 |  |
Wohin treibt die Branche?
|
|
 |  |
 |
von Michael Miersch
Die Auflagen der Zeitungen brechen ein, die Verlage investieren nicht mehr in Journalismus, mächtige Deutungsburgen der Republik zerfallen.
Medien geraten immer mehr in die Medien. Die Kabale beim Spiegel ist spannender als die Koalitionskrise in Hessen. Will gegen Plasberg interessiert mehr Menschen als Merkel gegen Steinmeier. Ein Zeit-Feuilletonchef blamiert sich so öffentlich wie einst Zlatko im „Big-Brother“-Container. Signale aus einer verunsicherten Branche, die um sich selbst kreist. Auf publizistischen Flaggschiffen werden Kapitäne in schneller Folge gewechselt. Doch es hilft nichts, der Kompass ist ausgefallen. Was waren das für Zeiten, als Abonnenten und Tagesschau-Gucker noch nicht zu den aussterbenden Arten gehörten und ein gebildeter Deutscher die Namen von circa drei Zeitungsleuten kannte: Augstein, Springer, Nannen.
Die Nervosität nimmt zu, denn die Wünsche der Mediennutzer ändern sich schnell und die Technik noch schneller. „Sind Sie der Meinung“, wollte der dpa-Medientrendmonitor kürzlich in einer brancheninternen Umfrage von Journalisten wissen, „dass das Internet die gedruckte Zeitung als maßgebliches Medium bereits abgelöst hat?“ Der phänomenale Erfolg von Spiegel Online spricht dafür. Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass der Online-Chef Häuptling aller Federn wird. Siegt der Bürgerjournalismus (neudeutsch: User Generated Content) über die professionelle Berichterstattung? Eines ist sicher: Die Zeiten des Dünkels sind vorüber. Wer heute gründlich recherchiert und gut schreiben kann, findet seine Leser, ohne Verlag, ohne hohe Investitionen. Verwirrte Schleusenwärter der alten Medien versuchen vergeblich, die Tore geschlossen zu halten.
Ihre Rückzugsgefechte sind zuweilen äußerst verbissen. So verbündeten sich die Erzkonkurrenten FAZ und Süddeutsche, um gegen das Internet-Kulturmagazin perlentaucher.de zu klagen. Der Vorwurf der Platzhirsche: Der Perlentaucher dürfe keine Zusammenfassungen ihrer Rezensionen verkaufen. Thierry Chervel vom Perlentaucher argumentiert: „Es ist das Metier des Journalisten, Neuigkeiten weiterzutragen.“
Das stetige Absacken der Auflagen ist ein Megatrend, der nur durch einzelne Erfolgsgeschichten durchbrochen wird. Der Leser, das unbekannte Wesen: Blattmacher rätseln, was er will. Die einen probieren es mit Servicetiteln und Info-Häppchen. Andere setzen auf Analyse und Orientierung. Legen Leser überhaupt noch Wert auf bedrucktes Papier? Und wenn ja, muss dieses Papier noch in Lastwagen durch die Gegend gefahren werden? Oder wird der heimische Drucker demnächst die Morgenzeitung ausspucken, zeitlich abgestimmt mit der programmierten Espressomaschine? Auto- und Wohnungsanzeigen stehen schon größtenteils im Netz. Und Nachrichten fließen 24 Stunden täglich über die Computerbildschirme. Die Kinder des Informationszeitalters verspüren keinen Nachrichtenhunger mehr. Sie suchen nach sinnvollen Filtern, die das abfangen, was sie interessiert. Doch das raschelnde Papier bleibt nach wie vor der Ort der Reflexion, des Sortierens und Bewertens, und das wird noch eine Weile so bleiben. Print ist nicht tot, aber muss sich ändern.
Während Zeitungskrisen immer für Debatten gut sind, siecht eine andere Medienbranche im Stillen vor sich hin: das traditionelle Fernsehen. Das Durchschnittsalter der Zuschauer öffentlichrechtlicher Sender geht auf die sechzig zu, an vielen Tagen liegt es darüber. Bei den privaten sieht es etwas besser aus. Aber die Zeiten sind vorüber, als Fernsehen das Medium für jedermann war. Es gibt keine verbindlichen Sendungen mehr, die man gesehen haben muss, um mitzureden. Selbst die Tagesschau nicht – die früher den Tag vom Abend trennte. Kurzfristige Hypes im privaten Klamauk-TV müssen aufwendig mithilfe von Plakaten und Boulevardzeitungen herbeigeworben werden. Fernsehen ist zum Medium von Kindern, Alten und den sogenannten bildungsfernen Schichten geworden.
Besonders die alte Tante Talkshow hat sich in mehr als drei Jahrzehnten und unzähligen Formaten totgeplaudert. Notärzte probieren gerade zwei Rezepte aus, um sie wiederzubeleben: den gefühligen Betroffenheitsjournalismus à la Will. Und Domina-Moderationen à la Plasberg. Als Meinungsmacher wirken die beiden aufsteigenden ARD-Talker ohnehin nicht, sie präsentieren lediglich Meinungen. Die Köpfe, die die Republik mit frischen Gedanken aufmischen, sind längst ins Netz umgezogen. Es sind Autoren wie Stefan Niggemeier (bildblog.de) und Henryk M.Broder (achgut.de). Niggemeier wurde 2007 mit dem Grimme-Preis geehrt und vom Medienmagazin zum Journalisten des Jahres gekürt. Broder erhielt im gleichen Jahr den Ludwig-Börne-Preis und den „Goldenen Prometheus“ des Fachblattes V.i.S.d.P. (im Cicero-Intellektuellen-Ranking war er Aufsteiger des Jahres). Unter Liberalen, Konservativen und desillusionierten Ex-Linken sind Broders pointierte Polemiken längst Pflichtektüre, ebenso wie Niggemeiers Meinungsstücke im linksliberalen Lager. Erfolgreiche amerikanische Weblogs haben bereits mehr Leser als traditionsreiche Zeitungen. Bloggern gelang es dort, prominente Fernsehjournalisten zu entzaubern. Sie recherchierten gründlicher und konnten ihnen Irrtümer und Falschbehauptungen nachweisen.
