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„Der Konsum macht’s, Dummkopf!"
von Werner Vontobel

Produzieren kann jeder Depp. Es kommt aber darauf an, die Nachfrage anzukurbeln – und dies geht nur mit höheren Löhnen und geringerer Arbeitszeit. Plädoyer für eine grundsätzlich andere deutsche Wirtschaftspolitik.

Darf man den Starken für seine Wettbewerbsfähigkeit bestrafen? Die Frage ist natürlich rein rhetorisch. Sie spiegelt aber die gesamtdeutsche Empörung über das gesamteuropäische Ansinnen, Deutschland möge seine bemerkenswerte Produktivkraft doch ein wenig mehr für den eigenen Konsum und entsprechend etwas weniger für den Export nutzen.

Die beleidigten Leberwürste bestätigen Europas schlimmste Befürchtungen: Die Deutschen halten Konsum tatsächlich für eine Strafe, für einen hinterhältigen Angriff internationaler Neider auf ihre überragende Wettbewerbsfähigkeit. „Wir halten an unseren Stärken fest“, wies Angela Merkel Europas Kritik zurück. Aber: Beweist der betriebswirtschaftlich Erfolgreiche nicht gerade dadurch seine volkswirtschaftliche Stärke, dass er sich ab und zu ein wenig Konsum gönnt?

Seien wir ehrlich: Produzieren kann jeder Depp. Die wahre Tüchtigkeit jedoch erweist sich in der Organisation des Konsums. Für Unternehmen ist dies das alles entscheidende Erfolgskriterium. Wo wären heute etwa die großen Nahrungsmittelunternehmen, wenn es ihnen nicht gelungen wäre, den Konsum ihrer Produkte weit über die Sättigungsgrenze hinaus auszudehnen. Nestlé etwa wendet zu diesem Zweck pro Milliarde eigentlicher Herstellungskosten noch 800 Millionen für Werbung und Marketing und Verwaltung auf.

Dass der Konsum und nicht die Produktion das zentrale Problem einer gesättigten Gesellschaft ist, lässt sich am Beispiel Chinas besonders augenfällig darstellen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst dort jährlich locker um acht bis zehn Prozent, weil staatlich gesteuerte Banken in den Aufbau der Infrastruktur und der Produktionskapazitäten investieren. Doch mit dem Konsum hapert es bei den Chinesen. Sie verwenden ihre stark steigenden Löhne in hohem Maße darauf, einen Notbatzen für die Wechselfälle des Lebens wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Alter zur Seite zu legen. Deshalb macht der private Konsum nur 35 Prozent des chinesischen BIP aus. Jetzt will Chinas Regierung Sozialversicherungen aufbauen, um den Massenkonsum anzuregen.

Auch Deutschland könnte seine Produktion ohne große Mühe wesentlich steigern. Die nötigen Arbeitskräfte wären vorhanden, ebenso die Devisen, um das technische Produktionspotenzial auf ein höheres Niveau zu bringen. Die Verbraucher müssten dann allerdings so knifflige Fragen beantworten wie: Brauchen wir wirklich noch einen dritten Maybach? Wollen wir auswärts essen oder lieber den Partyservice kommen lassen? Schon wieder Mallorca? Wie wär’s mal mit den Malediven? Und vor allem: Schaffen wir diesen ganzen Konsum mit bloß acht Wochen Ferien?

Doch statt die Sättigungsgrenzen zu sprengen, leistet sich Deutschland eine Neiddebatte auf tiefstem Niveau. Frage einer 70-Jährigen an die Bild-Zeitung: „Darf ein Arbeitsloser 359 Euro plus Wohngeld beziehen, wenn ich nach 40 Jahren Arbeit auch nur 550 Euro habe?“ Das dazugehörige Foto belegt, dass sich die Pensionärin ihr Essen bei der Magdeburger Tafel besorgen muss.

