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"Politiker tun mir leid"
von Christine Eichel

Bekannt wurde er als Vertreter der Popliteratur, heute schreibt Benjamin von Stuckrad-Barre virtuose Reportagen. Hausbesuch bei einem Schriftsteller, der den Wahlkampf begleitet

Es ist einer dieser Berliner Hinterhöfe, die den Besucher mit Idylle überrumpeln. Ein paar Bäume und das Durcheinander des urbanen Backstagebereichs lassen auf der Stelle vergessen, dass sich nur ein paar Schritte entfernt ganze Busladungen von Touristen in die Straßen ergießen. Der Hackesche Markt ist nicht weit.

Benjamin von Stuckrad-Barre lehnt am Balkongeländer und deutet auf die Sonnenschirme eines Lokals, das sich den Hinterhof erobert hat. Allabendlich sei es leider mit der Ruhe vorbei. "Ist doch interessant", wirft der Fotograf ein, "wie schnell man kleinstbürgerliche Gedanken entwickelt, wenn man sich gestört fühlt." Stuckrad-Barre zögert keine Sekunde mit der Antwort: "Wieso? Ich finde es ausgesprochen großbürgerlich, wenn man keine Nachbarn will."

Nur keine "neue Bescheidenheit". Das Spiel mit dem gesinnungsfesten Mainstream beherrscht er bestens, der Schriftsteller, der zu den eigenwilligsten und interessantesten Protagonisten der deutschen Gegenwartsliteratur gehört. Mit seinem Debütroman "Soloalbum" erfand er einst einen neuen erzählerischen Sound für das Lebensgefühl der späten neunziger Jahre, eine Mischung aus Partys, Britpop und Melancholie. Heute beerbt er die klassischen Flaneure mit Reportagen "über das, was der Fall ist".

In der Arbeitswohnung steht nur das Nötigste: ein Schreibtisch, ein paar Stühle, deckenhohe Bücherregale. Benjamin von Stuckrad-Barre zieht einen sichtlich betagten Schuber aus dem untersten Regalfach: Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Der kleine Nick, Meine Schwester Klara und ich, die Lektüre der Kindheit. Aufgewachsen ist er als Pfarrerssohn. Viel ist über das geistige Reizklima der evangelischen Pfarrhäuser spekuliert worden, über die lebenslange Disposition für so unterschiedliche Haltungen wie Pflichtbewusstsein und Protest. Er zuckt mit den Schultern. "Als Pfarrerskind wird man entweder Terrorist oder Kanzlerin. Schriftsteller liegt vermutlich irgendwo dazwischen."

Im Moment arbeitet er mit Regisseur Helmut Dietl am Drehbuch für einen Film über das politische Berlin, eine Kinofortsetzung der Erfolgsserie "Kir Royal" - Intrigen und Affären inbegriffen. Für den Transfer der Schicki-Micki-Revue in die Sphäre des Politischen hat Stuckrad-Barre reichlich Anschauungsmaterial: Er schreibt regelmäßig Politikerporträts. Ein hartes Brot. Oft begleitet er die Steinmeiers und Westerwelles mehrere Tage lang, setzt sich dem Stakkato endloser Terminabfolgen aus. "Danach muss ich nach Hause zu meinen Eltern, weinen und Spinat essen." Warum das? "Es ist mir ein Rätsel, wie die das überhaupt aushalten. Hier, dies ist der Terminplan von Steinmeier bei einer Wahlkampfreise: 9:30 Uhr Wasserstoffkompetenzzentrum Herten, 12 Uhr Besuch bei Obo Bettermann GmbH, 14:30 Uhr Arge Dortmund, 16:30 Uhr Technologiezentrum Dortmund, danach ein Empfang der Kreativwirtschaft Köln - man wird völlig verrückt!" Vermutlich schalten Politiker dann auf Autopilot, mutmaßt Stuckrad-Barre. "Sie kommen immer drei Minuten zu spät, müssen aus dem Stand einen Höhepunkt bieten und dann schnell durch den Hinterausgang verschwinden. Ein Drama wäre es, wenn ein Politiker sich Zeit nähme. Der Typ, der Zeit hat, ist ein Niemand." Was würde er den Politikern als Pflichtlektüre ans Herz legen? "Als Trost und zum Selbstverständnis sollte jeder Enzensbergers Essay 'Erbarmen mit den Politikern' lesen." Ihm gefällt daran, dass Enzensberger auf wohlfeiles Gespött verzichtet. "Ich halte nichts von ironischer Distanz, wenn ich über Politiker schreibe. Mir tun sie wirklich leid. Aller Spott, der gratis ist, wäre zu einfach. Sie haben meinen größten Respekt. Auch wenn sie die Sprache oft übel zurichten."

