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Wer hat Angst vor der Freiheit?
von Norbert Bolz

Die schwarz-gelbe Koalition, so der Philosoph Norbert Bolz, mache Hoffnung darauf, dass der paternalistische Staat endlich abdanke: Dessen „Tyrannei der Wohltaten“ und „demokratischer Despotismus“ hätten das Land viel zu lange in Lethargie versinken lassen

Das Ergebnis der Bundestagswahl ist das erfreulichste politische Ereignis seit dem Fall der Mauer. Dass die Ressentiment-Linke in der Opposition bleiben muss, die SPD endlich Zeit zur Reflexion findet und die Kanzlerin weiterwursteln kann, ist nicht weiter interessant. Faszinierend sind die Zahlen für die FDP und die Piraten. Diese beiden Parteien haben eine Agenda der Freiheit: Die Piraten stehen für die Freiheit der Information, und die Liberalen stehen für die Freiheit des Marktes. Die etablierte Medienlinke versucht, dieses Ergebnis mit einem Kopfschütteln abzutun, als seien die Piraten nur eine Spaßpartei und die Liberalen nur glücklich Begünstigte einer Leihstimmenkampagne. Aber wie wäre es, wenn 17 Prozent der deutschen Wähler einfach für mehr Freiheit und weniger Staat gestimmt hätten?

Im Kommentar des FDP-Ergebnisses schwankt die Medienlinke zwischen Hass, Verachtung und Verzweiflung. Wie ist es möglich, dass diejenigen, deren Un-Geist doch verantwortlich für die große Krise zu sein scheint, von den Wählern so königlich belohnt werden? Offenbar erkennen immer mehr Menschen, dass die FDP die einzige im Bundestag vertretene deutsche Partei ist, die nicht an den Säulen der Freiheit des Westens sägt, als da sind: wissenschaftlich-technischer Fortschritt, wirtschaftliches Wachstum, freier Markt, Privateigentum, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit. Das alles wieder gutzuheißen, ist eine Provokation für das sozialdemokratische Juste Milieu von SPD, Grünen und CDU/CSU.

Warum ist die Agenda der Freiheit in Deutschland für die meisten eine Provokation? Die Deutschen konnten die Pioniere des Sozialen werden, weil sie keine liberale Tradition haben. Nirgendwo lässt sich das historische Apriori der modernen Gesellschaft besser studieren als in Deutschland: als die „autonome Sozialtendenz“ (Arnold Gehlen), die auf eine Ergänzung des Rechtsstaats durch eine Gefühlsdemokratie drängt. Im Innersten ihres Herzens sind die meisten Deutschen Sozialdemokraten.

Zunehmend mischt sich der Staat auch in die geringfügigsten Angelegenheiten ein. Er sorgt für die Gesundheit, die Arbeit, die Erziehung und Bildung seiner Bürger. Aber er sorgt auch für unsere geistige Gesundheit und flößt uns die korrekten Gefühle und Ideen ein. In den modernen Massendemokratien sind die Regierenden keine Tyrannen mehr, sondern Vormunde. Und die Regierten bewegen sich im Hamsterrad der kleinen Lüste und Vergnügungen – gleich, einförmig und rastlos.

Wohlfahrtsstaatspolitik erzeugt Unmündigkeit, also jenen Geisteszustand, gegen den jede Aufklärung kämpft. Und so wie es des Mutes bedarf, um sich des eigenen Verstandes zu bedienen, so bedarf es des Stolzes, um das eigene Leben selbstständig zu leben. Wie für das Mittelalter ist deshalb auch für den Wohlfahrtsstaat der persönliche Stolz die größte Sünde. Vater Staat will nämlich nicht, dass seine Kinder erwachsen werden. Der Paternalismus des vorsorgenden Sozialstaates wird den Menschen aber nicht nur aufgezwungen – sie begehren ihn, denn er entlastet sie von der Bürde der Freiheit. Die verwaltete Welt ist für viele eine Wunscherfüllung.

Verwaltete Welt heißt, dass jede Lebensentscheidung vorgegeben, jedes Lebensrisiko vorgezeichnet wird. Gerade das, worum zu leben es sich lohnt, wird dem Einzelnen vom vorsorgenden Sozialstaat abgenommen. Dass man auf Freiheit zugunsten von Versorgungssicherheit verzichtet, ist in modernen Massendemokratien so selbstverständlich geworden, dass Rüdiger Altmann schon zu Beginn der sozialdemokratischen Ära mit beißender Ironie vom „Recht auf Abhängigkeit“ sprechen konnte. Die Tyrannei der Wohltaten erzeugt jene Sklavenmentalität, die Sozialpsychologen als erlernte Hilflosigkeit charakterisiert haben.

