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Aufklärung und Science-Fiction von Katja Hofmann it der ungewöhnlichen Vermischung von Feminismus und Sexualforschung als soziopolitischer Diskursanleitung wurde Shere Hite berühmt – heute lebt sie zurückgezogen Im Jahre 1976 erschien „Der Hite Report – Das sexuelle Erleben der Frau“. Sofort war die Öffentlichkeit in heller Aufregung, vom amerikanischen Bible Belt bis zum alten Europa. Die einen beklagten einen Tabubruch, weil die studierte Historikerin Shere Hite Befragungen durchgeführt hatte, bei denen Frauen erstmals ausführlich und unverblümt über Sex sprachen. Die anderen zweifelten die Wissenschaftlichkeit der Interview-Methode an und sprachen verächtlich von „soziologischer Science-Fiction“. Den beispiellosen Erfolg des umstrittenen Werks konnte das nicht aufhalten. Der „Hite Report“ wurde auf der Stelle zum Bestseller und erreichte Auflagen in Millionenhöhe. Das lag nicht zuletzt an der Autorin selbst, die so gar nicht dem Klischee der Wissenschaftlerin im grauen Kostüm entsprach. So smart und attraktiv kam sie daher, dass sie wie geschaffen schien für die mediale Inszenierung ihres Werks. Das hatte eine gewisse Logik: Denn sie selbst hatte sich erfunden und zu einer Kunstfigur geformt. Die immer noch goldlockige Stöckelschuhträgerin wurde 1942 in Missouri als Tochter einer blutjungen Mutter geboren. Shirley Diana Gregory, wie sie damals noch hieß, wuchs bei ihren erzkonservativen Großeltern und später bei einer Tante in Florida auf. Ihr Studium an der Universität von Miami und später an der Columbia University in New York finanzierte sie sich durch Nebenjobs als Model. In einem ihrer Jobs liebkoste sie als kaum bekleidete, langbeinige Blondine eine Olivetti-Schreibmaschine. Gleichzeitig, man möchte fast sagen: schizophrenerweise engagierte sie sich in der feministischen Szene New Yorks und leitete beispielsweise einige Jahre lang das „Feminist Sexually Project“. Solche Widersprüche wurden schließlich sichtbar: Unter anderem posierte sie auch für den „Playboy“, der ihren „Hite Report“ dann später als „Hate Report“ titulieren sollte, weil sie die Perspektive der Frau betonte und gegen den Phallozentrismus anschrieb. Shere Hite hat nie einen Hehl aus ihrer Model-Karriere gemacht, im Gegenteil – sie genoss es, zur Poster-Ikone eines Lippenstift-Feminismus zu werden. Was darüber hinaus ihr Werk so populär machte, ist erklärbar aus dem Zeitgeist der siebziger Jahre. Die Philosophie, die Soziologie und die Psychologie hatten die Epoche der Diskursivität ausgerufen. Kommunikation galt als gesellschaftliche Errungenschaft, ihre offensive Handhabung als Konfliktlöser schlechthin. Das „Lass-uns-drüber-Reden“ und das „Ausdiskutieren“ erzeugten eine Redekultur, in die der „Hite Report“ mit seinen langen Gesprächen bestens passte. Mittlerweile sind Shere Hites Überzeugungen tief ins kollektive Unterbewusstsein der vereinigten Frauenzeitschriftsredaktionen westlicher Prägung eingegangen. Endlos wird die Litanei vom ödipal-geplagten Erektilneurotiker wiederholt, der einfach nicht auf die Bedürfnisse der weiblichen Leserin eingehen kann und vor allem stumm bleibt, wenn Frauen reden möchten. Selbst eine TV Serie wie „Sex in the City“ wäre ohne Shere Hite vermutlich kaum vorstellbar. Die nächsten Veröffentlichungen, Studien über männliche Sexualität (1981) und „Frauen und Liebe“ (1987), lieferten neuen Konfliktstoff. Da wurde freimütig über außereheliche Beziehungen gesprochen, und in „Frauen und Liebe“ bekannten 87 Prozent der verheirateten Frauen, die tiefste, innigste Gefühlsbeziehung hätten sie nicht zum Ehemann, sondern zur besten Freundin. Außerdem gab es Anleitungen zuhauf, wie man denn ein befriedigendes Sexleben gestalten solle. Die Angriffe der Medien wurden immer heftiger, es mehrten sich auch anonyme Drohungen. Plötzlich war Shere Hite vom blonden Schneewittchen zur obszönen Hassfigur geworden, an der sich erbitterte gesellschaftliche Debatten um Moral und Ethik entzündeten. Doch selbst dieser inkommoden Situation gewann sie einen medialen Coup ab: 1985 heiratete sie den 21 Jahre jüngeren deutschen Pianisten Friedrich Höricke und zog mit ihm nach Europa. Sie tauschte ihren amerikanischen Pass gegen einen deutschen ein und führt seitdem die glamouröse Existenz einer intellektuellen Emi-grantin in Paris und London, auch wenn die Ehe vor kurzem endete. Einige Bücher hat sie seither noch veröffentlicht, doch die Wirkungsmacht von einst erreichten sie nicht mehr. Aus der Euphorie des „Endlich-darüber-Redens“ ist die Ernüchterung des „Zerredens“ geworden. Dennoch ist ihre Lebensbilanz erstaunlich. Schließlich erreichte sie im Gegensatz zu ihren sexualwissenschaftlichen Vorgängern Alfred Kinsey und Masters & Johnson weltweit die breite Masse der Leser. Allein von ihrem ersten „Hite Report“ wurden mehr als 20 Millionen Exemplare verkauft, das Buch wurde in 15 Sprachen übersetzt. Ironie der Geschichte: Zurzeit macht eine Autorin in den USA Furore, die drei Tipps für das Gelingen von Beziehungen hat: Distanz, Fremdheit – und bloß nicht so viel darüber reden. Katja Hofmann lebt in München und London, wo sie unter anderem für Variety, den Esquire und die FAZ schreibt |
![]() | Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Dezember 2000
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