von Hans-Werner Sinn Finanzkrise, umstrittener Klimaschutz und Zwänge der globalen Wirtschaftsströme: Einer der international wichtigsten Ökonomen Deutschlands plädiert für ein Umdenken und fordert eine realistische Klimapolitik. Lesen Sie auch: Cicero-Dossier: Unsere Umwelt Alexander Görlach: Ein grüner Abenteurer Warum gibt es immer mehr Füchse in Brandenburg? Weil sie sich von dem frischen Geflügel ernähren, das ihnen die Windräder zerhackt vor die Füße werfen. Jägerlatein? Vielleicht. Immerhin schätzt aber der deutsche Naturschutzbund, dass jährlich mindestens 100000 Vögel in den rotierenden Windrädern umkommen. Nicht nur Jäger schütteln den Kopf, wenn sie sich die Folgen grüner Politik vor Augen führen. Die grüne Politik ist voller Paradoxa. Im Namen der Umweltpolitik werden die schönsten Naturlandschaften Norddeutschlands durch Windräder entstellt. Auf grünen Auen wachsen Wälder weißer Betonpfeiler, und in des echten Waldes Stille dringt das Brummen ihrer Rotoren. Wer bei klarem Wetter nach Hamburg oder Berlin fliegt, sieht Landstriche, die, so weit das Auge reicht, mit den neuen weißen Wäldern durchzogen sind. Nach einem solchen Flug, noch im Bann der für mich unglaublichen Eindrücke, habe ich einen führenden grünen Politiker getroffen und ihn gefragt, ob der Naturschutz nicht auch das Landschaftsbild umfasse. Als Antwort erhielt ich die lapidare Feststellung, die Gebiete, die ich gesehen hätte, stünden nicht unter Naturschutz. In Naturschutzgebieten dürfe man die Windräder nicht aufstellen. Das verschlug mir die Sprache. Mit dem grünen Pass im Gepäck darf man die Landschaft offenbar nach Belieben verschandeln. Alle scheinen im Bann der grünen Ideologie zu stehen. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendeine führende Zeitung über neue technische Wunderdinge berichtet, die uns helfen, fossile Energie zu sparen und neue Energiequellen zu erschließen. Man träumt von der Wasserstoffwirtschaft, als ob der Wasserstoff irgendwo im Boden läge und nicht bloß ein Speichermedium sei, man will das Land mit Windrädern bepflastern, die Dächer mit Solarzellen decken und die Autos mit Biosprit fahren. Neue Industrien werden mit staatlichem Geld oder über staatlich verordnete Preise hochgezogen, um diese Bedürfnisse zu befriedigen, aber im Endeffekt zahlt immer der Bürger die Zeche. Ich will den grünen Politikern wirklich nicht unterstellen, dass sie sich Pfründe verschaffen wollen. Sie sind gemeinhin Idealisten, die das Klima retten und ihre Mandate halten wollen. Das ist achtenswert. Das Geld verdienen andere. Aloys Wobben hat in seiner Firma Enercon mit Windrädern ein Vermögen gemacht, das auf 4,8 Milliarden Euro geschätzt wird. Für Windräder gibt es nämlich einen reißenden Absatz, nachdem die Politik im Jahr 2000 das Gesetz für den Vorrang erneuerbarer Energien in Kraft gesetzt hat. Danach mussten die Energieversorger für Windstrom 80 Prozent mehr als für normal erzeugten Strom zahlen, obwohl er wetterbedingt sehr unregelmäßig fließt und auf dem Großhandelsmarkt für Strom wie saures Bier weiterverkauft wird. Für Sonnenstrom, der gerade dann nicht zur Verfügung steht, wenn man das Licht anknipsen will, muss sogar mehr als das Zehnfache gezahlt werden. Im Durchschnitt über alle alternativen Energieträger ist der grüne Strom für die Energieversorger mehr als doppelt so teuer wie normaler Strom, was bei den Herstellern Goldgräberstimmung erzeugt hat. Dass der grüne Idealismus sich so gut mit dem Mammon versteht, ist für einen Ökonomen wie mich zwar nicht paradox, doch manch einer mag es so empfinden. Deutschland ist dreifacher Weltmeister bei grüner Energie. Bei der Produktion von Biodiesel, Sonnenstrom und Windstrom liegen wir weit vor allen anderen Ländern dieser Erde. Beim Biodiesel und beim Sonnenstrom liegen die