Wohlfahrt ist heute eine Droge, von der immer mehr Menschen abhängig werden. Aus der guten, humanen Idee wurde eine Art Opium fürs Volk. Denn die sozialistische Politik, die diese Idee implementieren wollte, hat lediglich die Menschen von der Regierung abhängig gemacht. Das macht zwar die Sozialhilfeempfänger nicht lebenstüchtiger, hält aber den Sozialstaat in Gang. Denn der stabilisiert sich, indem er immer mehr Empfänger öffentlicher Leistungen produziert. Die sozialistische Politik der globalen Sozialfürsorge muss dafür Sorge tragen, dass die Armut nicht knapp wird. Die Bürokraten des Wohlfahrtsstaats haben ein Interesse daran, dass sich die Lage der Abhängigen nicht ändert – sie leben ja davon, dass die anderen nicht für sich selbst sorgen können. „Die Linke“ liebt die Misere.

Die umfassend Betreuten brauchen keinen freien Willen mehr und empfinden die totale Vorsorge als Wohltat. Der demokratische Despotismus entlastet – vom Ärger des Nachdenkens genauso wie von der Mühe des Lebens. Ein Netz präziser, kleiner Vorschriften liegt über der Existenz eines jeden und macht ihn auch in den einfachsten Angelegenheiten des Lebens abhängig vom vorsorgenden Sozialstaat.

Massendemokratische Gesellschaften werden durch die Furcht vor der Meinung der anderen zusammengehalten. Je weniger sich die Meinungen der Einzelnen in der massendemokratischen Öffentlichkeit zur Geltung bringen können, desto stärker wird der Druck der öffentlichen Meinung auf den Einzelnen und sein Meinen. Und da es auf Dauer zu anstrengend ist, anders zu denken als man redet, denken die meisten auch schon politisch korrekt. Heute dürfen die meisten Menschen sagen und schreiben, was sie wollen, weil sie ohnehin alle das Gleiche denken. Luther predigte spirituelle Freiheit in politischer Knechtschaft; wir haben heute spirituelle Knechtschaft in politischer Freiheit.

René Girard hat in diesem Zusammenhang von Verbalexorzismen gesprochen, und in der Tat geht es um eine neue Form von Inquisition, um eine politische Säuberung der Sprache. Früher nannte man das Linientreue. Solche Verbalexorzismen sind hochpolitisch, weil Sprache die Menschen macht, die sie sprechen. Politische Korrektheit ist die Rhetorik eines besetzten Landes. Und wieder nennen sich die Besatzer Befreier. Alle reden von Individualität, Diversität und Selbstverwirklichung – und alle denken dasselbe. So entsteht der Konformismus des Andersseins.

Neben dieser Tyrannei der öffentlichen Meinung, die man „Political Correctness“ nennt, hat der Geist der Freiheit noch einen zweiten Feind: den egalitären Kult der Gruppe, der sich als „Teamgeist“ verkauft. Seine Attraktivität steckt in dem Angebot an die Individuen, sie von ihrer Individualität zu entlasten. Die Propaganda für Teamwork, Partnerschaft und Gemeinschaft verstärkt das kindliche Vorurteil für Verteilungsgleichheit. Teamwork ist ein Euphemismus dafür, dass die anderen die Arbeit tun. Hannah Arendt hatte den fabelhaften Mut, diese Wahrheit ganz unzweideutig auszusprechen: Es gibt nichts, was der Arbeitsqualität fremder und schädlicher wäre als Gruppenarbeit.

Nicht zur Gruppe zu gehören, ist die Sünde wider den Heiligen Geist des Sozialismus. Wer hervorragen will, gilt als asozial. Persönlicher Stolz ist die größte Sünde im egalitären Sozialismus, Selbstauslöschung dagegen eine Tugend. Wer nicht mitmacht in den Gruppen und Kommissionen, gilt als Verworfener. Die Gruppe ist heute die Kirche, außerhalb derer kein Heil ist.

