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Das Spiegel-Haus an der Brandstwiete
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von Norbert Bolz
Der Machtwechsel beim Hamburger Nachrichtenmagazin als Krisensymptom der Branche
Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel ernst zu nehmen, ist zurzeit gar nicht so einfach. Die Mitarbeiter KG hat es mit ihrem Putsch gegen den Chefredakteur geschafft, eine Peinlichkeit zu erzeugen, die nicht nach Kritik und Kommentar, sondern nach Comedians wie Harald Schmidt ruft. Doch Spott und Hohn von außen verstellen genauso wie die linke Legende von innen die Erkenntnis, welchen symptomatischen Wert diese Palastrevolution hat.
Die linke Spiegel-Legende liest sich so: Mit Stefan Aust ist das politische Leitmagazin der Republik immer weiter nach rechts gerückt; Urvater Augstein selbst hat diesen Besetzungsfehler noch erkannt, war aber schon zu schwach, um ihn noch zu korrigieren; Tochter Franziska und einige andere mutige Frauen retten den Spiegel, indem sie einen demokratischen Aufstand der Mitarbeiter organisieren; bei dieser Gelegenheit wird die Redaktion auch von ein paar Autoren befreit, die ihren Ruhm als Edelfedern in autoritärem Gehabe ausgelebt haben.
Da bekanntlich die Sieger Geschichte schreiben, hat diese Legende gute Chancen, eine ganz simple Wahrheit über den Triumph des Ressentiments zu verdecken. Denn die Sieger – das sind die Mittelmäßigen. Auch in anderen Bereichen der Gesellschaft haben sie längst die Macht übernommen: in den Schulen und Universitäten, in den Parteien und Fernsehredaktionen. Nichts ist ihnen unerträglicher als Exzellenz. Offiziell sucht Deutschland zwar den Superstar, fördert Elite-Universitäten und kürt im Fernsehen „unsere Besten“. Doch wenn sich ein Großer dann real zeigt, haben alle das Bestreben, ihn einen Kopf kürzer zu machen. Das Ressentiment der Mittelmäßigen sorgt dafür, dass überall da, wo Bewunderung am Platze wäre, der Neid regiert.
Mittelmäßigkeit ist der Preis, den wir für die Segnungen der Massendemokratie bezahlen müssen. Und während die realen Ungleichheiten schrumpfen, wächst das Ressentiment. Demokratie impliziert nämlich normative Gleichheit – und deshalb sind alle ständig mit der Vermessung von Diskrepanzen beschäftigt. Der Hass des Ressentiments entsteht, wenn man sich gleich fühlt, aber nicht gleich ist; wenn man angeregt wird, sich mit Leuten zu vergleichen, mit denen man sich nicht vergleichen kann – etwa mit brillanten Autoren wie Matussek. Gegen sie formiert sich dann ein Kollektiv, etwa eine Mitarbeiter KG.
Alle Welt predigt Netzwerke, Teamgeist und Heterarchie, als würde man sich in diesen Organisationsformen aus einer selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien. Aber kein kreativer Kopf arbeitet gerne im Team; kein produktiver Mensch nimmt gerne an einem Meeting teil; kein forschungsaktiver Wissenschaftler sitzt gerne in einem Gremium. Nirgendwo ist der Psychoterror nämlich größer als unter Radikaldemokraten. Und doch blüht der Teamgeist, Meeting folgt auf Meeting, die Gremien und Kommissionen wuchern. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Dort genießen die Mittelmäßigen ihren Alltag und holen sich das Gefühl ihrer Selbstimportanz.
Die Mittelmäßigen bilden nicht nur die Mehrheit, sondern sie haben auch den entscheidenden strategischen Vorteil, über unbegrenzt viel Zeit zu verfügen; man trifft sie beim Italiener, im Szene-Café und bei jeder Mitarbeiterversammlung. Die Mittelmäßigen sind die Leute, die viel Zeit für ein „Problem“ aufwenden können – und gerade damit ein Problem schaffen, mit dem man nur umgehen kann, wenn man viel Zeit dafür aufbringt. Die Kreativen und Produktiven dagegen haben zu tun und sind deshalb gar nicht da, wenn die Entscheidungen gegen sie fallen.
Wer davon ausgeht, dass die deutsche Intelligenz noch halbwegs bei Trost ist, wird es nicht glauben, dass die Frauen im Spiegel eine Quotenregelung für die Redaktion fordern. Das würde bedeuten, dass nicht die Leistung des Einzelnen zählt, sondern dass es nur auf Gruppenattribute ankommt. Verdienst und Exzellenz können einem solchen Gleichstellungsauftrag nur störend dazwischenkommen. Eine Quotenregelung mag in der Politik volkspädagogische Effekte haben. In der Wirtschaft ist sie ruinös und in der Kultur eine Katastrophe. Vor allem aber für die Begünstigten ist sie, wie zum Beispiel jeder Universitätsangehörige weiß, ein Danaergeschenk. Einfacher gesagt: Die Quotenregelung ist eine Beleidigung für jede brillante, erfolgreiche Frau. Aber sie funktioniert großartig im Dienste der Interessen jenes „Kartells der Mittelmäßigkeit“, von dem Gerhard Schröder einmal im Blick auf seine eigene Fraktion gesprochen hat.
Es gibt in Deutschland einen antimeritokratischen Affekt. Der Egalitarismus wird nicht von einem Sinn für Gerechtigkeit, sondern von Ressentiments angetrieben. Dieser Hass gegen Elite, Verdienst und Kompetenz tarnt sich als Forderung nach Respekt. Aber Respekt vor der Leistung hat er gerade nicht.
Norbert Bolz ist Medien- und Kommunikationstheoretiker. Er lehrt an der Technischen Universität Berlin
(Foto: Picture Alliance) |