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Die vier Protagonistinnen der US-Kultstaffel
Foto: Pro Sieben
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Die Sex-Mythen des Feminismus
von Bettina Röhl

Seit den siebziger Jahren hat der Feminismus die Erweiterung der Kampfzone betrieben: das Bett als Schlachtfeld, die Sexualität als Lackmustest korrekter Frauenbewegtheit

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1975
Alice contra Esther

Nein, Alice Schwarzers kleinen Unterschied und dessen große Folgen hatte ich 1977, als ihr bis heute berühmtestes Buch über Feminismus erschien, nicht gelesen. Aber ich hatte den Aufsehen erregenden TV-Fight am 15. Januar 1975 nachmittags um 16 Uhr zwischen der Emanze Schwarzer und ihrer damaligen Gegenspielerin Esther Vilar, die das Buch „Der dressierte Mann“ geschrieben hatte, im Fernsehen gesehen. Beide Frauen – damals in den Dreißigern – waren für mich zwei gleich unattraktive, aus meiner Sicht uralte Frauen, denen es um etwas sehr Vages, Abstraktes und furchtbar Langweiliges ging: um die kaputten Ehen und die verkorkste Sexualität von dreißig-, vierzig- und fünfzigjährigen Männern und Frauen.

Ich war 13, verknallt, und das klang für mich grauenhaft, wie aus einer anderen Welt. Ich lebte damals in der Teenager-Welt von Mädchen und Jungen. Bei uns war alles zärtlich und verliebt, laut und verjuxt. Jungs waren das Spannendste, was es auf der Welt gab. Gleichberechtigung war in meiner Schule kein Thema, Mädchen waren in allen Fächern gleich akzeptiert, gleich intelligent, gleich gut und gleich schlecht wie Jungs. Die waren genauso unsicher und aufdreherisch bekloppt, wenn ein Mädchen in Sicht war, wie die Mädchen mit ihrem Gekicher und Gekreische und ihren Haaren, die sie dauernd kämmten, wenn Jungs auftauchten. Es ging von morgens bis abends darum, in wen man gerade unsterblich verliebt war, wer mit wem „ging“ und ob man sich auf der nächsten Party küssen würde. Die Anziehung war gegenseitig. Es gab die hundertprozentige Gleichberechtigung. Oder?

Dagegen klang das, worüber die Lichtjahre von meinem Leben entfernte Feministin Alice und die Anti-Feministin Esther redeten, abgeklärt und wenig attraktiv. Stichworte wie Unterdrückung in der Ehe, Abtreibung, Vergewaltigung, Abhängigkeit, sexueller Missbrauch fielen. Dies alles, so hörte man, fände nicht irgendwo, sondern in ganz normalen Familien massenhaft statt. Über dem Ganzen lag ein Geruch von verpasstem Leben und vor allem Frust. Trotzdem schlug dieses Fernsehduell damals ein wie ein Donnerschlag, die Erwachsenen redeten tagelang davon. Warum eigentlich? Esther Vilars Betrachtung aller Frauen als quasi geistlose Prostituierte und gelangweilte Luxusgeschöpfe in fiktiven Mittelklassevororten, die sich ohne eigene Leistung vom so genannten dressierten Mann unterhalten ließen, sagte mir nichts. Der eigentliche Gegenspieler zu Vilar sollte Ende der achtziger Jahre der Feminist Wilfried Wieck mit seinem Buch „Männer lassen lieben“ werden, in dem dieser die gegenteilige These vertrat – dass Männer in der Beziehung grundsätzlich die seelische Ausbeutung der Frau betrieben.

Damit stellt sich sehr offenkundig die generelle Frage: Was treibt eigentlich die Profi-Feministen um? Was hält sie – oft ein Leben lang – im Geschlechterkampf gefangen? Wer sind diese gewerbsmäßigen Sex- und Feminismusexperten? Wäre nicht zu erwarten, dass sie zunächst einmal sich selber zu erkennen geben und ihre Motive und ihre eigene Sex-Geschichte auf den Tisch legen und dies nicht nur in befangener Eigenanalyse, die auf Veröffentlichungsfähigkeit getrimmt ist? Wer derart massiv in das wohl wichtigste Thema der Menschheit und bei jedem einzelnen Individuum ins Eingemachte eingreift, müsste sich doch wohl permanenter, öffentlicher Supervision unterziehen.