Marktanteile schon bei fast der Hälfte, beim Windstrom übersteigen sie ein Viertel. Die Lobby aus Automobilfirmen, die ihre Auflagen zur CO2-Drosselung abmildern wollen, und Bauern, die auf die neuen Gewinne durch den Anbau von Pflanzen zur Biospritgewinnung hoffen, paart sich mit dem ideologischen Interesse grüner Politiker und führt Deutschland auf einen einsamen Sonderweg. Nur der Alarmruf des ADAC, der darauf hinwies, dass bei Millionen von Autos durch das beigemischte Bioethanol die Dichtungen kaputtgehen würden, hat die Politik gezwungen, für einen Moment innezuhalten. Dass der Teller mit dem Tank im Wettbewerb steht, wenn man Energiepflanzen zum Autofahren statt zum Essen nimmt, war nicht das Thema. Es hätte aber das Thema sein sollen, denn die Hungerproteste in 37 Ländern der Welt, die im Jahr 2008 durch die hohen Nahrungsmittelpreise ausgelöst wurden, gehen auf das Konto der Biosprit-Freunde. Ethisch gemeinte Entscheidungen können unethische Folgen haben, auch dies ein Paradoxon. Gleichzeitig scheren wir aus der internationalen Staatengemeinschaft aus, indem wir die Einzigen sind, die am Atomausstieg festhalten. Selbst die Schweden, die einstigen Vorreiter beim Kampf gegen die Atomkraft, sind hier zurückgerudert, und auf der ganzen Welt werden im großen Stil neue Atomkraftwerke gebaut. Beim G-8-Gipfel im japanischen Toyaka im Juli 2008 stand Deutschland mit seiner Forderung, die Klimaprobleme durch Windflügel und Solaranlagen lösen zu wollen, mutterseelenallein auf der Bühne. Unser Land spielt bei der Atomkraft den Geisterfahrer auf der Autobahn und findet es paradox, dass alle anderen in die falsche Richtung fahren. Für die Bürger, aber auch die Politik und die Wissenschaft stellt sich die Frage, ob der deutsche Kurs wirklich sinnvoll ist. Wissen wir eigentlich, was wir tun? Oder ist das alles nur blinder Aktionismus zur Befriedigung einer neuen grünen Religiosität? Der Klimaschutz absorbiert mittlerweile so viel Kraft, und er drückt durch die horrenden Kosten den Lebensstandard der Deutschen in einem solchen Ausmaß, dass eine nüchterne ökonomische Nutzen-Kosten-Rechnung des Geschehens vonnöten ist, die über die gefühlsbetonte Semantik der öffentlichen Debatte hinausgeht. Es stellen sich viele Fragen. Ist das Klimaproblem wirklich so gravierend, dass energische Maßnahmen ergriffen werden müssen, oder sind die Deutschen dem Umweltwahn verfallen, wie der tschechische Präsident Václav Klaus vermutet? Und wenn, wofür vieles spricht, das Klimaproblem tatsächlich besteht: Welche Maßnahmen bringen am meisten in Relation zu ihren Kosten? Sollte man tatsächlich alles tun, was technisch möglich ist, oder sollte man seine Kräfte nicht lieber auf jene Maßnahmen konzentrieren, die in Relation zu dem Geld, das sie kosten, die größte Einsparung beim Ausstoß des gefährlichen Kohlendioxidgases versprechen? Sollten wir die Atom-Option nicht doch offenhalten, statt allein auf die regenerativen Energiequellen zu setzen? Die entscheidende Frage ist aber, ob wir Deutschen überhaupt durch unsere Aktionen das Weltklima retten können. Die meisten denken: Wir sind zwar nur ein kleiner Teil der Menschheit, aber wir gehen mit gutem Beispiel voran und tun, was wir können. Wir wissen, dass das nicht reicht, aber es ist mehr als nichts. Je mehr andere Länder unserem Beispiel folgen, desto mehr wird im Endeffekt erreicht. Leider ist diese Sichtweise falsch. Erstens übersieht sie, dass Deutschland im Rahmen des Kioto-Abkommens in ein System des internationalen Emissionshandels für Kohlendioxid eingebunden wurde. Dieses System lässt jeglichen Effekt der deutschen Förderung grünen Stroms verpuffen, weil das, was wir an fossiler Energie einsparen, stattdessen anderswo konsumiert wird. Die Politik erzählt den Leuten, sie könnten mithelfen, das Klima zu