Jede Gruppenzugehörigkeit macht abhängig, und jede Abhängigkeit reduziert die Freiheit. Zuerst büßt man die Freiheit des Entscheidens ein und dann die Freiheit des Denkens. Die Gruppe ist die Gehirnwäsche, und es ist völlig gleichgültig, ob es sich dabei um Gruppentherapie, Teamtraining oder soziales Lernen handelt – stets geht es um die Austreibung von Individualität und Wettbewerb.

Wer fragt: „Freiheit, wozu?“, ist für den echten Liberalen ein Knecht. Und allein das macht schon deutlich, dass wir es hier mit einer Minderheitenposition zu tun haben. Die erhabene Lust, frei zu sein, ist dem Geist der Massendemokratie fremd. Was der Liberale in der Frage nach dem Wozu der Freiheit spürt, ist die Angst vor der Freiheit, der es eben an einer Autorität mangelt, der man sich unterwerfen könnte. Und tatsächlich hat Freiheit ihren Preis. Der Sozialismus bringt den Menschen die Hilflosigkeit bei, Freiheit dagegen erzieht zur Selbsttranszendenz. Und damit wechseln wir von der Klientel der „Linken“ zu den FDP-Wählern. Dabei kann uns ein früher sehr populärer, heute aber etwas verblasster Begriff leiten: Selbstverwirklichung. Deren eigentliches Problem – das hat der Philosoph Hermann Lübbe genau gesehen – liegt darin, Freiheit in Sinn zu verwandeln. Autonomie ist heute Selbstprogrammierung. Es geht um die Aufgabe, sich selbst zu verwirklichen, indem man sich selbst zu Aufgaben herausfordert, die man selbst bestimmt.

Selbsttranszendenz heißt konkret, sich von einer Aufgabe konsumieren zu lassen. Früher nannte man das Pflichterfüllung. Ich will einen Unterschied machen – das gilt gerade auch für die neuen Netzbürger, die sich in der Piratenpartei eindrucksvoll zu Wort gemeldet haben. Sie sind jung, gebildet, ehrgeizig; sie arbeiten in den Universitäten, Telekommunikationsgesellschaften, Medienhäusern und Banken; sie sind tolerant, vernünftig, medienkompetent und keineswegs unpolitisch. Diese Netzbürger haben eine große Leidenschaft: den freien Fluss der Information. Jeder soll sprechen und gehört werden können. Ihr Wunsch nach mehr direkter Demokratie wendet sich vor allem an die Welt des Digitalen. Man kann deshalb vermuten, dass wir wieder vor einem Wechsel des Leitmediums der Politik stehen. Roosevelt war der erste Radio-Präsident, Kennedy war der erste Fernseh-Präsident. Obama ist der erste Internet-Präsident.

Die Piraten als Partei – das ist auch deshalb interessant, weil sich hier eine neue Form von Gemeinschaft politisch artikuliert. Besonders deutlich wird das, wenn man sich an Robert Putnams Diagnose des Verlusts der Gemeinschaft („Bowling Alone“) und das kommunitaristische Programm einer Rettung der Gemeinschaft erinnert. Die Piraten sind die lachenden Dritten. Viel realistischer und zeitgemäßer als jene Klage über die verlorene Gemeinschaft oder die Predigt der geretteten Gemeinschaft ist ihre Netzwerktheorie der befreiten Gemeinschaft. Das ist die Welt der schwachen Bindungen im Cyberspace, die sich sehr gut mit dem jugendlichen Lebensstil der Coolness verträgt. Durch einen Klick im Netz wird man zum „Freund“.

Zwischen den Extremen der kalten formalen Organisation der „Mitglieder“ und der stallwarmen Solidargemeinschaft der „Brüder“ bildet sich heute im Internet eine freie Gemeinschaft von Operatoren heraus, die weder ungesellig noch gesellig sind. So lässt sich unsere Gesellschaft als Netzwerk frei gewählter Verknüpfungen darstellen. Sie ist geprägt durch einen vernetzten Individualismus und eine fortschreitende Privatisierung der Geselligkeit. Hans Magnus Enzensberger hat sie als Komplex von vernetzten Minderheiten beschrieben, als eine kopflose, sich selbst steuernde Gesellschaft. Deshalb gab Enzensberger schon vor Jahrzehnten hellsichtig ein Kursbuch heraus, denn in Netzwerken kommt es vor allem auf die Verbindungen an. Es gibt eine großartige Formulierung des Philosophen Helmut Plessner, die diesen entscheidenden Sachverhalt der Stärke schwacher Bindungen auf den Begriff bringt: „Verbindlichkeit, die nicht bindet“.

