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Guerillakrieg in der Bahn
von Harald Schmidt

Schmidt geht ran - Im vergangenen Dezember haben die Autoren Edo Reents und Patrick Bahners auf der ersten Seite des FAZ-Feuilletons einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht, der sich mit dem Verfall der Sitten in unseren Zügen befasst. Trolleyrüpel, Handybanausen, Reservierungsärger, überflüssige Durchsagen – alles richtig, und trotzdem am Kern vorbei.


Denn Bahnfahren hat nichts mit Reisen zu tun. Es handelt sich um Guerillakrieg. Vorbild ist der Vietkong, der durch geschmeidige Beweglichkeit im Dschungel der angeblichen Supermacht USA eine böse Niederlage bereitet hat. Das Schienennetz der Deutschen Bahn ist der Ho-Chi-Minh-Pfad 2009. Zur Grundausrüstung des modernen Bahneinzelkämpfers gehört eine Sonnenbrille (Format ganz später Onassis) sowie Kopfhörer in einer Größe, wie sie auch von den Einwinkern auf Flughäfen getragen werden. Was Düsenlärm unterdrückt, verwandelt auch das Geschwätz von Mitreisenden in ein sanftes Rauschen. Bereits auf dem Bahnsteig sollen Mimik und Körpersprache Al Pacino zitieren: „Touch me once again, and I’ll kill you.“ Strikt zu meiden ist die Nähe von Senioren. Es gilt die einfache Formel: Senior + Bahn = Stress. Speziell auf der rechtsrheinischen ICE-Strecke haben Senioren absolut nichts verloren. Für sie gibt es die landschaftlich traumhafte Loreley-Route in verrauchten, durchgesessenen und uringetränkten IC-Abteilen aus der Zeit des NATO-Doppelbeschlusses. Noch besser wäre es, die Rentner ließen sich vom Roten Kreuz zu den Kindern fahren. Dafür ist es ja da.

Natürlich hat Gepäck in den ICE-Zügen keinen Platz. Das ist bewusst so gehalten. Die Bahn will nur Laptop-Reisende. Die Bilder auf dem Schirm sowie das Geschrei der Dauertelefonierer ignorieren wir einfach. Hier handelt es sich ausnahmslos um geistige wie internet­merische Mittelschicht, die von der nächsten Krise auf natürliche Weise entsorgt wird. Jede Insolvenz lässt den Großraumwagen ein Stück näher Richtung Salonwagen rücken. Ich selbst reise mit Schwarzer Mamba. So nenne ich meine Bahn Card 100 zum Preis von 5900 Euro. Seit dem 14.12.2008 ist der Preis um 250 Euro erhöht worden. Recht so. Wenn ich für den Zugbegleiter (m/w) die Schwarze Mamba zücke, steht er stramm. Zwei Sternchen in den Augen und ein Salto rückwärts signalisieren mir: Er hat verstanden! In mir hat er einen, der bedingungslos JA! sagt zur Deutschen Bahn. Der gemeinsam mit dem Personal eine heilige Allianz bildet gegen den motzenden, verstopfenden, lärmenden Pöbel der Gelegenheitsreisenden.

Bahn fahren 2009 ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Wir Deutschen können uns nicht länger raushalten.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe März 2009

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Harald Schmidt
Harald Schmidt ist ein deutscher Schauspieler, Kabarettist, Schriftsteller und Moderator.


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