Alice Schwarzers Thesen, die sie damals den Männern gegenüber scharf, den Frauen gegenüber interessiert und verständnisvoll hervorbrachte, leuchteten mir spontan schon eher ein. Sie umwarb die Frauen, das gefiel mir. Ihre Horrorvision, dass die Frau regelmäßig nach der Schule womöglich ihr ganzes Leben lang gelangweilt zu Hause sitzen würde, keinen Beruf hätte und der Mann im Gegenzuge „in die Welt“ ginge und das spannendere Leben führte, war natürlich eine schreckliche Zukunftsvorstellung. Waren wir Frauen dazu verdammt, unsere Fähigkeiten verkümmern zu lassen? Hielten die Männer uns Frauen mittels einer „Gehirnwäsche von Jahrtausenden“, wie Alice es behauptete, zu Hause am Herd fest? Heute würde ich vielleicht sagen: So haut man eigentlich als frauenbewegter Mensch nicht auf junge Mädchen drauf, von denen man wusste, dass sie über kurz oder lang über den kleinen Unterschied stolpern würden.

1976
Die feministische Atombombe – der weibliche Orgasmus

Doch die Rechte von Hausfrauen und selbst die Debatte um die Abtreibung waren nicht der Sprengstoff, der in den Köpfen der modernen Welt gleichsam explodierte. Das, was die Gemüter empfänglich machte für die Thesen des Feminismus, war etwas anderes: der weibliche Orgasmus, ein Thema, das die westlichen Gesellschaften, Frauen und Männer gleichermaßen, im Innersten traf. 1976 erschien in den USA der inzwischen als Standardwerk berühmt gewordene Hite Report, eine Studie über das „sexuelle Erleben der Frau“, wie das Buch in Deutschland hieß. 3000 Frauen äußerten sich darin zu „Masturbation, Orgasmus, klitoraler Stimulierung, Koitus und lesbischer Liebe“. Das Ergebnis: Über 80 Prozent der Frauen gaben an, einen Orgasmus bei der Selbstbefriedigung zu erreichen, aber ebenso viele Frauen erzählten, dass sie beim Geschlechtsverkehr nie zum Orgasmus kämen, selbigen ihren Partnern oft nur vorspielten und dies teilweise jahrzehntelang.

Damit hatte Shere Hite die Arbeit des Sexologen Alfred Kinsey und seine so genannten Kinsey-Reports weitergeführt. Kinsey, der berühmt-berüchtigte Insekten- und Sexforscher, dem schwule, pädophile sowie sadomasochistische Experimente bei seinen Sexstudien nachgesagt wurden, und der nach eigener Aussage ein Anhänger des so genannten Satanisten Aleicester Crowley war, hatte Ende der vierziger Jahre die Methode der Befragung von Tausenden von Menschen nach ihrem Sexleben eingeführt. Von Kinsey, der selber mit dreißig Jahren das erste Mal mit einer Frau geschlafen hatte und in den USA mit seinen Befragungen von Knastologen, Prostituierten und anderen Menschen aus dem Halbweltmilieu so etwas wie eine sexuelle Revolution auslöste, stammt wohl das fatalste feministische Dogma, das leider bis heute in den Köpfen aller Feministen herumspukt: Die Frau sei unfähig zum vaginalen Orgasmus während des Koitus, sie sei nur durch manuelle oder linguale „Klitorisstimulation“ zu ihrem Höhepunkt zu bringen. Zum ersten Mal wurde so der artifizielle Gegensatz zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus als geltendes Naturgesetz etabliert. In den sechziger Jahren haben die Sexualforscher Masters und Johnson nach „Labor“-Experimenten das Gegenteil behauptet: dass nämlich jede Frau durch den reinen Koitus einen Orgasmus erlangen könne.

Auf der Grundlage dieser und anderer Ergebnisse von Befragungen schrieb Alice Schwarzer 1977 ihr Buch über den „kleinen Unterschied“. Sie selber befragte 16 Frauen zu deren Sexualerleben. Dabei ging sie noch einen Schritt weiter als Kinsey. Schwarzer erklärte jetzt die „Penetration“, ein Wort, das es bis dahin nicht im allgemeinen Sprachgebrauch gegeben hatte, expressis verbis oder dem Sinne nach als einen für die Frau grundsätzlich demütigenden, vergewaltigenden Akt: „Hier wird der Geschlechterkampf entschieden. Ganz offen geht es bei den diktierten Normen um die Unterwerfung der Frau und die Machtausübung des Mannes.“ Oder an anderer Stelle: „Auch ist die psychologische Bedeutung dieses in sich gewaltsamen Aktes des Eindringens für Männer sicherlich nicht zu unterschätzen.“ Mit dem Wort „penetrieren“ wurde der Beischlaf endgültig von einer höchst interaktiven Handlung zu einer kalten Operation des Mannes, die er an der Frau vornahm.

