|
Dieses Bild gehörte uns von Julius H. Schoeps Gerade wurde Picassos „Garçon à la pipe“ für eine Rekordsumme versteigert. Doch jenseits von Dollarnoten erzählt das Gemälde auch eine Geschichte: die des Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy. Sein Großneffe schreibt in Cicero über die legendäre Familie Es war ein mediales Großereignis. Für die exorbitante Summe von 93 Millionen Dollar exklusive Gebühren ersteigerte ein unbekannter Sammler letztes Jahr in New York Picassos „Garçon à la pipe“. Angeblich ist das der höchste Preis, der jemals für ein Bild bei einer Auktion erzielt wurde. Das Bild, 1905 entstanden, hat unspektakuläre Maße, gerade mal einen Meter mal 80 Zentimeter und stammt aus der „Rosa Periode“ des damals 25-jährigen Malers. Charles Moffet, Sotheby-Spezialist für moderne Kunst, behauptet, es handele sich um „eines der wichtigsten Werke von Pablo Picasso“. In den Berichten über diesen Höhenflug des Auktionsgewerbes ging unter, dass das Bild mehr ist als eine kunstgeschichtliche Inkunabel oder eine brillante Kapitalanlage. Der „Garcon à la pipe“ spiegelt ein Stück Zeitgeschichte wider – und schlägt ein historisches Kapitel auf, an das sich weder Kunsthändler noch Kunstsammler gern erinnern. Denn es geht um Kunstwerke, die sich einst im Besitz kunstsinniger jüdischer Sammler befanden und nicht immer legal den Besitzer wechselten. Die Spur des Picasso-Gemäldes wie auch die von Liz Taylors van Gogh führt nach Berlin. Der „Junge mit der Pfeife“ gehörte einst dem Berliner Bankier Paul von Mendelssohn-Bartholdy aus der berühmten Berliner Mendelssohn-Familie, aus der auch der Philosoph Moses Mendelssohn und der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy stammen. Jahrelang hing der Picasso in Paul von Mendelssohn-Bartholdys Stadtpalais in der Alsenstrasse 3/3a, ungefähr dort, wo sich heute in Berlin das Bundeskanzleramt befindet. Wer aber war der Besitzer des heute weltberühmten Gemäldes? Der Privatbankier lebte von 1875 bis 1935 in Berlin, ein bekannter Sammler und Mäzen, dem Kultiviertheit und Kunstverständnis nachgesagt wurden. Als Mitbesitzer der Mendelssohn-Bank in der Jägerstraße, heißt es, habe er sich einen großzügigen Lebensstil leisten können. So hatte er sich Schloss Börnicke, ein Herrenhaus vor den Toren Berlins, zu einem luxuriösen, dreistöckigen Wohnsitz mit einer mahagonigetäfelten Bibliothek umgestalten lassen, nebst Tennisplatz und Billardraum. Fotografien in einem erhaltenen Fotoalbum zeigen das Schloss, den Park, die zahlreichen Bediensteten – Impressionen aus einer untergegangenen Welt. Als Architekten für den Umbau des ererbten Landsitzes hatte Paul von Mendelssohn-Bartholdy den Lehrer Mies van der Rohes gewinnen können, den Architekten Bruno Paul (1874-1968). Paul, der später von ihm auch den Auftrag erhielt, das Palais auf dem Grundstück in der Alsenstraße im Berliner Tiergarten zu bauen, hat dort eine Dreiflügelanlage geschaffen, die sich am Vorbild Pariser Hotels des 18. Jahrhunderts orientierte. Auch die Innengestaltung des Schlosses in Börnicke und des Palais in der Alsenstraße trug Pauls unverkennbare Handschrift. Bruno Paul, der zu den wichtigsten Vertretern des Münchener Jugendstils zählte und als der bevorzugte Raumgestalter des deutschen Großbürgertums jener Jahre galt, zeichnete die Entwürfe für Möbel, die 1911 von den Vereinigten Werkstätten in München ausgeführt wurden. Es sind exklusive Einzelstücke, eigens angefertigte Sessel, Stühle und Tische, die im Schloss Börnicke und im Palais in der Alsenstraße so aufgestellt waren, dass jeder Raum seine eigene Note besaß. Vom einstigen Besitz der Mendelssohn-Familie ist nicht viel übrig geblieben. Die Bank, zu ihrer Zeit die größte Privatbank Deutschlands, war unter den Nazis von einer deutschen Großbank im Zuge der „Arisierung“ übernommen worden. Nur noch das Gebäude in der Berliner Jägerstraße in Berlin-Mitte, wo das Bankhaus untergebracht war, erinnert an die einstige Pracht. Das Mendelssohnsche Palais in der Alsenstraße ist ebenso wenig übrig geblieben wie der Picasso und die van Goghs, die heute über die ganze Welt verstreut sind, aber noch bis Anfang der dreißiger Jahre im Besitz Paul von Mendelssohn-Bartholdys waren. Besonders die van Gogh-Sammlung hat zu mancherlei Spekulationen Anlass gegeben. Manche Stimmen behaupten, das berühmte Sonnenblumen-Bild, das lange Jahre in der Halle von Schloss Börnicke über einer Sitzecke hing, sei eine Fälschung. Als Paul von Mendelssohn-Bartholdy das Bild von der Galerie Druet in Paris kaufte, bestand dieser Verdacht allerdings noch nicht. Paul von Mendelssohn-Bartholdy hatte das Werk vermutlich in dem guten Glauben erworben, es handele sich bei dem Ankauf um einen echten van Gogh. |
|
||||
![]() | Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe März 2005
» Heftarchiv » Ausgabe bestellen » Kostenloses Probeheft |
| Ihre Meinung zu diesem Artikel |
| Anzeige |
![]() |




