann, der muss sie ja nicht anhören. Aber keiner hat das Recht, diese Musik zu verhindern. Denn es gibt genügend Menschen in Israel, die diese Musik sowohl vorurteilsfrei hören wollen als auch wieder ohne schlimme Assoziationen hören können.
Das bedeutet: Wagner widerspricht nicht der jüdischen Identität?
20 Jahrhunderte wurden wir immer nur von außen, von anderen definiert. Denken Sie an Deutschland. Seitdem es den Staat Israel gibt, hat endlich jeder Jude die Möglichkeit und auch die Pflicht, wie ich meine, sich selbst zu definieren.
Kann Musik für Sie auch ein Politikum im positiven Sinne sein?
Ich habe einen Musik-Kindergarten in Ramallah initiiert. Sicherlich wäre es übertrieben zu sagen: „Wenn man Kindern ein Instrument in die Hand gibt, greifen sie nicht zur Waffe“ – aber wenn ich zu entscheiden hätte, würde ich solche Projekte überall auf der Welt in Gang bringen.
Die Fragen stellte Dagmar Zurek |