Nein, Deutschland ist kein Modell. Es sollte im Gegenteil als abschreckendes Beispiel dafür dienen, wie sich eine Volkswirtschaft in die Bredouille bringt, weil sie ein tüchtiger Produzent sein will, ohne denselben Ehrgeiz als Konsument an den Tag zu legen. Wenn ein europäisches Land im abgelaufenen Jahrzehnt seine wirtschaftspolitischen Hausaufgaben schlecht gemacht hat, dann Deutschland. Schauen wir uns seine Leistungen im Fach Nationalökonomie doch einmal genauer an. In der wichtigsten Disziplin, dem Markteinkommen des durchschnittlichen Haushaltes steht für 2000 bis 2007 (neuere Zahlen liegen nicht vor) ein Minus von sieben Prozent im Klassenbuch. Das ist unterirdisch, fast ein Monatseinkommen weniger. Die ärmere Hälfte der Haushalte hat in diesen sieben mageren Jahren sogar mehr als zwei Monatseinkommen verloren. Die dadurch nötig gewordene Zunahme der Transferzahlungen konnte die Einbußen nicht kompensieren. Zum Vergleich: Frankreichs Mittelschicht erreichte in derselben Periode einen Einkommenszuwachs von zwölf Prozent.

Auch im Fach „Wirtschaftswachstum“, das von vielen Ökonomen als die volkswirtschaftliche Königsdisziplin betrachtet wird, gehört Deutschland zu den Klassenletzten. Nach den Statistiken der OECD ist Deutschlands BIP zwischen 2000 und 2010 gemäß OECD um magere 6,3 Prozent gestiegen. Frankreich brachte es auf 12,3, alle OECD-Länder ohne Deutschland im Schnitt auf 15 Prozent.

Fehlanzeige auch in Deutschlands Wahlfach „Arbeitsplätze schaffen“: In Frankreich lag die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden 2009 um 160 Millionen höher als anno 2000. In Deutschland waren es 1,7 Milliarden Stunden – weniger!

Eindeutig Klassenletzter ist die Bundesrepublik, wenn man sie am Binnenkonsum misst, also am BIP ohne Exportüberschüsse oder -defizite. Diese Größe ist noch in den neunziger Jahren in den europäischen Industrieländern samt Deutschland im Jahresdurchschnitt um zwei bis drei Prozent gewachsen. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts verlangsamte sich die Zunahme im gesamten OECD-Raum auf gut 1,5 Prozent. Deutschlands Binnennachfrage hingegen stieg im ganzen Jahrzehnt bloß um magere 1,7 Prozent. So viel schaffte man einst in einem halben Jahr.

Auch im Fach Arbeitsproduktivität ist Deutschland mit einer Steigerung um 4,9 Prozent seit 2000 nicht einmal Mittelmaß. Frankreich brachte es auf 7,7 Prozent, die „faulen“ Griechen auf 20 Prozent und in der ganzen OECD stieg die Produktivität um zwölf Prozent. Von wegen hohe Produktivität der deutschen Wirtschaft!

Ja, aber: Deutschland ist doch Exportweltmeister? Stimmt. 1354 Milliarden Euro beträgt der kumulierte Leistungsbilanzüberschuss der vergangenen zehn Jahre. Für diese Summe hat Deutschland in der gleichen Zeit mehr exportiert als importiert. Und was haben die Deutschen davon? Nichts. Genauer: Weniger als nichts. Eine erste Tranche dieser Handelsbilanzguthaben wurde schon im Verlauf der Subprime-Finanzkrise ab 2007 wertlos. Was übrig blieb, ist Brennstoff für den nächsten finanziellen Flächenbrand, der sich zurzeit gerade von Griechenland her über Europa ausbreitet.

Warum ist das so? Weil die Schuldnerländer ihre Schulden letztlich nur tilgen können, wenn sie Exportüberschüsse erzielen. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass Deutschland wieder Handelsbilanzdefizite zulassen und seine Warengutscheine – Devisenguthaben sind nichts anderes – irgendwann einlösen muss. Doch das ist gar nicht so einfach: Deutschlands Exportindustrie hat durch jahrelange Lohnknauserei einen Preisvorteil von zehn bis 30 Prozent gegenüber seinen wichtigsten Konkurrenten errungen. Dieses Ungleichgewicht könnte nur durch eine lange Serie hoher Lohnabschlüsse wettgemacht werden. Die jüngsten Nullrunden zeigen aber, dass dies vorerst Utopie bleiben wird.

Damit aber sind die Auslandsguthaben faktisch wertlos – was eigentlich kein Problem wäre: Die Deutschen wollen ja gar nicht konsumieren. Hartz IV reicht ihnen. Nur: All diese Handelsüberschüsse stehen weiterhin als Milliardenguthaben in den Bilanzen von Banken und Versicherungen. Die Finanzmärkte setzen deshalb Himmel und Hölle in Bewegung, um die Wertlosigkeit ihrer Guthaben zu kaschieren. Sie schreien nach EU- und IWF-Garantien für ihre Guthaben und sie nötigen Griechenland, Island, Ungarn, Portugal und Lettland Sparprogramme auf, von denen man mit 99-prozentiger Sicherheit weiß, dass sie kontraproduktiv wirken werden. Zum Beispiel in Portugal, dem die EU bereits 2002 ein Sparprogramm verordnete, mit dem Ergebnis, dass das Land seither noch tiefer im Schuldensumpf versinkt.

