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Das Drama der Arbeitslosigkeit
Interview mit Moritz Rinke

Moritz Rinke bringt die Lebenswirklichkeit der Arbeitslosen auf die Bühne: Sein neues Stück „Café Umberto“ schildert drei Beziehungsgeschichten in Zeiten von Hartz IV. Auf die Düsseldorfer Uraufführung im September folgen Inszenierungen in Hamburg, Bremen und Bielefeld.

Warum braucht Deutschland ein Theaterstück über Arbeitslosigkeit?

Ob Deutschland ein Stück darüber braucht, weiß ich nicht. Aber es ist die Realität von fünf Millionen Menschen und weiteren Millionen, die große Angst haben, plötzlich dazuzugehören. Früher wurde Arbeitslosigkeit auf dem Theater inszenatorisch gleich mit einer Szenerie von Männern in Unterhemden assoziiert, die um 12 Uhr Bier trinken und sich so ausdrücken, dass der Zuschauer denkt, na ja, kein Wunder, dass die keinen Job haben. Das geht natürlich nicht mehr. Jeder von uns kennt Arbeitslose, die hoch qualifiziert und dreimal klüger sind als wir. Im akademischen Bereich mussten manche Arbeitsämter die Wartezonen vergrößern.

Wie verändert sich eine Gesellschaft, die nicht hauptsächlich ihre äußeren Grenzen schützen muss, sondern in der die Angst vor einem inneren, ökonomischen Feind umgeht?

Sie wird unsolidarischer, kämpferischer, immer roher, und wenn sie keine Schuldigen findet, sucht sie sich welche. Stellen Sie sich vor, eine große Koalition oder CDU und FDP werkeln ab dem 18. September am Arbeitsmarkt weiter und spätestens zwei Jahre später merkt auch der Letzte, dass das eben nicht die Wende war. Die Konzeptlosigkeit der großen Parteien macht die Ränder stark, so schwammig sie auch sind.

Worin liegt das Versagen der Politik?

Die Politik versäumt es, eine Gesellschaft zu skizzieren, die überlebensfähig jenseits des Erwerbssystems ist. Da sie immer noch Arbeit als das einzige Kriterium für Gesellschaftlichkeit und Selbstachtung postuliert, das System aber immer weniger Arbeit und immer mehr freie Zeit produziert, werden sich bald immer mehr Menschen ausgeschlossen und minderwertig vorkommen. Ein Satz von Frau Merkel wie: „Das gesamte deutsche Volk muss endlich zum Gewinner der Globalisierung werden“ ist haarsträubend. Da es natürlich nicht so kommt, produzieren solche Aussagen eine zunehmende Abkehr vom Politischen und Ressentiments.

Ist der Kampf gegen Arbeitslosigkeit mit einem Waffenarsenal aus Fortbildungen, Ein-Euro-Jobs und dem Heer der Vermittler sinnlos?

Ja, es wirkt so ein bisschen wie die Bordapotheke auf der Titanic.

Werden Akademiker durch Arbeitslosigkeit besonders traumatisiert?

Ich maße mir nicht an, die Erlebnisse des Nicht-Akademikers als weniger traumatisch zu bezeichnen. Vielleicht aber erscheint die selbstempfundene Fallhöhe größer, wenn man vormals in höheren Positionen gearbeitet hat. In „Café Umberto“ gibt es ein Paar, Paula und Anton, deren Liebe den gesellschaftlichen Herabstufungen und Demütigungen nicht mehr standhalten kann.

Glauben Sie an eine offene „Erwerbsbiografie“, ausgefüllt mit wechselnden Jobs und Fortbildungen, oder an die lebenslange Berufung?

Schwer für Schriftsteller und Künstler zu beantworten. Grundsätzlich glaube ich aber, dass der Traum der lebenslangen Berufung unglücklich machen könnte. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sind es ja die Träume, die uns das andere Leben aushalten lassen. Das andere Leben erinnert mich an den griechischen Gott Proteus, der sich beliebig verwandeln kann, also eine Art „flexibler Mensch“ im Sinne Richard Sennetts war. Wem es gelang, Proteus im Mittagsschlaf, in dem er sich verwandelte, zu überraschen, konnte sich ja von ihm die Zukunft voraussagen lassen. Menelaos, der sich auf der Irrfahrt befand, schaffte es und fand so wieder zurück nach Sparta. Heute aber, glaube ich, verwandelt sich Proteus nicht mehr beim Mittagsschlaf, sondern stündlich. Für den Markt muss man sich permanent verwandeln und ständig neues Self-Branding betreiben. Daher findet Menelaos auch nicht mehr nach Sparta und muss ab sofort überall zu Hause sein.

Ist die Fixierung auf Erwerbsarbeit grundsätzlich neurotisch?

Wenn wir bei dem Bild bleiben, dass Menelaos mit Helena nur in Sparta leben will und kann, ja. Man muss wohl die permanenten Irrfahrten heute konkret mit einrechnen. Vielleicht ist es auch gut, einmal erfahren zu haben, sich auch ohne Erwerbsjob nicht total wertlos zu fühlen oder den eigenen Wert nicht nur an dem zu messen, was und ob man verdient.

Sollten Heranwachsende sich mit dem Gedanken vertraut machen, vielleicht nicht zu arbeiten, etwa durch ein Schulfach „Zeitgestaltung mit Sinn“?

Je länger wir bei der Konzentration auf Arbeit als alleinigem Lebenssinn bleiben, desto mehr produziert das System „leere Zeit“, mit der die Herausgefallenen umgehen müssen. Da wäre gezieltes Nachdenken über Selbststeuerung bestimmt richtig.

In Ihrem Stück „Café Umberto“ ist nur Umberto erfolgreich, der Verkäufer von gutem Latte Macchiato an die Wartenden im Arbeitsamt. Sieht so Unternehmergeist im 21. Jahrhundert aus?

Umberto beantragt die Gründung einer Ich-AG. Und da er arbeitslos ist, Ausländer und anscheinend auch noch stumm, muss man ihm das bewilligen. Außerdem hat er gelernt mit den andalusischen Bohnen seines Vaters und dem Milchschaumrezept seiner Mutter vom Comer See den besten Kaffee der Stadt zu machen. Er macht aber nicht nur Kaffee, er erschafft auch einen anderen Kommunikationsraum innerhalb eines Ortes, wo die Menschen eigentlich verstummen.

Die Fragen stellte Eva Hausteiner



Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe September 2005

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Moritz Rinke
Moritz Rinke lebt und arbeitet als Dramatiker in Berlin.


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