Es ist die große kulturelle Verheißung der Zukunft, dass wir nach den Etappen der archaischen Stammesgemeinschaft und der modernen „Entfremdung“ nun wieder vor einer neuen Gemeinschaftsform stehen: der von elektronischen Netzwerken getragenen organisatorischen Nachbarschaft. Die eigentliche Bedeutung der Netzwerke liegt nämlich nicht in der Dimension der Informationsverarbeitung, sondern in der Bildung freier Gemeinschaften. An die Stelle der Masse treten die vielen Stämme der Freiwilligen. Facebook, StudiVZ und Xing sind eindrucksvolle Beispiele dafür, wie sich heute „soziale Graphen“ bilden, und zwar durch die einfache Frage: Wen kennst du, und wer kennt dich?

Darin steckt aber auch ein völlig neues Potenzial für politisches Linking, das nicht mehr braucht als eine führende Idee, eine Kommunikationsplattform für das gemeinsame Interesse und das Bedürfnis der Zugehörigkeit.

Weil alle Welt von Heuschrecken, Finanzmonstern und gierigen Managern spricht, wird leicht übersehen, dass es noch nie so viel gelebten Idealismus gab wie heute. Idealistisch gesinnte Menschen gab es natürlich schon immer und durchaus auch in Massen. Aber die Lebensbedingungen, unter denen diese Gesinnung florieren konnte, waren selten gegeben. Heute haben Idealisten nicht nur eine realistische Lebenschance, sondern auch gute Geschäftschancen. Das Internet macht den Idealismus zum Realismus. Das zeigt sich in Amerika natürlich am deutlichsten. Aber auch hierzulande ist es kein Widerspruch mehr, Millionär und zugleich Sympathisant von Attac zu sein. Dass sich Kapitalismus und Idealismus, Profitorientierung und Gerechtigkeitssinn in der Produktion des sozialen Reichtums ergänzen – das ist der neue Geist, der uns optimistisch stimmen sollte.

Freiheit als Passion – in Deutschland wird die Leidenschaft für die Freiheit wohl nie mehrheitsfähig sein. Aber immer mehr Menschen leiden am Verlust des Bewusstseins von Freiheit. Man prüfe sich selbst: War es nicht die bitterste Erfahrung der vergangenen zwanzig Jahre, wie rasend schnell der Rausch der Freiheit nach unserer großen friedlichen Revolution verflog? Ist der Siegeszug der „Linken“, deren Genealogie nach wenigen Schritten ins Zentrum des DDR-Terrors führt, nicht eine Schande für unser Freiheitsbewusstsein? Wird, weil Freiheit riskant ist, eine Mehrheit immer für die freiwillige Knechtschaft optieren? Der Triumph der Liberalen und das Ausrufezeichen der zwei Prozent für die Piraten bei den Bundestagswahlen fällt ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls. Nehmen wir das als gutes Omen für den Freiheitssinn der Deutschen. Der Fall der Berliner Mauer muss unser Geschichtszeichen sein.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe November 2009

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Leserkommentare
B.Birke (Leverkusen) 20.01.2010
Der Sozialstaat ist eben keine Droge, sondern er schafft erst Freiheit, allerdings auch nur dann, wenn diese Sicherheit nicht ständig bedroht ist durch willkürliche Kürzungen oder ein generell ungenügendes Maß.

Die Möglichkeit, im Ernstfall auf ALG zurück greifen zu können, gibt dem Arbeitnehmer erst die Freiheit, sich Hungerlöhne, Bespitzelung und sonstige prekäre Arbeitsverhältnisse nicht gefallen zu lassen! Sie haben in den letzten 60 Jahren dafür gesorgt, dass Arbeitnehmer erfolgreich Forderungen nach einer menschenwürdigen, leistungsgerechten Entlohnung durchsetzen konnten! Sonst würden heute für das Gros der Arbeitnehmer Verhältnisse wie in der 3. Welt herrschen, während einige wenige den gesamten Wohlstand an sich reißen; es würden Kinder auf der Straße verhungern, während in den Villen Kaviar und Trüffel vergammeln, weil zuviel davon da ist, und das überschüssige Geld würde schon viel länger in immer neuen Blasen verbrannt.