Seine 1353 Milliarden Euro Exportüberschuss sind also nicht nur kein Segen für Deutschland, sondern ein Fluch für ganz Europa. Indem es die Eintreibung seiner Guthaben den Finanzmärkten überlässt – und mit seiner andauernden Tieflohnpolitik gleichzeitig verhindert –, überantwortet Berlin Europas Wirtschaftspolitik den Rüpeln und volkswirtschaftlichen Analphabeten des globalen Finanzmarktes. Dafür – und damit schließen wir unsere Leistungsprüfung ab – verdient Deutschland obendrein noch eine schlechte Note in „Betragen“.

Doch woher kommt dieser rasante Abstieg vom Musterschüler zum Klassenletzten? Warum schafft Deutschlands Wirtschaft nicht mehr wie einst steigenden Wohlstand für alle? Die Erklärung ist trivial: Der Wettbewerb zwingt die Unternehmen, mit möglichst wenig Arbeitsaufwand möglichst viel zu produzieren. Der aber hat in allen Ländern über sämtliche Konjunkturschwankungen hinweg stetig abgenommen. In Deutschland sank der Durchschnitt der Arbeitsstunden von 48 in den fünfziger Jahren über 40 (Mitte der siebziger Jahre) auf 30 Stunden pro Woche. Würde man die Arbeitslosen auch beschäftigen, wären 27 Wochenstunden genug, um ein BIP herzustellen, das pro Kopf etwa doppelt so groß ist wie vor 40 Jahren.

So weit, so gut: Doch die Normarbeitszeit ist bei ungefähr 39 Wochenstunden stehen geblieben, und in jüngster Zeit ist sie in vielen Branchen sogar wieder gestiegen. Und dieses Problem ist die Mutter aller Verkrustungen am Arbeitsmarkt. Das starre Festhalten an der Fünf-Tage-Woche mit durchschnittlich acht Stunden Arbeitszeit verhindert, dass sich die Arbeitszeiten laufend dem tatsächlichen Konsum und der tatsächlichen Produktivität anpassen. Und es verhindert, dass die Löhne entsprechend dem Produktivitätsfortschritt steigen – wie dies bis in die neunziger Jahre weitgehend der Fall war.

Der Versuch, 40 Stunden zu arbeiten, obwohl bestenfalls das Produkt von 30 Stunden Arbeit nachgefragt wird, führt unausweichlich zu sinkenden Löhnen. Gewisse Ökonomen erklären die tiefen Löhne damit, dass die betroffenen Arbeitnehmer nicht produktiv seien. Doch das ist ein Zirkelschluss – und ein Teufelskreis. Wer etwas herstellt, wofür es keine Nachfrage gibt, kann noch so produktiv sein, er ist dennoch im Urteil des Marktes seinen Lohn nicht wert. Befragt, was das Wichtigste einer erfolgreichen Politik sei, hat Bill Clinton einmal den berühmten Satz gesagt: „It’s the economy, stupid!“ Auf Deutschland übertragen hieße das: „Produktivität reicht nicht, der Konsum macht’s, Dummkopf!“

Vollbeschäftigung ist natürlich trotzdem möglich, bloß misst sich „volle“ Beschäftigung an den Arbeitsstunden, die bei gegebener Technik nötig sind, um den Bedarf zu decken. Das sind aktuell die erwähnten rund 27 Stunden. Für einen Konsum auf Hartz-IV-Niveau reichen sechs bis acht Wochenstunden.

Deutschlands Politiker wollen aber „mehr Menschen in Arbeit bringen“, gemäß dem Motto: „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Wie „sozial“ diese „geschaffene“ Arbeit ist, kann man in der kürzlich erschienen Spiegel-Titelgeschichte „Moderne Zeiten – Ausleihen, befristen, kündigen“ nachlesen. Textprobe: „Denn der Weg in die neue Arbeitswelt ist unumkehrbar. Die Bildungspolitik muss sich endlich den Zeiten anpassen, in denen von Erwerbstätigen permanente Mobilität erwartet wird. Wie sollen Kinder, deren Eltern ihren Jobs übers ganze Bundesgebiet hinterherziehen, damit zurechtkommen, wenn sie in Bayern diese Schulpolitik vorfinden, in Berlin jene?“, fragen die Autoren, denen die erbärmlichen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt offenbar ebenso unvermeidlich wie selbstverständlich erscheinen.

