Neue Armut, Neo-Neid und eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich – in Zeiten zunehmenden Sozialneids ist es schön, Gemeinsamkeiten zwischen Linkspartei und Bankenchefs zu finden. Denn deren Vorsitzende haben mehr gemein als man gemeinhin meint: Sie schätzen ein gutes Honorar, ein schönes Heim und guten Wein, rot sollte er sein.
"Die besten Weine sind das ultimative flüssige Investment", sagt Robert Parker, einer der renommiertesten Experten und Tester. Zustimmung aus Villen neosozialer Romantik im Toskana-Stil ist ihm genauso gewiss wie die aus verspiegelten Bankenpalästen.
Doch nach Jahren steten und ungestörten Wachstums droht auf dem Weinmarkt nun der große Umbruch. Schuld sind auch hier die ungebremsten Kräfte des Marktes. "Was wir erleben, ist die Globalisierung des Wein-Geschäfts", sagt Steve Bachmann, Gründer des Handelshauses "Vinfolio": Super-Reiche aus China und Russland drängen auf den Markt und kaufen ganze Lagen.
Erst im Februar strich Hongkong die bisher bestehenden Sondersteuern auf Wein in Höhe von bisher 30 Prozent in Gänze. So will die ehemalige Kronkolonie vom jetzigen Trend profitieren und größter Handels- und Auktionsplatz für Wein in Asien werden. Die Strategie hat Erfolg. Ende des Monats veranstaltet das New Yorker Weinauktionshaus Acker in Hongkong die bisher größte Weinmesse in Asien – Rebensaft im Wert von 5,5 Millionen Euro wird dafür dorthin verschifft. Das Kalkül: Die Neo-Reichen Asiens werden im kommenden Jahrzehnt ihre Weinkeller, eines der ultimativen Statussymbole wohlhabender Weltbürger, auffüllen mit Spitzenweinen großer Jahrgänge – darunter 82er Château Margaux, 82er Lafite-Rothschild, 86er Mouton-Rothschild, 89er Haut-Brion , 90er Petrus. Dafür muss der Stoff her.
Die Folgen sind schon jetzt spürbar: Zurzeit schnellt der Preis von Château Lafite in bisher unerreichte Höhen. Anlass ist die Rekord-Nachfrage aus China.
Schon wird der Kelleraum für das kostbare Gut in Hongkong knapp. Sogar ehemalige Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg dienen nun, kunstvoll umgebaut, als Lagerplatz. Ob wir zur Bundestagswahl einen Schrei aus den Spitzen der Linkspartei hören werden gegen diese Folgen der Globalisierung – wahrscheinlich nicht. Wer sich in dieser Frage zu Wort meldet – und sei es nur beim abendlichen Hintergrund-Schoppen – würde sich angreifbar machen und die Mär vom Repräsentanten der Mittellosen ad absurdum führen. Im Wein liegt eben doch die Wahrheit.
Wie hielt es Gerhard Schröder mit dem Wein? Er teilte, was er hatte. Besuchte er den damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac, überreichte dieser stets zum Abschluss eine Kiste Bordeaux. Die ließ Gerhard Schröder in den Flieger schaffen, der uns nach Deutschland zurückbrachte. Ohne jeden Dünkel teilte er stets großzügig, was ihm Präsident Chirac geschenkt hatte mit seinen begleitenden Beratern, Dolmetschern und Protokollbeamten. Einzig die Sicherheitsbeamten mussten passen. Sie ertrugen es mit Fassung.