Freiheit setzt immer auch Schutz voraus, genau so, wie der Staat Gewalttäter und Kriminelle daran hindern muss, unsere Freiheit einzuschränken und uns in unseren Rechten zu beschneiden, muss er die Reichen und Mächtigen daran hindern, die Menschen auszubeuten und durch Abhängigkeit, weil es einen Arbeitnehmerüberschuss gibt, in faktischer Sklaverei zu halten!
B.Birke (Leverkusen) 20.01.2010
Es gibt echte und Pseudo-Freiheit. Echte Freiheit ist beispielsweise die, seine Meinung äußern zu dürfen, ein Sexualleben seiner Wahl führen und im Bücherregal, auf Leinwand, Bildschirm und Computermonitor die Inhalte zu sehen, die einem gefallen, ohne dabei mit staatlichen Gesetzen im Sinne spießbürgerlicher Normvorstellungen gegängelt zu werden.

Es gibt aber auch falsche Freiheit: Beispielsweise, wenn einem körperlich starken Menschen erlaubt wird, andere nach Lust und Laune zusammen zu schlagen und zu erpressen, weil man ja seine persönliche Freiheit nicht einschränken will.

Dazu gibt es die "goldene Regel", die sich auch im Grundgesetz wieder findet: Jeder hat ein Recht auf Entfaltung seiner Persönlichkeit, solange er keinen anderen damit beeinträchtigt; wenn auch leider mit bedenklichen Einschränkungen ("Sittengesetz" als faktische Konterkarierung, was Freiheit etwa in Sexualität und Unterhaltungsmedien angeht).

Und genau da steht der Wirtschaftsliberalismus für eine falsche Freiheit: Er ist, analog zur Freiheit des Schlägers, keine echte Freiheit, sondern nur eine für jene, die sie sich leisten können, Recht des Stärkeren, Freiheit zum Ausbeuten! Wirschaftliche Freiheit ist sicher so lange in Ordnung, wie sie Freiheit von Willkür und unnötigen Einschränkungen bedeutet (z.B. Bürokratie).

Aber heute richten sich fast alle wirtschaftsliberalen Bestrebungen vor allem gegen die grundsätzlichen Aufgaben des Staates, nämlich allen Bürgern elementares Auskommen und Sicherheit zu schaffen: Essen und Trinken, Unterkunft, Alters- und Gesundheitsversorgung und vor allem Unabhängigkeit, beispielsweise eine schlechten Job kündigen zu können, ohne dadurch in eine Notlage zu kommen. Denn Abhängigkeit ist genauso ein Freiheitskiller wie enge Relements, gesetzliche Handlungsbeschrängungen und Verbote; der Abhängige ist in seiner Freiheit durch die Willkür Mächtigerer beschränkt. Diese Abhängigkeit aufzuheben und somit auch jenen Freiheit zu gewähren, die sie sich von Natur aus nicht leisten können, ist der zentrale Sinn von Sozialleistungen wie ALG2.

Der Markt belohnt nicht Leistung, sondern die Besetzung gesellschaftlicher Machtpositionen, wo man möglichst viel Leistungserträge anderer abschöpfen kann. Eine reine freie Marktwirtschaft bewirkt folglich eine Verelendung eines Großteils der Bevölkerung und die Konzentration des Wohlstands bei wenigen, wobei dies keineswegs ihre Leistung wieder spiegelt. Siehe Frühkapitalismus, USA (vor allem seit den 1980er-Jahren), viele Drittweltländer und in der Tendenz das Deutschland der letzten 10-15 Jahre!

Aufgabe des Staates ist es, diesen durch Macht konzentrierten Wohlstand rückzuverteilen ("Umverteilung" ist falsch, weil zumindest den Arbeitnehmern die erwirtschafteten und abgeschöpften Erträge zum Teil wieder zurück gegeben werden) und darüber hinaus all jenen elementare Sicherheit zu geben, die auf dem Arbeitsmarkt dauerhaft keinen Platz finden. Die Erträge der Gesamtwirtschaft reichen hierzu locker aus!

Wer Freiheit will, muss auch dafür sorgen, dass die Menschen sie sich leisten können, und dazu sind bedingungslose Leistungen zur Minimalversorgung erforderlich. Freiheit nur für wenige, die sie sich leisten können, ist keine!

