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Wer hat Angst vor Adolf Hitler?
von Peter Zadek



Cool sind wir in Deutschland. Die drei Millionen coolen Deutsche, die den Film „Der Untergang“, ohne zu protestieren, gesehen haben, sind die perfekten Nachkommen der mehr als drei Millionen Deutschen, die Hitler 1933 gewählt haben. Damals hatte man zwar nicht das Alibi, dass es sich um einen netten Schweizer Papi handelt, dafür um einen harmlosen österreichischen Maler.

Das ist eure Geschichte, muss man den Leuten zurufen, eure Vergangenheit, die kriminelle Vergangenheit eurer Väter und Mütter; man will das verharmlosen, vermenschlichen. Immerhin waren das ja auch nur Menschen, die Herren Hitler, Himmler, Goebbels und so weiter.

Was hatten diese „Menschen“ wohl im Kopf, während ihres traurigen Endes im Bunker? Abgesehen vom Überleben oder dem Niedergang der deutschen Rasse? Millionen Tote, Gefolterte, Juden, Russen und deutsche Soldaten marschierten durch ihre Sado-Hirne, ihre Sado-Fantasien, ihre Sado-Eier. Auch Menschen? Ja, wie Jack the Ripper oder der Boston Strangler – Abschaum, irre Killer, der unterste Dreck der Menschheit. Auch Menschen? Hitler isst Spaghetti, wie menschlich – und niemand hat sie vergiftet, wie nachlässig. Magda Goebbels, deutsche Heldin, wie sie Frau Harfouch darstellt, vergiftet ihre sechs Kinder. Kindermörderin – nein, da regen wir uns doch lieber über einen pädophilen Opa in Bielefeld oder sonst wo auf, der den kleinen Jungens an den Schwanz packt. Aber Magda – Corinna Harfouch – Goebbels lassen wir uns nicht beschmutzen. Heldin bleibt Heldin, sie hat es ja auch nobel mit dem Tod gebüßt.

Bernd Eichinger hat es ja auch geschafft. Einen „Mainstream“-Film wollte er machen. Der Bunker als Endstation eines Western, wer wen killt, ist da auch schon egal. Solange es ordentlich knallt, ist der Film auch für Teenies geeignet.

Ja, und im Jahr 2004 braucht doch niemand mehr laut zu sagen, dass es sich hier um die letzten Dreck-Kriminellen und Sadisten handelt, das wissen wir schon längst. Die aufblühende NPD und DVU, wissen die es auch? Was für ein beschissener Zynismus, der behauptet, dass „Menschen“ eben so sind. Vielleicht denken die Eichingers und Konsorten, dass die deutsche Vergangenheit damit gereinigt wird, weil das ja doch nur Menschen sind. Nein, das waren nicht menschliche Fehler, das waren Taten der untersten Stufe des menschlichen Wesens – schön, die Macher dieses opportunistischen, widerlichen Films haben die Verlogenheit – nein, die Coolheit – ihres Publikums genau getroffen.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Dezember 2004

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Peter Zadek
Peter Zadek ist freier Theaterregisseur und war u.a. Intendant am Schauspielhaus Bochum und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.


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