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Kapital

Der Fall Stefan Aust

Von Erich Wiedemann18. Juni 2008
Stefan Aust
Stefan Aust
Schrift:
Warum musste er Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin verlassen? Der ehemalige Chefredakteur hat da so seine eigenen Erklärungen. Und gab Cicero bei einem Besuch in seinem Haus in Blankenese Einblicke in eine Spiegel-Affäre ganz anderer Art.
Lesen Sie auch: Cicero-Dossier: DER SPIEGEL Interview mit Jakob Augstein: Warum geht es beim SPIEGEL so turbulent zu? Wie fand Stefan Aust den Spiegel diese Woche? Aust blickt suchend in den aluminiumgrauen Himmel über Blankenese. "Ach, lassen wir das." Nachtreten sei nicht seine Art. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das ist, am Freitag die Aktualität der kommenden Woche zu erahnen. Die machen das eben auch so gut wie sie können." Die Blattkritik des emeritierten Spiegel-Chefredakteurs, der im November 2007 aus dem Amt entfernt wurde, ist wegen der personellen Umstände gehemmt. Das Produkt, von dem er spricht, wird jetzt unter der Leitung von zwei Führungskräften hergestellt, die seine eigenen Hoffnungsträger waren. Mathias Müller von Blumencrons Sprungbrett war "Spiegel online", die Plattform, die Aust zur Prime Station im Internet gemacht hat. Georg Mascolo war fast zwanzig Jahre lang sein junger Mann, erst bei "Spiegel TV", dann beim Spiegel. In der Zehn-Uhr-Konferenz im elften Stock an der Hamburger Brandstwiete hatte er einen festen Stehplatz rechts hinter dem Chef. Aust sagt: "Ich habe Georg Mascolo aus Washington zurück nach Berlin geholt und dort zum Büroleiter gemacht, weil er zu denen gehörte, die ich möglicherweise als Stellvertreter vorgeschlagen hätte. Aber vielleicht ist es ja ganz gut, Leute ins kalte Wasser zu werfen. Dann können sie zeigen, was sie draufhaben." Die zwei neuen Chefs machen Mut, obwohl ihre Titel nicht alle überzeugen konnten. Sie haben behutsame Reformen eingeleitet und ein paar Ressortleiter ausgetauscht. Sie wollen auch wieder Leitartikel einführen. Künftig sollen weniger schön geschriebene Besinnungsaufsätze, dafür mehr exklusive News, die den Leser antörnen, ins Blatt. Keine Frage, der Spiegel braucht wieder mehr Biss. Er ist schließlich ein Nachrichten- und kein Reportagenmagazin. Aber Exklusivgeschichten kann man erst drucken, wenn man welche hat. Und dass Chefspürhund Georg Mascolo in den Redaktionsleiterstand getreten ist, hat den Spiegel investigativ nicht stärker gemacht. Aust hätte noch weitere Anregungen, wenn man ihn fragen würde: Das Blatt ist ihm politisch zu korrekt geworden. Streckenweise so angepasst, dass es wehtut. Nur, am Abbau der Respektlosigkeit, die zu Zeiten von Gründervater Rudolf Augstein die wichtigste Ressource seines Erfolgs war, ist er selbst mit schuld. Er hat Enthüllungsgeschichten kastriert und forsche Redakteure gedeckelt. Nicht systematisch, aber öfter, als dem obstruktiven Geist des Hauses guttat.
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„Der erfolgreichste Chef in der Geschichte des Unternehmens?“

In den 37 Jahren meiner Arbeit für den SPIEGEL habe ich alle Chefredakteure bis auf den ersten (Hans-Detlev Becker, danach Verlagsdirektor) und die beiden amtierenden erlebt. Es waren Größen der Branche darunter, wie Claus Jacobi, Günther Gaus, Erich Böhme, Werner Frank, die sicher alle ihre eigenen Anteile am Erfolg des Magazins hatten – und Stefan Aust, den ihr Autor und mein Ex-Kollege Wiedemann zum erfolgreichsten aller kürt.

Wenig in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde einer, der 25 Jahre lang unermüdlich und hochprofessionell die Geschicke des SPIEGEL mitgestaltet hat, durch die SPIEGEL-Affäre 1962, die auch in der Redaktion höchst turbulente 68er-Zeit, die beginnende Krankheit Rudolf Augsteins.

Johannes K. Engel war all die Jahre eine leisere Konstante in den ansonsten wechselnden Zweiergespannen der Chefetage, aber all die Zeit nicht weniger effektiv. Er posierte nicht für People-Kolumnen, schrieb kaum selbst, redigierte aber, wo es nötig war, punktgenau und führte viel beachtete SPIEGEL-Gespräche. Vor allem gab er Themen vor, wie etwa die Weltseuche Aids, als manche das noch für eine Hilfsorganisation hielten.

Engel, dem guter Journalismus allemal wichtiger schien als die Macht, hat niemanden rausgeschmissen, Fähige befördert, Konflikte in geduldigen Gesprächen beim Italiener geglättet. Er stand Kollegen bei beruflichen, aber diskret auch privaten Problemen zur Seite. Rudolf Augstein war er dessen Leben lang ein loyaler Freund, auch als andere den kränkelnden Herausgeber nur noch zu beerben suchten.

In seiner Chefredakteurszeit stieg die Auflage des Blattes von gut 300.000 auf 1,1 Millionen. Ein Vierteljahrhundert diente er so dem SPIEGEL an der Spitze, bis er einer schweren Erkrankung weichen musste. Auch er war wohl einer der erfolgreichsten Macher des Magazins.

Siegfried Kogelfranz, Hamburg

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Siegfried Kogelfranz14.07.2008 | 00:00 Uhr

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