von Michael Naumann
Die schwarz-gelbe Bundesregierung kommt nicht in Fahrt. Und Angela Merkel schweigt zu fast allen wichtigen Themen, die die Bundesrepublik dieser Tage beschäftigen. Hat die Kanzlerin den Menschen vielleicht gar nichts zu sagen? Ein Kommentar von Cicero-Chefredakteur Michael Naumann.
Unregierbar ist Deutschland nicht. Es wird nur nicht regiert. Noch nicht einmal symbolische Führung mag Angela Merkel simulieren. Von allen Politikverdrossenen der Republik ist sie die bekannteste. Dabei liegt die größte Haushaltsmisere der Republik seit ihrer Gründung offen zutage. Die geplante Nettokreditaufnahme für dieses Jahr betrug ursprünglich 86 Milliarden Euro. Es können, alle Nebenhaushalte inbegriffen, womöglich 100 Milliarden werden. Der Konsolidierungsbedarf bis zum Ende der Legislaturperiode beträgt rund 35 Milliarden Euro. In anderen Worten: Jeder Minister, jede Ministerin muss fest eingeplante Ausgaben streichen. Nur Philipp Rösler, der störrische Gesundheitsminister der FDP, möchte für sein Projekt der Kopfpauschale laut Finanzministerium bis zu 35 Milliarden Euro jährlich mehr ausgeben. Die er nicht hat und niemals haben wird. Warum beendet Angela Merkel seine possenhaften Auftritte nicht mit einem „Schluss jetzt!“? Das Amt verleiht ihr per Grundgesetz eine Basta-Kompetenz, die wahrzunehmen ihrem Vorgänger bei Gelegenheit nicht geschadet hat. Er nannte das „Regieren“.
Die Kanzlerin aber lächelt und schweigt, als sei sie einer politischen Abstinenzbewegung beigetreten. Erst im Mai, so glaubt sie, werde eine Steuereinnahmenschätzung den realistischen Dialog mit den Wählern über den Umbau der Steuergesetzgebung und das Ausmaß der unvermeidlichen Zumutungen für jeden einzelnen Bürger möglich machen. Vorher sollen sie an den Wahlurnen von Nordrhein-Westfalen den sozialdemokratischen Heilsversprechungen des CDU-Kandidaten Tribut zollen.
Erst nach der Wahl werden die Bürger dann von höchster Stelle erfahren, dass Deutschlands Sozialpolitik finanziell erschöpft ist (was sie schon längst wissen), dass die milliardenschweren Rettungsaktionen für Landesbanken und großvolumige Immobilienmakler in München, dass die Bürgschaften für große und kleine Unternehmen, für Schraubenproduzenten, Schrotthändler und den amerikanischen Automobilkonzern GM ein wahlpolitisches Vabanquespiel aller Parteien ohne Beispiel in der Geschichte moderner Konjunkturpolitik waren.
Und dass der Staat ohne zusätzliche Steuerabgaben und erhöhte Gebühren für alle kommunalen Leistungen versagen würde wie die hilflose Deutsche Bahn bei Wintereinbruch.
Was für eine bizarre, seit 1945 einmalige Situation: Bundeswehrsoldaten geraten in einen veritablen Bürgerkrieg, töten und werden getötet – doch die Bundeskanzlerin überlässt ihren umstrittensten Ministern die Interpretation deutscher Sicherheitspolitik. Im Schmetterton erklärt der Dekadenz-Theoretiker Guido Westerwelle, Deutschland würde eine „neue Strategie“ am Hindukusch verfolgen. Es ist aber Amerikas Strategie, und sie reagiert auch auf deutsche Versäumnisse, mehr nicht. Womöglich wird die Kanzlerin in einer Talkshow der Nation erklären, worum es in Afghanistan eigentlich geht.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Regieren heißt nicht, in legislativer Eile ein Gesetz nach dem anderen durch den Bundestag zu jagen, weil die Mehrheit reicht und weil der Bundesrat in schwarz-gelben Händen liegt. Im Gegenteil, richtig zu regieren, könnte ja auch heißen, dem Verfassungsgericht zuvorzukommen und allfällige Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten der Sozialgesetzgebung eigenständig, also ohne höchstrichterliche Aufforderung zu beheben.
Richtig regieren heißt, den Primat der Politik ernst zu nehmen. Davon kann aber seit Monaten keine Rede sein. Wer – wie Frau von der Leyen – das jüngste Hartz-IV-Urteil enthusiastisch begrüßt, muss sich fragen lassen, warum sie als ehemalige Familienministerin eigentlich verfassungsrechtlichen Nachhilfeunterricht im Fach Familienpolitik und soziale Gerechtigkeit aus Karlsruhe benötigt. Die Schwachpunkte der Hartz-Gesetze waren ja nicht nur der „Linken“ bekannt, sondern auch vielen der sogenannten kleinen Leute, die (allen Illusionen der SPD zum Trotz) seit eh und je CDU wählen, also der eigenen Wählerschaft.
Wir hören das längste Pausenzeichen einer frisch gewählten Regierung in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Langsam drängt sich der Verdacht auf, dass Angela Merkel den Menschen nichts zu sagen hat. |