Es war eher Zufall, dass Benjamin von Stuckrad-Barre zur Literatur fand. Die frühe Lektüre nämlich wurde durch den Deutschunterricht jäh unterbrochen. "Wir mussten Günter Grass und Christa Wolf lesen, das war grauenhaft." Fortan mied er Bücher. Mit siebzehn dann fiel ihm ein Gedichtband von Charles Bukowski in die Hände - "da ist man als junger Mann, der nicht lesen will, erst mal gerettet". Sie stehen gut sichtbar im Regal, seine literarischen Helden jener Zeit: Neben mehr als einem Meter Bukowski sind es die Bücher von Max Goldt, von Wiglaf Droste und Helmut Krausser. Dann entdeckte er Brett Easton Ellis und John Fante. Damals begann er, sich für Outcasts zu interessieren. "Ich fühlte mich hingezogen zu selbstzerstörerischen Biografien. Deshalb entwickelte ich eine Vorliebe für Fauser und Brinkmann, die viel zu früh Gestorbenen." Er erinnert sich gut daran, wie vorbehaltlos er sich mit diesen Schriftstellern identifizierte: "Da konnte man sich mit Romantik aufladen. Das war die Existenz, die ich anstrebte: nachts im cognacfleckigen Trenchcoat an einem Ausschank am Hauptbahnhof stehen, in der Hand eine Plastiktüte mit einem Hemd, einer Zahnbürste und einer Bibel - oder Hemingway."

Stattdessen machte Stuckrad-Barre Karriere als Musikjournalist des Rolling Stone, schließlich als Schriftsteller unter dem frisch erfundenen Label des Popliteraten. 1998 war "Soloalbum" erschienen, 1999 verbrachte er zusammen mit vier weiteren Autoren, unter anderem Joachim Bessing, Christian Kracht und Alexander von Schönburg, ein folgenreiches Wochenende im Berliner Hotel Adlon. Das "popkulturelle Quintett" sorgte zum Entsetzen des Verlages für eine gigantische Getränkerechnung. Das entstandene Werk, "Tristesse Royal", beschwor eine ermattete Fin-de-siècle-Stimmung, in die sich Kritik an der "ironischen Hölle" der Alltagskultur mischte. Das Buch wurde als virtuoses Genrebild der jüngeren Generation gefeiert, die Zeit rühmte die "Dandys der Postmoderne". Stuckrad-Barre wurde gar mit Oscar Wilde verglichen. Er wehrt enerviert ab. Ein Klischee. "Sich auf Wilde zu beziehen, ist nicht gerade originell. Bei ihm findet doch jeder seinen Grabsteinspruch."

Jetzt führt er in das Gravitationszentrum seiner Bibliothek: Die gesamte Familie Mann ist dort versammelt. Am meisten schätzt er Klaus Mann, den Hadernden, Fiebrigen, dessen Mutlosigkeit ihm paradoxerweise Mut gemacht habe. Daneben stehen Walter Kempowski, Thomas Bernhard, Max Frisch, Robert Walser, die Lieblingsautoren. Weitere Bewohner seines literarischen Olymps sind Kafka, Benn, Handke und Strauß.