retten, wenn sie den Stand-by-Modus ihres Fernsehgerätes deaktivieren oder Energiesparbirnen kaufen, doch in Wahrheit passiert nichts, außer dass wir dem Ausland die Emissionszertifikate verbilligen und dort Energieverschwendung ermuntern. Wenn in Deutschland die Kraftwerke ausgeschaltet werden, werden sie anderswo in Betrieb genommen, und zwar in einem Umfang, dass dort exakt so viel zusätzliches Kohlendioxid in die Luft geblasen wird, wie wir einsparen. Nicht eine Tonne Kohlendioxid wird wegen der deutschen Windflügel und fotovoltaischen Dächer weniger in die Luft geblasen, als es sonst der Fall gewesen wäre: ein Paradoxon, an dem sich die Politiker die Zähne ausbeißen werden. Zweitens übersieht die zitierte Sichtweise, dass hinter dem Ausstoß von Treibhausgasen das Geschehen auf den Weltmärkten für fossile Brennstoffe steht. Die Treibhausgase, die wir in die Luft blasen, entstehen durch die Verbrennung von fossilen Beständen an Öl, Kohle und Gas, die vor vielen Millionen Jahren in der Erdkruste abgelagert wurden und nun Schritt für Schritt wieder aus der Erde herausgeholt werden. Was, wenn die Ölscheichs und all die anderen Anbieter fossiler Brennstoffe auf den Weltmärkten weiterhin so viele fossile Brennstoffe abbauen, wie sie es geplant hatten, bevor Deutschland und andere umweltbewusste Länder mit ihrer grünen Politik begannen? Sie sind ja nicht auf uns angewiesen, sondern können ihr Öl genauso gut den Chinesen und Amerikanern geben, denen der Klimaschutz ziemlich gleichgültig ist. Die Umweltsünder können sich sogar über billigere Preise freuen, die aus der geringeren Nachfrage der umweltfreundlichen Länder resultieren. Die Amerikaner fahren noch dickere Autos, und die Chinesen errichten noch mehr Schlote. Nichts, aber auch gar nichts ist dann für das Weltklima gewonnen. Ob wir das Klima retten, wird nicht von Angela Merkel, der EU-Kommission oder uns Verbrauchern bestimmt, sondern von den Eigentümern der fossilen Kohlenstoffvorräte in der Erde. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, der kolumbianische Präsident Hugo Chávez, die arabischen Ölscheichs und Putins Oligarchen sind die wahren Klimamacher. Sie bestimmen, wie schnell die Erd-erwärmung fortschreiten wird, und haben damit das Schicksal der Menschheit in der Hand. Die Politiker glauben, wir könnten durch grüne Gesetze, die unsere Nachfrage nach fossilen Brennstoffen verringern, die Emissionen von Kohlendioxid reduzieren und so das Klima retten. Aber wie soll das bitte gehen? Mit unserer Energiesparpolitik können wir das weltweite Angebot an Kohlenstoff nicht aushebeln. Wir mindern lediglich partiell die Nachfrage und verringern dadurch den Anstieg der Weltmarktpreise, mehr nicht. Damit verschlimmern wir das Problem vermutlich noch. Immerhin müssen die vorhandenen Ressourcen irgendwann aus der Erde herausgeholt werden, wenn man sie verwerten will. Bedrohen wir die Ressourcenbesitzer mit einer immer grüner werdenden Politik, die ihnen das zukünftige Geschäft kaputt macht, kommen sie der Bedrohung zuvor und fördern ihre Bodenschätze nur noch schneller. Statt den Klimawandel zu bremsen, beschleunigen wir ihn. Das ist das grüne Paradoxon. Die Klimapolitik Deutschlands und der EU hat dem Problem des Angebots fossiler Brennstoffe bislang keine Aufmerksamkeit geschenkt. Die Hälfte des Marktgeschehens wird einfach aus der Klimadiskussion ausgeblendet. Man erlässt Hunderte von Verordnungen, Gesetzen und Förderprogrammen, die allesamt allein auf die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen abzielen, ohne das Angebot überhaupt nur einmal zu erwähnen. Kein Wunder, dass diese Politik bislang keinerlei sichtbaren Effekt auf die Entwicklung des Kohlendioxidausstoßes der Welt gehabt hat. Gerade weil ich das Klimaproblem für eines der größten Probleme der