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Karl-Theodor zu Guttenberg
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Das Phänomen Guttenberg
von Michael H. Spreng

Nach normalen Maßstäben hätte er keine Chance gehabt: zu jung, zu wenig Ochsentour und gerade erst drei Monate CSU-Generalsekretär. Was steckt hinter dem Medienliebling zu Guttenberg?

Wenn man das Phänomen Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg erklären will, muss man sich einfach nur vor Augen führen, wer nach der CSU-Nomenklatura eigentlich neuer Bundeswirtschaftsminister geworden wäre: Peter Ramsauer, der Chef der CSU-Landesgruppe. Ein bayerischer Müllermeister hätte den anderen Müllermeister ersetzt. Anti-Charisma folgte auf Anti-Charisma.

Ein Vorgang, der als Bestätigung der These gewertet worden wäre, dass die CDU/CSU nach Friedrich Merz weiterhin keinen Kopf für Wirtschaftskompetenz aufzubieten hat, und dafür, dass die Zahl charismatischer Politiker in Deutschland dramatisch abnimmt.

Dass es nicht so kam, ist dem bayerischen Politik-Anarchisten Horst Seehofer zu verdanken, der sich über die Nomenklatura hinwegsetzte und einen Seiteneinsteiger aus der eigenen Partei an die Spitze des von Michael Glos heruntergewirtschafteten Ministeriums berief. Zu Guttenberg, der nur 16 Monate einfacher CSU-Ortsvereinsvorsitzender war, hätte nach normalen Maßstäben der Politik keine Chance gehabt: zu jung, zu wenig Ochsentour und gerade erst drei Monate CSU-Generalsekretär.

Deshalb kann man Seehofer dankbar sein: Er hat der deutschen Politik einen neuen Star und den Medien endlich wieder einen Superstar beschert.
Zu Guttenberg hat sich schon nach wenigen Wochen in den oberen Rängen der Politiker-Beliebtheitsskala festgesetzt. Dafür muss es Gründe geben, die über den Hunger der Medien – und natürlich auch der Wähler – nach neuen, unverbrauchten Gesichtern hinausgehen. Es sind acht Gründe:

1. Zu Guttenberg spricht klar und verständlich in kurzen Sätzen, was im Zeitalter von Ulla Schmidt und ihres Gesundheitsfonds keineswegs selbstverständlich ist.

2. Zu Guttenberg argumentiert logisch und stringent.

3. Zu Guttenberg vertritt unbeirrt die (soziale) Marktwirtschaft, was angesichts der erratischen Politik in Zeiten der Finanzkrise ungewöhnlich ist. Dafür hat er bei „Beckmann“ schon den Ritterschlag von Graf Lambsdorff erhalten, dem letzten großen deutschen Wirtschaftsminister.

4. Zu Guttenberg ist eloquent, rhetorisch deutlich begabter als viele seiner Ministerkollegen.

5. Zu Guttenberg kann auf dem Medienklavier spielen, fremdelt nicht mit den Kameras, weiß, was Journalisten brauchen.

6. Zu Guttenberg ist international erfahren, hat sehr gute Verbindungen in den USA und spricht ein hervorragendes Englisch.

7. Zu Guttenberg sieht gut aus, kleidet sich elegant, aber dezent. Er hebt sich damit wohltuend ab von vielen Abgeordneten, die aussehen, als würden sie in ihren Anzügen schlafen.

8. Zu Guttenberg ist adelig, kommt aus einem interessanten Elternhaus, wurde auf einem Schloss groß und offensichtlich gut erzogen. Dies ist nicht zu unterschätzen. Die Yellow-Press versorgt immer noch Millionen Wähler mit Sehnsuchtsgeschichten aus der feinen Welt des Adels.

Insgesamt macht er, wie es in der italienischen Politik heißt, bella figura – und das bezieht sich nicht nur auf das Äußere.
Allerdings, wo viel Licht ist, droht auch Schatten. Auf seiner USA-Reise ist er in die Medienfalle gegangen. Das Foto auf dem Times Square in Hollywood-Pose weckte – in diesem Fall unangenehme – Erinnerungen an den berühmten Song: „There is no business like showbusiness.“ Dies war unpassend angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise und kann von Betroffenen der Krise als Verhöhnung verstanden werden.

Das Foto wird ihn noch einholen, wenn auch für ihn einmal schlechtere Zeiten kommen – so wie Frau ­Schaeffler das Foto im Pelzmantel. Denn Guttenberg hat bis heute eben nur bella figura gemacht, er musste noch nichts politisch entscheiden und kann bisher keine konkreten Erfolge vorweisen. Und die Medien sind gnadenlos: Wenn ein Politiker genug ausgebeutet ist und er keine neuen Storys mehr hergibt, schreiben sie ihn genauso schnell wieder herunter wie sie ihn zuvor hochgeschrieben haben. Dafür müssen nur zwei oder drei journalistische Leitwölfe die Parole ausgeben.

Angela Merkel und Gerhard Schröder können von diesem Mechanismus ein Lied singen. Sie sind im Medien-Paternoster schon mehrmals hoch- und heruntergefahren. Deshalb wäre zu Guttenberg jetzt zu raten, sich in den Medien etwas rarer zu machen und sich im Ministerium ums Konkrete zu kümmern.

Und noch eine Gefahr droht dem jungen Politiker: sein Förderer Horst Seehofer. Wenn der CSU-Chef noch mehrmals erzählt, zu Guttenberg könne ihn in seinen Ämtern einmal beerben und in zehn Jahren sogar Kanzlerkandidat werden, dann weckt er nur noch mehr den Neid und die Missgunst der Zu-kurz-Gekommenen. Die Söders der CSU warten nur auf zu Guttenbergs erste Fehler.

Foto: Picture Alliance


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Mai 2009

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Michael H. Spreng
Michael H. Spreng war über elf Jahre Chefredakteur der Bild am Sonntag. Heute arbeitet er als Medienberater und betreibt den Politik-Blog sprengsatz.de


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