von Hans Christoph Buch
Lange wurden Tabubrüche als Befreiung von Zwängen gefeiert, als Signum einer aufgeklärten Gesellschaft, die sich ihrer Toleranzfähigkeit vergewissert. Oder sind Tabubrüche mittlerweile zwanghafte Routine geworden? Eine Polemik.
Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als Homosexuelle öffentlich diffamiert, gesellschaftlich ausgegrenzt und strafrechtlich verfolgt wurden. Damals trat ich für die Streichung des Paragrafen 175 und die Befreiung der gleichgeschlechtlichen Liebe vom Stigma einer krankhaft-kriminellen Veranlagung ein, die sozial schädlich und nur mit Elektroschocks zu kurieren sei. Davon kann heute keine Rede mehr sein: Das Adjektiv „schwul“ ist vom Schimpfwort zum Ehrennamen avanciert, und Homosexualität erscheint nicht länger als Abweichung, die unterdrückt, verdrängt oder therapiert werden muss, sondern als kulturelle Norm.
Es ist „in“, schwul zu sein, und das Coming-Out prominenter Politiker von Westerwelle bis Wowereit zeugt ebenso von der gesellschaftlichen Akzeptanz der Homosexualität wie die Tatsache, dass alles, was in Paris Rang und Namen hat, zur Einweihungsfête des privaten Fernsehsenders Pink TV erschien, bei der rosa Champagner in Strömen floß. „Nous sommes encore un certain nombre“ – es gibt noch ein paar von uns: So lautet, in scherzhafter Umkehrung des Homoerotik-Trends, der Werbeslogan für den Film „Hilfe, ich bin heterosexuell!“, der derzeit in Frankreich die Kassen füllt. Niemand nimmt Anstoß mehr daran, dass die Bürgermeister von Berlin und Paris sich zu ihrer Homosexualität bekennen, und Umfragen zufolge kann die Mehrheit der Deutschen und Franzosen sich schon jetzt vorstellen, von einem schwulen Kanzler oder Präsidenten regiert zu werden.
An die Stelle negativer Diskriminierung ist ein positives Vorurteil getreten: Schwul zu sein gilt als fortschrittlich und schick, denn Homosexuelle, so heißt es, seien einfallsreicher, kreativer und fantasievoller als heterosexuelle Frauen und Männer. Wer sich dem modischen Trend verweigert und auf einer traditionellen Geschlechterrolle beharrt, der oder die gilt als rückständig, reaktionär und langweilig. Dazu passt eine aus den USA nach Europa importierte Fernsehserie, in der eine schwule Designer-Truppe die vermufften Wohnungen heterosexueller Typen im Handumdrehen auf Vordermann bringt, einschließlich ihrer hässlichen Kleider und Frisuren. Dagegen ist nichts einzuwenden – oder doch?
Der kürzlich verstorbene Philosoph Jacques Derrida hat darauf hingewiesen, dass jeder neue Diskurs auf der Aussparung als störend empfundener Elemente beruht, die dann in aggressiver Form zurückschlagen. Das gilt auch für den Diskurs der Political Correctness, der die Wahrnehmung der Geschlechterdifferenz und das daraus abgeleitete Rollenverständnis heute weitgehend dominiert. So kommt das groteske Resultat zustande, dass sexuelle Perversionen als normal gelten, während die Verteidigung von Ehe und Familie im Sinne eines christlichen Menschenbilds als gefährlicher Extremismus erscheint.
Das ist doppelt absurd vor dem Hintergrund der nicht nur von Konservativen angestimmten Klage über den Niedergang moralischer Werte, insbesondere was Ehe und Familie, Sexualverhalten und Erziehung betrifft. Anders ausgedrückt: Was früher als anstößig und schockierend empfunden wurde – Sodomie, Gummi- und Lederfetischismus, Sadomasochismus und Koprophagie – gehört inzwischen zum Mainstream der Gesellschaft und ruft statt Ablehnung nur noch Achselzucken hervor; sexuelle Perversionen werden wie Kreaturen der Tiefsee als liebenswerte Kuriositäten bestaunt.
Man muss kein katholischer Moraltheologe sein, um sich darüber zu wundern, dass die Berufung auf die Gebote Gottes oder die Dogmen der Kirche Ekel und Abscheu provoziert, so als habe der gescheiterte EU-Kommissar Rocco Buttiglione eine Obszönität geäußert, als er Homosexualität als Sünde bezeichnete, was sowohl christlicher wie jüdischer und islamischer Glaubenslehre entspricht. In einem Punkt nämlich stimmen die drei Weltreligionen miteinander überein: dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf und damit dessen Leib geheiligt hat – ein Gedanke, der unserer postmodernen Gesellschaft entweder als hanebüchener Unsinn oder als irritierende Herausforderung erscheint, weil er inkompatibel ist mit der Devise „anything goes“.
GOTT ist heute ein Four Letter Word, und Begriffe wie Heiligkeit und Sünde gelten als Provokation. (Dass ohne Bewusstsein ihrer Sündhaftigkeit die sexuelle Grenzüberschreitung ihren Sinn und damit auch ihre Anziehungskraft verliert, sei nur in Klammern erwähnt – das Tabu ist der Motor der Lust, wie das mühsam aufrechterhaltene Verbot der Pädophilie beweist.) Muss das Christentum sich der veränderten Situation anpassen, und hat es das nicht schon immer getan? Ja, gewiss, solange die Anpassung nicht an die Substanz der religiösen Botschaft geht. Es ist nicht wünschenswert, dass der Papst zum Nachbeter des Zeitgeists wird, und der Ausverkauf moralischer Werte ist doppelt fragwürdig, wenn dadurch einem aggressiven und intoleranten Islam Tür und Tor geöffnet wird.
Hans Christoph Buch lebt in Berlin. Sein Roman „Tanzende Schatten“ erschien bei Eichborn, die Essays „Standort Bananenrepublik“ im zu Klampen-Verlag |