Menschheit halte, bin ich über diese Ignoranz zutiefst beunruhigt. Alle beschriebenen Paradoxa lassen sich aufklären und verstehen. Wer die Paradoxa durchschaut, wird seine Illusionen verlieren und eine andere Klimapolitik betreiben, die mehr Chancen hat, die Welt vor dem Kollaps zu bewahren. Der Mensch und alle Lebewesen auf der Erde bestehen aus Kohlenstoffverbindungen. Aus dem Kohlenstoff sind wir gebaut, und aus ihm ziehen wir unsere Energie. Tiere und Menschen müssen, um leben zu können, andere Lebewesen essen, denn sie können den Kohlenstoff im Gegensatz zu den Pflanzen nicht aus der Luft nehmen. Sie verbrennen den Kohlenstoff mit Hilfe des Sauerstoffs, den die Pflanzen als Abfallstoffe ausscheiden, und sind selbst Teil des Kohlenstoffkreislaufs. Temporär werden wir aus dem Kohlenstoff so zusammengebaut, dass unser Geist sich entfalten und mit dem Geist anderer Menschen kommunizieren kann, und dann zerfällt dieser Bau wieder. Zum Glück bleibt der Geist etwas länger erhalten, weil Wissen, Präferenzen und Meinungen zwischen den Generationen übertragen werden. Im Überlebenskampf hat sich zwischen den Lebewesen ein Gleichgewicht herausgebildet, bei dem der Umfang einer Art durch die Verfügbarkeit der Nahrungsmittel und der für die Behausung nötigen Baustoffe bestimmt wird. Der britische Ökonom Adam Smith hat das durch den berühmten Satz beschrieben: „Jede Tierart vermehrt sich auf natürliche Weise in Relation zu ihren Subsistenzmitteln, und keine Art kann sich jemals schneller vermehren.“ Robert Malthus hat aus der Erkenntnis später sein Bevölkerungsgesetz entwickelt, das auch die Grundlage für das „eherne Lohngesetz“ von Ferdinand Lassalle, dem Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wurde, aus dem dann die SPD hervorging. „Wächst die Population, verschlechtert sich die Versorgung pro Kopf, und ein größerer Teil der Nachkommen stirbt. Schrumpft sie, verbessert sich die Versorgung, und mehr Nachkommen überleben. Im Mittel überleben immer genau so viele Nachkommen, dass die Größe der Bevölkerung der Versorgung mit Subsistenzmitteln, also zum Lebensunterhalt nötigen Mitteln, entspricht. Es können nur so viele Menschen leben, wie es Nahrung, Luft und Platz für sie gibt. Das Bevölkerungsgesetz ist ein brutales Gesetz. Es hat lange Zeit auch für den Menschen gegolten, aber der Mensch hat Wege gefunden, ihm zu entkommen. Zuerst hat er den Markttausch erfunden und dadurch die verfügbaren Subsistenzmittel besser den rivalisierenden Nutzungen zugeteilt. Was der eine im Überfluss hatte, konnte er dem anderen im Austausch für Dinge geben, die bei diesem reichlicher vorhanden waren. Auch die menschliche Arbeitskraft wurde in den Tauschprozess einbezogen, was Spezialisierungsgewinne aus der Arbeitsteilung ermöglichte. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die Erfindung der Marktwirtschaft bis hin zum Geldsystem die größte organisatorische Errungenschaft der Menschheit ist. Ohne sie gäbe es keine Kultur und keinen sozialen Frieden auf der Welt. Die Zeit, die die Menschen für die Entwicklung der Kultur benötigten, und die Fürsorge, die sie den Schwachen zugute kommen ließen, war nur auf der Basis der gewaltigen Effizienzsteigerung möglich, die durch die Marktwirtschaft hervorgerufen wurde. Nach dem Gesetz von Malthus ließ die Marktwirtschaft freilich auch die Bevölkerung anwachsen, so dass sich die verbesserte Versorgung nur zum Teil in einer Wohlstandszunahme des Einzelnen niederschlagen konnte. Der ständige Wettlauf zwischen wirtschaftlichem Fortschritt und Vermehrung der Bevölkerung bescherte Europa noch bis in das 19. Jahrhundert hinein schlimmste Hungersnöte. Die Zeit ab Mitte des 18. Jahrhunderts bezeichnet man als Pauperismus, weil damals wieder einmal ein Bevölkerungsschub zur Verarmung der Menschen geführt