Die FDP vertritt folglich gar keine echte Freiheit (auch, wenn sie vor der Wahl einige Themen von den Piraten klaute), sondern das Recht des Stärkeren, andere in ihrer Freiheit einzuschränken und auszunutzen, während die Bürgerrechtsanliegen der Piraten für echte Freiheit stehen. Und dass wirtschaftliche Freiheit zum Ausbeuten und individuelle Freiheit (z.B. Sexualität, Lebensstil, Unterhaltungsmedien wie "Schundromanen", Horrorfilmen, Pornos, "Killerspielen") zusammen hängen, ist ein Märchen! Dann müsste Freiheit auch bedeuten, den Schläger zuschlagen zu lassen, und das werden wohl auch die Liberalsten nicht wollen, sofern sie nicht selbst als Schläger davon profitieren würden.
Peter (Halle) 10.12.2009
Ein super Artikel! Herzlichen Dank.
Moritz (Frankurt) 25.11.2009
Ich habe nichts gegen FREIHEIT. FREIHEIT ist wichtig. Sogar sehr wichtig. Doch wird immer vergessen, dass durch FREIHEIT nicht automatisch alles besser wird. Im Gegenteil! Ich würde sofort die FDP wählen, wenn FREIHEIT Dumpinglöhne abschafft, die Wirtschaft ankurbelt, die Ausbeutung stoppt, Arbeitsplätze schafft und Bildung fördert. Doch dies KANN im Kapitalismus nicht geschehen und deshalb muss die FREIHEIT zugunsten der GERECHTIGKEIT ein stück einbüßen (auch wenn das einbußen den Freiheit in diesem Text sehr dramatisiert wird). Man kann sein Leben noch sehr frei gestalten und muss sich nur an einen paar "Richtlinien" halten.
Rainer Karow (oeversee) 18.11.2009
Der Aufsatz hätte von mir sein können. Und deshalb wollen wir die Kernsanierung, eine neue Verfassung, Deutschland für Europa zurück, die Bereinigung und Aufarbeitung der Geschichte auch mit Polen und Russland und Preußen etc., eine Neuausrichtung Deutschland mit und für Europa, wie den Eintritt ins 21. Jahrhundert und die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen zurück. Siehe auch den Verfassungsentwurf in www.internet-magazin-les-art.eu
Herr Bolz sollte auch für uns schreiben.
R. Palme (Köln) 18.11.2009
Wenn die Freiheit des Marktes und die Freiheit der Medien ohne vorbehalte funktionieren würden, und das zeigt uns die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise, wobei der Niedergang der Realwirtschaft noch nicht einbezogen ist, dann hätte die liberale Vorstellung, trotz angeblicher Selbstbeschränkung, gerade das bewirkt, über das wir uns so ärgern, daß es letztlich nur um die allgemeine Ausbeutung geht und das hat große Geschichte.Wenn es so weiter geht, dann wäre die nahe Zukunft sogar vorhersehbar.
Norbert Berger (Usingen) 12.11.2009
Mit weiten Teilen ihres Artikels gehe ich mit ihnen d'accord. Nun ja, ihre Aussagen zur Piratenpartei sind allerdings ausgesprochen oberflächlich, sogar irrational.
Sie meinen, die Mitglieder der Piratenpartei sind durchweg gebildet, intelligent und arbeiten natürlich in Positionen, die einen IQ von mindestens 130 erfordern. Ich kann genauso behaupten, dass in dieser Partei in der Mehrheit gefährliche Kinderschänder, bescheuerte Bombenbauer, illegale Hacker, voyeuristische Informationsdiebe und Computersaboteure heimisch sind. Die Piratenpartei - verrückter Weise ist der Begriff "Pirat" positiv besetzt - ist keine politische Partei, sondern ein unzivilisierter Haufen, vergleichbar mit den Autonomen und ähnlich gepolten Anarchisten.
Norbert Berger
Jane Thompson (Berlin) 10.11.2009
So kann man nur schreiben wenn man am Leben nicht teilhat.
Ich würde Ihnen raten mal etwas durch die Welt zu spazieren.
lupus (Stuttgart) 09.11.2009
Sloterdijk, Bolz & Sarrazin. – Erstaunlich, aber zufällig? Ist es ein Zufall, daß sich ausgerechnet drei Herren, die ausgestattet sind mit den Privilegien der staatlich garantierten lebenslangen Festanstellung, über die angeblich so wohlstandsverwahrlosten Hartz IV-Empfänger und ähnlich andere Nutznießer staatlicher Wohltaten hermachen? Denken wir die Denkanstöße doch einmal weiter: Was macht die drei Herren denn so sicher, daß mehr „Freiheit“ von staatlicher Bevormundung nicht auch dazu führen könnte, einige Universitätslehrstühle und Bundesbankvorstandssessel für überflüssig zu erklären, um so der Verfettung akademischer und bürokratischer Institutionen entgegen zu wirken? – Die drei Herren sollten sich keine Schwachheiten einbilden. Kleines Gedankenspiel: Wessen Nichtanwesenheit in ihren jeweiligen Wirkungsstätten würde schneller bemerkt werden - die der Herren Sloterdijk, Bolz und Sarrazin oder die der jeweiligen Putzfrau?
aloa5 (Freiburg) 09.11.2009
Freiheit ist ein Wert an sich. Das ist richtig - und die Freiheit ist innerhalb eines Staates immer bedroht.

