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Die SymFONikerin
von Nils aus dem Moore

Christiane zu Salm will das Surfen im Internet revolutionieren

Die Homepage sieht auf den ersten Blick aus wie der Ableger einer Attac-Gruppe. Im Slang neosozialistischer Globalisierungsgegner ist von „Bewegung“ die Rede, von „Teilen“, von „Vision“. Fahnenschwenkende Demonstranten sorgen für einen Hauch von Guerilla-Design. Willkommen beim „Movimiento FON“, einer Nutzergemeinschaft im Internet, deren Mitglieder sich „Foneros“ nennen. Sie träumen von einer Revolution, die Telekom & Co das Fürchten lehren will: Ausgestattet mit einem sogenannten „Social Router“, der zwischen Telefonanschluss und Computermodem geschaltet wird, machen sie ihr privates Hochgeschwindigkeitsnetz öffentlich zugänglich. Das Ziel des spanischen Fon-Initiators Martin Varsavsky ist eine weltumspannende Gemeinschaft von Internetnutzern, die ihren drahtlosen DSL-Anschluss nur zu Hause bezahlen und sich unterwegs kostenlos bei anderen Foneros einloggen. „Pay at home, roam the world for free!“, lautet der passende Slogan zu dieser Verheißung.

„Fon vermittelt das gute Gefühl moderner Nachbarschaftshilfe“, beantwortet Christiane zu Salm die Frage, warum sie sich für die Bewegung als „Chairwoman Germany“ engagiert. Sie selbst ärgere sich regelmäßig über die „unverschämt“ hohen Kosten für Hotspots der etablierten Provider in Hotels, Restaurants, auf Bahnhöfen und Flughäfen. Die „Tauschbörse für drahtlosen Internetzugang“ sei da eine clevere Alternative. Doch wer Christiane zu Salm kennt, weiß, dass das nur die halbe Wahrheit sein kann. Nicht soziales Engagement, sondern knallharte Profitorientierung begründen den Ruf der Medienmanagerin. „Kann man damit Geld verdienen? Steckt ein Geschäftsmodell dahinter?“ So formuliert sie selbst ihr Credo.

Ihren Unternehmerimpuls habe sie mit elf Jahren zum ersten Mal verspürt. Damals erlebte die als Christiane Hansen geborene Verlegertochter aus Mainz auf dem Urlaubssitz der Familie in Portugal, dass die Früchte der zwanzig Feigenbäume auf dem Grundstück ungepflückt in der Sonne dorrten – die Hansens mochten keine Feigen. Also pflückte sie zusammen mit einem Cousin die Bäume kahl und verkaufte die Ernte am Tor der örtlichen Markthalle zum Dumpingpreis.

Sie ist der Unternehmertyp des perfekten Wellenreiters, der zur rechten Zeit das „next big thing“ entdeckt und sich schnell und energisch an die Spitze der Bewegung paddelt: Als die Spaßgesellschaft ihren Höhepunkt erreichte, führte sie mit Anfang 30 den Sender MTV vorbei am Rivalen Viva an die Spitze der Musikkanäle im deutschen Sprachraum; als Geiz noch geil war, verwandelte sie den erfolglosen Frauenkanal TM3 innerhalb eines Jahres in den höchst profitablen Quizsender 9Live.

Es war ein hart erkämpfter Erfolg: Das Geschäftsmodell – die Zuschauer wurden durch simple Preisrätsel („Wie viele Finger habe ich an meiner rechten Hand?“, „Wo steht der Turm von Pisa?“) und aggressive Moderatoren („Was ist schon dabei, wenn sie 20-mal hier anrufen?“) ans Telefon gelockt und für jeden Wahlversuch um 49 Cent erleichtert – wurde öffentlich verdammt. Verbraucherschützer versuchten den Sendebetrieb zu unterbinden, das Feuilleton ätzte über sinnfreies Trash-TV. Doch die Business Community war begeistert: Auf dem World Economic Forum 2002 in Davos wurde Senderchefin Christiane zu Salm als Erfinderin des „Mitmachfernsehens“ für den schnellsten Turnaround in der Geschichte des deutschen Privatfernsehens gefeiert und als ein „Global Leader for Tomorrow“ ausgezeichnet. Als die ProSiebenSat.1 AG den Sender im Frühjahr 2005 übernahm, erhielt sie für ihre Anteile sieben Millionen Euro nach Steuern ausbezahlt.

Die Lebensgefährtin von Premiere-Chef Georg Kofler (den Nachnamen „zu Salm“ nahm sie aus der 2001 geschiedenen Ehe mit dem Prinzen Ludwig zu Salm-Salm mit) und Mutter der 2004 geborenen gemeinsamen Tochter -Felicia Greta Kofler muss nicht mehr arbeiten. Aber auf die Herausforderung, mit frischen Ideen neue Märkte zu schaffen, will die 39-jährige Managerin nicht verzichten. Neben dem Engagement für Fon – sie bezieht kein Gehalt, hat aber Aktienoptionen – will sie in den nächsten Jahren ein Portfolio von Beteiligungen an Internetunternehmen aufbauen.

Fon wird kommerziell erfolgreich sein, „wenn aus unseren groben Fußballnetzen feinmaschige Fischernetze werden“, wie es Christiane zu Salm formuliert. Denn Nichtmitglieder können als sogenannte „Aliens“ die lokalen Netze der Foneros nutzen – für drei Euro pro Tag. Die Einnahmen werden zwischen den Foneros und Fon aufgeteilt, das Geschäftsmodell des Unternehmens ist damit klar etabliert: Fon investiert durch die Abgabe günstiger Router in den Aufbau des Netzwerkes – und sichert sich einen Teil der Nutzungsgebühren, welche die Gemeinschaft der Hotspot-Betreiber erzielt. Giganten des Internets wie Google, -Skype und der legendäre Risikokapitalgeber -Sequoia, der einst Yahoo auf die Beine geholfen hat, haben 21,5 Millionen Dollar für die kostspielige Expansion bereitgestellt. Weltweit gibt es schon schon über 77000 Foneros, in Deutschland bereits über 5000 – und jede Woche kommen zwischen Flensburg und Passau mehrere Hundert hinzu. Das beim Start mit 500 deutschen Foneros im Februar noch utopisch erscheinende Ziel, die Telekom mit ihren 7500 Hotspots in Deutschland zu überholen, ist nicht mehr weit entfernt. Bis 2010 soll es weltweit mehr als eine Million Foneros geben. ¡Viva la Revolución!



Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe September 2006

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Nils aus dem Moore
Nils aus dem Moore ist ökonomischer Korrespondent von Cicero. Er arbeitet als Wirtschaftsforscher und Politikberater im Berliner Büro des RWI Essen. Von 2005 bis 2007 leitete der Volkswirt und Diplom-Journalist bei Cicero das Ressort Kapital.


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