hatte. Das malthusianische Gesetz zeigte sich in der zweiten Hälfte des 18. und auch noch der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa mit aller Grausamkeit. In manchen Gebieten der Welt ist das Gesetz leider bis zum heutigen Tage aktiv. Den Durchbruch brachte erst die industrielle Revolution, die sich auf der Basis der ersten Kohlenfunde bei Sheffield und der Erfindung der Dampfmaschine von England aus über die Welt verbreitete. Man hatte einen Weg gefunden, die Kohlenstoffvorräte in der Erde für den Menschen nutzbar zu machen und sich von den Kohlenstofflieferungen der Natur zu befreien. Die Entdeckung des elektrischen Stroms und die Erfindung des Elektromotors halfen, die neue Energie für immer neue Anwendungen verfügbar zu machen, und ermöglichten so die gewaltige Entwicklung des Wohlstands der letzten zweihundert Jahre. Öl- und Gasfunde mitsamt der Erfindung von Motoren und Geräten, die auch deren Energie nutzbar machten, gaben einen weiteren Schub. Zwar wuchs auch die Bevölkerung rasant, doch konnte die Biologie diesmal mit dem Wachstumsschub, der durch die fossilen Brennstoffe ermöglicht wurde, nicht mithalten. Dank der Verwendung des Kohlenstoffs gelang es der Menschheit erstmals in ihrer Geschichte, sich aus der malthusianischen Falle zu befreien und das Pro-Kopf-Einkommen der breiten Masse über das Existenzminimum zu steigern. Später halfen auch medizinische Hilfsmittel bei der Geburtenkontrolle, die Errungenschaften zu sichern und in eine weitere Erhöhung des Lebensstandards umzumünzen. Aber der fossile Kohlenstoff wirft seine Probleme auf. Er liefert uns die Energie, die der menschlichen Zivilisation so viel Schub gegeben hat. Wir merken jedoch mit Sorge, dass der Kohlenstoff im Boden immer weniger und in der Luft immer mehr wird. Die steigenden Preise lassen uns um den Wohlstand fürchten und die steigenden Temperaturen um unser Wohlbefinden. Die Natur ist bereits sichtbar belastet, und während die düsteren Prognosen der Klimaforscher Irritationen auslösen, kommen nun auch noch die Chinesen, die Inder und viele andere, die auch besser leben wollen und mit ihrem Wirtschaftsaufschwung viel CO2 emittieren. Die Lage wird kritisch, weil 100% der Weltbevölkerung so leben wollen, wie es ihnen die 15%, die in den entwickelten OECD-Ländern leben, vorgemacht haben. Das ist natürlich ihr gutes Recht, aber es macht die Sache nicht einfacher. Obwohl die Erde wärmer wird, wird die Menschheit in den nördlichen Breiten gut leben können. Doch wenn Sibirien und Alaska bewohnbar werden, mag man dann Afrika und Indien opfern wollen? Die Völkerwanderung von den alten in die neuen Lebensräume wird nicht ohne Spannungen, Krisen und wohl auch viel Gewalt abgehen. Streit steht auch wegen der immer knapper werdenden Ressourcen ins Haus. Während der Westen seine Claims im Nahen Osten abgesteckt hat, versucht China, seinen Einfluss in Afrika auszubauen. Zugleich strecken die USA ihre Hand nach Kasachstan aus, wo noch große Öl- und Gasvorräte lagern. Der Versuch, die Nato an Russlands Südflanke heranzuschieben, hat Spannungen verursacht, die sich zurzeit in Georgien entladen. Es wird mehr solche Entladungen geben, weil der Streit um die Ressourcen in dem Maße eskalieren wird, wie sie knapper werden. Die politische Ungewissheit erzeugt auch bei den heutigen Eigentümern der fossilen Kohlenstoffvorräte Unsicherheit und Angst, die sie veranlasst, ihre Ressourcen schleunigst abzubauen. Der Raubbau der letzten Jahrzehnte ist nicht das Ergebnis der Marktwirtschaft. Die Marktwirtschaft ist durch sichere Eigentumsrechte gekennzeichnet, auf deren Basis der Markttausch stattfinden kann. Sind die Eigentumsrechte nicht sicher, gibt es keine Marktwirtschaft, sondern Anarchie und Chaos. Wenn die Eigentümer einen Verlust ihrer Bodenschätze, sei