Und so zitiere ich kurz Talmond aus "die Ursprünge der totalitären Demokratie":

"Von uns aus gesehen – von einem Beobachtungspunkt in der Mitte dieses zwanzigsten Jahrhunderts – erscheint in der Tat die Geschichte der letzten hundertfünfzig Jahre als die systematische Vorbereitung auf den schroffen Zusammenprall zwischen empirischer und liberaler Demokratie einerseits und totalitärer messianischer Demokratie andererseits – und das ist die Weltkrise von heute."

Das kann man so sehen. Man muss jedoch aufpassen wenn man hingeht und den Sozialstaat als solches schlicht als Gegenpol der Freiheit zeichnet. Denn das ist auch nicht richtig. Irgendwann wird auch Freiheit totalitär.

Grüße
ALOA
Andreas Oling (Schwerin) 09.11.2009
Jeder einzelne Satz dieses Artikels ist Goldstaub. Leider wird die breite Öffentlichkeit nie davon erfahren.
Dr. Lawrence Jacoby (Berlin) 08.11.2009
Wie sagte noch eine brave Frau zu Zeiten der Reaganomics, als der Interviewer sie fragte, ob es nicht schön sei, dass Dank der Deregulierung in den USA Tausende neuer Jobs entstanden seien: "Stimmt - und ich habe drei davon."
J. Wulfmeier (Osnabrück) 08.11.2009
Der Philosoph im Allgemeinen denkt ja nunmal sozusagen von Amts wegen sehr im Abstrakten. Das ist auch gut so. Denn so lassen sich Anstöße für die Fortentwicklung unserer Gesellschaft entwickeln. Gerade weil diese Anstöße aus einer Position kommen, die sich dem täglichen medialen Kampfgeschrei und dem Kleinklein der politischen Auseinandersetzung entzieht. Abstraktion wird aber dann gefährlich, wenn sie die Bezüge zum Konkreten verliert. Die mehr oder weniger pauschale Gleichsetzung der F.D.P. mit der Freiheit an sich ist ein gefährlicher Irrtum. Die F.D.P. ist nicht die Partei der Freiheit und wird es auch niemals sein. Die F.D.P. ist eine für unser Verhältniswahlrecht typische Klientelpartei. Schon jetzt hat diese Partei dafür gesorgt, dass Privilegien für Steuerberater und Apotheker geschaffen werden, die Märkte beschränken und Freiheit verkürzen. Das ist das Gesicht der F.D.P. Aufklärung würde bedeuten, genau diesen Etikettenschwindel zu benennen. Gerade weil die Freiheit ein so großartiger Wert ist, der in der Tat bedroht ist und ständig verteidigt werden muss. Noch schlimmer als Etikettenschwindel ist übrigens eine selbsternannte Aufklärung, die selbst nur vernebelt und verkürzt, weil sie eine Wirklichkeit unterstellt, die eigentlich doch ganz anders ist.
marie (dresden) 08.11.2009
das beste essay seit langem!!!!
Christine Herold (zzt. China) 08.11.2009
Ergänzung, richtig. Morgen ist ein Feiertag für mich, Freiheit - sagt 'ne Osseline!!!!!
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Norbert Bolz
Norbert Bolz lehrt als Professor für Medienwissenschaft am Institut für Sprache und Kommunikation der TU Berlin. 2005 erschien „Blindflug mit Zuschauer“ im Fink Verlag.


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