Umgekehrt führen die eingesessenen Profis ins Feld, dass im Internet Hasskappen und Verschwörungsgläubige ihre Erlaborate ausbreiten können, ohne jegliche Qualitätskontrolle. Kommentarchef Alan Posener berichtete in der Welt am Sonntag über die Blogosphäre als „Bühne für das geistige Prekariat“. Doch Posener selbst lässt sich von Pöbeleien nicht abhalten. Er gehört zu den wichtigsten politischen Bloggern der Republik. Auch dem renommierten Wirtschaftsjournalisten Wolf Lotter (brand eins) gehen die Sitten im Internet auf den Geist: „Blogs und Foren sind mittlerweile der Tummelplatz anonymer Heckenschützen“, schreibt er. Sein flammendes Plädoyer für den Meinungskampf mit offenem Visier – ohne die üblichen Pseudonyme – kursierte im Internet und fand unter Bloggern viel Zustimmung.
Wie so oft in der Geschichte haben die Etablierten den Rebellen unfreiwillig zum Erfolg verholfen. Deutsche Blogs fanden Leser, weil sie zwei Eigenheiten der etablierten Medienkultur durchbrachen. Erstens: Sie ignorierten die übliche Zurückhaltung gegenüber Kollegen. Bildblog machte es sich zu Aufgabe, jeden Tag die Bild-Zeitung zu sezieren. Das erwies sich als Erfolgsrezept, denn die Popularität des Massenblattes wird nur durch die Popularität des Sich-über-die-Bild-Zeitung-Empörens übertroffen. Das zweite Phänomen hat ebenfalls mit dem Schweigen der alten Medien zu tun. Es gibt Themen, zu denen es nur eine öffentliche Meinung gibt. So ein allumfassender Konsens besteht zum Beispiel über George W. Bush (dumm und böse!) und den Klimawandel (Katastrophe!). So wächst zuweilen eine nationale Meinungsgemeinschaft zusammen, die von katholisch-konservativ bis links-grün, von Bild bis taz, von RTL2 bis arte reicht. Der Extremfall war der Beginn des Irakkrieges im Jahr 2003. Die große Mehrheit der Deutschen und so gut wie alle alten Medien waren dagegen. Als Reaktion darauf entstand eine bunte Gegenöffentlichkeit im Netz. Nur dort wurde offen und frei diskutiert, ob die Invasion vielleicht doch das kleinere Übel war. Einige dieser rebellischen Websites verzeichnen heute 10000 Besucher täglich.
Verglichen mit anderen Ländern sind das erst zarte Anfänge. In den Vereinigten Staaten sind Blogs wie „Little Green Footballs“ zu einem Muss für politisch Interessierte geworden. Denn es gelang solchen Web-Guerillas immer wieder, etablierte Medien beim Schummeln zu erwischen, zum Beispiel als die traditionsreiche Agentur Reuters im Libanonkrieg 2006 manipulierte Fotos veröffentlichte. Grande Dame der liberalen US-Blogosphäre ist Arianna Huffington. Die ehemalige Multimillionärsgattin scharte einen Kreis prominenter Autoren aus Kultur, Politik und Wissenschaft um sich, die auf ihrem Portal Huffington Post bereitwillig – und ohne Honorar – publizieren.
Auch Großbritannien ist schon ein paar Schritte voraus. Die bissigen Video-Monologe des Satirikers Pat Condell werden dort von Millionen angeklickt und brachten ihn unter die Top 100 des Videoportals Youtube. Besonders geschickt hat Tim Montgomerie die Meinungsmacht des Netzes genutzt. Sein Blog ConservativeHome schaffte es, die Basis der Konservativen so erfolgreich an sich zu binden, dass der 37-Jährige nun das Establishment der Tories vor sich her treiben kann. Er ist, wie Parteichef David Cameron sagte, „der Oppositionsführer in der Opposition“. Die stärkste digitale Opposition wuchs allerdings in Spanien heran. Dort klicken Millionen die Online-Zeitung „Libertad Digital“ an, die sich höchst erfolgreich als alternatives Leitmedium positioniert hat. Zuvor war die Vormachtstellung des PRISA-Konzerns unangefochten, der der Sozialistischen Partei nahesteht.
In Holland werden die Etablierten auch am Kiosk attackiert. Seit gut einem Jahr sorgen die lachsrosa Seiten von Opinio für Wirbel, ein Wochenblatt für Hintergrundberichte, Kommentare und Analysen. Das frische, fotofreie Layout signalisiert kritischen Geist. Opinio entstand im Zuge des Streits um die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali und hat sich zum Prinzip gemacht, alle heißen Eisen auf die Titelseite zu knallen, die die anderen lieber liegen lassen. Opinio zeigt: Nicht die Frage Papier oder digital entscheidet, was ein neues Medium ist – sondern der Inhalt.
Michael Miersch ist Publizist, Buch- und Filmautor mit Schwerpunkt Politik und Wissenschaft. Er bloggt auf www.achgut.de
(Foto: Picture Alliance) |