es durch Krieg oder Aufruhr, fürchten müssen, ziehen sie die Sicherheit des Schweizer Bankkontos vor, das aber nur gefüllt werden kann, wenn sie ihre Ressourcen rasch verkaufen und dabei den Klimawandel als Kollateralschaden in Kauf nehmen. Auf diese Zusammenhänge muss man auch jene hinweisen, die die Diktaturen der Welt mit westlicher Demokratie „bedrohen“ wollen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es gibt viele gute Gründe dafür, die Diktaturen zu bekämpfen. Nur gehört das Klimaproblem bestimmt nicht dazu. Frieden auf Erden zu halten ist die Grundvoraussetzung dafür, dass die Menschheit mit ihren natürlichen Ressourcen schonend haushaltet. Bei diesem Thema muss sich auch der Westen an der eigenen Nase packen. Die Mengenbewirtschaftung im Rahmen eines Super-Kyoto-Systems mit Emissionshandel, das die Nachfrageländer zu einem lückenlosen globalen Kartell vereint, ist eine verzweifelte Notlösung zur Verringerung des Raubbaus und entspricht einem Rationierungssystem mit Bezugsmarken, das gerade bei uns Deutschen nicht nur gute Erinnerungen weckt. Wenn die Mengenbewirtschaftung aber beschlossen wird, muss sie schnell eingeführt werden, denn im Vorfeld verstärkt sie die Ängste der Ressourceneigentümer und beschleunigt damit, was sie verlangsamen will. Ob man von seinem Rivalen, einer Großmacht oder von der UNO enteignet wird, läuft bezüglich der Verlockungen des Schweizer Bankkontos auf dasselbe hinaus. Das Gleiche gilt für die Bedrohung der Ressourceneigentümer durch eine immer grüner werdende Politik, die den Markt zu zerstören droht und das Ressourceneigentum entwertet. Einige wollen den Klimawandel bekämpfen, indem sie sich wieder auf die natürlichen Kohlenstoffquellen besinnen, von denen unsere Vorfahren einst gelebt haben. Mit Bioenergie wollen sie die Annehmlichkeiten des modernen Lebens bewahren, ohne die fossilen Vorräte anzutasten. Aber sie bedenken nicht, dass diese natürlichen Quellen schon früher nicht reichten, dass die Ansprüche heute viel höher sind und dass der fossile Kohlenstoff eben wegen des Gesetzes von Malthus sehr viel mehr Menschen das Leben ermöglicht hat, als früher existierten. Im Jahr 2008 sind durch den Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, in 37 Ländern Hungerkrawalle provoziert worden. Deutschland setzt auf grüne Technik und spielt bei allem die Rolle des Musterknaben. Es hat die bei weitem größte Einsparverpflichtung aller großen Industrieländer übernommen und entwickelt sich mit Riesenschritten zur grünen Republik. Das ist prinzipiell nicht falsch, nur braucht man dafür Augenmaß und Pragmatismus. Manche deutsche Politiker haben eine Theorie, wie die Dinge laufen müssen, und wollen, dass alles nach ihrem Plan geschieht. Sie wollen den Bürgern die Entscheidungsfreiheit nehmen und ihnen diktieren, wie sie das Klima der Welt zu retten haben. Dabei bedenken sie die Gesetze der Physik, nicht aber die der Ökonomie. Wie sonst könnten diese Politiker glauben, die Ressourceneigentümer mit einer bloßen Kaufzurückhaltung bei den fossilen Kohlenstoffen zur Drosselung ihrer Förderung zu veranlassen? Wie sonst könnten sie übersehen, dass die Umwandlung von Naturlandschaften in Windparks schon wegen des Emissionshandels außerstande ist, den europäischen Ausstoß an Kohlendioxid zu verringern? Sie agieren gerade so, wie Tolstoi es ihnen in seinem Roman Krieg und Frieden nachsagte, nämlich dass sie „hoffnungslos, unbeirrbar und bis zum Martyrium selbstbewusst sind, wie nur die Deutschen sein können, weil nur die Deutschen auf der Grundlage einer abstrakten Idee – einer vermeintlichen oder tatsächlichen Wissenschaft – selbstbewusst sind.