Die viel wichtigere Frage wäre, ob eine Wirtschaft wirklich besser funktioniert, wenn alle Arbeitnehmer ihrem Job hinterherhetzen müssen – nicht nur im Bundesgebiet, sondern auch im Ausland. Und wenn ja, ob das Quäntchen Effizienz, das damit im besten Fall zu erzielen wäre, die Zerrüttung von Familien und anderen Beziehungen, die Millionen von Stunden auf Straßen, Schienen und in der Luft wert ist. Und wenn nein, wäre vielleicht zu fragen, ob man die Wirtschaft nicht auch intelligent organisieren, das Zusammenleben sozial gestalten könnte. Den Marktfetischisten stellen sich solche Fragen leider nicht. Für sie ist längst klar: „Der ökonomische Erfolg hat seinen Preis – für den Einzelnen und die Gesellschaft.“

Leider zahlt zurzeit ganz Europa diesen Preis.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Mai 2010

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Leserkommentare
Gerhard Prade (Muenchen) 18.06.2010
Vielen Dank, dass endlich mal ein Magazin logisch zu Ende gedacht hat und sich das Ergebnis auch sagen traut. Ich habe mir zu diesem Problemfeld schon länger Gedanken gemacht und habe das Ergebnis im web unter www.projekt2110.de reingestellt. Die Welt in hundert Jahren, eine Vision, die Hoffnung macht. Schauen sie doch mal rein, vielleicht kann man sich ja zusammen tun und was bewegen.

Vielen Dank
Sebastian Levi (Santa Cruz de la Sierra) 16.06.2010
Sehr schöner Artikel.
@Yvonn Walden:
Trauen sie wirklich den "normalen" Menschen eine Kompetenz in wirtschaftspolitischen Fragen zu?
Ich finde die Frage stellt sich eigentlich nicht. Werner Vontobel arbeitet vielmehr heraus dass das Problem nicht (nur) ein Machtproblem, sondern vorallem ein strukturelles (Produktivkraftentwicklung vs. Warenüberschuss) und ideologisches ("Hatz4 Empfänger haben schon zu viel Geld") ist.
Eine nachhaltige Lösung wird nicht allein durch die systemimmanente politische Stärkung der Lohnarbeiter ereicht werden, ganz allein schon deshalb weil sie einem im Kapitalismus notwendig falschem Bewußtsein aufsitzen.

Denk man jedoch darüber nach, wie man rational Wirtschaft jenseits von Markt und Warenproduktion organisieren kann, wird man nicht selten von Leuten, die nicht einmal verstehen worum es geht, gleich als "Extremist" abgestempelt.
Yvonne Walden (41334 Nettetal) 14.06.2010
Wenn die wahren und wirklichen Bedürfnisse der "normalen" Menschen bei politischen Entscheidungen - insbesondere in der Wirtschaftspolitik - ernsthaft berücksichtigt würden, könnte unser Land, könnte Europa vollkommen anders aussehen und sich auch positiv entwickeln. Da aber stattdessen die Interessen der Hochfinanz und der Großkonzerne vorrangig "bedient" werden, müssen wir mit der Misere leben, in der wir jetzt stecken.
Wichtig wäre deshalb, daß sich die heute dominierenden Parteien um ihrer selbst willen verpflichten, auf Großspenden gänzlich zu verzichten, um niemals in Abhängigkeit zur Wirtschaft, zu Wirtschaftsverbänden oder Großkonzernen zu gelangen. Wahlen gewinnen Parteien nicht durch hohen finanziellen Einsatz, sondern durch Überzeugungskraft, die Wählerinnen und Wähler für politische Ideen einnimmt. Wenn Wählerinnen und Wähler stattdessen nur durch irreführende Parolen oder falsche Versprechungen gelockt werden sollen, hat unsere (angebliche) Demokratie endgültig versagt. Die nachlassende Wahlbeteiligung lässt jedenfalls Schlimmes befürchten.
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Werner Vontobel
Werner Vontobel ist Wirtschaftswissenschaftler und Publizist der in der Schweiz erscheinenden Zeitung Sonntagsblick.


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