von Wolfram Eilenberger
Das Gehalt als Religion des 21. Jahrhunderts
Jeden Monat gebiert der Blick auf den Gehaltsauszug die gleiche missliche Frage: Womit habe ich das verdient? Wir sollten uns nicht täuschen. Letztlich ist diese Frage religiös motiviert. Schließlich beruht, wie Max Weber uns lehrte, der Siegeszug des neuzeitlichen Kapitalismus auf nichts anderem als einem angenommenen Verhältnis von Gehaltshöhe und Gottesgnade. In ewiger Unklarheit um sein Heil verbleibt dem modernen Sünder allein das Monatseinkommen als Indiz der eigenen Seelengüte. Der kernige Protestantenslogan „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ ließ sich deshalb flüssig in ein kapitalismusförderndes „Verdienst du viel, winkt dir das Paradies.“ übersetzen.
Es bleibt nun mal ein Kerngedanke jeder Religion, dass es ein Bedingungsverhältnis zwischen der Güte irdischen Handelns und den zu erwartenden himmlischen Vergünstigungen gibt. Leistung, so die gerechte Hoffnung des Gläubigen, wird sich lohnen. Was wäre auch von einem Gott zu halten, der das moralische Band zwischen Himmel und Erde einfach zerschnitte, der den Einlass in sein ewiges Reich der Freuden nicht auch von der erbrachten Erdenleistung abhängig machte?
In Zeiten eines sich säkularisiert wähnenden, hysterisch beschleunigten Turbokapitalismus ist auf das Jüngste Gericht freilich schwer warten. Der Tag der eigentlichen Abrechnung findet sich deshalb auf das Jenseits des Monatsendes verschoben und an die Stelle des großen Allgütigen tritt – mit empirisch ähnlich zweifelhafter Basis – die anonyme, nicht weiter hinterfragbare Gerechtigkeit des Marktes. Am Ende bekommt jeder, was er verdient.
Kaum auszudenken, sollte auch in einem solchen System das moralische Band zwischen erbrachter Leistung und erhaltenem Verdienst zerschnitten werden. Man stelle sich nur eine Gesellschaft vor, in der sich die Einkommensschere immer weiter und weiter öffnet, bis irgendwann überhaupt keine vernünftig nachvollziehbare Beziehung zwischen dem herzustellen ist, was ein Einzelner leistet, und dem, was er am Ende des Monats dafür bekommt. Eine Gesellschaft in der, sagen wir, untätige, zahlenverdrehende Stümper auch gerne mal das Hundertfache ihrer gewissenhaften Kollegen aus der unteren Etage einkassieren. Eine solche Gesellschaft erführe die Grundlagen ihres eigenen Fortbestandes bald untergraben. Denn in ihr zeigte sich der Kapitalismus als das, was linke Kritiker wie Walter Benjamin schon immer in ihm sehen wollten: eine Religion der Hoffnungslosigkeit.
Wer die Wirtschaftsteile der Zeitungen liest, wird sich immer wieder bei dem Verdacht ertappen, solch eine pervers verdrehte Leistungsgesellschaft sei längst unsere eigene geworden. Wenn die Mechanismen des freien Marktes (wie es dann heißt!) den Manager oft genug gerade für das mit Gold überschütten, was er versäumt und unterlassen hat, lässt das für -leistungsgläubige Normalindividuen nur den Schluss zu, die Mitglieder dieser Kaste seien selbst zu Göttern geworden. Und zwar Götter, an denen die dunkle Seite jeder religiösen Allmacht zu Tage tritt: mangelhafte Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen, fehlende Sanktionsmöglichkeiten sowie das Entrücktsein von Gesetzen, die für alle Sterblichen zu gelten pflegen.
Hier auf Erden werden solch sich wechselseitig beschenkende Günstlinge auf absehbare Zeit wohl keinen strengen Richter finden. Es sei denn, sie unterzögen sich beim Anblick ihres Gehaltsauszuges ebenjener ganz privaten Gewissensfrage, die nach Max Weber den moralischen Kern jedes funktionstüchtigen Kapitalismus -bildet. Diese Frage ist absolut kostenlos und ihr Gehalt nach wie vor unbezahlbar. Es ist übrigens genau dieselbe Frage, vor die sich die sich ewig unterbezahlt fühlende Masse jeden Monat von Neuem gestellt sieht – ohne jemals eine befriedigende Antwort zu finden.
Wolfram Eilenberger ist Philosophischer Korrespondent bei Cicero. Er ist Autor des Buches „Philosophie für alle, die noch etwas vorhaben“ (Berlin Verlag, 2005)
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