“ Eine solche abstrakte Idee hat Deutschland auf dem Weg zur grünen Republik in eine Sackgasse manövriert. Wer will, dass Deutschland als einziges Land auf der Welt aus der Atomkraft aussteigt, und behauptet, das Land könne seine Wirtschaft mit Wind und Sonnenlicht am Laufen halten, muss tatsächlich über die besondere Form von Selbstbewusstsein verfügen, die Tolstoi karikiert. Zum Glück ist es nicht zu spät für einen Kurswechsel. Die Wirtschaftsentwicklung hat trotz der anstehenden Probleme ihren Höhenflug noch nicht beendet. Noch reichen die Bestände an fossilen Brennstoffen, und noch steht der Strom, der die Räder zum Laufen bringt, zu erträglichen Preisen zur Verfügung. Deutschland steht erst am Anfang seines Weges in die grüne Republik, so dass eine Änderung der Weichenstellung noch möglich sein sollte. Es ist dem Volk zu wünschen, dass Politik und Gesellschaft sich von ihren tiefen Empfindungen und Ideologien befreien, die bereits viele Irrtümer hervorgebracht haben, und zu einem pragmatischen Umgang mit den Fakten kommen. Auch für die Entwicklung der grünen Republik, die wir alle wollen, sind Realismus und Augenmaß gefragt. Foto: Picture Alliance |
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| Ihre Meinung zu diesem Artikel |
| Leserkommentare |
| Eberhard (37083) | 19.02.2010 |
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Und wie wirkt sich ein eventueller Umstieg in die Atomenergie auf die Ölfördermengen und Ölpreise aus? Doch wohl genau so wie der Umsztieg auf regenerative Energieen wie Wind, Wasser, Sonne usw. |
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| Cangrande (Wächtersbach) | 30.01.2010 |
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Mein Lieblingsökonom ist Prof. Dr. Hans-Werner Sinn ganz gewiss nicht; auf meiner Webseite "Rentenreich" ( http://www.beltwild.de/rentenreich ) habe ich mich unter dem Titel "Sinn substituiert die Konjunktion: rettet er die Renten durch ökonomische Akzeleration" äußerst kritisch mit dem (u. a.) von ihm propagierten Kapitaldeckungsverfahren zur Finanzierung der Altersrenten auseinander gesetzt. Indes: wo er Recht hat, hat er Recht. Ohne seine Argumente sämtlich im Einzelnen durchleuchten zu wollen (und zu können) sehe auch ich viel Irrationalität, insbesondere auch in der Gegnerschaft gegen atomare Energie. Irrational war sicherlich der Hype um Biokraftstoffe und ist aktuell derjenige um Elektroautos - angefacht ausgerechnet von jenen, die fast keine Art von Stromerzeugung akzeptieren. |
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| Fr. Diefenbach (80799 München) | 27.01.2010 |
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1.Wo ist denn die Alternative zu Windrädern- etwa jahrTAUSENDE lang strahlender Atommüll? Würden SIE den gerne vor IHRER Haustür haben? Also ich nicht. Dann lieber mehr Füchse, die sich von toten Vögeln ernähren. 2. zum Emissionshandel: Das Argument, woanders würde unsere teuer eingesparte fossile Energie verbraucht, wäre richtg, wenn Deutschland so viel Biostrom produzieren würde, dass es an andere Ländern verkaufen könnte. Ist aber nicht so, im Gegenteil: Wir haben immernoch eine dermaßen hohe Emissionsrate, dass wir Zertifikate KAUFEN müssen,um die Grenzwerte für CO² und CH4 offiziell nicht zu überschreiten! Der Effekt ist eine Finanzierung von Umweltschäden in emissionsarmen Ländern, die leider die Folgen der Klimmaerwärmung am Schnellsten zu spüren kommen. Aber der Ökonom sagt da sicherlich: Wer braucht schon Inselstaaten, dann fahren wir woanderes in den Urlaub! |
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| Hansjürgen van de Loo (59227 Ahlen) | 14.09.2009 |
| Ein glänzender Artikel, den man den Politikern und Verfechtern der grünen Politik täglich unter diem Nase halten muss. Bedauernswert die schwache Argumentation der Angela Merkel im gestrigen Duell in der Verteidigung der Atomkraft. | |
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