Aus den Erfahrungswerten dieser Frauen, die keinen Orgasmus beim Verkehr bekommen hatten, stellte Schwarzer die feste, quasi als Wissenschaft deklarierte Maxime auf, dass frau ganz auf das klassische Zusammenschlafen verzichten soll, „da es diesen ‚vaginalen Orgasmus‘ überhaupt nicht gibt“ – und berief sich dabei auf Kinsey und Masters und Johnson, Letzteres nicht ganz korrekt. Sie selber hatte einen „vaginalen Orgasmus“ offenbar nicht erlebt und brachte diese eigene Erfahrung mit in ihre ziemlich apodiktische Behauptung ein. Kann man sich redlicherweise so absolut auf diesen Mr. Kinsey berufen, dessen Werk und dessen Leben, das jetzt in Hollywood verfilmt wurde, keine absolute Seriositätsgarantie bietet und der als Mann aus eigenem Erleben zum Sex der Frau nichts beitragen konnte? Was ganz genau ist mit „klitoralem“ oder „vaginalem“ Orgasmus gemeint? Wird nicht gerade beim Verkehr die Klitoris bewegt und zwar in einer Art und Weise, dass eine Stimulierung fast unvermeidlich ist? Bedeutet die Tatsache, dass viele Frauen Schwierigkeiten haben, zum Orgasmus zu kommen, dass es ihnen generell unmöglich ist, ihn durch „Penetration“ zu erleben?


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Leserkommentare
Hermann Mahr (Darmstadt) 02.12.2009
Mein Schwiegervater, Geschichtslehrer und Kenner des Westfälischen Landlebens der letzten dreihundert Jahre, hat mir einmal gesagt, daß bei den westfälischen Bauern die Frauen ihre Intelligenz nutzen mußten und dies auch konnten. Sie verwalteten die Höfe aus wirtschaftlicher und organisatorischer Sicht, während die Männer bei der schweren Feldarbeit verblödeten. (Es gab damals noch keine motorisierten Landmaschinen!)
Heute scheint das wesentlich anders zu sein, denn ich habe erfahren, daß der Computer auch in der Landwirtschaft genutzt werden muß.
H. (Stuttgart) 01.12.2009
Da muss ich Herrn Köhne recht geben. Es impliziert, dass wir alle die gleiche Vorgeschichte und Ansichten haben.

Da Sie die Meinungen der Maskulisten hier so unterstützen und genauso wirre Argumente von sich geben wie diese, sollte vielleicht auch erwähnt werden, dass viele dieser Männer sehr gewaltbereit sind gegen Frauen. Das Internet zeigt alles und vergisst nie.

Ich bezweifle, dass Sie jemals Feministin waren und deshalb sollten Sie zukünftig auf das "Wir" verzichten.

Vielen Dank im voraus.
Werner Köhne (Pulheim) 30.11.2009
Ich weiß so recht nicht, worauf dieserArtikel eigentlich hinaus will. Da ist im üblich seichten Stil vom "Wir" die Rede; "Wir Frauen", "Wir damals achtzehnjährigen in den Achtzigern", "Wir -Karrierefrauen" - eine irgendwie wabernde Phänomenologie entsteht, gezeugt im jeweiligen Zeitgeist und ein paar Büchern, die frau sich zur realen Geschichte zusammenbaut.
Ronald Hörstmann (53343 Wachtberg) 16.04.2005
Diesen Bericht habe ich lange gesucht und spiegelt meiner Meinung nach genau die falschen und sogar gefährlichen Meinungen der Alice Schwarzer (Villar kenne ich nicht so, sie hält sich ja auch im Publicity-Bereich zurück). Diese "Bewegung" hat meiner Meinung auch dazu geführt, daß Deutschland zu einem kinderfeindlichen Land geworden ist: "Mein Bauch gehört mir" !. Auch Milva sang: "man wird als Frau nicht geboren, sondern man wird zur Frau erst gemacht". Das dies ein ausgemachter Unsinn ist, weiß jeder normale Mensch. Ob weiblich, ob männlich. So wie Milva, so wie Alice Schwarzer können meiner Meinung nur bisexuelle Personen sein.
Wer nur einen Funken Fraulichkeit oder Männlichkeit in sich hat, lässt von deren Thesen ab und erfreut sich stattdessen der Fraulichkeit und der Männlickeit.

Danke für diesen Artikel !

Ronald Hörstmann
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Bettina Röhl
Bettina Röhl arbeitete für Tempo und Spiegel TV und lebt heute als freie Journalistin in Hamburg.


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