Und welches Buch würde er behalten, wenn er sich von allen anderen trennen müsste? Er wählt ein in grobes Leinen gebundenes Buch aus der Kempowski-Region und schlägt es auf. Die Seiten sind leer. Es ist einer jener Bände, in die Walter Kempowski seine Tagebücher schrieb. "Er ist bis Nummer 144 gekommen, dieses hat die Nummer 146", erzählt Stuckrad-Barre. "Hildegard Kempowski hat es mir geschenkt, nachdem ihr Mann gestorben war. Weil Sie ihn so mochten, sagte sie. Weil Sie solch ein glühender Bewunderer sind." Er hat den Schriftsteller oft besucht. Als er beim Musiksender MTV eine Literatursendung moderierte, ließ er Kempowski darin regelmäßig Buchtipps geben. "Das fand ich herrlich: Walter Kempowski empfiehlt Ricarda Huch auf MTV - weiter kann man sich nicht von seiner Zielgruppe entfernen!" Noch immer ärgert ihn, dass die deutsche Literaturkritik erst kurz vor Kempowskis Tod Notiz von dessen Werk nahm. "Ich finde es weiterhin ungeheuerlich, wie Walter Kempowski von der damals meinungsführenden linksliberalen Mafia des Kulturbetriebs missachtet wurde - erst beschimpft, dann ignoriert. Und das deshalb, weil er die DDR nicht als besseres Deutschland betrachten mochte. Das war nun wirklich kein Wunder: Immerhin hatte er in Bautzen gesessen." Was fasziniert ihn an Kempowski? "Er hatte eine Selbstironie, die man bei den meisten sogenannten Großschriftstellern vergeblich sucht. Er konnte sich selbst infrage stellen, sich sogar als lächerliche Figur hergeben. Deshalb liebte er auch die TV-Serie Columbo: Wenn man sich dumm stellt, erfährt man mehr."

Was in dieser Bibliothek auffällt, sind die vielen Autobiografien, Tagebücher und Briefwechsel. Es sind Stuckrad-Barres favorisierte Genres. Zuweilen, bekennt er, interessieren ihn die Autoren sogar mehr als ihre Romane. "Besonders Tagebücher finde ich spannend; den dauernden Kampf zwischen Leben und Schreiben, wie das einander permanent bedingt und verhindert." Immer wieder liest er im Briefwechsel von Siegfried Unseld und Wolfgang Koeppen. "Das dauernde Straucheln, die Frau dreht durch, Koeppen also auf der Flucht, dann geht das Auto kaputt, schnell einen Brief an den Verleger. Der antwortet dann, mein Lieber, jetzt kommen Sie aber rasch nach Frankfurt und beenden das Buch, Sie können hier in Ruhe arbeiten - darauf Koeppen: Ja, ja, der Roman kommt, aber ich brauche schnell ein bisschen Geld, bitte schicken an die und die Pension ... Wunderbar. Liest sich wie ein Roman."

Unten im Hof steigert sich die Geräuschkulisse. Benjamin von Stuckrad-Barre nimmt einen Schluck Wasser, dann zündet er sich eine Mentholzigarette an. Ein Foto mit Zigarette, wäre das in Ordnung? "Klar." Er lächelt amüsiert. "Auch wenn der rauchende Schriftsteller der röhrende Hirsch der Autorenfotografie ist." Wie steht es heute um das Verhältnis von Politik und Literatur? Kann er den Vorwurf einer entpolitisierten Schriftstellergeneration nachvollziehen? Er schüttelt den Kopf. "Nun, es gibt ja durchaus ein paar jüngere Schriftsteller, die sich in den politischen Diskurs einmischen. Aber schon den Begriff 'einmischen' finde ich lächerlich, ein typisches Grass-Wort." Er löscht seine Zigarette. "Ich finde es absurd, wenn sich Autoren abseits ihrer eigenen Arbeit äußern. Man äußert sich politisch, indem man schreibt. Unterschriftenaktionen und Dauerpräsenz auf irgendwelchen Podien, das ist das Ende des freien Denkens." Oder doch eine Generationenfrage? Stuckrad-Barre verneint heftig. "Ich finde es zum Beispiel völlig uninteressant, was Günter Grass denkt. Manchmal kommt es mir vor, als ob die SPD zusammenzuckt, wenn er sich öffentlich zu Wort meldet, als dächten sie: Mist, jetzt will er uns wieder unterstützen, Stimmen bringt uns das bestimmt nicht."

Würde er selbst in die Politik gehen? Fassungslos sieht er mich an. "Niemals!" Dann erzählt er von den seltsamen Begegnungen mit Politikern seines Alters, vom entleerten Politjargon. "Franziska Drohsel oder Philipp Mißfelder - was die reden! Es ist gar kein normales Sprechen möglich, weil sie sich hinter ihren Phrasen verschanzen. An einem bestimmten Punkt des Gesprächs sagt Franziska Drohsel immer: 'Das ist auch eine soziale Frage.' Ja, bitte schön, was heißt denn das eigentlich? Alles und nichts." Es ist Wahlkampf, und das bedeutet nicht nur Hochsaison für die Politiker, sondern auch für die politischen Journalisten der Hauptstadt. Da gebe es absurde Eitelkeiten, verrät Stuckrad-Barre: "Es wird ja immer wieder erzählt, Angela Merkel sei in kleinen Runden so überaus witzig. Die eigentliche Botschaft dieser Aussage ist allerdings nicht, dass Angela Merkel witzig ist, sondern: 'Ich bin übrigens in kleinen Runden dabei!'" Ein einziges Mal kam er einem Politiker wirklich nah. "Als ich mit Guido Westerwelle in einem kleinen Motorflugzeug unterwegs war, gerieten wir in ein Gewitter und wären fast abgestürzt. Es war ein Erlebnis, das plötzlich Nähe herstellte. Zum ersten Mal redete er über die wirklich wichtigen Dinge, über Schwulsein und Hautprobleme."

Selten hat sich ein Schriftsteller dem Politzirkus so unerschrocken ausgesetzt, als Intellektueller mit einem vitalen Interesse an Kabalen und Liebeleien, die in keiner Zeitung stehen. Geist und Boulevard, wie passt das zusammen? Eine Antwort findet sich in dieser Bibliothek: Neben Büchern des legendären AZ-Klatschkolumnisten Michael Graeter, Vorbild für die Figur des Baby Schimmerlos aus "Kir Royal", steht Joachim Fests "Flüchtige Größe". Keine schlechte Pointe. Über das ungleiche Gespann wachen Adorno und Kluge.

Manchmal, wenn er tief eintaucht in die Politikersprache, hat er das Gefühl, sich am papiernen Jargon zu vergiften. Dann liest er rasch eine Seite Fitzgerald oder blättert in einem Kippenberger-Katalog - "schon die Titel sind wie Gedichte". Auch die großen Spaziergänger und Flaneure sind immer in Griffweite, Alfred Kerr, Erich Kästner, Ben Hecht. Was charakterisiert einen großen Schriftsteller? "Dass er neugierig ist, gesprächsbereit. Das gilt besonders für Enzensberger. Wir wollten übrigens immer mal etwas gemeinsam schreiben. Eines Tages sagte er: Lass uns unsere Steuererklärung zusammen machen. Da muss man die irresten Fragen beantworten."


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe September 2009

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Leserkommentare
Brigitte Mesch (Eppingen) 16.09.2009
Eine sehr gute offene Ausführung in Sachen Politik.
Eine markante Persönlichkeit, die versucht anzukommen, und doch mit dieser Offenheit brilliert.
Gabriela Wurm (München) 15.09.2009
Danke!
Sehr erfrischend
und
fast zeitlos.
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Christine Eichel
Christine Eichel leitete bis April 2010 das Cicero-Ressort Salon. Sie promovierte über Theodor W. Adorno, arbeitete als Autorin und Regisseurin fürs Fernsehen und debütierte 1998 als Schriftstellerin.


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